ADS: Aus der Sicht unserer Kinder
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 24.09.01 Hallo liebe Gäste, Sie erinnern sich vielleicht noch an mein Beispiel eines Jungen, der auf meine Frage, warum er Ritalin nehmen müsse, mit dem Finger an seinen Kopf tippte und sagte: "Bei mir tickt es hier oben nicht ganz richtig!" Ein mir bekannter Kinderarzt berichtete, er habe noch kein Kind erlebt, dass die Tabletten freiwillig und gerne nehme. Bei allen Kindern müsse erst einiger Aufwand von den Eltern getrieben werden, bis sie sich fügen. Ein Teil der (meist älteren) Kinder weigere sich standhaft oder schlucke die Pillen nur scheinbar. Er kenne auch Kinder, die sich unglaublich in ihrem Verhalten "zusammenreissen", um die Pillen damit überflüssig zu machen. Meist dürfen die Kinder niemandem erzählen, dass sie Pillen schlucken, was sie zusätzlich seelisch belastet. Die Kinder fühlen sich von ihren Eltern als "krank" betrachtet und wissen meist nicht, was ihre "Krankheit" sein soll. Viele Kinder schlucken zwar brav die Pillen, leiden aber still in sich hinein, weil sie angeblich nicht "in Ordnung" und "anders als die Anderen" sind. Ältere Kinder glauben schon selber, dass sie an einer unheilbaren, angeborenen und vererbbaren Krankheit leiden, weil sie es z.B. im Internet so gelesen haben. Der Widerwille der Kinder, die Pillen zu schlucken, zeigt sich auch darin, dass sie die Einnahme oft "vergessen". Ihre Eltern halten das dann aber wieder für "ADS-typisch", und nicht für das, was es ausdrückt: einen gesunden Widerwillen. Viele Kinder fühlen sich außerdem durch den Zwang zur Tabletteneinnahme für unbotmäßiges früheres Verhalten bestraft. Viele Kinder fühlen sich (im Unterschied zu den Erwachsenen) nach der Tabletteneinnahme keineswegs besser als vorher. Ich erinnere an den kleinen Jungen in der kürzlichen REPORT-Mainz-Sendung, der das so ausdrückte: "Jetzt (vor der Tablette) fühle ich mich blendend, und hinterher so komisch schüchtern!" Die Eltern greifen oft zu allen möglichen Tricks, um ihre Kinder zur regelmäßigen Tabletteneinnahme anzuhalten. Sie belügen die Kinder ("Vitamine") nicht selten, oder sie lesen ihnen ein lustiges Bilderbuch vor (z.B. mit einer hyperaktiven Schildkröte!), so dass die Kinder glauben, dass sei ganz normal mit den Tabletten, oder sie üben ganz ungenierten autoritären Druck auf die Kinder aus. Dabei können sie einem eigentlich Leid tun, denn das vieldeutige und unklare, schlecht diagnostizierbare Konstrukt "ADS" macht ihnen natürlich selbst große Schuldgefühle, die es zu überspielen gilt. Wenn es sich um eine eindeutige Krankheit handeln würde, an der ihr Kind leidet, wäre alles viel leichter. Aber weil man bei ADS eigentlich gar nichts Sicheres weiss, erfordert es eben viel "Mühe", seinem Kind ein Psychopharmakum zu geben. Ich wundere mich, dass darüber, wie Kinder alles seelisch erleben, noch nirgends ausführlicher diskutiert wurde. Die Erwachsenen streiten zwar munter drauf los, aber wer hört auf die Kinder? Es wird gestritten, ob unbehandeltes ADS später kriminell mache, welche Langzeitfolgen Ritalin haben mag u. dgl., aber die Frage, welche seelischen Auswirkungen allein die Diagnose ADS und der Umstand ihrer Medikation auf die Kinder haben mag, scheint keinen zu interessieren. Die Diskussion bleibt auch unter den "Betroffenen" auffallend medizinisch-biologistisch. Ein rechthaberischer Lagerkrieg, hinter dem sehr viel eigene Unsicherheit und sehr viele Schuldgefühle verborgen werden. Angesichts vieler Falschdiagnosen könnten diese unnötigen seelischen Schäden bei unseren Kindern doch aber ein zu hoher Preis sein, oder? Ihr H.-R. Schmidt |
Autor: Petra
Datum: 24.09.01
Hallo,
tja uns kennt der Kinderarzt offensichtlich nicht.
Mein Sohn nimmt seine Tabletten freiwillig. er weiss auch das es
keine Vitamine sind. Er weiss auch das es Leute gibt die diese
Tabletten nicht gut finden.
Und deshalb will er nicht das es in der Schule offiziell wird
wenn er sie nimmt.Er will nciht hören " Ach Du nimmst auch
das Zeug das dich zum Zombie macht"
Er spürt das sie ihm helfen und deshalb will er sie auch noch
nehmen - solange er glaubt das er sie braucht. ( Natürlich nur
wenn auch der Arzt dieser Ansicht ist).
Er weiss das Tabletten in unserer Familie nicht gerade das
beliebteste sind, man aber manchmal welche braucht- nie mehr als
notwendig.
Er weiss das nicht alles was im Fernsehen gesendet wird auch
stimmt. Zumindest nach aussagre einiger
"Reportmitwirkenden".
Und er weiss das man ihn ohne Therapie auch nicht
akzeptiert...mit schon solange man nicht über Tabs redet(
Gruß Petra
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 25.09.01 Liebe Petra, Sie bestätigen ja (ich glaube, ohne sich dessen bewusst zu sein), einige meiner Punkte: Wenn Ihr Sohn das mit dem "Zombie" nicht hören will, wenn er glaubt, ohne "Therapie" (Ritalin?) werde er nicht akzeptiert, wenn nicht er, sondern sein Arzt entscheidet, wie lange er die Pillen nimmt, und wenn er (und Sie) nicht weiss, dass vieles im Fernsehen auch stimmt, dann umschreibt das ja meine Position. Ihr Sohn hat seinen gesunden Widerwillen gegen die Pillen wahrscheinlich gut versteckt. Warum muss er das? Ich weiss nicht, wie alt er ist, aber ich sage immer, einem Kind ab 6 Jahren darf man Medikamente grundsätzlich nicht gegen seinen Willen geben. Im Gegensatz zu Ihnen finde ich das eher beunruhigend, was Sie schreiben. H.-R. Schmidt |
Autor: Antje
Datum: 25.09.01
Hallo Herr Schmidt
Obwohl ich Ihnen nicht ganz unrecht gebe, muss ich trotzdem bei
einer Sache
widersprechen.
Manche Dinge muss man Kindern "aufzwängen" ob sie
wollen oder nicht,
wenn es zu ihrem besten ist.
Würden Sie zum Beispiel ihrem Kind seinen Willen lassen wenn es
über eine
stark befahrene Straße laufen will und nicht an Ihrer Hand
bleiben will??
Ich denke das würden Sie nicht? Oder?
Sie würden Ihrem Kind Ihren "Willen"--nämlich an der
Hand zu bleiben---
aufzwängen, weil die Gefahren einfach zu groß wären.
Vielleicht würde das Kind dadurch auch einen" seel.
Knacks" bekommen, aber was
würde passieren, wenn Sie nachgeben und das Kind über die
Straße laufen lassen??
Ich denke das sind wir unseren Kindern schuldig darüber zu
bestimmen und auch zu verlangen was für sie richtig ist.
Die Kinder können solche Entscheidungen noch nicht treffen,
dafür haben sie uns
die Erwachsenen.
Und wir machen es uns ganz sicher nicht leicht die richtige
Entscheidung zu treffen!!!
Liebe Grüße Antje
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 25.09.01 Hallo, Ihr Vergleich hinkt nur leider in dem Punkt, dass man sich als Vater oder Mutter bei Ihrem Verkehrsbeispiel natürlich ganz sicher sein kann, richtig und im Interesse des Kindes zu handeln. Aber bei sowas wie "ADS plus Ritalin" kann man das nicht. Ich kenne Fälle, da grenzt die Ritalingabe an Kindesmisshandlung. H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 25.09.01
Hallo,
ich mache ja auch psychologische online-Kinder- und
Jugendberatung. Hier ein kleines Beispiel, das zum Thema passt:
Überschrift: Soll ich Ritalin schlucken?
Frage: Hallo, ich hab zoff in der Schule, bin 13 und das nicht
zum ersten mal. Klassenkonferenzen hatte ich schön öfter. Jetzt
wieder, hab mich geprügelt, weil mich ein Typ genervt hat. Jetzt
soll ich Tabletten schlucken, Ritalin heißen die, morgens und
mittags. Aber ich lass mich nicht gern benebeln, ich hab die
Pillen am zweiten Tag gar nicht geschluckt, nur unter die Zunge
morgens, dann ausgespuckt heimlich. Weil ich will zu hause nicht
auch noch zusätzlichen zoff haben. mein Stiefvater (oder so, er
is gar nicht verheiratet mit meiner Mutter) zwingt mich zu den
Pillen, er ist auch sonst ein echt bescheurter Typ, der mich
tierisch nervt, seit er mit meiner Mutter zusammen ist. Was soll
ich machen? Mike
Hallo Mike,
vielen Dank für deinen Brief! Du hast ja zur Zeit wirklich viel
Zoff um deine Ohren! Ich finde, es kann dich keiner gegen deinen
Willen zwingen, Ritalin zu nehmen. Immerhin ist das ein stark
wirkendes Psychopharmakum, das immer nur als allerletztes Mittel
eingesetzt werden sollte. Ich kann nicht genau sagen, ob das
Mittel bei dir angezeigt ist oder nicht. Das ist überhaupt auch
für erfahrene Fachleute sehr schwer zu beurteilen. Eigentlich
sollte man es nur dann geben, wenn bei einem Menschen eine
Stoffwechselstörung im Gehirn festgestellt wurde. Das wird aber
nie untersucht, so dass Ritalin oft nach dem Motto verschrieben
wird: "Versuchen wir es mal, wenn´s hilft, ok!" Wenn
es dann wirkt (es wirkt in den meisten Fällen), wird völlig zu
Unrecht gesagt, dann hätte man die Stoffwechselstörung auch.
Das ist aber eindeutig falsch, weil Ritalin immer wirkt, egal ob
im Kopf alles stimmt oder nicht.
Ritalin hilft aber auf gar keinen Fall bei der Bewältigung von
Zoff in der Familie. Der Zoff bleibt, man kriegt ihn nur nicht
mehr so mit. Du verstehst dich ja mit dem Lebenspartner deiner
Mutter nicht gut, und ausgerechnet er will dir das Medikament
aufzwingen! Ich würde an deiner Stelle zur Mutter gehen und mit
ihr in Ruhe reden. Sag ihr, dass du die Tabeletten nicht nehmen
wirst, weil die Probleme mit dem "Stiefvater" damit
nicht weggehen. Es wäre besser, deine Mutter würde mit dir und
dem "Stiefvater" in eine psychologische Beratungsstelle
kommen und mal den Familienzoff aufarbeiten. Vielleicht geht dann
der Stress für dich weg und du bist auch in der Schule
ausgeglichener. Lass deine Mutter diese Beratung hier am besten
lesen. Wenn der Zoff beseitigt wäre, könntet ihr in Ruhe und im
Einvernehmen miteinander sorgfältig überlegen, ob Ritalin und
eine begleitende Psychotherapie für dich nicht vielleicht doch
geeignet sein könnte, oder sich dann schon erübrigt hätte.
Viele Grüße, Hans-Reinhard
| Autor: Frauke Datum: 25.09.01 Hallo Herr Schmidt und die andren, was ich immer schlimm für Kinder finde, ist wenn man zu ihnen sagt: "du hast ADS". In den anderen Foren lese ich das oft, "meine Kinder haben ADS und wissen es", "soll der Lehrer wissen, dass mein Kind ADS hat?" Ich finde, man soll über die Stärken und Schwächen der Kinder sprechen, sie liebevoll beschreiben in ihrer Persönlichkeit und ihren Eigenheiten, aber man soll doch solche ärztlichen Etiketten wo es nur geht vermeiden. Entschuldigung, aber das erinnert mich immer an so schreckliche Dinge wie "Jude" für Menschen in der Nazizeit, so schreckliche Etiketten. Sowas stempelt aus meiner sicht nur negativ ab, als wär man ansteckend. Frauke |
Autor: Petra
Datum: 25.09.01
Hallo Frauke,
ehrlich was ist das kleinere Übel für ein Kind : wenn es
erklärt kriegt das die Ärzte bei ihm ADS festgestellt haben
oder wenn es gesagt bekommt : du bist ein dummer Versager der
nichts kann nicht mal sich selbst kontrollieren?
Mag sein, das ein Kind damit besser zurecht kommt als ein
anderes...aber ich bin im allgemeinen für die Wahrheit.
Das mit den Etiketten ist nun mal in unserer Gesellschaft
häufig, hängt man nicht HIER auch allen Eltern die Medis geben
das Etikett verantwortungslos an?
Gruß Petra
| Autor: Frauke Datum: 25.09.01 Hallo Petra, wo hast du das HIER schon mal gelesen mit den verantwortungslosen Eltern? Ich noch nicht. Ich find beides falsch, das Etikett ADS und die Beschimpfung, die du anführst. Das ist doch keine Alternative in meinen Augen. Die Alternative habe ich ja oben schon beschrieben, jedenfalls seh ich sie so und nicht anders. Und die "Wahrheit": wie kannst du glauben, eine Diagnose sei die "Wahrheit"? Die kann doch grade bei ADS völlig falsch sein. Sei mal ehrlich, wer will bei ADS wissen, ob eine Diagnose "wahr" oder "falsch" ist? Genau deshalb lehn ich das Etikett ja ab. Liebe Grüße, Frauke |
Autor: Winfried007
Datum: 25.09.01
Dieter Krowatschek hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass
die Ablehnung der Kinder gegen die Medikation mit zunehmendem
Alter immer deutlicher gezeigt wird. 20 Prozent der Kinder
hintertreiben heimlich die Medikation völlig oder teilweise.
D. Krowatschek: Alles über ADS. Walter 2001
| Autor: liss Datum: 26.09.01 Aus der Sicht unserer Kinder: Nun gut gehen wir davon aus, ADS gibt es nicht. Die desolate Familiensituation oder Probleme der Eltern, die diese nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen, gehen auf die Kinder über. Die Ritalingabe ist also falsch, bzw. verantwortungslos. Diese verantwortungslosen Eltern gehen natürlich ihrerseits auch in keine Therapie, bzw. nehmen diese nicht an. Infolgedessen wird den Kindern auch nicht wirklich zu helfen sein. Aber immer noch besser als Psyschopharmaka?! Für unsere Kinder bedeutet dies: Unbefriedigende Therapien Weiters Ausgrenzen aus der Gesellschaft, Keine Bildung des Selbstwertgefühl absolutes subjektives Versagen Abgebrochene Schullaufbahn o. Sonderschulfoprmen. Als junge arbeitslose Erwachsene werden sie ihren Eltern dankbar sein, dass ihnen wenigstens kein Ritalin zwangsweise verabreicht wurde. Und somit die Suchtgefahr vermindert und die Möglichkeit zu einem besseren Leben gegeben haben. Oder: Verantwortungslos - Ritalin - positive Therapie - Gesellschafts= norm erfüllt - Schulabschluss - Selbstbewusstsein - u.s.w. Was halten Sie denn besser für unsere Kinder. MfG Liss |
Autor: Corina Frank
Datum: 27.09.01
Lieber Hr. Schmidt,
wenn Sie meinen man sollte die Kinder mit einbeziehen, wenn es um
die Frage geht, ob es Ritalin nehmen soll und sie schildern ja,
das die Kinder dieses Medikament nur widerwillig nehmen und sich
den Eltern fügen müssen! Ich mußte meinen Sohn jahrelang zu
Therapien schleifen, weil freiwillig wollte er da auch nicht hin,
er wollte sich lieber mit Freunden verabreden oder draußen
Fußball spielen. Vielleicht hätte ich da doch lieber auf ihn
hören sollen, denn seine Tablette nimmt er ohne murren, denn
dann kann er immer noch sich mit seinen Freunden verabreden oder
Fußball spielen, denn der nachmitteag ist nicht mehr mit
Therapien verplant.
So die Sichtweise eines 9jährigen (da legen sie ja großen Wert
drauf!)
C.Frank
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 27.09.01 Hallo, stimmen Sie mir zu, dass Ihr Sohnemann die Tabletten sofort erleichtert weglegen würde, wenn Sie ihm versprechen, ihn dann nicht wieder in irgendwelche "Therapien" zu schleifen? Vermute ich mal. Man darf die Kinder natürlich nicht gegen ihren Willen in "Therapien" schleifen. Dann ist der Therapieerfolg von Vorneherein vergeigt. Die Therapien müssen den Kindern natürlich Spaß machen, sie müssen das Gefühl haben, dass es ihnen was bringt und gerne hingehen. Sonst hilft keine Psychotherapie. H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 01.10.01
Liebe Gäste,
vielleicht haben Sie es schon bemerkt: Ich vertrete ganz
allgemein in der Psychologie einen ganzheitlichen Ansatz, d.h.
ich versuche immer Anlage und Umwelt, "Angeborenes" und
"Erworbenes" in ihren Wechselwirkungen zu sehen. Und
für diesen Ansatz ist die ADS-Diskussion ja hervorragend
geeignet.
Der gegenwärtige Trend ist ja neurobiologistisch und
traditionell schulmedizinisch geprägt: Umweltfaktoren,
psychosoziale Bedingungen, psychologische Kriterien werden -wenn
überhaupt- nur randständig einbezogen. Ich habe dies an
verschiedenen Beispielen aufgezeigt. Sie können die Diskutanten
nicht selten danach einteilen, auf welchem Extrem des Kontinuums
"Anlage-Umwelt" sie argumentieren und sich
untereinander heftig befehden.
In diesem Zusammenhang möchte ich die Bindungstheorie (Bowlby)
und die sog. "Fremde Situation" (Ainsworth) in ihrer
Bedeutung für "ADS" kurz andiskutieren.
Der berühmte englische Psychoanalytiker John Bowlby entwickelte
in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts seine
"Bindungstheorie". Sie besagt, dass die Verlust- und
Vernachlässigungserfahrungen des Säuglings und Kleinkindes sein
seelisches Bindungsverhalten (seine Beziehungsfähigkeit)
lebenslänglich prägen. Die Wissenschaft konnte seither
vielfältig empirisch bestätigen, dass die Qualität der frühen
Mutter-Kind-Beziehung tatsächlich langfristige Effekte zeitigt.
Die ebenfalls berühmte kanadische Psychologin Mary Salter
Ainsworth, spätere Mitarbeiterin von Bowlby, entwickelte daraus
ein halbstandardisiertes Verhaltensbeobachtungsprogramm, um
festzustellen, welche Bindungsmodalität Kinder zeigen. Sie
nannte dieses Verfahren "Die fremde Situation". Es
besteht aus 8 jeweils dreiminütigen Verhaltensbeobachtungen, in
denen z.B. die Mutter den Raum, in dem ihr Kind ist, verlässt,
ein Fremder tritt hinzu, die Mutter kommt später wieder hinzu,
das Kind wird allein im Raum gelassen, etc.
Solche an vielen hundert Kindern gesammelten
Verhaltensbeobachtungen wurden inzwischen ausgewertet und
untersucht. Dabei fand man (verkürzt gesagt) 3 Haupttypen von
kindlichem Bindungsverhalten:
A) Sicher gebundene,
B) unsicher vermeidend gebundene,
C) unsicher ambivalent gebunde Kinder.
zu A): Diese Kinder reagieren z.B. auf den Weggang der Mutter mit
mehr oder weniger Kummer, beginnen, sie zu suchen, lassen sich
von einer fremden Person nur ungern trösten, begrüßen die
Mutter freudig, wenn sie wieder eintritt und beruhigen sich
daraufhin rasch wieder.
zu B): Diese Kinder ignorieren den Weggang der Mutter, als wäre
nichts geschehen. Sie spielen lebhaft mit der fremden Person,
manchmal lebhafter, als mit der Mutter. Auch die Wiederkehr der
Mutter wird ignoriert, sie wird gar nicht oder flüchtig
begrüßt. Diese Kinder wirken äußerlich ruhig, sind aber
innerlich hoch gestresst.
zu C): Diese Kinder verhalten sich zunächst wie die Kinder unter
A, beruhigen sich aber nach Wiederkehr der Mutter nicht oder nur
schwer. Sie klammern sich verstärkt an die Mutter, können von
ihr aber nicht recht beruhigt werden.
Es gilt als nachgewiesen, dass diese 3 Typen sich in Reaktion auf
entsprechende Erfahrungen im ersten Lebensjahr herausgebildet
haben. In vielfältigen anderen Lebenssituationen ließen sich
deutliche Zusammenhänge des kindlichen Bindungsverhaltens z.B.
auch mit der Konzentrationsfähigkeit in der Schule nachweisen.
Die sicher gebundenen Kinder waren den anderen darin deutlich
überlegen.
Mütterliche Feinfühligkeit im ersten Lebensjahr ihres Kindes
gilt als entscheidendes Kriterium dafür, welches
Bindungsverhalten das Kind entwickelt. Auch das angeborene
Temperament eines Kindes spielt eine (allerdings untergeordnete)
Rolle.
Ich habe diese Forschungsrichtung stark verkürzt
zusammengefasst. In dem ausgezeichneten Buch "Die emotionale
Welt des Kindes" (Geist u. Psyche, Fischer) von Martin
Dornes können Sie alles genau nachlesen und vertiefen.
Ich glaube stark, dass viele sog. hyperkinetische bzw. ADS-Kinder
in diesem Sinne unsicher gebundene Kinder mit gewissen
angeborenen Temperamentseigenschaften sind. Die oft eher
ungünstigen frühen Beziehungserfahrungen, die diese Kinder aus
meiner klinischen Erfahrung haben und die sie z.B. auch in
psychologischen Testuntersuchungen darstellen, lassen mich dies
stark vermuten.
Ich kenne noch keine Forschungsstudie, die dies explizit
untersucht hätte, aber das würde sich aus meiner Sicht sehr
lohnen (falls es so etwas nicht doch schon gibt?). Ich habe M.
Dornes mal angefragt.
H.-R. Schmidt