Hans
Reinhard Schmidt
ADHS und Sucht
Wie Kokain
Gene Haislip, Abteilungsleiter der DEA (USA), sagt: "Wir
sind das einzige Land der Welt, in dem Kinder eine solch riesige
Menge von Stimulanzien verschrieben bekommen, die praktisch die
gleichen Eigenschaften haben wie Kokain" (zit. DeGrandpre
2002). Methylphenidat, der Wirkstoff in ADHS-Stimulanzien wie
"Ritalin" u.a., wirkt bekanntlich grundsätzlich wie
Kokain und ist diesem auch pharmakologisch fast identisch (Volkow
1995, Vastag 2001). Und Kokain ist eindeutig gefährlich und
suchterzeugend, sein Kauf, Verkauf und Gebrauch sind klare
kriminelle Handlungen. Das einzig Paradoxe an Methylphenidat als
Medikament besteht denn auch weniger in seiner nur scheinbar
beruhigenden Wirkung auf unruhige Kinder, sondern in dem Umstand,
dass es offenbar nicht süchtig macht. Wie ist das zu erklären?
Zum Einen liegt dies an der oralen Einnahme des Psychopharmakons Ritalin. Eine orale Einnahme verzögert die Wirkstoffaufnahme und gilt deshalb generell nicht als ideale Verabreichung für Sucht. Sie verhindert durch ihren Umweg über den Verdauungstrakt den "Kick", das rasche "High" einer Droge. Die Kinder merken meist gar nichts von der schleichenden Medikamentenwirkung. Wer "Ritalin" missbrauchen will, umgeht denn auch die orale Einnahme z.B. durch Schnupfen oder Spritzen. Dann wirkt es bei vergleichbarer Dosierung wie Kokain. Als Medikament ist Methylphenidat ausserdem relativ niedrig dosiert, so dass neben seiner oralen Verzögerung auch diese Niedrigdosierung einer Suchterzeugung entgegen zu wirken scheint. Im Vergleich zu anderen Psychopharmaka wie z.B. Prozac, das erst nach Wochen wirkt, stellt sich die Ritalin-Wirkung dennoch aber schon nach wenigen Minuten bis Stunden ein. Ritalin ist also trotz Niedrigdosierung und oraler Anwendung über den Verdauungstrakt ein starkes Psychopharmakon mit hohem Missbrauchs- und Suchtpotential.
Derzeit wird gern verbreitet,
dass die Frage, ob Methylphenidat süchtig mache, endgültig mit
Nein zu beantworten sei: In der Tat gab es eine Reihe
wissenschaftlicher Studien, die zeigten, dass angeblich von ADHS
betroffene Menschen, die nicht mit Methylphenidat behandelt
wurden, ein etwas höheres Risiko zu späterer
Drogenabhängigkeit aufwiesen als mit dem Psychopharmakum
behandelte Patienten oder angeblich Gesunde. Methylphenidat mache
aber nicht süchtig, es verhindere sogar spätere Drogensucht,
wurde aus den Studien geschlossen (z.B.
Barkley 2003). Dass bei
diesen Studien unzulässige Kausalitäten zwischen Drogensucht
und Verhalten á la ADHS hergestellt wurden, sei hier nur am
Rande betont. Ob einer Drogensucht ein ADHS zugrundeliegt oder
die Drogensucht nicht vielmehr Verhaltensstörungen á la ADHS
hervorbringt, ist in Wahrheit ungeklärt. Davon einmal abgesehen
waren diese Studien aber auch sonst methodisch eher bescheiden
und ihr Wert deshalb zweifelhaft. Sie verwendeten meistens
Selbstauskünfte der befragten Personen, die bekanntlich
subjektiv verfälscht sein können. Hin und wieder ergab sich
sogar der Verdacht methodischer Manipulation: die allgemein
bekannten kritischen Einwände gegen eine lobbygesteuerte Praxis
wissenschaftlicher Veröffentlichungen im Pharmabereich müssen
gerade hier besonders ernst genommen werden (Diller 2004).
Wird hier unter den Teppich gekehrt?
Russell Barkley u.a. fanden übrigens, dass die Stimulanziengabe bei Kindern durchaus den Kokainmissbrauch als Erwachsener fördere (Barkley 2003). Die Autoren bringen diesen statistisch bedeutsamen Zusammenhang dann aber methodisch wieder zum Verschwinden, indem sie den Schweregrad von ADHS und Verhaltenssstörungen parallelisieren. Man weiß aus anderen Untersuchungen, dass in solchen Fällen gern unterschieden wird zwischen "reinem" ADHS und Verhaltensstörungen, und dass dann unliebsame Ergebnisse gern auf die Verhaltensstörungen, nicht aber auf ADHS zurückgeführt werden (oder umgekehrt, wie es eben so passt).
Dieses Vorgehen von Barkley u.a. kritisiert denn auch Lydia Furman. Sie äußert ihr Erstaunen darüber, welche Mühe sich die Autoren gäben, ein ihnen unbequemes Forschungsergebnis zum Verschwinden zu bringen (Furman 2003). Sie meint, die Autoren hätten "unglücklicherweise" herausgefunden, dass eine Stimulanzien- behandlung bei Kindern den späteren Kokainmissbrauch wahrscheinlicher mache, und gäben sich dann große Mühe, dem Leser deutlich zu machen, dass daran angeblich doch nichts sei. Furman verdächtigt die Autoren der Datenmanipulation im erwünschten Sinne. Die Autoren seien nicht objektiv und neutral, sondern unterlägen ihrer Voreingenommenheit im Sinne einer grundsätzlichen Pro-Stimulanzien-Einstellung, der sich die statistischen Daten zu fügen hätten. Schließlich strengten sie sich nicht gleichermaßen an, ihre anderen, erwünschteren Ergebnisse ebenso kritisch zu überprüfen. Darauf entgegnet Barkley, dass das betreffende Ergebnis Zufall sein könne. Denn in vielen anderen, ebenfalls kritischen Überprüfungen habe sich nirgends ein Zusammenhang zwischen Stimulanzienbehandlung in der Kindheit und Drogenmissbrauch als Erwachsener gezeigt. Er bleibe bei seiner Überzeugung, dass es keinerlei überzeugenden Beleg für einen solchen Zusammenhang gebe. Der Leser solle sich selbst ein Bild davon machen, ob er (Barkley) voreingenommen sei (im Anschluss an Furman 2003).
"Wir waren
höllisch überrascht!",
so die international
renommierte Hirnforscherin Nora Volkow über ihren
Befund, dass Methylphenidat (Ritalin) nicht nur genauso, sondern
sogar stärker wirkt als Kokain. "Das hatten wir nicht
erwartet!" (Volkow
1995). Der Glaube, Ritalin sei
lediglich ein mildes Stimulanz, wurde in den vergangenen
Jahrzehnten von Ärzten, der Pharmalobby und "ADS-Funktionären"
weit verbreitet und von vielen Millionen hilfesuchender Eltern
gern angenommen. Man ließ sich all die Jahre allzu gern dadurch
täuschen, dass Ritalin geringere Nebenwirkungen und kaum
Suchtpotential im Vergleich mit anderen bzw. anders dosierten und
zugeführten Amphetaminen zu entwickeln schien. Dabei war bei
Usern und Klinikern aber recht schnell bekannt, dass
Methylphenidat, ein Amphetaminabkömmling wie auch Exstasy, Speed,
Pervitin, bei entsprechender Dosierung und Einnahme, wie alle
Amphetamine oder "Weckamine", süchtig machen kann und
schädliche neurologische Wirkungen hat. Bei gleicher Dosierung
und Zuführung wirkt es fast genau wie Kokain. Andererseits
trugen die "hilfreichen" Wirkungen der Substanz auf die
Verhaltensprobleme sogenannter "ADHS"-Kinder das ihrige
zur Verharmlosung der Schattenseite dieser Droge bei. Dieser
Glaube an eine harmlose, segensreiche Wundermedizin wurde mit dem
Aufsatz: "Warnung! Ritalin wirkt wie Kokain!" von Brian
Vastag im
Journal of American Medical Association gründlich erschüttert (Vastag
2001). Vastag diskutierte die Ergebnisse der Ritalin-
und Kokainforschungen der Gruppe um Nora Volkow, die ihre Daten damit zusammenfasst, dass
der Glaube, Ritalin sei ein harmloses Stimulanz, "vollkommen
unzutreffend" sei. G. Ricaurte u.a. berichten über die von ihnen im
Tierversuch festgestellte ernsthafte Hirnschädigung durch
partyübliche Dosierungen von Exstasy, der bekannten und
ebenfalls stets verharmlosten Mode- und Partydroge (Ricaurte 2002).
Auch Exstasy ist ein Amphetamin-Abkömmling, so wie Ritalin. Auch
die Befunde Gerald Hüthers
u.a., denen zufolge
Methylphenidat im Tierversuch dauerhafte Hirnschädigungen
erzeugt, sind noch in lebhafter Erinnerung (Moll 2001). Alles in
allem verdichten sich die Forschungshinweise, dass Amphetamine
und ihre Derivate, auch das bei Milllionen Kindern weltweit oft
jahrelang zur Anwendung kommende Ritalin, hirnschädigend sein
könnten.
Es ist alles
komplizierter
Die Forschungsstudien von Nora Volkow zeigen, dass die Dinge
komplizierter sind, als bisher behauptet (u.a. Volkow 1999, 2003,
2008). Die Forscher untersuchten die Auswirkungen langfristiger
oraler Methylphenidatgabe auf Kokainsucht und striatale Dopamin-D2-Rezeptoren
im Tierversuch. Sie fanden, dass bei längerfristiger Behandlung
im Jugendalter die Neigung zur Kokainsucht im Erwachsenenalter
abnahm, während die Verfügbarkeit der dopaminären D2-Rezeptoren
über das Normalmaß der Kontrollgruppe hinaus anwuchs. Während
in der Kontrollgruppe die D2-Verfügbarkeit mit wachsendem Alter
abnahm, stieg sie in den behandelten Gruppen mit der
Behandlungsdauer an. Bei kurzfristiger Behandlung zeigte sich
allerdings eine unter das Normalmaß absinkende D2-Verfügbarkeit.
Da man inzwischen aus anderen Studien von Volkow u.a. weiß, dass
eine niedrige D2-Rezeptorenzahl bei Mensch und Tier mit erhöhter
Neigung zur Drogensucht einhergehen könnte (Volkow 1999),
befürchten die Autoren denn auch zu recht, dass sich bei
entsprechender Behandlungsdauer in entsprechendem
Behandlungsalter eine erhöhte Neigung zur Drogensucht im
Erwachsenenalter entwickeln könnte.
Volkow und Swanson stellen in jüngerer Zeit erneut heraus, dass es nach wie vor eine Kontroverse gebe, welche Effekte die frühe Methylphenidatgabe auf eine spätere Drogensucht habe (Volkow 2008). Tatsache sei zunächst, dass Methylphenidat genauso wie andere suchtgefährdende Drogen die Dopaminkonzentration im Gehirn erhöhe und potenziell suchtgefährdend ist. Tatsache sei auch, dass Methylphenidat und Amphetamine mit der Gefahr einer Suchtentstehung missbraucht werden. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass der Zeitpunkt im Leben eines Menschen, zu dem er potentiell suchtgefährdenden Substanzen (wie Alkohol oder Nikotin) ausgesetzt ist, eine wesentliche Rolle für eine spätere Abhängigkeit spielt: Je früher. desto schädlicher. Jeder erfahrene Kliniker kann bestätigen, dass früher Gebrauch von Suchtmitteln spätere Drogensucht befördert. Schon Stanton hat dies herausgestellt (Stanton 1979). Andererseits wird behauptet, dass es für Kinder und Jugendliche mit ADHS geradezu suchtverhindernd sei, sie möglichst früh mit Methylphenidat zu behandeln. Wenn man bedenkt, dass Kinder mit ADHS ohnedies stärker zu späterer Drogensucht neigen, ist diese Kontroverse von erheblicher Bedeutung. Es sei verwunderlich, stellen die Autoren fest, wie wenige Studien sich mit dieser Kontroverse bisher befassten (Volkow 2008).
Volkow und Swanson zitieren zwei Forschungsstudien, die eine von Biederman u.a.(Biederman 2008), die andere von Mannuzza u.a. (Mannuzza 2008): Biederman verglich die spätere Drogensucht von medikamentierten versus nicht medikamentierten ADHSlern. Mannuzza untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Lebensalter zu Beginn einer Medikation in der Kindheit mit späterem Drogenkonsum als Erwachsener. Er verglich auch den Drogengebrauch in einer ADHS-Gruppe im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne ADHS und fand einen erhöhten Drogenmissbrauch in der ADHS-Gruppe. Dass erhöhter Drogenmissbrauch keineswegs spezifisch für ADHS ist, sondern bei nahezu jeder psychischen Störung komorbid ist, ist z.B. für die Schizophrenie bekannt, bei der fast jeder zweite Kranke auch Drogenmissbrauch zeigt (Volkow 2009).
In beiden von Volkow und
Swanson zitierten Studien ergab sich denn auch ein hoher
Drogenmissbrauch in den Erwachsenengruppen (bis zu 45%), aber
beide Studien zeigten auch, dass die kindliche Medikation mit
Methylphenidat keinerlei (weder steigernden noch senkenden)
Einfluss auf Drogenmissbrauch im Erwachsenenalter hatte. Diese
Studien waren methodisch zwar nicht fehlerfrei (zu kleine
Versuchsgruppen, nicht gleichverteilte und unklare
Medikationsbedingungen und -dauern, etc.) und geben deshalb auf
die wichtige Frage nach dem Zusammenhang zwischen Lebensalter bei
Beginn der Medikation und späterem Drogengebrauch keine klare
Antwort. Man weiss aber aus anderen Studien, dass der Beginn
einer Methylphenidattherapie in der Pubertät (im Unterschied zum
Beginn in der Kindheit) die Sensitivität für Kokain erhöht (Volkow
2003). Volkow und Swanson verweisen hier auf die laufende MTA-Studie,
die hoffentlich mehr Aufschluss hierüber liefern könnte.
Festzuhalten ist aber, dass beide zitierten Studien herausfinden,
dass der Einsatz von Methylphenidat keineswegs späteren
Drogenmissbrauch reduziert, wie vorher gern behauptet wurde. Auch
die Annahme, frühe Methylphenidatgabe verringere das Entstehen
von Verhaltensstörungen besser als eine spätere Gabe, wodurch
auch späterer Drogenmissbrauch reduziert werde, lässt sich
durch die bisherigen Ergebnisse der großen MTA-Studie nicht
belegen: Dort hat sich gezeigt, dass die frühe
Methylphenidattherapie spätere Verhaltensstörungen nicht
verhindern kann. Auch die Tatsache, dass sich in USA trotz eines
dramatischen Anstiegs der Methylphenidatgabe die Zahl von
Verhaltensstörungen nicht verringert hat, bestätigt dies (Volkow
2008).
Die große Ernüchterung
Das amerikanische National Institute of Mental Health
veröffentlichte bereits 1999 die ersten Ergebnisse der bereits
genannten Multimodal Treatment Study of Children with Attention
Deficit Hyperactivity Disorder, kurz MTA-Studie. Die führenden
ADHS-Therapien sollten langfristig und prospektiv überprüft
werden. Die MTA-Studie ist wohl die größte prospektive
Forschungsstudie, die es in der Kinderpsychiatrie bisher gegeben
hat. An ihr nahmen 579 Schulkinder im Alter von 7 bis 9 Jahren
teil. Verglichen wurde in einer ersten Forschungsstufe über
einen Zeitraum von 14 Monaten zunächst der Einfluss
Nach damaliger Auffassung der Autoren zeigte sich eine klare Überlegenheit der Pharmakotherapie über eine Verhaltenstherapie und Grundversorgung. Man ging sogar so weit, zu folgern, dass eine Methylphenidat-Behandlung im Kindesalter späteren Drogenmissbrauch und Delinquenz im Jugend- und Erwachsenenalter verhindern könne. Als im Jahre 2007 eine Folgestudie über den Zeitraum von nunmehr 3 Jahren erschien, zeigten sich zur Verwunderung der Forscher aber keinerlei Unterschiede mehr zwischen den unterschiedlich behandelten Gruppen. Egal, was zur Anwendung gekommen war, die Kinder zeigten alle gleichermaßen deutliche Verbesserungen, sogar die nur im Sinne einer Grundversorgung behandelten. Auch späterer Drogenmissbrauch bzw. Kriminalität ließen sich bei medikamentierten ADHS-Kindern nicht über das Maß hinaus verringern, das bei Studienbeginn beobachtet worden war.
Nun bestätigen die Forscher in
diesen Tagen nach 6 und 8 Jahren späterer Nachuntersuchung der
Versuchspersonen: Es gibt keinerlei Langzeitunterschiede der
behandelten (bzw. im Sinne einer Grundversorgung nur unspezifisch
behandelten) Gruppen, egal, ob mit oder ohne Psychopharmaka, nur
Verhaltenstherapie oder Grundversorgung (Molina 2009). Die
übliche Rede von Methylphenidat als Goldstandard einer ADHS-Behandlung
nebst vielerlei vorgeblich wohltätigen Langzeit-Therapiefolgen
ist einer herben Ernüchterung gewichen: Methylphenidat hat keine
Langzeiteffekte, die andere Therapien übertreffen. Im Vergleich
zu anderen Therapien liegt sein Effekt lediglich in einer
rascheren und psychosozial bequemeren (billigeren) chemischen
Symptomunterdrückung. Angesichts der erheblichen Nebenwirkungen
(z.B. irreversible Wachstumsstörungen (Zhang 2005, Dt.
Ärzteblatt 2007)) sollte der neue Goldstandard nun aber
endgültig in einer Psychotherapie bzw. Psychoedukation liegen,
auch wenn sie Eltern, Schulen und Nachbarn nachhaltigere
Zuwendung und Aufmerksamkeit für unsere Kinder abverlangt. Die
Methylphenidat-Gabe selbst entpuppt sich immer mehr als Symptom
unserer hyperaktiven Fast-Food-Kultur (DeGrandpre 2002).
Die zweite Seite der
Medaille
Dies führt uns nahtlos zur in der
bisherigen Argumentation sträflich ausgeblendeten Betonung
psychosozialer Einflüsse auf die Entstehung von Drogensucht. Die
bisherigen Ausführungen mögen lediglich als neurobiologische
Korrelate psychischer Erfahrungen gelten. Hat Drogensucht eher
soziale oder biologische Ursachen? Das ist die typische Frage mit
der Sowohl-Als-Auch-Antwort. Volkow und ihre KollegInnen
entdeckten einen Mechanismus im Hirn, der zumindest
unterschiedliche Reaktionen auf Rauschmittel erklären kann.
Demnach spielt, wie gesagt, die Anzahl der Dopamin-D2-Rezeptoren
im Hirn eine Rolle: Je weniger dieser Rezeptoren vorhanden sind (warum
auch immer), desto eher schätzt eine Versuchsperson
Methylphenidat. Menschen mit (warum auch immer) höherer
Rezeptorzahl, an denen normalerweise der Botenstoff Dopamin
"andockt", beschrieben den Effekt von Methylphenidat
eher als unangenehm. Aber Volkow und KollegInnen räumen immerhin
ein, dass es noch "anderer Faktoren" bedürfe, um die
Entstehung einer Drogenabhängigkeit zu erklären (Volkow 1999).
Diese anderen Ursachen (und die Antwort auf die obigen Warum-Auch-Immer-Fragen)
liegen ohne Zweifel in den lebensgeschichtlich begründeten
Lernerfahrungen eines Menschen, in den unterschiedlichen
Nutzungsbedingungen seines Gehirns (Hüther 2002) begründet.
Dass frühkindliche Traumatisierungen und psychosoziale
Mangelerfahrungen vielfältige Verhaltens-, Entwicklungs- und
Persönlichkeitsstörungen zur Folge haben können, ist
mittlerweile wissenschaftliches Allgemeingut und muss hier nicht
gesondert belegt werden. Dennoch wird dies in der internationalen
Therapie und Diskussion von ADHS nach wie vor total ausgeblendet.
Früh gestörte Familienverhältnisse und Bindungsstörungen (Brisch
2009), symtomneurotisch bzw. charakterneurotisch gestörte
Familiendynamiken (Richter 2007), insbesonders auch frühe
Vaterlosigkeit bei Söhnen (Fthenakis 1985) sind lange bekannt
als Risikofaktoren u.a. für spätere Sucht und Kriminalität. In
keiner bisherigen Studie wurden derartige lebensgeschichtliche
Traumatisierungen einkalkuliert bzw. kontrolliert. Die Forschung
zu ADHS ist bezeichnenderweise bisher nahezu ausschliesslich
biologistisch ausgerichtet, sie wird so die Frage nach den
Ursachen von Sucht und ADHS nie umfassend beantworten können.
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