| ARCHIV: ADS: Gibt´s das wirklich?
ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet
Ritalin: Ein folgen-
schwerer
Irrtum
Aus der Sicht unserer
Kinder
Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche
Gibt es ein Bisschen ADS?
Exklusiv: Die HÜTHER-Studie
Das Anlage-Umwelt-
Problem
Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!
Alternativen bei ADS
Fragiles X-Syndrom
Alternative Behandlung
bei ADD
Familie und ADS
Alternative Sichtweisen bei ADS
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 1
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 2
Quellensammlung
Böse Witze
|

Kölnische
Rundschau vom 11.12.2001:
Heinrich-Meng-Institut
startet Vortragsreihe
Statt Medikamente
mehr Zuwendung
sta
Brühl. Der kleine Peter (6) verlässt die Klasse immer
nach der zweiten Schulstunde. Er gilt als "Zappelphilipp"
und wird - wie in solchen Fällen üblich - mit Ritalin
"therapiert"
Was keiner weiß: der sensible Junge hatte in einem
Streit seiner Eltern rausgehört, dass seine Mutter den
Vater verlassen wollte. Seitdem geht Peter nach Hause,
aus Angst davor, von der Mutter allein gelassen zu werden.
Mit diesem typischen Fallbeispiel leitete der Koblenzer
Professor für Schulpädagogik, Dr. Reinhard Voß, das
erste "Freitagsgespräch" des Heinrich-Meng-Instituts
ein. In seinem Vortrag "Unsere unruhigen Kinder -
Über Alternativen bei Hyperaktivität" wandte sich
der Mitbegründer des Sorgentelefons des Deutschen
Kinderschutzbundes gegen einseitige Medikation unter
Ausserachtlassung der kontextuellen Verhältnisse.
Er plädierte vielmehr dafür, durch Beratungsteams die
Probleme individuell anzugehen, getreu seiner Maxime
"Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit."
Für mögliche Auslöser der "Aufmerksamkeitsdefizits/Hyperaktivitätsstörung"
(kurz: ADHS) machte der Therapeut Einflüsse wie Neue
Medien, Leistungs- und Konkurrenzdruck sowie andere
soziale Nöte verantwortlich. Er kritisierte auch, auf
die Ergebnisse der sogenannten PISA-Studie aufbauend, das
derzeitige Schulsystem, das sich amerikanischen
Verhältnissen annähere.
Vehement forderte er auch Beistand für die Mediziner,
die unter dem Druck stünden, diese sozialen Probleme
medizinisch lösen zu müssen. In der anschließenden
regen Diskussion erhielt er für diese These Beistand
durch einen ansässigen Kinderarzt, der bestätigte, dass
Betroffene oftmals vor alternativen Lösungsansätzen
zurückschreckten.
Abschliessend führte er dem fachkundigen Publikum einen
Film aus den 60er Jahren vor, der humorvoll die Frage
"Wie bekomme ich ein braves Kind" behandelte.
Der Verwaltungsleiter des Beratungs- und
Behandlungszentrums in der Kaiserstraße, Hajo Thiesen,
will die bürgerfreundlichen Freitagsgespräche fest
neben die ansonsten wissenschaftlich geprägte Arbeit der
Einrichtung installieren.
Gemeinsam mit dem Leiter für Erziehungsberatung und
Familientherapie, Dipl.-Psych. H.-Reinhard Schmidt,
zeigte er sich mit der Resonanz der ersten Veranstaltung
auch rundum zufrieden: "Wir hatten weit mehr
Anmeldungen, als der 80 Personen fassende Vortragsraum
überhaupt hätte aufnehmen können."
14.12.2001: Deutsches
Ärzteblatt vom 14.12.2002: Hyperaktive Kinder -
Gleichzeitige Psychotherapie - die Diagnose ADHS
wird oft falsch gestellt.
Stellt der Kinderarzt die
Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit und
Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), sollte das Kind einem
Psychotherapeuten vorgestellt werden. Darauf weist die
Vereinigung Analytischer Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP) hin. Die Verordnung
von Methylphenidat zur alleinigen Therapie sei der
falsche Weg. "Die Diagnose ADHS wird oft falsch
gestellt, beispielsweise schon bei Unruhe oder einer
außergewöhnlichen Belastung des Kindes", erklärt
Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf die Position der VAKJP in
dieser Frage. Die Psychodynamik des Kindes und die
psychosozialen Bedingungen im Elternhaus zu beurteilen
sei in einer Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie besser
möglich. Wichtig sei auch, die Eltern begleitend in die
Behandlung miteinzubeziehen. "In der Therapie merken
die Kinder oft, dass sie das verordnete Medikament nicht
mehr brauchen - ein erster Schritt zur Heilung",
sagt Hopf. Gemeinsam mit dem behandelnden Arzt sei dann
zu entscheiden, Methylphenidat zu reduzieren oder
abzusetzen.
Kleine Ergänzung
meinerseits: Ich stimme Hopf in vollem Umfang zu,
empfehle aber auch in diesem Zusammenhang die Erziehungs-
und Familienberatungsstellen, die kostenlos qualifizierte
Psychotherapeuten inkl. ärztlicher Mitarbeit
bereithalten. Sie können mit dem Link "Heinrich-Meng"
im rechten Seitenbalken genauer sehen, wie z.B. meine EB-Stelle
arbeitet.
H.-R. Schmidt
Hallo Herr Schmidt,
Glückwunsch zum "neuen" Café! Stelle beruhigt
fest, der Geist ist der alte!
Winfried 007
18.12.2001
Hi, echt professionell,
Herr Schmidt! Und verewigt bin ich von früher her auch!
Dass es kein Forum mehr gibt, ist vielleicht schade, oder?
Oder doch auch nicht...
MfG Frauke
19.12.2001
Hallo,
wenn man die "Diskussionen" der letzten Zeit so
nachliest, ist es um das Forum nicht schade. Am Anfang
des Cafés hatte alles noch Niveau (wenn ich so an
Elisabeth und Kim denke...). Aber zuletzt war es ein
Eiertanz mit Null Sinn. Es sind eben die immer gleichen
Argumente ausgetauscht. Alles weitere wird die Forschung
zeigen.
Und hier gehts weiter, wer ernsthaft diskutieren will,
ist herzlich eingeladen. Wer aber nur lesen will, ist
hier erst recht richtig. Dies ist ja die EINZIGE
INTERNETSEITE, die ADHS bezweifelt. UND DAS IST NICHT GUT
SO.
Ulli
19.12.2001
Traurige
Geschichten
zur
Weihnachtszeit
20.12.2001
Oh je, oh je, ist das
traurig, was man so in anderen Foren liest! Hier ein (verfremdetes,
aber typisches) Beispiel. Eine Mutter schreibt:
"Ich habe einen 11jährigen Sohn, der seit 3 Jahren
in der Schule immer mehr abbaut. Jetzt sind wir bei
totaler Leistungsverweigerung angekommen. Weil er seinen
Pflichten als Schüler nicht nachkommt, hatten wir jetzt
eine Klassenkonferenz seinetwegen. Ich war so verzweifelt,
dass ich zum Jugendamt gegangen bin. Dort bin ich zum
ersten Mal darauf hingewiesen worden, dass mein Sohn ADS
haben könnte.
Ich habe mich sofort im Internet über diese Krankheit
informiert und festgestellt, dass mein Sohn unheimlich
viele Symptome aufweist. Die Lehrer wollen aber nichts
über meine Vermutung hören. Er wird er nun für zwei
Wochen vom Unterricht ausgeschlossen. Er darf auch nicht
an den normalen Pausen mit seinen Klassenkameraden
teilnehmen.
Wie soll ich mich nun verhalten?"
Dieses prototypische
Beispiel enthält alles, was man derzeit in der ADS-Szene
im Internet an Fehlern beobachten kann:
Niemand, weder Mutter
noch Jugendamt noch Schule, versucht überhaupt nur, die
Hintergründe des schulischen Leistungsabfalls des Kindes
zu ergründen oder zu verstehen. Die Mutter lässt sich
vom Jugendamt mit dem Hinweis auf ADS abwimmeln. Wieso
geht sie überhaupt zum Jugendamt? Und statt nun zum Arzt
oder Psychologen zu gehen, "informiert" sie
sich im Internet (wo wohl?) und findet selbst die "Diagnose",
die alles erklärt. Die Lehrer empfinden dies natürlich
als "Ausrede", ohne aber selbst eine bessere
und hilfreichere Erklärung zu haben; sie machen es sich
leicht und sanktionieren wieder nur. Und um dem Ganzen
dann die Krone aufzusetzen, rät man dieser Mutter im
Forum, einen Rechtsanwalt einzuschalten, um gegen die
Schule vorzugehen! Streiten statt Verstehen! Am Schluss
wird der Mutter dann geraten, einen "ADS-Arzt"
zu finden (Name kommt per E-Mail), der dann endlich
Ritalin verschreibt.
Unsere armen Kinder!
Fröhliches Fest, kann ich da nur sagen!
H.-R. Schmidt
Hallo Herr Schmidt,
haben Sie das alte Forum "Cafe Holunder"
endgültig geschlossen? Verstehen
kann ich es, wenn es so ist, und gut finde ich, daß die
inhaltliche Kritik
an dem Konstrukt "ADS" weiterhin auf
Psychometrix.de ihren Platz hat.
Wie Ulli dort schrieb, ist es zwar nicht gut, daß es die
einzige Site mit
kritischem Blick auf "ADS" ist, aber dennoch
besser als gar kein
Gegengewicht zu den gängigen Foren zu haben.
Ich halte mich inzwischen ja aus den Foren raus und
wollte Ihnen auch einmal
meine Beweggründe dafür mitteilen:
Ich bin ziemlich desillusioniert, was die "Internet-ADS-Community"
angeht
und bewundere Ihre Ausdauer und Ihre Versuche, ein
anderes Denken in den
Köpfen zu initiieren. Ich glaube inzwischen, das sind
alles "Perlen vor die
Säue".
Die meisten "ADS"-ler WOLLEN einfach die Dinge
so verkürzt und
undifferenziert sehen, wie sie es tun und sie WOLLEN sich
auch nicht mit den
Dingen wirklich auseinandersetzen, sondern wollen die
schnellen Lösungen,
i.a. Ritalin. Eine tiefere Einsicht in das, was sie tun
und wie sie denken,
würde da nur die unbewußten Zweifel und Konflikte (sowie
die eigenen
Probleme) übermächtig werden lassen.
Ich bin demgegenüber hilflos und auch ehrlich besorgt,
was die Zukunft
unseren Kindern bringen wird, aber ich kann es auch nicht
ändern.
Mein einziger Trost liegt darin, daß es im eigentlichen
Leben mehr Menschen
gibt als Sie (und mich und die wenigen anderen, die sich
den Angriffen im
Internet aussetzen), die kritisch dem Konzept "ADS"
gegenüberstehen und die
nach anderen Lösungswegen als Psychopharmaka suchen.
Doch die (zunehmende?)
Anzahl der Ärzte, die leichtfertig diagnostizieren und
verschreiben, macht
mir dann andererseits auch wieder Sorge.
Manchmal hoffe ich, daß kritische Praktiker wie Sie mehr
Einfluß gewinnen
werden und sich ein Wandel in der Betrachtung von "ADS"
vollziehen wird,
aber die Entwicklungen in den USA lassen diese Hoffnung
dann doch auch
wieder gering erscheinen.
Sie sehen, ich bin hin- und hergerissen zwischen Hoffnung
und
Verzweiflung.... vielleicht habe ich ja selbst ADS, wo
doch
Entscheidungsschwierigkeiten auch ein Symptom sein sollen,
wie ich kürzlich
in einem Forum gelesen habe (kleiner Scherz am Rande).
Ich verfolge die Foren noch ab und an (etwas
oberflächlicher als vor einiger
Zeit), und ich bin auch immer wieder bestürzt über die
Einseitigkeit, die
Dummheit, die Unfähigkeit zum Verstehen der seelischen
Nöte der Kinder darin
und auch über die intriganten Machenschaften, die sich
oft gegen Sie
richten. Ich glaube, es ist schon nicht leicht, das alles
auszuhalten, auch
wenn Ihnen diese Widerstände und Projektionen
erklärlich sind. Was sich
jetzt an Kommentaren zu der Schließung Ihres Forums mal
wieder abspielt, ist
ja ein Paradebeispiel dafür.
Ich finde es gut, daß Sie sich nicht entmutigen lassen
und weiter für die
Sache kämpfen, mir fehlen dazu im Moment die Lust und
auch die Zeit.
(apropos "Zeit": ich glaube, wenn die Mütter,
die sich so intensiv im
Internet über "ADS" auslassen, sich
stattdessen mehr um ihre Kinder kümmern
würden, dann wäre den Kindern damit schon ein wenig
geholfen.)
Ich finde die neue Form auf Psychometrix.de dafür ganz
angemessen und sie
wird wohl auch verhindern, daß immer wieder die gleichen
Fragen, Angriffe
oder Stellungnahmen kommen, auf die schon zigmal
geantwortet wurde. Und die
Informationen und gehaltvollen Beiträge bleiben weiter
erhalten, um dem
wirklich interessierten Leser ein differenziertes Bild zu
geben.
Ich werde schon noch weiter die Thematik verfolgen, auch
bei Ihnen
regelmäßig reinschauen, aber wenn ich mich nicht zu
Wort melde, wissen Sie
nun, daß da eine erhebliche Resignation bei mir
dahintersteckt.
So, nun bleibt mir nur noch, Ihnen und Ihrer Familie eine
schöne
Weihnachtszeit zu wünschen und ein gutes Neues Jahr 2002.
Herzliche Grüße
von Kim
21.12.2001
Hallo Kim,
ja, das alte Diskssionsforum ist erst mal geschlossen.
Seine beste Zeit hatte es einfach hinter sich. Und in so
einem Moment bin ich immer dafür, einen Schlussstrich zu
ziehen, aufzuheben, was sich lohnt, und abzustreifen, was
vergangen ist.
In der Sache bin ich in keiner Weise resigniert. Ich kann
aber Ihre Einstellung verstehen. Man darf aber aus meiner
Sicht der Dinge nicht zu hohe Ansprüche an die "Belehrbarkeit"
der Menschen stellen. Ich weiss aus meiner klinischen
Tätigkeit, dass man da sehr viel Ausdauer haben und
"kleine Brötchen" zu backen bereit sein muss.
Ich bin ja selbst manchmal ein ziemlich "sturer Hund"
(so hat mich mal jemand im Forum sehr treffend bezeichnet)
bzw. ein "Asterix", warum sollten da Andere
anders sein? Die Erfolge liegen hier oft sehr im
Verborgenen und treten erst mit Verzögerung zu Tage,
aber sie sind mit Sicherheit vorhanden. Die Zeit läuft
für die "ADS-Kritik".
Alles ist auch eine Frage des Selbstmangements bei mir:
Ich möchte im nächsten Jahr überregional etwas zum
Zusammenschluss von "ADHS-Kritikern" tun und
brauche dafür die Zeit, die ich bisher in das "Forum"
gesteckt habe. Wenn schon überall Vereine,
Selbsthilfegruppen, langweilige Internetforen und
Verbände ganz einseitig für "ADS" wie Pilze
aus dem Boden schießen, ist es an der Zeit, die "ADS-Kritik"
seriös (also natürlich nicht im Sinne einer
ideologischen Anti-Psychiatrie oder dergl.) zu
organisieren. Ich denke an einen Verband,
wissenschaftliche Tagungen, Pressemitteilungen, eine
Zeitschrift...
Ich habe diese Pläne auf unserem kürzlichen Seminar in
meinem Institut bereits mit Prof. Voss, Uni Koblenz-Landau,
vorbesprochen. Er wäre schon mal fest dabei. Mit einigen
Anderen trete ich in nächster Zeit in Kontakt (Hüther,
Hopf, Krowatschek, Gerlicher, Neraal, Diller (USA),
Neuhäuser, etc.) Ich werde mich im Frühjahr 2002 um
diese Sache intensiv kümmern. Vielleicht haben Sie
Vorschläge und Ideen für ein solches Projekt?
Vielleicht sind Sie "mit dabei"? Vielleicht
könnte dies Ihre derzeitige "Resignation"
wieder in so etwas wie Tatendurst verwandeln? Das würde
mich sehr freuen, denn kritisch-fundierte Stimmen wie
Ihre sind kostbar.
Auch sonst ist jeder Leser aufgerufen, mit zu planen und
von Anfang an dabei zu sein.
Packen wir´s an, es gibt viel zu tun! In
diesem Sinne mit den besten Wünschen für ein spannendes
"ADS-Jahr" 2002,
Ihr H.-R. Schmidt
22.12.2001
ADS
bei Erwachsenen: Ein Wintermärchen
von H.-R. Schmidt
Ist das
nosologische Konzept sowie die diagnostische Prozedur
"ADS" bei Kindern schon sehr fraglich bis
unmöglich, so verhält es sich bei seiner Übertragung
auf Erwachsene um ein restlos fragwürdiges Unterfangen.
Einer der Ersten, der behauptete, das bei Kindern zu
findende "ADS" lege sich nicht wieder, sondern
pflanze sich zumindest bei einem Teil der Patienten ins
Erwachsenenalter fort, ist PH WENDER. Er geht davon aus,
dass zwischen 11-80 Prozent (!!!) der ADS-Kinder auch als
Erwachsene noch betroffen sind, im Durchschnitt ca. 50
Prozent. Damit wären 1-6 Prozent aller Erwachsenen von
ADS betroffen.
Wenn man nun aber fragt, wie man auf diese Diagnosen und
Zahlen kommt, muss man feststellen, dass die Diagnose des
Erwachsenen-ADS wissenschaftlich auf äußerst schwachen
Beinen steht. Man findet sie, indem man quasi von hinten
durch die Brust ins Auge zielt:
Zunächst einmal gibt es gar keine DSM- oder ICD-Kriterien
oder -Nummern bzw. diagnostischen Manuale für diese
Erwachsenen-Diagnose. Das heisst, offiziell gibt es diese
Krankheit bei Erwachsenen gar nicht. Zum Zweiten werden
deshalb in der Regel die Kriterien für Kinder angewendet,
was natürlich vollkommen zweifelhaft ist. Zum Dritten,
und dies ist besonders kritikwürdig, muss für die
Erwachsenen-Diagnose sichergestellt sein, dass die
Krankheit bereits ab dem ca. 7. Lebensjahr existiert. Und
um dies festzustellen, muss der Erwachsene mit
Fragebögen und Interviews (z.B. den "WENDER-Utah-Kriterien")
aus seiner jahrzehntelang zurückliegenden Kindheit
Auskunft geben: wissenschaftlich ein sehr fragwürdiges
und fehlerträchtiges Unterfangen, eigentlich eine
Suggestiv-Selbstdiagnose voller subjektiver Fehlerquellen.
Man befragt den Patienten ja nicht über "harte"
Kindheitsdaten, sondern über verschwommene und
unspezifische Verhaltensweisen.
Eine solche "retroaktive" Diagnostik steht für
wissenschaftliche Fragwürdigkeit. Dass Methylphenidat
auch bei Erwachsenen "hilft", beweist (wie beim
Kinder-ADS auch) gar nichts, ausser, dass Stimulantien
bei der Mehrzahl der Menschen wirken. Dass die
verhaltensrelevante Wirkung je nach vorliegender
Verhaltensstörung bzw. Temperamentslage unterschiedlich
ausfallen kann, beweist nicht die Diagnose ADS.
Mein Fazit: Worunter auch immer ein Erwachsener leiden
mag: "ADS" heisst es nicht.
26.12.2001
Zur Diskussion um die
HÜTHER-Studie (s. im Archiv unter "Exklusiv: Die
Hüther-Studie") schickt uns Herr Filgis die
folgende Stellungnahme. Ich habe Herrn HÜTHER um eine
Replik gebeten, die hoffentlich bald hier erscheinen kann:
Dr. Rupert
Filgis
Das späte Zittern
des Zappelphilipps
28.12.2001
Nun sind ja in der Wissenschaft ungewöhnliche oder von
der "Lehrbuchmeinung" abweichende neue
Paradigmen nichts Verwerfliches. Nein sie sind notwendig
und haben sich schlicht der Verifikation oder der
Widerlegung durch Forschung und Klinik zu stellen. So
auch Hüthers Thesen von AD/HD als genuine
Überaktivität des Dopaminsystems im weitesten Sinne.
Prekär wird die Lage für die Betroffenen an der Stelle,
wo jahrzehntelang bewährte Therapien ohne klinische
Nachweise zu erbringen diskreditiert werden.
· Hüther ist kein Kliniker. Er hätte sonst - nur als
ein Beispiel - bei eingehender Beschäftigung mit AD/HD-Patienten
erfahren haben müssen, daß keine generelle
Überaktivität der dopaminergen Schaltkreise bei den AD/HD-Kindern
vorliegt sondern eine extreme Labilität des
Aktivierungsniveaus. Klinisch zeigt sich das dadurch,
daß Lustlosigkeit, Müdigkeit, Antriebsmangel,
Unaufmerksamkeit, Unkontrolliertheit und Hippeligkeit
blitzschnell wechseln zu heller Wachheit,
Interessiertheit, aufmerksamer Fokussierung und
konzentriertem Verharren am Interessanten. Diese
Labilität verbessert sich unter Methylphenidat =
Ritalin® oder Medikinet®.
· Das Paradigma einer übermäßigen, unkontrollierten
Transmission des Dopaminsystems ist bereits zum Teil von
andersartigen klinischen Syndromen belegt. Der
Umkehrschluß, daß eine erhöhte Transporterdichte auf
ein genuin überaktives Dopaminsystem schließen lasse,
ist ohne weitere Untermauerung durch Fakten zwar
theoretisch möglich aber methodisch als abenteuerlich zu
betrachten. Eine Theorie wird auch dadurch nicht besser,
daß sie ständig wiederholt wird. Das läßt weniger auf
die Substanz der These als vielmehr auf die
Persönlichkeitsstruktur des Verfassers schließen.
· Das Dopaminsystem regt im Frontalhirn sehr viele
hemmende Schaltkreise an und gewährleistet somit die
Impulskontrolle, das unkontrollierte Ausleben von
Emotionen sowie das Planen in Raum und Zeit für Handlung
und Zukunft. Eine Überfunktion würde bei meinem
bescheidenen Verständnis eher zu übersteigerten
Kontroll- und Hemmfunktionen führen. Klinisch ist das
bei AD/HD-Kindern kaum zu beobachten. Bei Überdosierung
von MPh treten solche Symptome allerdings auf und
verschwinden wieder bei Dosisreduktion.
· Genauso wenig gründlich wie mit der Klinik scheint
sich Hüther mit der Pharmakologie und der
Pharmakokinetik von MPh beschäftig zu haben. MPh hemmt
die Rücktransporter, führt jedoch nicht zu einer
vermehrten Entleerung der Dopaminvesikel in der
Präsynapse. Und schon gar nicht zu einer völligen
Entspeicherung mit der in seiner Theorie geforderten
Folge der völligen Erschöpfung des Dopaminsystems für
Stunden. Da hat er einfach seine Haussaufgaben nicht
gemacht. Aber das kann er ja noch nachholen.
· Bei einer Überaktivität der neuronalen Transmission
sollte man in Messungen zum Grad der
Stoffwechselaktivität in dopaminergen Regionen ebenfalls
eine Steigerung finden. Bei AD/HD-Patienten sind die
Parameter für Durchblutung, für Sauerstoffversorgung
und für Energieumsatz (Glukoseverbrauch) durchgängig
vermindert. Diese Parameter normalisieren sich jedoch
meist unter MPh. Nach Hüther müsste genau der
gegenteilige Effekt messbar sein.
· Die aufgeführten Rattenversuche und seine daraus
abgeleitete Theorie einer Verursachung von Parkinson (das
späte Zittern) sind wissenschaftlich ausgesprochen
fragwürdig. Zum einen wurden lediglich fünf Ratten mit
sehr hohen Dosen MPh (2-7mg/kg = 2-20fache der
Kinderdosis) behandelt und daraus statistische (man
staune!) Berechnungen ausgeführt. Zum zweiten läßt
sich nach 60 Jahren Stimulantien-Therapie kein einziger
klinischer Fall einer derartigen Spätdyskinesie in der
Literatur finden. Ähnlich wie bei der uralten Behauptung
der Suchterzeugung durch MPh. Die Amerikaner mit ihrer
streit- und schadenersatzfreudigen Justiz wären längst
auf diesen Karren aufgesprungen, hätte auch nur ein
Anwalt eine Chance gesehen, auch nur einen Hauch eines
Beweises erbringen zu können. Parkinson und AD/HD haben
nur eines gemeinsam, daß nämlich bei beiden Krankheiten
Dopamin eine Rolle spielt aber an ganz verschiedenen
Stellen und auf ganz verschiedene Weise, wie jeder weiß.
· Meines Wissens nach sind die Urheber (Moll et. al.,
ebenfalls wie Hüther Uni Göttingen) der Rattenstudie,
auf die sich Hüther bezieht, alles andere als glücklich
über seine Verlautbarungen, Interpretationen und
Schlussfolgerungen. Offensichtlich mangelt es an der
Stelle auch an der nötigen Kommunikation innerhalb des
Hauses.
· Die behaupteten cerebralen Unter- und
Fehlentwicklungen sind ebenfalls noch nie klinisch
beschrieben worden. Sie werden gleichfalls nur aus den
Versuchen mit diesen 5 - in Worten: fünf - Ratten
abgeleitet, die keineswegs "AD/HD-Ratten" waren.
Jüngste Versuchsergebnisse, die eine positive Einwirkung
auf die cerebrale Entwicklung unter MPh-Behandlung bei
Vorliegen von AD/HD vermuten lassen, wurden von Herrn
Hüther entweder nicht beachtet oder nicht erwähnt.
· Gerade die Lindauer Tagung hatte zum Ergebnis, daß
die entscheidenden Fragestellungen nicht heißen: Genetik
oder Plastizität. Organisch oder psychisch. Geist oder
Körper. Pharmakologie oder Psychotherapie. Das sind doch
längst vergangene Konfrontation, die von berufs- und
standespolitischen Kästchendenkern geschürt werden.
Das Zusammenspiel von Genetik und Umwelt, von Anlage und
Erfahrung prägt unser Menschsein, unser Verhalten und
unser Denken. Daß die biochemische Ebene des
Gehirnstoffwechsels und die morphologische Ebene der
neuronalen Konnektivität durch Medikamente wie durch
Psychotherapie beeinflußt und verändert werden, war
gerade das Thema der Tagung. Daß Umwelteinflüsse das
kindliche Gehirn und damit seine Biochemie und
Konnektivität prägen, stellt niemand ernsthaft in Frage.
Jedoch, daß Kinder sich durch angeborene
Verhaltensdefizite selbst das schwierige Umfeld schaffen,
unter dem sie dann zu leiden haben und Komorbiditäten
entwickeln, das scheint Herrn Hüther der Erwähnung
nicht wert. Ursache und Folge verwischt Hüther gerne,
ein Schelm, wer dahinter Systematik vermuten wollte.
Genetik und Umwelt prägen uns, auch wenn uns das
ideologisch nicht paßt.
· Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen deutlich, daß
genetische Faktoren erheblichen Einfluß auf
interfamiliäre Interaktion, Persönlichkeitsentwicklung
und Verhalten ausüben.
· Hüther stellt zu Recht hohe Ansprüche an die
Qualität der Verifizierung von bestehenden Theorien und
klinischen Beobachtungen. Es wäre zu wünschen, daß er
an seine eigene Person, seine Thesen, seine
wissenschaftliche Arbeit und seine eigene
Diskussionsfreudigkeit mit Fachkollegen ebenso hohe
Ansprüche stellte. Insbesondere die Meßlatte für
vorschnelle Presseverlautbarungen sollte er hoch legen.
Das schuldet er nicht nur seiner persönlichen Reputation
sondern auch der Sache und vor allem den Betroffenen, die
wirksam behandelt werden oder nach einer wirksamen
Behandlung dringendst suchen. Daß die analytisch
orientierte Psychiatrie ob Hüthers Thesen jubelt, ist
nicht zu verwundern.
Die Beobachtungen von Frau "Doris" sind doch
sehr aufschlussreich. Die Beantwortungen im Stile eines
Besinnungsaufsatzes, daß wohl doch "irgendeine"
Ursache für die Auffälligkeiten im Kga. "zuständig
sein müsste, zeigt das ganze Dilemma der Analytik.
Autorin "Lilly" bringt es auf den Punkt.
Hüther begibt sich genau in die Niederungen hinab, die
er bei seinen wissenschaftlichen - oder sind es
ideologische? - Gegnern kritisiert.
Ich denke, daß der Recht hat, der den leidenden Kindern
praktische Hilfe und Prognoseverbesserung anbieten kann.
Mal sehen, was die Zeit bringt und ob wir in ein paar
Jahren diese Sorte Diskussion noch zu führen brauchen.
An der Stelle hat die Analytik noch einiges an
Hausaufgaben nachzuholen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Rupert Filgis, Leiter der Selbsthilfegruppe für AD-HD
-Betroffene Kempten
Sehr geehrter Herr
Filgis,
vielen Dank für Ihre interessante Stellungnahme zu
HÜTHER. Lassen Sie mich zu einigen Ihrer Kritikpunkte
Stellung nehmen:
Zunächst einmal sehe ich nicht, wieso HÜTHER in dem
besagten Artikel eine jahrezehntelang bewährte Therapie
"diskreditiert". Kritisches Hinterfragen und
Entwicklung neuer theoretischer Sichtweisen bedeuten doch
keine Diskreditierung.
HÜTHER muss ja auch kein Kliniker sein, um als
Hirnforscher solche neuen Sichtweisen zu entwickeln und
den Klinikern vorzustellen.
Die von Ihnen behauptete
extreme Labilität des Aktivierungsniveaus bei ADHS mag
es ja geben, mir ist aber keine seriöse
wissenschaftliche Untersuchung bekannt, die dies
bestätigt hätte. Ihnen? Dann wäre ich für ein
entsprechendes Zitat sehr dankbar.
Sie haben Recht, wenn Sie für HÜTHERS These, eine
erhöhte Transporterdichte lasse auf ein genuin
überaktives Dopaminsystem schliessen, Beweise fordern.
Ich denke, diese zu erbringen wird die Aufgabe weiterer
Forschung sein, HÜTHER stellt ja als Ausgangsposition
erst einmal eine entsprechende (spannende) These auf.
Dass Sie den Wissenschaftler deshalb als Person
verunglimpfen, dient nicht einer sachlichen Diskussion,
finde ich.
Zu Ihren weiteren neurobiologischen Aussagen kann ich
mich nicht kompetent auslassen, ich hoffe aber, dass
HÜTHER dazu hier selbst Stellung beziehen wird. Ich habe
ihn darum gebeten.
Was Sie zu Lindau ausführen, steht ja in keiner Weise im
Kontrast zu HÜTHER, im Gegenteil. Die Wahrnehmung des
Zusammenspiels von Genetik und Umwelt erfährt u.a. durch
ihn nur wieder einmal eine nicht unwesentliche
Richtungskorrektur: etwas weg von der medizinalistisch-biologistisch-genetischen
Postion, wieder näher hin zur Betonung des Umweltfaktors.
Für mich als Psychologen keine Neuigkeit, für die
Dikussion des biologistischen ADS-Konzepts und unsere
gesamte heutige Medizin durchaus bedeutungsvoll und
aufsehenerregend.
Sie schreiben, HÜTHER sei es keine Erwähnung wert, dass
sich Kinder durch angeborene "Verhaltensdefizite"
selbst das schwierige Umfeld schaffen, unter dem sie dann
zu leiden haben. Also hier täuschen Sie sich meiner
Meinung nach aber völlig, denn genau das sagt HÜTHER ja,
wenn er davon spricht, dass es von Geburt an besonders
neugierige, aufgeweckte und leicht irritierbare Kinder
gibt, die dann als Folge des unangepassten Umgangs mit
ihnen und als Folge ihrer "angeborenen"
Eigenarten bestimmte Hirnentwicklungen machen, die
später als ADS-typisch und (fälschlicherweise)
verursachend betrachtet werden. Erst aus dem fehlerhaften
Wechselspiel aus Genetik und Umwelt dieser Kinder
entstehen nach HÜTHER die späteren Verhaltensstörungen.
Für mich als Klinischen Psychologen ist dies, wie gesagt,
schon immer sozusagen eine Binsenweisheit. Es gibt schon
immer "von Geburt an" schwierigere Kinder als
andere, die dann aber deshalb, weil sie in eine
anpassungsfähige Familie geboren werden, keine oder nur
geringe Verhaltensstörungen entwickeln; und es gibt
umgekehrt von Geburt an unproblematische Kinder, die
später massive Verhaltensstörungen zeigen, weil sie in
ihrer Familie traumatisierende Verhältnisse erleben. Und
zwischen diesen Extremen gibt es natürlich alle
denkbaren Mischformen.
Ich finde, es tut der Diskussion um ADS sehr gut, den
Milieufaktor stärker zu gewichten, als es bisher
geschehen ist.
Mit freundlichem Gruß, H.-R. Schmidt
28.12.2001
Bin etwas
verbittert...
Hallo zusammen,
habe gerade wieder ein Kind im Heim aufgenommen, das
jahrelang mit Ritalin an seinen erbärmlichen
Familienverhältnissen vorbeikuriert wurde. Und das zu
Weihnachten. Mich hat das wieder so wütend und traurig
gemacht.
Ich möchte mal was Überspitztes aber Wahres beisteuern:
ADHS ist in vielen Fällen nichts anderes als eine
Pseudobegründung für Ritalin/Medikinet! Um an die
Psychopharmaka zu kommen, braucht man eine "Diagnose",
eine "Krankheit" (sonst wärs ja keine Medizin,
sondern bloß eine Droge). Vielen Eltern gehts gar nicht
um die Krankheit, sondern, wie sie an das Medikament
rankommen können. ADHS=Ritalin, heisst die Devise im
Alltag bei den Eltern. Wer Ritalin will, muss ADHS in
Kauf nehmen. Aber macht ja nix, hat ja auch was Gutes,
ist ja gar keine Krankheit, ist ja etwas Besonderes! Und
von wegen verantwortungslos: mit der Diagnose geht die
"wirkliche Verantwortung" ja erst richtig los!
Jetzt heisst es kämpfen gegen die ADHS-Gegner und
Ignoranten, jetzt muss die richtige Dosis gefunden werden,
und wie man mit rebounds umgeht und mit Appetitstörungen
und Wachstumsproblemen, mit "oppositionellem
Verhalten" und mit nächtlichen Albträumen, alles
vom ADHS...
So lügen sich die Leute dann darüber weg. Ich schlage
vor, Ritalin zu legalisieren und in jeder Drogerie frei
zu verkaufen. ADHS wäre sofort überflüssig. Aber
vielleicht tuts ja auch Rauchen oder Cola oder Algen...
Bin etwas verbittert.
Trotzdem Glückliches Neues Jahr und Ihnen, Herr Schmidt,
alles Gute,
Preiser
29.12.2001
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