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ADS-Bücher: Kritisch Ritalin: Ein folgen- Das Verschwinden der Mädchen von der Oh wie verführerisch Alternative Behandlung Alternative Sichtweisen bei ADS Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1 |
Warum
ich ADS für ein Märchen halte
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ZEITZEUGEN (14)
Prof. Dr. Reinhard Voß
Universität Koblenz-Landau
Dr. Reinhard Voß ist uns wirklich kein Unbekannter! Er ist einer der engagiertesten und frühesten wissenschaftlich ausgewiesenen, nachdenklichen Warner und Kritiker der "ADHS"-Zeiterscheinung in Deutschland. Im Winter 2002 lädt er zu einer ADHS-kritischen wissenschaftlichen Tagung nach Koblenz ein. Hüther, Bonney und v. Lüpke sind angefragt, Genaueres hier in Kürze.
Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehört das von ihm herausgegebene Buch "Keine Pillen für den Störenfried?" im Ernst Reinhardt-Verlag Basel 1990, nach wie vor aktuell, mit Beiträgen von Hans von Lüpke, Gerhard Neuhäuser, Peter Conrad. Aus seinem Buch "Keine Pillen für den Zappelphilipp", rororo 2000, bringen wir im Folgenden einen kleinen Ausschnitt.
Weitere
sehr empfehlenswerte Veröffentlichungen von ihm:
Voß, R. (Hg.): Helfen, aber nicht auf Rezept. Ernst
Reinhardt 1991.
Voß, R.: Anpassung auf Rezept. Klett-Cotta 1992.
Voß, R. (Hg.): Das Recht des Kindes auf Eigensinn. Ernst
Reinhardt 1995.
Voß, R. (Hg.): SchulVisionen. Carl-Auer 1998.
Voß, R. (Hg.): Die Schule neu erfinden. Luchterhand 1999.
Voß, R. (Hg.): Verhaltensauffällige Kinder ind Schule
und Familie: Neue Lösungen oder alte Rezepte.
Luchterhand 2000.
Reinhard Voß
Was ist "ADHS"?
Es gibt Kinder, die Probleme beim Lesen, beim Schreiben oder Rechnen haben; es gibt Kinder, die starke aggressive oder autoaggressive Verhaltensweisen zeigen; es gibt Kinder, die mit ihrem zappeligen Verhalten oder ihrer notorischen Unruhe Eltern oder Lehrern den letzten Nerv rauben; es gibt Kinder, deren Entwicklung den Eltern Sorgen bereitet. Es gibt Kinder mit Kopf- und Bauchschmerzen, es gibt Kinder, die bettnässen oder einkoten.
All dies gibt es in den verschiedensten Erscheinungsformen. Aber jene Krankheitsbilder, die uns Mediziner mit immer neuen Begrifflichkeiten anbieten, sind Konstruktionen, die ein Verstehen und Begleiten einer zum Problem gewordenen kindlichen Lebenswelt verhindern.
Die medizinische Behandlung sozialbedingter Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter («aggressiv», «hyperaktiv», «unkonzentriert» etc.), die Anpassung auf Rezept, hat in Deutschland schon eine gewisse Tradition. Immer wieder werden von Medizinern für diese sozialbedingten Verhaltensauffälligkeiten neue Krankheitsbegriffe geschaffen, die die Legitimation für Medikamentenverordnungen, i. b. für das Ritalin schaffen.
In den 70er und 80er Jahren war dies das «Hyperkinetische Syndrom» (HKS) oder die «Minimale Cerebrale Dysfunktion» (MCD). In den 90er Jahren setzten sich, wiederum als US-Import, neue Modebegriffe mehr und mehr durch: «Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom» (ADS) mit und ohne Hyperaktivität bzw. «Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom» (ADHS).
Diesen als Krankheit definierten Verhaltensweisen soll eine Stoffwechselstörung zugrunde liegen. Abweichungen im Neurotransmitterbereich erlauben jedoch keine entstehungsgeschichtlichen und krankheitsgeschichtlichen Schlussfolgerungen, solange nicht die Ursache im biochemischen Bereich bewiesen ist. Ein solcher Beweis fehlt bisher für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. All jene Wirklichkeiten, die uns die verschiedensten medizinischen Etiketten wie «HKS», «MDC» oder «ADS» u. a. suggerieren wollen, gibt es nicht. Selbst von medizinischer Seite lassen sich diese Konstruktionen als einheitliches Krankheitsbild nicht aufrechterhalten. Sie sind medizinische Konstruktionen, die den Zugang zu den eigentlichen, je individuellen Reaktionen einer für Kinder und Jugendliche zum Problem gewordenen Lebenswelt versperren. Soziale Probleme lassen sich nicht mit Arzneimitteln lösen, und Ärzte sind für derartige Lösungen weder kompetent noch zuständig...
Wann ein Kind als «hyperaktiv» oder «verhaltensgestört» gilt, kann allgemein gültig nicht erklärt werden. Es fehlen eindeutige diagnostische Kriterien, wobei die genannten Kategorien für auffälliges Verhalten von überstarkem Bewegungsdrang, Ruhelosigkeit, erhöhter Aggressivität, Träumen, Schwätzen, Schmollen, Dazwischenrufen, Petzen über geringe Konzentrationsfähigkeit, gibt sich beim Lernen keine Mühe, absichtlichem Ungehorsam bis hin zu erhöhter psychischer Labilität, Tics, Einnässen, starken Angstzuständen und Depressionen reichen. Die Verwischung der Grenzen von Lernstörungen, Ent- wicklungsstörungen, Erziehungsschwierigkeiten, situationsbedingten leichten Verhaltensabweichungen auf der einen und schweren, verfestigten Verhaltensstörungen, psychogenen oder organischen Erkrankungen auf der anderen Seite wiegt dabei besonders schwer. Darüber hinaus kann die kindliche Verhaltensauffälligkeit zu einer Restkategorie für alles und jedes werden. Die Diagnose des Arztes beruht zum größten Teil auf Angaben von Lehrern und Eltern, obwohl bezweifelt wird, dass Lehrer und Eltern die Aufgabe einer dem Kind gerechten Diagnose erfüllen können. Unklarheit herrscht ferner über die zur Erstellung der Diagnose notwendige Anzahl von Befunden und deren Ausprägungsgrad.
Allzu schnell werden verschiedene Symptome auf die Diagnose «Kindliche Verhaltensstörung», «Minimale Cerebrale Dysfunktion» (MCD), «Hyperkinetisches Syndrom» (HKS) oder «Aufmerksamkeits-Deflzit-Hyperaktivitäts-Syndrom» (ADHS) reduziert. In der Folge wird die «organische Erkrankung» allzu oft mit Psychopharmaka behandelt. Auch eine moderne Technik mithilfe von Videoanalysen der kindlichen Verhaltensweisen unter Laborbedingungen kann der Komplexität der Lebensbedingungen nicht gerecht werden.
(Quelle: Reinhard Voß u. Roswitha Wirtz: Keine Pillen für den Zappelphilipp. rororo 2000, S. 54 ff.
H.-R. Schmidt
30.7.2002
Sorgenkinder haben viele Gesichter
Bitte betrachten Sie einmal gemeinsam mit Anderen, mit Ihrer Familie, dieses Bild und fragen, was jeder dabei sieht:
Sie werden feststellen, dass der Eine eine junge, der Andere dagegen eine alte Frau erkennt.
Was sagt uns dieses kleine Experiment?
Immer, wenn wir uns nur
oberflächlich-einseitig mit einer Sache befassen,
besteht die Gefahr, nur einen Teil der Wirklichkeit
wahrzunehmen. In unserem Experiment (wie in der
Wirklichkeit auch sonst) sind aber die alte und die junge
Frau Teile ein und derselben Realität.
Auf unser Thema "ADHS" angewandt bedeutet es,
dass wir im Verhalten von Kindern überall nur ADHS sehen
werden, wenn wir nur erst einmal darauf eingestellt sind.
Eine Wahrnehmungstäuschung!
Preiser
2.8.2002
Liebe Gäste,
ich freue mich sehr, dass
immer mehr Bücher in Deutschland erscheinen, die eine
neue, gesellschafts- und wissenschaftskritische Position
zu"ADHS" einnehmen. Das Buch von Hüther u.
Bonney "Neues
vom Zappelphilipp" hat sozusagen den Anfang
gemacht (allerdings als bisher einziges deutschprachiges).
Das Buch von Thomas
Armstrong "Das Märchen vom ADHS-Kind"
folgt im Spätsommer, und nun erscheint im August
auch noch das sehr interessante Werk des USA-Psychologieprofessors Richard
DeGrandpre
"Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation
wird krankgeschrieben", auf das wir in einer
kurzen Stellungnahme von Dr. Pohl vom BDP bereits vor
genau einem Jahr hingewiesen und für dessen deutsche
Übersetzung wir uns ebenfalls eingesetzt haben (Wiederholung
aus ads-kritik.de/Quellen2.htm):
Die Fachgruppe Klinische
Kinder- und Jugendlichenpsychologie des Berufsverbandes
Deutscher Psychologinnen und Psychologen gibt heute (21.8.2001) die folgende
Stellungnahme ab:
Sehr geehrter Herr Schmidt!
Kinder mit ADS und hyperkinetischem Syndrom werden in
Deutschland, wie in den USA, zunehmend häufiger
diagnostiziert. Seitens der Mediziner - insbesonders der
Kinderärzte und Kinder- und Jugendpsychiater - werden
ihnen immer häufiger Psychoparmaka (Ritalin und
Medikinet) verordnet. Dabei geht das BGM derzeit
Hinweisen nach, dass der unter das
Betäubungsmittelgesetz fallende Wirkstoff der Mittel,
Methylphenidat, von den Ärzten zu leichtfertig
verschrieben wird. Die Ärzteschaft vertritt dagegen die
Ansicht, dass das Mittel zu selten zur Anwendung kommt.
Aus Sicht der Klinischen Kinderpsychologie muss zunächst
die Frage geklärt werden, warum die Diagnose ADS im
Verhältnis noch wesentlich häufiger in den USA gestellt
wird als in Deutschland, und in diesem Kontext, welche
psychosozialen Umstände in den betreffenden
Gesellschaften (wie etwa die Temposteigerung oder
Lärmzunahme in allen Lebensbereichen) ursächlich an der
dokumentierbaren Zunahme der betreffenden Störung
beteiligt sein können. Auf jeden Fall sollte
fachlicherseits einer vorzeitigen Medizinalisierung vom
ADS i.S. eines postulierten, jedoch keineswegs stringent
nachgewiesenen, hirnorganischen Syndroms entgegengewirkt
werden, zumindest bis eine systematische Überprüfung
der in Frage kommenden Milieuvariablen stattgefunden hat.
Empfehlenswert
in diesem Zusammenhang ist das Buch des Psychologen und
Pharmakologen Richard De Grandpre
mit Titel "Ritalin Nation", NY: Norton & Co.,
2000.
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Dipl.-Psych. Dr. Peter Pohl
Leiter der Fachgruppe Klinische Kinder-
und Jugendlichenpsychologie
der Sektion Klinische Psychologie im
Berufsverband Deutscher Psychologinnnen
und Psychologen (BDP) e.V.
Sie können demnächst hier unsere Rezensionen der Bücher von Armstrong und deGrandpre lesen. Es wird spannend!
Ihr H.-R.
Schmidt
3.8.2002
Aus
Berlin:
KINDER UNTER HOCHSPANNUNG
Nicht selten sind es Lehrer, die die Möglichkeit von ADS oder Hyperaktivität bei Kindern zum ersten Mal als eine mögliche Erklärung für ein auffälliges Verhalten benennen. Schüler, die sich im Unterricht nicht richtig konzentrieren können, ständig hibbelig sind, zu Wutanfällen neigen und Lehrern und Mitschülern mit ihrem Verhalten einen normalen Unterricht zeitweise unmöglich machen, geraten in diesen Verdacht. Die binnen der vergangenen zehn Jahre dramatisch erhöhte Zahl von Kindern, die infolge dieser ersten "Diagnose" einem Arzt vorgestellt werden, beschäftigt Psychologen, Ärzte, aber natürlich auch Eltern und die Pädagogen selbst. Als Ursache nennen viele Lehrer zum einen die Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, zum anderen finanzielle Einsparungen im Schulbereich, die die Betreungsmöglichkeiten und den Umfang der schulischen Angebote reduziert haben. Sie stellen fest, dass Schüler heute mit viel weniger sozialen Kompetenzen und kognitiven Fähigkeiten in die Schule kommen als noch vor zehn Jahren. Dieses Defizit auszugleichen, sieht sich die Schule nicht in der Lage.
Viele Eltern suchen Erklärungen in der Methodik von Lehrern, denen es einfach nicht gelinge, einen spannenden Unterricht zu gestalten, die Aufmerksamkeit der Kinder zu fesseln, oder sie verweisen auf die teilweise Überalterung der Lehrerschaft und eine damit angeblich verbundene geringere Stressresistenz. Pädagogen, wie Ursula Opdenberg-Harder von der Käthe Kollwitz-Grundschule in Berlin, weisen dies zurück. Stattdessen beklagt sie den Mangel an Fortbildungsangeboten für Lehrer durch die (Berliner) Senatsverwaltung und die spärlichen Informationen. "Wie sollen Lehrer Verhaltensauffälligkeiten richtig erkennen und deuten lernen, wenn ihnen weder in der Ausbildung noch später berufsbegleitend dazu solide Informationen vermittelt werden?" Das könne auch in Broschüren geschehen, nur geschehen müsse es. Ursula Opdenberg-Harder plädiert für eine regelrechte Fortbildungspflicht für Lehrer. Das würde auf beiden Seiten unter den Pädagogen und der aufsichtführenden Behörde einen heilsamen Zwang zum Tätigwerden ausüben.
Den Vorwurf der Mitverantwortung der Lehrer für die gehäufte Einnahme von Ritalin und vergleichbaren Präparaten weist sie zurück. Verschrieben werden die Medikamente immer von Arzten. Da das jedoch offenbar nicht mit der gebotenen Zurückhaltung und dem erforderlichen Wissen geschieht, setzt sich Ursula Opdenberg für einen Ritalin-Pass ein, der nur bestimmte, besonders qualifizierte Arzte zur Verschreibung der Droge berechtigt.
Dr. Hübner und Monika Wessel von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport sehen das völlig anders. Sie bestreiten energisch, dass Berliner Lehrer zu wenig Fortbildungsmöglichkeiten zum Thema Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom und Hyperaktivität haben. Sie können sogar ein Beispiel nennen, wo an der Humboldt-Universität 400 Lehrer an einer Fortbildung zu diesem Thema teilgenommen haben. Es liege an jedem einzelnen, ob er den aktuellen Stand der medizinischen und psychologischen Forschung auf diesem Gebiet kennt und mit ADS-Fällen umgehen kann, meinen beide.
In einem Punkt jedoch stimmen sie mit der Lehrerin überein: An der Unterrichtsmethodik liege es nicht, wenn immer mehr Kinder Konzentrationsprobleme haben. "Ein Lehrer muss nicht der Showmaster der Nation sein und immer adventure präsentieren, um Anspruch auf Aufmerksamkeit zu haben", erklärt Dr. Hübner entschieden.
In der Senatsverwaltung wird eingeräumt, dass die Zahl der Schulpsychologen zu gering sei, um die Probleme zu lösen. Dabei gehe es nicht nur um die akuten Fälle, sondern auch um eine laufende Fortbildung von Lehrern unter günstigen Bedingungen, sprich: z. B. in der eignen Schule im Rahmen von Gesamtkonferenzen. grundlegende Fragen zum Umgang mit verhaltensgestörten Kindern ließen sich so an konkreten, dem Auditorium bekannten Fällen erläutern, theoretische Kenntnisse besser vermitteln.In der Zwischenzeit greifen einige Schulen zur Selbsthilfe. So hat die Buschgrabengrundschule in Berlin-Zehlendorf gemeinsam mit der Drogenhilfe Tannenhof Berlin eV. eine Fortbildung für die eigenen Kollegen organisiert und sie damit für ein wichtiges Problem sensibilisiert. Alle Teilnehmer entwickelten eine nachhaltige Ablehnung gegenüber Ritalin und größere Aufgeschlossenheit für alternative Therapie-formen.
Ihnen wurden drei Punkte bewusst, die sie vorher in ihrer Freude über eine Verhaltensänderung bei betroffenen Kindern nicht gesehen hatten:
Ritalin ist ein Amphetamin und somit eine Droge, von der eine Suchtgefahr ausgeht. Zweitens wird durch die medikamentöse Behandlung das Nachdenken über Ursachen der Erkrankung bzw. Verhaltensauffälligkeit und über andere Behandlungsmethoden eingeschränkt oder gar ganz verdrängt. Drittens lernt das Kind auf diese Weise ein Verhalten, das sich noch Jahre später verhängnisvoll auswirken kann: Bei Problemen nehme ich eine Pille und die Sorgen verschwinden.
Eine Art Selbsthilfe stellt auch die vom Bezirk Zehlendorf an der Buschgrabengrundschule eingerichtete Schulstation dar. Sabine Peter, Dipl.-Sozialarbeiterin und Dipl.-Sozialpädagogin, die Leiterin der Station, wird immer dann gerufen, wenn Lehrer nicht mehr weiter wissen, weil ein Kind ihnen das Unterrichten unmöglich macht. Sie holt das Kind dann aus der Klasse ab und bringt es in die Station. Manche gehen gern dorthin, andere weniger. Angekommen in der Station geht es nach Sabine Peters Worten zunächst darum, die vorhandene Hochspannung, die für ADS-Kinder typisch sei, abzubauen. Das geschehe mittels unterschiedlicher Methoden, je nach Situation und Kind. Einigen hilft es, einfach nur mit Fingerfarben zu malen, andere springen über einen Schaumstoffblock, manche spielen mit Batacas. Batacas sind große Schaumstoffschläger, mit denen sie bei Einhaltung bestimmter Regeln einen kleinen Kampf veranstalten können. Als Gegner tritt in diesem Fall ein Mitarbeiter der Station oder ein anderer Schüler an. Ähnlich wie beim Fechten werden die Batacas aneinander geschlagen. Im anschließenden Gespräch mit dem Schüler wird versucht zu ergründen, wodurch die Hochspannung eigentlich entstanden ist. Der Stress, der diese Spannung verursacht, beginnt oft schon morgens meist im familiären Umfeld.
Das Kind zieht sich nicht richtig an, seine Mappe ist nicht gepackt, es fehlen Materialien, das gemeinsame Frühstück wird dadurch belastet oder unmöglich. Eltern reagieren genervt. Diesen Stress nimmt das Kind mit in die Schule. Er vermehrt sich im Unterricht, bis es zur Eskalation kommt. Sabine Peter räumt ein, dass nicht wenige Lehrer von Arzten eine Ruhigstellung jener Kindern erhoffen, die sie im Unterricht zur Verzweiflung bringen. Ritalin als Glücksbringer für Kinder und Lehrer sozusagen.
Dr. Hübner vom Bezirksamt ist sich bewusst, dass der Einsatz von ABM-Kräften in der Station zum Teil ohne jede pädagogische und/oder psychologische Ausbildung sehr kritisch zu sehen ist. Andererseits hält er ihn für unverzichtbar aus finanziellen Gründen sowie im Interesse einer breiten Akzeptanz der Stationen. Perspektivisch gehörten Fachleute in die Stationen mit soliden Kenntnissen der ADS-Problematik sowie mit Erfahrungen im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern.
Sabine Peter und ihre KollegInnen wissen um die Grenzen ihrer Möglichkeiten und empfehlen deshalb immer ein Gespräch mit einem Arzt. Seit der Fortbildung achten sie darauf, dass dieser nicht für die vorzugsweise Behandlung mit Medikamenten bekannt ist. Von einem solchen Arzt erwartet sie, anders als vom Psychologen, ein quantitativ (bezogen auf die Zahl der ausgeschlossenen ADS-Fälle) und qualitativ (therapeutisch) besseres Ergebnis. Aufklärung ist gefragt.
Quelle: Charlene Hinz: Kinder unter Hochspannung. Report Psychologie (Fachzeitschrift des BDP), 27, (8), 2002
Beigesteuert von Werner
9.8.2002
"ADS" ist überwiegend eine Modekrankheit
meinen jedenfalls über 60 Prozent der Teilnehmer an unserer jüngsten Umfrage:
| Gewissensfrage 4 | |||
Markieren Sie, was Sie für richtig halten: Ist "ADS" Ihrer Meinung nach derzeit überwiegend eine "Modekrankheit"? |
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| Ja | 106 | 60,57% | |
| Nein | 64 | 36,57% | |
| Weiss ich nicht | 5 | 2,86% | |
| Gesamtbeteiligung: 175 | |||

Hier unsere neue Rubrik:
Kleinanzeigen
im Café
Holunder
Tausche
Rausschmiss im Krause-Forum gegen Sammlung alter DDR-Orden.
Joker (alias Batman alias Hans alias Harlekin alias
Zappelphilipp alias...), Chiffre 007
Suche
LÜCK-Tafeln "Schreiben lärnen 4" in gut
erhaltem Zustund.
mutti-maus, Chiffre 014
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einen der 124 Fahrgäste der Straßenbahnlinie 23 in HH,
der 1998 am 23.7. um 14.37 Uhr gemeinsam mit Herrn
Hubbelbart im Anhänger saß, während sich HRSchmidt im
Triebwagen aufhielt, und der mir seine zweideutigen
Beobachtungen mitteilt. Zahle gut! Bitte melden bei
Enibas Hinkestein, Chiffre 1072
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Wer weiß Rat?
Mir wurde geraten, den PC runterzufahren. Aber mein PC
hat gar keine Räder, und außerdem wohne ich im
Souterrain...Bitte sofort melden bei
Nicki Reverent-Darin, Chiffre 26=21+5
Hilfeeeee!
Seit ich meinem Sohn frische Hefe gebe, geht er auf wie
ein Hefekuchen (134 Kilo mit 12 Jahren) und hat am
Hinterkopf einen Hefezopf! Aber er ist zwar sehr viel
ruhiger geworden, sitzt den ganzen Tag brav vor dem
Fernseher und isst seine Hefe. Also was soll ich tun?
Lass ich die Hefe weg, wird er mir doch wieder so
spindelig und hibbelig. Soll ichs doch mal mit
essigsaurer Tonerde versuchen, oder mit Affen-Algen?
Pimmel, Chiffre 555
Zahle gut
für verlässlichen Hinweis auf einen Menschen, der KEIN
ADS hat. Wer hat solch einen Menschen schon jemals
irgendwo auf der Welt gesehen? In Aserbeidschan soll
kürzlich einer gesichtet worden sein. Leider soll er
sofort die Flucht ergriffen haben. Wer weiss mehr?
Mike, Chiffre 435
Buch von Ratey zu
verschenken! Wenn ich das nämlich meinem
Lebensgefährten zu Lesen gebe, schläft der nur noch mit
ner Pistole unterm Kopfkissen, schickt meinen Sohn zu
dessen Vater und mich in die Klapsmühle!
Lisbet, Chiffre 568
Ulli
21.8.2002
ADHS bei Kindern und Jugendlichen
mit Zwangsneurose:
Fakt oder Artefakt?
Um zu klären, ob die Symptome Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit, die man gewöhnlich auch bei zwangsneurotischen Kindern und Jugendlichen findet, ein echte Komorbidität mit ADHS oder einen Ausdruck von Zwangsangst darstellen, untersuchten GELLER, DA, BIEDERMAN J et al., ob sich die ADHS-Symptomatik von ADHS-diagnostizierten Kindern und Jugendlichen mit und ohne Zwangsneurose unterscheidet. Sie fanden keine Unterschiede und schließen daraus, dass es immer dann, wenn zwangsneurotische Kinder/Jugendliche auch ADHS-ähnliche Symptome zeigen, eine echte Komorbidität von Zwangsneurose und ADHS gebe, dass es also bei komorbiden Kindern/Jugendlichen neben der Zwangsneurose eine unabhängige ADHS gebe.
Diese Schlussfolgerung ist allerdings nur unter der Voraussetzung erlaubt, dass Zwangsneurose und ADHS zwei unterschiedliche Krankheiten mit unterschiedlicher Symptomatik sind. Mir sind aber keine Studien bekannt, die diese Annahme belegen. Man kann deshalb genauso gut davon ausgehen, dass ADHS und Zwangsneurose zwei unterschiedliche Krankheiten mit identischer oder zumindest sehr ähnlicher Symptomatik sind (der einzige Unterschied besteht im Zwangs-Kernsymptom selbst). Es ist ja bekannt, dass eine ganze Reihe von unterschiedlichen Störungen eine ADHS-ähnliche Symptomatik verursachen können. Die ADHS-Symptomatik imponiert immer wieder durch ihre besondere Unspezifität, mit allen daraus herrührenden differentialdiagnostischen Problemen. Ich gehe so weit zu vermuten, die Unspezifität sei so groß, dass es eine einheitliche nosologische Einheit "ADHS" gar nicht gibt.
Wenn man also das Untersuchungsergebnis der Autoren unter dieser Voraussetzung (zwei Krankheiten mit identischer Symptomatik, mit Ausnahme des Kernsymptoms Zwang) betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass sich ADHS-Kinder mit oder ohne Zwangsneurose in ihrer "ADHS"-Symptomatik nicht unterscheiden. Eine Komorbidität ist damit gerade nicht belegt. Wenn ein Kind/Jugendlicher "ADHS"-ähnliche Symptome zeigt und unter Zwängen leidet, liegt allein eine Zwangsneurose (ohne ADHS) vor. ADHS (oder was auch immer) läge nur vor, wenn das Kernsymptom Zwang fehlt.
Die Autoren haben also in ihr Untersuchungsergebnis einseitig etwas hineingelesen, was sie finden wollten (Tunnelblick-Fehler). Dass man ihr Ergebnis auch ganz anders interpretieren kann, übersehen sie. Ein grober wissenschaftlicher Fehler.
H.-R.
Schmidt
24.8.2002
WAS SOLL ICH TUN, WENN DIE MILCH
ÜBERKOCHT?
Diese Frage würde nur jemand stellen, der ziemlich lebensuntüchtig ist. Natürlich zieht man sofort den Topf von der heissen Herdplatte weg, beseitigt damit sofort die Hauptursache für das Überkochen und stoppt es.
Stellen Sie sich mal vor, jemand würde auf diese Frage aber ungefähr Folgendes raten:
Das wäre alles ziemlicher Schwachsinn, nicht wahr? Es würde ja nur sozusagen am Symptom ansetzen, nicht an der Ursache.
Aber wenn Sie in einem ADS-Internetforum um Rat fragen, weil Ihr Sohn immer so wahnsinnige Trotz- und Wutanfälle bekommt (sozusagen "überläuft"), dann bekommen Sie Ratschläge genau dieser Art: Halte den Sohn ganz doll fest, zwing ihn zu einer "Auszeit", oder erhöhe die Ritalin-Dosis, etc. Nach der Ursache des "Überlaufens" wird erst gar nicht gefragt, die liegt ja im "ADS" begründet...
Ich finde, man muss als erstes nach den wirklichen seelischen Ursachen suchen. Die Kinder können das meist ganz leicht beantworten, nur nimmt es offenbar keiner ernst. Meist fühlen sich die Kinder massiv ungerecht behandelt, gedemütigt, gequält oder chronisch bevormundet. Erst wenn man die Ursache kennt, weiss man, wie man reagieren muss. Man muss nämlich in Zukunft solche Ursachen vermeiden, genau so, wie man beim nächsten Mal nicht die Zeit vergisst, die die Milch schon auf dem Herd steht...
MfG, Dörte
27.8.2002
ÜBER DIE KUNST, DIE WELT WIE EIN KIND
ZU SEHEN
Ich wundere mich immer wieder über die
Ratschläge, die von Laien oder Fachleuten in bezug auf
den Umgang mit "ADS"-Kindern gemacht werden. Da
werden in Foren Tips weitergereicht, Expertenrat gegeben
und spezielle Elterntrainings durchgeführt, die in ihrer
Art eher einem Kochrezept ähneln. Man nehme: eine große
Portion Auszeit, eine abgemessene Anzahl Punkte, garniere
mit einer Prise Lob und schmecke mit verbal geäußerter
Liebe ab....
Ich verstehe nicht, wie sehr dabei die subjektive Ebene
des kindlichen Seins mißachtet wird. Schon die
Verhaltensbeschreibungen, die zur Diagnose "ADS"
führen, belassen das Kind auf der Objektebene. Wenn dann
unter der Anleitung von Profis auch noch in den
Elterntrainings diese Ebene nicht nur beibehalten,
sondern noch betont wird, kann das nur schlecht sein für
Kinder und Eltern. Auch die Einteilung in negative und
positive Eigenschaften des Kindes verläßt nicht diese
Objekt-Ebene. Zwar mag es für manche Eltern wichtig sein,
an ihrem Kind die positiven Seiten neu zu entdecken, aber
das
geht nicht über das Abwägen der Vor- und Nachteile beim
Kauf eines neuen Autos hinaus.
Denn vergessen wird dabei nur zu oft, daß Kinder eben
keine Objekte sind, sondern Subjekte. Sie empfinden,
fühlen und handeln aus diesen Empfindungen heraus. Sie
erleben ihre Umwelt und reagieren darauf, sie wollen
natürlich gelobt und anerkannt werden, aber in erster
Linie wollen sie verstanden werden. Es scheint immer
schwerer zu werden, sich in die subjektive Welt der
Kinder einzufühlen.
Ein Beispiel (hier konstruiert, aber in unerheblichen
Abwandlungen und Variationen bezüglich Schauplatz
und Thematik zigmal beobachtet):
Mutter und Kind (ca. 3 bis 4 Jahre alt) auf dem
Spielplatz. Mutter sitzt auf der Bank, unterhält sich
mit anderer Mutter, Kind spielt in der Sandkiste. Kind
schaut zu Mutter, sagt: "Mama, guck mal, was ich
hier baue." Mutter schaut flüchtig in die Richtung,
sagt nebenbei: "ja, toll", wendet sich wieder
anderer Mutter zu. Kind ruft: "Mama, komm doch mal
und guck!" Mutter
sagt:"ja, gleich." Kurzer Augenblick später
ruft Kind wieder: "Mama, nun komm doch mal",
Mutter sagt, leicht genervt ohne zum Kind zu schauen:
"ich komm ja gleich", spricht dann mit anderer
Mutter weiter. Kind ruft nach einigen Augenblicken lauter:
"Mama", Mutter antwortet nicht, darauf ein
erneutes, noch lauteres "Maaammmaaa" vom Kind.
Mutter etwas schärfer im Ton
ruft zurück. "was willst du denn, du siehst doch,
daß ich mich unterhalte." Kind schreit: "Mama,
nun komm endlich!". Mutter ruft zurück: "Wenn
du so schreist, erreichst du gar nichts!" und wendet
sich wieder der anderen Mutter zu. Kind läuft zu Mutter
und haut sie, worauf Mutter das Kind am Arm packt, es zum
erstenmal ansieht und scharf entgegnet: "Du sollst
mich nicht
hauen, das darf man nicht, ich hau dich ja auch nicht.
Wenn du dich hier nicht benehmen kannst, gehen wir sofort
nachhause und du in dein Zimmer." Kind schreit,
reißt sich los, rennt zur Sandkiste und haut mit der
Schaufel auf alles, was ihm unter die Schaufel kommt.
Auch die Kunstwerke anderer Kinder gehen dabei kaputt,
die Schaufel schwingt in gefährliche Nähe der
anderen Kinder. Mutter steht auf, geht zum Kind, klemmt
es sich wortlos unter den Arm und verläßt den
Spielplatz mit dem nun heftig strampelnden und
brüllenden Kind.
Soweit die Fakten. Nun die Sichtweisen:
Aus der Sicht der Mutter ist das Kind (Objekt) ungeduldig,
kann nicht abwarten, neigt zu Wutanfällen und Aggression,
deswegen muß es eindeutige Regeln haben (so wurde es in
Elterntrainings vermittelt) wie jetzt die Auszeit zuhause
im Kinderzimmer.
Aus der Sicht des Kindes (Subjekt) wurde es von der
Mutter nicht wirklich beachtet, zudem belogen und
betrogen (obwohl die Mutter es versprochen hatte, ist sie
nicht zum Kind gegangen, um das Sandbauwerk anzuschauen),
durch das Wegtragen gedemütigt und dann noch
ungerechtfertigt bestraft.
Wie mag sich dieses Kind wohl fühlen?
Kim
29.8.2002
Liebe Gäste, in diesem Beitrag sollten Sie sich immer dann, wenn eine Krankheit erwähnt wird, "ADS" denken. Sie finden dann eine der wichtigsten Antworten, warum "ADS" derzeit so "in" ist.
Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt
ANGST
VOR DER KRANKHEIT
Wie die
Pharma-Industrie neue Krankheiten erfindet
Im Kampf gegen Knochenschwund tourten Ärzte bis Mitte
August mit einem Lkw durchs Land. Frauen über 60 Jahre
konnten in der mobilen "Osteoporose-Forschungs-Station"
unter anderem kostenlos ihre Knochendichte messen lassen.
Im Gegenzug erhofften sich die Mediziner des Berliner
Zentrums für Muskel- und Knochenforschung interessante
Forschungsdaten. Schirmherrin war die SPD-
Gesundheitsexpertin Gudrun Schaich-Walch.
Eine uneigennützige Aktion zu rein wissenschaftlichen Zwecken? Nicht ganz. Finanziert wurde das Forschungsmobil von zahlreichen Pharmaunternehmen, die Medikamente gegen Knochenschwund anbieten. Und diesen Sponsoren geht es vor allem um eines: möglichst viel Aufmerksamkeit erregen und Angst machen vor der still lauernden Osteoporose-Gefahr. Das zumindest meint die Hamburger Professorin für Gesundheitsforschung, Ingrid Mühlhauser. "Ich will Osteoporose nicht verharmlosen, aber es könnte passieren", so befürchtet sie, "dass die Frauen gesund in den Truck rein gehen und so verunsichert wieder herauskommen, dass sie sich krank fühlen."
"Disease Mongering« (Handel treiben mit Krankheiten) nennen Kritiker dieses Spiel mit der Angst der Patienten, das immer häufiger Bestandteil der Marketingstrategien der Pharmakonzerne ist und sich offenbar auszahlt: Etwa jede zweite Frau, bei der eine verminderte Knochendichte gemessen wurde, beginnt mit einer medikamentösen Therapie obwohl höchst umstritten ist, was diese Untersuchung allein über das tatsächliche Risiko aussagt, einmal an Osteoporose zu erkranken.
An Beispielen für Disease Mongering mangelt es nicht. Vor allem Allerweltsleiden wie Darm- oder Nagelpilz, Inkontinenz, Sodbrennen oder das Reizdarmsyndrom werden durch groß angelegte Aufklärungskampagnen in den Stand gefährlicher und behandlungsbedürftiger Krankheiten erhoben besonders, wenn ein passendes Medikament zur Verfügung steht.
Diese Strategie zeigt sich auch in dem vertraulichen Entwurf eines Schulungsprogramms, den das Fachblatt "British Medical Journal" kürzlich enthüllt hat. Das Programm wurde von einer PR-Firma im Auftrag des Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline in Australien als Teil einer Marketingstrategie zur Behandlung des Reizdarmsyndroms entwickelt. Dieses Syndrom gilt allgemein als harmlose, psychisch bedingte Ausschlussdiagnose.
In dem PR-Papier, von dem GlaxoSmithKline sagt, es spiegele nicht die eigene Meinung wider, heißt es: "Das Reizdarmsyndrom muss in den Köpfen der Ärzte als wichtiges, klar umrissenes Krankheitsbild etabliert werden." Und weiter: Auch die Patienten "müssen überzeugt werden, dass das Reizdarmsyndrom eine weit verbreitete und anerkannte Krankheit ist".
"Um da hinzukommen", erklärt Wolfgang Becker-Brüser, Mitherausgeber des industriekritischen "Arznei-Telegramms", "wird zunächst aus der Vielzahl der Erklärungsmodelle der Krankheit dasjenige herausgesucht, das am besten die Wirkung des jeweiligen Medikaments erklären kann." Beim Reizdarmsyndrom sei das eine (durch das vorhandene Medikament beeinflussbare) Störung im Haushalt des Transmitterstoffs Serotonin im Darm.
"Dann werden Chefärzte oder Universitätsprofessoren gesucht und bezahlt, die auf Kongressen und in den Medien dieses Erklärungsmodell als maßgeblich und damit das Medikament als nützlich darstellen sollen", sagt Becker-Brüser. Auch in dem australischen Strategiepapier wird die Gewinnung der wissenschaftlichen Meinungsmacher als wesentlicher Schritt beschrieben.
Ein typisches Beispiel war auch die Kampagne "Alarmzeichen Sodbrennen!". In Zusammenarbeit mit dem ZDF wurde dafür geworben, bei Sodbrennen zum Arzt zu gehen. Die dabei vermittelte Warnung: Ohne die Verordnung von "Protonenpumpenblockern" (einer der Hersteller sponserte die Kampagne, wie das "Arznei-Telegramm" enthüllte) könne Speiseröhrenkrebs entstehen.
Tatsächlich wurde in einer aktuellen Untersuchung, die vor wenigen Wochen im "Deutschen Ärzteblatt" erschien, diese Behauptung abgeschwächt: Selbst wenn schon Krebsvorstufen bestehen sollten, fasst darin Volker Eckardt von der deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden den neuesten Forschungsstand zusammen, sei die Gefährdung geringer als angenommen.
Der einzige Effekt von Aufklärungskampagnen, so Eckardt, sei bislang eine Verteuerung der Medizin dennoch soll "Alarmzeichen Sodbrennen!" wegen des "Erfolgs, der Leben retten kann" (ZDF-Begleitwort), weitergeführt werden.
Oft bewegen sich die Kampagnen nach Ansicht des "Arznei-Telegramms" am Rand der Legalität. "Werbung zu machen, die auf die Angst der Patienten zielt, ist laut Heilmittelwerbegesetz verboten", sagt Jutta Haibekath, "aber gerade weil die Kampagnen mit existenziellen Gefühlen spielen, sind sie wahrscheinlich auch so erfolgreich."
Doch wo kein Kläger ist, da gibt es auch keine Klage: An den Aufklärungskampagnen beteiligen sich nicht selten Patienten-Selbsthilfegruppen, die manchmal auch großzügig von der Pharmaindustrie bedacht werden. Ignoriert werden dabei von den Patienten oft die gesundheitlichen Folgen einer Medikamenteneinnahme.
So forderte ein Selbsthilfeverband in den USA die Wiedereinführung des Reizdarm-Präparats Alosetron. Das Mittel war zuvor nach Berichten über Todesfälle vom Markt genommen worden inzwischen ist es mit Einschränkungen wieder zugelassen.
Quelle: DER SPIEGEL 36/2002
VERONICA HACKENBROCH
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