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ADS-Bücher: Kritisch
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Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
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Das Verschwinden der Mädchen von der
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Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
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Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
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Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

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Quellensammlung

Böse Witze


"ADHS" und HOCHBEGABUNG?

Sehr verehrte Café-Holunder-Gäste,

häufig liest und hört man, dass mit "AD(H)S" diagnostizierte oder eingeschätzte Menschen besonders oder sogar hoch begabt seien, so, als wäre "ADHS" so etwas wie eine Elite-Klassifikation. Der ADSler sozusagen als eine besonders hoch und im positiven Sinne "anders" qualifizierte Menschenkategorie. In einem Internetforum teilt zum Beispiel eine "betroffene" Mutter mit, dass man ihr Kind in einer Klinik als "psychosomatisch gestört" eingestuft habe. Dagegen verwahre sie sich nun heftig, weil das ihr Kind stigmatisieren würde. Sie bestehe auf der Diagnose "ADHS" (als wäre das keine Störung).

Die Diagnose "ADHS" wird tatsächlich von nicht wenigen Eltern und Fachleuten derzeit nicht nur als kleineres Übel im Vergleich zu möglichen anderen Diagnosen angesehen. Sie wird darüber hinaus als Merkmal besonders hochwertiger Menschen ("Indigo-Kinder" etc.) propagiert. Und in diesem Kontext spielt auch die Vorstellung eine Rolle, ADSler seien häufig nicht nur besonders kreativ, sondern auch besonders intelligent. Es gibt sogar Internetseiten speziell für die Kombination Hochbegabung und ADHS, so, als gäbe es diese Kombination häufig. Auch Hartmanns romanesque Betrachtung der ADHSler als übriggebliebene "Jäger" gehört in diese Sparte der Idealisierungen. R.A. Barkley, der USA-ADHS-Guru, behauptet, dass "die meisten Kinder mit ADHS über eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz verfügen..."(1). Wenn wir von einer Normalverteilung der Intelligenz auch bei "ADHS"-Kindern ausgehen, ist diese Äusserung aber genau so gültig wie diese: Die meisten Kinder mit ADHS verfügen über eine durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Intelligenz. Oder auch: Die meisten verfügen über eine durchschnittliche Intelligenz. Oder: Die meisten verfügen über eine unterdurchscnittliche, normale oder überdurchschnittliche Intelligenz. Warum sagt Barkley das nicht?
An anderer Stelle widerspricht sich Barkley dann sogar selbst, indem er erklärt, dass "ADHS"-Kinder in Intelligenztests 7-10 IQ-Punkte bedeutsam schlechter abschneiden als "Nicht-ADHS"-Kinder (2).

Das muss natürlich nicht bedeuten, dass diese Kinder wirklich weniger intelligent wären. Sie könnten ja auch nur in ihrem Testverhalten beeinträchtigt sein. Aber wie soll man diese "wirkliche" Intelligenz bei Kindern messen?

Es gibt sicher teils unerkannt hochbegabte Kinder, die fälschlich mit "ADHS" diagnostiziert werden. Ihre reaktiven Verhaltensauffälligkeiten passen gut ins gegenwärtige ADHS-Diagnoseschema. Aber gibt es auch "ADHS"-Kinder, die ausserdem noch hochbegabt sind? Oder haben hochbegabte Kinder auch nicht-reaktive, sozusagen hochbegabungsimmanente Verhaltensauffälligkeiten, die der ADHS-Symptomatik gleichen? Gibt es Hochbegabung als Komorbidität von ADHS?

Hochbegabung können wir ganz pragmatisch als einen Intelligenzquotienten von 130 aufwärts definieren. Auf diese Weise sind im Sinne der Normalverteilung 2 Prozent von uns hochbegabt. "ADHS" soll es bei etwa 3 bis 5 Prozent, also im Mittel 4 Prozent, unserer Kinder geben. Wenn man beides (also ADHS und Hochbegabung) als voneinander unabhängige Merkmale betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Mensch beide Merkmale gleichzeitig in sich vereinigt, nach den Regeln der Kombinatorik also 0,02 mal 0,04 ist gleich 0,0008. Das bedeutet also, dass es unter 10 000 Kindern 8 hochbegabte ADHSler gibt. Nicht so häufig, oder?

Wenn jemand die These der Unabhängigkeit der beiden Merkmale nun aber in Zweifel zieht und behauptet, beide seien durch etwas Gemeinsames bedingt (Genetik?), dann kann er hierfür keinerlei wissenschaftlichen Beleg beibringen. Dass ADHS eine Hochbegabung oder umgekehrt Hochbegabung eine ADHS verursache, ist nirgends belegt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen ADHS und Intelligenz ist nicht belegbar.

Ich habe in meiner langjährigen klinischen Praxis noch kein einziges Kind kennengelernt, das ADHS plus Hochbegabung gehabt hätte. Ich habe aber schon einige kennengelernt, die teils unerkannt hochbegabt und fälschlich mit "ADHS" diagnostiziert worden waren.

Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, schreiben Sie doch mal, wie Sie es sehen.
Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
28.3.2003


(1) R.A. Barkley: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Hans Huber 2002, S. 84.
(2) R.A. Barkley: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Hans Huber 2002, S. 160

 

ADSM

ADSM („ADS“-Mania oder deutsch: -Manie) ist eine der neueren psychischen Erkrankungen des Erwachsenenalters, noch wenig beachtet und doch breitet sie sich seit einigen Jahren vermehrt aus. Betroffen sind häufiger Frauen als Männer, die Erstmanifestation liegt meist zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr, selten darüber oder darunter, mit einem Gipfel um das 30. bis 35. Lebensjahr. Die Erkrankung läßt sich in drei Stadien einteilen, mit fließenden Übergängen und unterschiedlicher Dauer der einzelnen Stadien.

Stadium I - „Die Suche“
Die Erkrankten kommen auf irgendeine Weise mit dem Phänomen „ADS“ in Berührung: sei es, daß das eigene Kind diese „Diagnose“ erhält, sei es eine Freundin mit „ADS, sei es ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht oder im Internet.
Die Erkrankten glauben nun, sich in den vielfältigen Symptomen des sogenannten „ADS“ wiederzuerkennen, und beginnen eine gesteigerte Suche nach Informationen über „ADS“. Eine erste Auswahl aus der unzähligen Flut an Information wird getroffen, eine Rangordnung der Quellen gebildet. Die ersten Anzeichen der selektiven Wahrnehmung treten auf, die in den weiteren Stadien noch extremer wird.

Affektiv ist dieses Stadium von der euphorischen Erleichterung begleitet, nun eine Erklärung für sämtliche Probleme der Vergangenheit und Gegenwart zu haben.

Stadium II - „Die Gewißheit“
Die Annahme, an „ADS“ zu leiden, ist zur subjektiven Gewißheit geworden. „ADS“ beginnt, zur eigenen Identität zu werden. Auch bei nahestehenden Personen in und außerhalb der Familie wird immer häufiger beobachtet, daß diese wohl auch von „ADS“ betroffen seien. Erste Konflikte entstehen in der Auseinandersetzung mit diesen Personen und anderen Auffassungen, was zu Aggressionen und Rückzug seitens der ADSM-Erkrankten führt.
Die selektive Wahrnehmung schreitet voran, es bildet sich eine eigene Auffassung von „ADS“ heraus, die bei den einzelnen ADSM-Erkrankten durchaus unterschiedlich sein kann. Gemeinsam ist ihnen jedoch, daß „ADS“ als eine schicksalhafte, grundlegende Andersartigkeit verstanden wird, die sich der eigenen und der Fremdverantwortung völlig entzieht.
Es werden Anstrengungen unternommen, die eigene Gewißheit offiziell werden zu lassen, es werden mit viel Mühen und Aufwand Ärzte gesucht, die eine „ADS“-Diagnose stellen. Meist ist das nach etlichen Versuchen auch erfolgreich, in der Regel bei einem Arzt/Psychologen, der selbst an ADSM erkrankt ist.
Oft erfolgt dann eine medikamentöse Behandlung mit Stimulantien, deren Erfolg dann als endgültige Bestätigung der Diagnose „ADS“ mißinterpretiert wird.

Affektiv herrscht in dieser Phase aggressive Verteidigung der eigenen Wahrnehmung vor. Ein Rückzug aus den gewohnten sozialen Beziehungen und eine Hinwendung an gleichermaßen ADSM-Erkrankten ist fast obligatorisch.

Stadium III - „Das Expertentum“
Die persönliche Auffassung von „ADS“ hat sich weiter verfestigt, die eigene Identität ist durch diese Auffassung bestimmt. „ADS“ ist zum Hauptlebensinhalt geworden, die Beschäftigung damit nimmt den größten Teil des Tages ein.
Dabei wird „ADS“ jetzt entpersonalisiert, es geht nicht mehr in erster Linie um sich selbst und um die eigene Familie, sondern um das Hineintragen der eigenen Vorstellungen in die Öffentlichkeit. Selbsthilfegruppen werden gebildet (real oder virtuell) und in der eigenen Berufstätigkeit wird „ADS“ zum alleinigen Schwerpunkt gemacht.
Die selektive Wahrnehmung und die Definition der eigenen Identität über „ADS“ ist soweit fortgeschritten, daß andere Auffassungen über „ADS“ nicht mehr reflektiert werden können, sondern entweder abgespalten oder aggressiv bekämpft werden.

Dieses Stadium ist insgesamt gekennzeichnet von einer Einengung: die affektiven Äußerungen sind genauso starr und stereotyp wie die kognitiven. Eine „ADS“-unabhängige Reflexion der eigenen Befindlichkeit, der eigenen Handlungen und Denkmuster ist kaum mehr möglich.

Behandlung und Prognose:
Die Behandlung (geeignet wäre am ehesten eine kognitive Therapie) gestaltet sich äußerst schwierig aus zwei Gründen:

1.) Es besteht keine Krankheitseinsicht und ein eventueller Leidensdruck wird krankheitsimmanent dem „ADS“ zugeordnet.
2.) Die ebenfalls ADSM-immanente Rückzugstendenz und Konzentration auf gleichermaßen Erkrankte tragen zu einer weiteren Verfestigung des Krankheitsbildes ADSM bei.

Demzufolge ist die Prognose auch sehr ungünstig, obwohl durchaus Spontanheilungen zu beobachten sind, allerdings selten in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung.

Gruß von Kim
28.3.2003

 

Sagen Sie bloß: Sie interessieren sich ernsthaft für ADS und haben das Buch "Die Ritalingesellschaft" von DeGrandpre immer noch nicht gelesen? Dann hier eine kleine Leseprobe:

Eine Kultur der Vernachlässigung

"1990 schrieb der berühmte Kinderexperte und Familienforscher Urie Bronfenbrenner: »Neuere Untersuchungen zeigen, dass die wachsende Instabilität und Unbeständigkeit sowie der hektische Charakter des Alltagslebens die zerstörerischsten Faktoren im Leben von Familien und ihren Kindern darstellen. In Ermangelung von guten unterstützenden Systemen und Hilfseinrichtungen ist der von außen kommende Stress so groß geworden, dass selbst starke Familien auseinander brechen.«38 Diese Veränderungen sowohl in der Natur der Familie als auch in der Lebensentwicklung der Kinder spiegeln, was wir hier als Kultur der Vernachlässigung bezeichnen wollen. Dabei handelt es sich um eine Kultur, in der die Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft zu einer alles umfassenden, dramatischen Steigerung an Arbeit und Stress geführt haben, zu einer konfliktgeladenen Umkehrung der Lebensprioritäten und zu einer zynischen Sichtweise dessen, was für uns, unsere Familien und die Gesellschaft als Ganzes möglich ist. In diesem Klima, in dem Millionen von Kindern die Medikamentierung mit einem starken Stimulans (Ritalin) »benötigen«, stehen sich Eltern und Lehrer zunehmend als feindliche Parteien gegenüber, die sich gegenseitig Vorwürfe machen oder diese abzuwehren versuchen."

"Die Tatsache, dass bestimmte Medikationen mit großer Sicherheit ADS-Symptome abstellen, bedeutet (nach Hallowell), dass diese Symptome ihre Wurzeln im physischen Bereich haben. Mit »Standardbehandlung« und »bestimmten Medikationen« meint Hallowell natürlich Ritalin, dessen Wirkung, wie er sagt, die biologische Basis von ADS beweise. Wenn dies der »bewegendste« Nachweis für ADS ist, dann gibt es in der Tat ein großes Problem. Zunächst einmal wissen alle Psychiater, dass Untersuchungen seit langem zeigen, dass Ritalin und andere Stimulanzien die gleichen Wirkungen auch bei Nicht-ADS-Kindern haben. Michael Rutter von der University of London, ein berühmter Spezialist für seelische Störungen bei Kindern, schreibt: »Stimulanzien ... verbessern meist die Konzentrationsfähigkeit und reduzieren die Aktivität bei allen Menschen, Kindern und Erwachsenen, unabhängig davon ob sie hyperaktiv sind oder nicht.«

Wenn den meisten Kindern durch die Einnahme von Ritalin »auf spektakuläre Weise geholfen« wurde, heißt dies, dass die meisten von ihnen ADS haben? Natürlich nicht. Die Tatsache, dass Ritalin starken Einfluss auf das Verhalten von Kindern hat, bei denen ADS diagnostiziert wurde, hat keine Aussagekraft über die Existenz irgendeiner Hirnstörung. Tatsächlich werden wir im übernächsten Kapitel sehen, dass Untersuchungen nicht nur scheitern, wenn sie die Einzigartigkeit der Wirkung von Ritalin nachweisen wollen, sondern überdies zeigen, dass diese Wirkungen keineswegs dauerhafte Verbesserungen in den schulischen Leistungen oder im sozialen Verhalten garantieren.

Die Einnahme von Ritalin als diagnostisches Mittel zur Feststellung von ADS als biologischer Störung zu benutzen führt zu einer logischen Schieflage, unter der ein großer Teil der heutigen Psychiatrie leidet. Aufgrund der verbreiteten Praxis, psychische Probleme mit der Einnahme von Medikamenten »ruhig zu stellen« — von Psychosen über Depressionen bis hin zu Angst und ADS —‚ gibt es eine starke Neigung innerhalb der Psychiatrie, so zu argumentieren, als ob diese Medikamente ein Beweis für die biologische Grundlage jener Erkrankungen seien. Medizinische Wissenschaftler haben diese Art der Beweisführung oft als Logik ex juvantibus kritisiert, was bedeutet, dass solche Schlussfolgerungen unbedenklich von den Wirkungen des Medikaments auf die Ursache der Störung schließen. Da Medikamente aber keine isolierte oder präzis festlegbare Wirkung haben, können sie auch niemals die Quelle oder Ursache der Erkrankung aufzeigen. Alvin Pam, Professor der Psychiatrie, macht dies deutlich:

»Die Wirkung eines Medikaments beweist mitnichten, dass eine seelische Störung biochemisch determiniert ist. Zum Beispiel hilft Aspirin gegen Kopfschmerzen, weswegen aber niemand behaupten wollte, dass Kopfschmerzen durch einen >Aspirin-Mangel< verursacht würden.«

All das legt die Vermutung nahe, dass viele Psychiater und Kinderärzte kaum wissen, auf welche Weise Ritalin, ein Stimulans, Kinder beruhigt. Vielmehr überraschen mich als ausgebildeten Psychopharmakologen häufig die phantasievollen Erklärungen, die Ärzte auf diese Frage geben. Tatsache ist, dass die Wirkungen eines Medikaments, ob es nun aus »therapeutischen Gründen« oder aus »Freizeitgründen« genommen wird, eine große psychische Komponente haben. Zum Beispiel gibt es hinreichende Belege dafür, dass der »Trip«, das »Hochgefühl« oder die »Euphorie«, die von einer Droge ausgelöst werden, von Person zu Person variiert und dass sie durch die psychische Situation des Benutzers — einschließlich des Grundes für die Einnahme und der Erwartung davon — radikal verändert werden können. In einem Artikel des Scientific American wurde berichtet, dass regelmäßige Kokainbenutzer im Blindversuch zwischen Kokain und Koffein nicht unterscheiden konnten, ein Ergebnis, das erklären hilft, wie Ritalin pharmakologisch sehr ähnlich dem Kokain (und Amphetamin) wirken kann, ohne zugleich Sucht bei seinen Benutzern zu erzeugen."

Aus: Richard DeGrandpre: Die Ritalingesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Beltz 2002.
4.4.2003

 

Sehr geehrter Herr Schmidt,

News and Pictures ist eine Fernsehproduktionsfirma, die das wöchentliche Wissensmagazin Planetopia produziert. Ausstrahlung: jeden Sonntag 22: 45 - 23: 30 Uhr, SAT 1. Weitere Informationen finden Sie unter
www.planetopia.de

Wir planen einen Beitrag zum Thema Schreibabies. Gerne würden wir in diesem Beitrag über eine (eventuelle) Verbindung von Schreibabies und hyperaktiven Kindern berichten. Können Sie mir in diesem Punkt mit Informationen weiterhelfen? Ich bin im Internet auf einen Ihrer
Artikel gestossen, der dieses Thema anreisst. Wer in Deutschland hat eventuell schon auf diesem Gebiet gearbeitet (wissenschaftliche Studie)?

Über ein kurzes feed-back würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüssen aus Mainz
Annette Bieber
News and Pictures
Redaktion Planetopia


Hallo Frau Bieber,
vielen Dank für Ihre Anfrage! Nicht alle Schreibabies werden später zu hyperaktiven Kindern, aber unter hyperaktiven Kindern findet man aus meiner Erfahrung überzufällig viele ehemalige Schreibabies. Ich kenne dazu allerdings derzeit keine seriöse wissenschaftliche Studie. Man müsste dazu ja Schreibabies jahrelang beobachten und etwa im Alter von 6 Jahren aufwärts
"ADHS" bzw. Hyperaktivität diagnostizieren. Das wäre dann eine prospektive Studie mit einigem Aussagewert. Ich glaube aber, solch eine Studie gibt es derzeit noch gar nicht. Was man derzeit aber stattdessen leider wieder macht ist, aus dem Umstand, dass hyperaktive Kinder früher nicht selten Schreibabies waren, den unzulässigen Umkehrschluss abzuleiten, angeblich
angeborenes "ADHS" verursache Schreibabies und später hyperaktive Kinder und Erwachsene. Wie gesagt, dieser Schluss ist wissenschaftlich unzulässig. Es gibt sicher viele unterschiedliche Gründe für ein "Schreibaby". In den meisten Fällen handelt es sich um eher unspezifische neurobiologische Reifungsprobleme der Babies, die sich "auswachsen". Reaktive Verhaltens- und
Beziehungsprobleme zwischen Eltern und Schreibaby  können aber daraus sicherlich erwachsen, wenn es den Eltern an der nötigen Gelassenheit im anstrengenden Umgang mit dem Schreibaby mangelt.  Das bedeutet, dass man bei hyperaktiven Kindern, die ehemalige Schreibabies waren, gar nicht ohne Weiteres sagen kann, ob die Hyperaktivität aus dem Merkmal "Schreibaby" resultiert, oder aus solchen reaktiven Verhaltens- und Beziehungsstörungen, oder aus Beidem. Viele hyperaktive Kinder waren ja auch keine Schreibabies, was angesichts der Unspezifität des Syndroms "ADHS" auch nicht weiter verwundert.

Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
6.4.2003

 

ADS-Diagnosebögen taugen nichts!

Was wir schon immer gesagt haben: ADS, die unmögliche Diagnose! Es gibt nach wie vor keinen ADS-Test, kein einheitliches, überzeugendes Diagnose-Vorgehen. Jeder macht es etwas anders, keiner so wie der andere. Was dabei wirklich und wie exakt und gültig gemessen wird, weiss im Grunde niemand. Die Zuverlässigkeit und Gültigkeit der gängigen Diagnoseinstrumente ist dabei zweifel- und fehlerhaft.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie fragen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof 5 Bahnbedienstete, wann der nächste ICE nach Köln fährt, und Sie erhalten 5 unterschiedliche Auskünfte. Sie würden sicher zur Überzeugung kommen, dieses Frage-Antwort-Verfahren sei unzuverlässig. Sie würden vielleicht lieber selber auf den schriftlichen Fahrplan schauen, um eine zuverlässige Auskunft zu erhalten. So ähnlich verhält es sich mit den gängigen Einschätzskalen bei der Diagnostik von ADHS - mit einem bedeutsamen Unterschied: Es gibt keinen zuverlässigen "Fahrplan", auf dem Sie selber nachsehen könnten!

Die australischen Forscher Gomez R, Burns GL, Walsh JA, de Moura MA. haben nun in gleich zwei anspruchsvollen Studien nachgewiesen, dass die üblichen Einschätzskalen, die bei einer ADS-Diagnostik sehr oft von Eltern und Lehrern ausgefüllt werden müssen, nicht viel taugen. Eltern und Lehrer beurteilten mit Hilfe solcher gängiger Ratingskalen ihre Kinder bzw. Schüler, in Studie 1 ganze 1475 australische und in Studie 2 insgesamt 285 brasilianische Grundschüler. In beiden faktorenanalytischen Studien zeigte sich sehr deutlich, dass von Seiten der Beurteiler (Lehrer, Eltern) so starke Unterschiede und Fehlerquellen ausgingen, dass kaum Hinweise auf die für eine gültige Diagnose notwendige übereinstimmende und unterscheidende Funktion dieser Schätzskalen zu finden waren. Kurz gesagt: Diese Schätzskalen sind durch Vorurteile, Schätzfehler und subjektive Einflüsse auf der Seite der Beurteiler bzw. der Skalen selbst dermaßen störanfällig, dass sie für eine gute Diagnostik einfach nicht viel taugen.

Angesichts der Masse von Kindern, die bisher unter Anwendung solch ungenauer Testinstrumente diagnostiziert wurden, wundert einen gar nichts mehr, wenn man beobachtet, welch stark unterschiedliche Störungsbilder Kinder zeigen, die die Diagnose AD(H)S teilen. Der Einwand, solche Schätzskalen würden ja nie allein eine Diagnose begründen, sondern eine Kombination verschiedener Verfahren, würde nur dann etwas aus der Misere helfen, wenn diese anderen Verfahren zuverlässiger und gültiger wären als die hier behandelten Schätzskalen. Aber daran sind ebenfalls starke Zweifel erlaubt. Viele unzuverlässige oder ungültige Testverfahren zusammen bilden natürlich erst recht keine gute Diagnosegrundlage.

H.-R. Schmidt
7.4.2003

Gewissensfrage 9
Wie ist Ihre Meinung?
Die Fachleute G. Hüther und H. Bonney raten: Eltern sollten die Diagnose ADHS anzweifeln.
Ich stimme nicht zu 158 66,95 %
Ich stimme zu 76 32,20 %
Ich bin unsicher 2 0,85 %
Gesamtbeteiligung: 236

Bitte beachten Sie auch alle früheren Gewissensfragen. Sie ergeben ein überraschendes Bild der Meinungen zu ADHS.

Jeder Dritte hält den Rat der Fachleute für richtig. Für die Besucher einer ADS-website erstaunlich viele, finden wir.

© Café Holunder 2003


A. Ornoy:
Umwelteinflüsse und Entwicklungsstörungen
Die Bedeutung intrauteriner und postnataler Einflüsse auf neurologische Entwicklungsstörungen: Neurologische Langzeitstudien bei Kindern mit Entwicklungsstörungen.

Verschiedene Forscher haben im Tierversuch bereits gezeigt, dass günstige Umweltbedingungen die Hirnentwicklung positiv beeinflussen. Auch bei Kindern, die von Müttern mit niedrigem sozioökonomischem Status geboren wurden, konnte der positive Effekt einer anschließend günstigeren Umwelt gezeigt werden. Unbekannt ist aber noch, in welchem Umfang günstige Umweltbedingungen die Entwicklung von Kindern mit leichten frühkindlichen Hirnstörungen fördern können.

In der vorliegenden Studie wurden Vorschul- und Grundschulkinder, die von heroinabhängigen Eltern geboren wurden und zu Hause aufwuchsen oder früh adoptiert wurden, mit Kindern aus schlechten sozioökonomischen Verhältnissen und einer Kontrollgruppe prospektiv verglichen. Weiterhin wurden Grundschulkinder einbezogen, deren Mütter unter einer schon vor oder erst während der Schwangerschaft vorhandenen Diabetes litten, und eine Gruppe von Frühgeborenen (weniger als 1500 g Geburtsgewicht).

Es zeigte sich, dass von heroinabhängigen Eltern geborene Kinder und Kinder aus ungünstigen sozioökonomischen Verhältnissen verglichen mit der Kontrollgruppe geringere intellektuelle Fähigkeiten und ein höheres Maß an Unaufmerksamkeit zeigten. Dies hielt bis in ihr Schulalter an. Früh adoptierte Kinder von heroinabhängigen Müttern, die in günstigen Umweltbedingungen aufwuchsen, zeigten normale intellektuelle Fähigkeiten, aber deutlich mehr Unaufmerksamkeit und Verhaltensprobleme, verglichen mit der Kontrollgruppe. Bei Schulkindern zeigte sich außerdem, dass Kinder mit der Diagnose ADHS in der Gruppe der heroinabhängigen Eltern -auch, wenn sie früh adoptiert wurden- , sowie in der Gruppe der Eltern mit niedrigem Status sehr deutlich überwogen. Ähnliche Ergebnisse, die den starken Einfluss einer postitiven Umwelt zeigten, ergaben sich bei Kindern diabetischer Mütter. Hier bestand ein direkter Zusammenhang zwischen den intellektuellen Fähigkeiten der Kinder und der elterlichen Erziehung. Auch bei den Frühgeborenen war der Einfluss elterlicher Erziehung auf die kognitive Entwicklung der Kinder von ausschlaggebender Bedeutung, nicht aber die Geburtskomplikationen selber.

Zusammenfassend zeigte sich bei allen Kindern mit hohem Entwicklungsrisiko die ausschlaggebende Bedeutung der postnatalen Umwelt auf die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder, nicht aber auf ihre motorischen Fähigkeiten oder ihre Aufmerksamkeitsspanne. Letztere waren eher intrauterin bedingt. Aber auch in diesen Fällen verbesserte eine günstige Umwelt die Entwicklung deutlich.

Intrauterine und postnatale Umwelteinflüsse stehen also in klarem Zusammenhang mit Entwicklungsstörungen bei Kindern, einschließlich "ADHS". Sehr interessant ist die Stützung der Annahme, dass Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit durchaus nicht genetisch, sondern durch schädigende intrauterine Umwelteinflüsse bedingt sein können.

Quelle: A. Ornoy

Preiser
13.4.2003

 

Als in den Foren noch diskutiert werden durfte...

Waren das noch Zeiten, gell? Aber mittlerweile haben sich die ADS-Stalinisten durchgesetzt und überall für die erwünschte Gleichschaltungslangeweile, Zensur oder Forenschließung gesorgt. Sie sorgen sogar schon dafür, dass Fernsehsender ADS-Beiträge verschieben, weil sie ihnen nicht in die Ideologie passen. Der Flachgeist grassiert. Bei den hüpies liest man zum Beispiel folgende geistigen Hochergüsse:

sülke:"ich bestreite das schöne wEtter und werde es einfach nich tzur Kenntnis nehmen!"
Mimi: "Hi Sylke, also d a s ist doch nun gaaaaaaaaanz typisch und unfehlbar ADS ;-) "
sülke: "nö, das ist kreativ.........................................................................................!"
(Bitte die Punkte zählen und an Café Holunder schicken. Richtige Antworten werden mit einem Hochbegabtentest belohnt).
sülke: "
irgendwie nix mehr los hier"
sülke: "
nachdem Maschine ienfach meinen Text fraß... Absatz Absatz und gut ist."
sülke: "muß einfach mal selbst versucht. Also hier Absatz: und hier nächster Absatz: undnoch einer: Das sollte reichen."
sülke: "SCheiß...geht nicht. O Micha! Ändern, ich geh sonst kaputt... ;-)"
Michael: "Ich werde um die Osterzeit einen Versuch unternehmen, die Foren auf einen Stand zu bringen, wo Absätze wieder erscheinen".
Elisabeth (himmelblau): "
Ist alles pfutsch?"
Michael: "
Die Absätze werden verschluckt, das Verzeichnis sieht merkwürdig aus. Da ist man mal wieder in der Probierphase und wurstelt etwas verlegen vor sich hin."
Ute: "Wildbret hat ein neues Forum eröffnet. Da isses auch schön.
"
Michael: "Morgen spiele ich das Brett neu auf, bis dahin etwas Geduld. Die Beiträge werde ich allerdings nicht archivieren, das lohnt sich soweit noch nicht."

Recht hat er! Ostern also als die Zeit der Wiederauferstehung der Absätze. Soweit die hüpies, wo Kritiker an den Pranger gestellt werden wie im Mittelalter. Während in einem anderen mageren Forum Rentenfachmann und Hobbypsychologe Hans wieder mal die beleidigte Leberwurst spielt und dem desinteressierten Rest der Welt bekannt gibt, dass sein Kind zwar ein Retortenbaby, aber trotzdem ein ADSler sei, blüht im Daggi-Forum nach wie vor die Paranoia. Ein Poster hatte von seinem Sohn erzählt und nach nichtmedikamentösen Behandlungserfahrungen gefragt. Das machte ihn natürlich sofort verdächtig.

Dagmar: "Falls es deinen Sohn tatsächlich geben sollte, empfehle ich dir das ADS-Buch von ..."
Sammy: "Hallo, kann mich dem Beitrag von Dagmar nur anschließen. Ich finde es sehr suspekt.
"
Aufpasser: "es geht mich ja nichts an, aber es wirkt irritierend, dass Sie sich Jens Schwarz nennen und mit RainerSchmitz unterschreiben"
ClaudiaRoth: "Ein schwaches Forum, in dem man nicht sachlich argumentieren darf."
Aufpasser: "Dieser Beitrag entspricht nicht den Forumsregeln."


Ansonsten teilt die schwedische Andrea der Weltöffentlichkeit noch mit, dass ihr Ehemann ein (sicher genetisch bedingter) Idiot sei. Und dann wird über Werbung diskutiert und so getan, als mache man keinerlei Unterschied, für was geworben wird. Es fehlte nur noch, dass unser lieber kleiner Bernhard dazu mitteilen würde:

Unerlaubte Werbung ist, wenn man auf kommerzielle Seiten verweist:

Weitere Infos zu ADS / HKS unter
http://hakaffee.de
Elferratstrainings unter
http://elferratstraining.de
Klasenprävention unter
http://gewaltigepraeservation.de
(noch in Arbeit)
Lieben Gruß, Bernhard

Ulli
15.4.2003

 

Und wieder:
Die Wirkung von Methylphenidat (z.B. Ritalin) bei "normalen" und bei "ADHS"-Kindern

Die USA-Forscher JL. Rapoport und G. Inoff-Germain stellen in diesem kurzen Bericht über den neuesten Forschungsstand fest, dass man seit der Entdeckung der Stimulanzienwirkung auf hyperkinetisches Verhalten durch Bradley und Bowen im Jahre 1941 fast ausschließlich hyperkinetische Schulkinder untersucht hat. Weil Stimulanzien, die allgemein als das Gehirn anregende Mittel gelten, bei diesen Kindern aber beruhigend wirkten, wurde ihre Wirkung als "paradox" bezeichnet.

Forschungen der Methylphenidatwirkung bei gesunden Kindern und Jugendlichen und bei solchen mit von "ADHS" unabhängigen Störungen (z.B. psychoreaktive Verhaltensstörungen) sowie bei jungen Erwachsenen machen aber deutlich, dass Stimulanzien bei gesunden und bei hyperkinetischen Menschen sehr ähnliche Wirkungen auf das Verhalten haben.

Auf diese Erkenntnis haben wir hier im Café Holunder immer schon hingewiesen (1; 2; 3; sowie hier auf dieser Seite DeGrandpre). Die hirnphysiologische Wirkung von Methylphenidat mag sich bei verhaltensgestörten bzw. ADHS-Kindern im Vergleich zu gesunden unterscheiden (Moll u.a.), das resultierende Verhalten ist dennoch sehr ähnlich und lässt keinen diagnostischen Rückschluss zu. Der von Moll u.a. gefundene Unterschied belegt denn auch nur die je nach Hirnfunktion unterschiedliche physiologische Stimulanzienwirkung, ohne auch nur ansatzweise eine Aufklärung des allgemeinen kausalen Zusammenhangs zwischen Hirnfunktion und Verhalten liefern zu können.

Die Erkenntnis, dass Stimulanzien praktisch in jedem Fall, ob gesund oder gestört, eine vergleichbare verhaltensändernde Wirkung haben, ist von sehr großer Bedeutung bei "ADHS". Nach wie vor glauben Eltern und (leider auch) Fachleute nämlich, dass Ritalin eine spezifische Medizin für "ADHS" sei. "Wenn mein Kind ADS hat, ist Ritalin die richtige Medizin", liest man in Internetforen. So, als würde man sagen, ich habe Kopfschmerzen, also ist Aspirin die richtige Medizin. Dass Kopfschmerzen (so wie "ADHS") sehr viele Ursachen haben können (bei Kopfschmerz z.B. von Stress bis Hirntumor), wäre gleichgültig: Hauptsache Aspirin hilft!

Nach wie vor glaubt man, dass die medikamentöse Wirkung die Diagnose "ADHS" bestätige. Diese Denkweise ist zwar ebenso albern wie die Behauptung, Aquavit oder Weizenkorn seien die spezifische Medizin bei psychoreaktiven Depressionen, sie steckt aber in den Köpfen drin und wird von ADS-Funktionärskreisen fleissig weiter verbreitet. Wer daran zweifelt, gilt in Ermangelung echter Argumente sofort als Scientologe. Rufschädigung also anstelle wissenschaftlich korrekter Information.

Mein Fazit: Stimulanzien wie Ritalin sind für alle Menschen, also auch Kinder, prinzipiell nichts Anderes als Aquavit, Weizenkorn, Heroin, Kokain oder Klosterfrau Melissengeist: Sie erleichtern, heitern auf, "bereichern" vorübergehend die Seele und das Leben, regen an, schärfen vorübergehend künstlich (und einseitig) einige (andere nicht) Sinne. Für die wirklich ernsthafte und dauerhafte Alltags-Lösung der Entwicklungsprobleme unserer Kinder eignen sie sich aber wohl kaum. Im Gegenteil: sie schaden meistens, weil sie künstlich-pharmakologisch ruhigstellen und so von realen Verbesserungen für unsere Kinder und von der ernsthaften Lösung ihrer seelischen Probleme abhalten.

Kornelius L.
16.4.2003

 

AD(H)S-Vorbeugung (2)
Das Baby beim Psychoanalytiker
Watch, Wait and Wonder

Die klinische Beschäftigung mit Kleinkindern in ihren ersten drei Lebensjahren hat in den letzten zehn Jahren einen wahren Boom erlebt. Sprechstunden und Therapien für Säuglinge mit «Regulationsstörungen» entstanden an vielen Orten. Unstillbares Schreien, Schlaf-Rhythmusstörungen und Essstörungen sind die häufigsten Symptome, derentwegen Eltern ihre Säuglinge in solche Sprechstunden bringen. Auf diesem Gebiet besteht ein großer Nachholbedarf, denn solche frühen funktionellen Störungen wurden in der Kinderheilkunde lange zu wenig beachtet und mit verharmlosenden diagnostischen Kategorien, wie beispielsweise «Drei-Monats-Koliken», abgetan. Erst neuere Arbeiten (z.B. Papousek, 1999) haben im deutschen Sprachraum auf die Bedeutung dieser Symptome für die Kindesentwicklung hingewiesen. Unter Kindern mit der Diagnose "AD(H)S" finden sich überzufällig häufig solche frühkindlichen Störungen, so dass deren frühzeitige Behandlung eine sehr gute Prävention gegen vieles von dem sein dürfte., was heute in den diagnostischen Sammeltopf "AD(H)S" fällt.

Eine dieser Therapien, die bereits auf eine längere Entwicklung und empirische Prüfung bauen kann, ist die "Watch, Wait and Wonder (Zuschauen, Warten und sich Überraschen lassen)" genannte Methode von N.J. Cohen, E. Muir und M. Lojkasek. Es handelt sich um ein psychoanalytisch, vor allem bindungstheoretisch begründetes, kindzentriertes Psychotherapieprogramm zur Behandlung gestörter Mutter-Kind-Beziehungen (bzw. Vater-Kind-Beziehungen). Man kann damit bei Säuglingen ab 4 Monaten beginnen.

Die Therapie findet auf einer schweren blauen Kunststoffmatte statt, auf der eine kleine Auswahl altersgerechtes Spielzeug bereitliegt. Die Mutter (oder der Vater) erhält eine allgemeine Anleitung zum Spielen mit dem Baby, wobei sie (er) folgende Regeln einhalten muss:

sich auf den Boden niederlassen;
sich vom Kind leiten lassen;
selbst keinerlei Aktivitäten initiieren;
in jedem Fall reagieren, wenn das Kind Initiative ergreift, aber die Aktivität unter keinen Umständen selbst übernehmen;
das Kind frei erkunden lassen: Das Kind kann alles tun, was es möchte, solange es nicht gefährlich ist;
---«Watch, Wait and Wonder» im Hinterkopf haben.

Die eine Hälfte der Sitzung wird dafür verwendet, daß die Mutter ungefähr 20 bis 30 Minuten lang an diesen Aktivitäten teilnimmt. Die Psychotherapeutin schaut Mutter und Baby interessiert zu, ohne einzugreifen oder irgendwie zu lenken. Genauso wenig, wie die Mutter das Baby lenken soll, lenkt die Psychotherapeutin beide. Die Initiative geht ganz allein vom Baby aus. Anschließend besprechen Mutter (Vater) und Psychotherapeutin ihre Erfahrungen und Eindrücke. Im Durchschnitt 14 solche Sitzungen im Zeitraum von ca. 5 Monaten dauert eine solche Therapie, und schon in der ersten oder zweiten Sitzung ergeben sich oft erstaunlich rasche Fortschritte und Einsichten. Hier ein kleines Beispiel aus einer solchen Therapie:

Beim Vorstellen beschrieb Frau G. ihren 9 Monate alten Sohn Sam als «zu passiv». Sie war besorgt, daß er nicht reagiere, sehr passiv und zu ruhig sei und «nie spielt». Die hier beschriebene Sequenz des Spiels von Mutter und Kind fand während des 15minütigen freien Spiels statt, das Teil des Vorstellungsgesprächs vor der Behandlung ist. Sam saß ruhig auf der blauen Matte, die Beine weit auseinander, um das Gewicht zu halten, und seine Hände blieben an seiner Seite. Frau G. initiierte das Spiel, indem sie den Hörer eines Spielzeugtelefons an sein Ohr hielt und fragte: «Weißt du, was das ist?» Als er sich abwandte, ging sie hinüber auf seine andere Seite, d. h. dorthin, wo er nach ihrer Annahme hinschaute, und schob ein kleines Auto zu ihm hin. Sam wandte sich wieder ab. Frau G. zeigte ihm danach mehrere Spielzeuge nacheinander in schneller Abfolge - ein Kunststofftier, eine Puppe, einen Bauklotz usw. Bei jedem Spielzeug sagte sie: «Na, wie wäre es damit?» oder «Wie gefällt dir das?» mit sanfter, aber angespannter Stimme, die dazu dienen sollte, ihn zum Spielen zu bewegen, die aber auch ihre Angst verriet. Er benahm sich weiterhin passiv, er reagierte auf keinen der Versuche seiner Mutter, ihn zu motivieren, und gab die ganze Zeit keinen Ton von sich. Schließlich, als er einen ganzen Korb voll Spielzeug präsentiert bekam, griff er zögernd hinein und wählte ein Nudelholz aus. Frau G. nahm ihm das Nudelholz sofort aus der Hand, begann es auf dem Boden zu rollen und sagte: «Willst du das anschauen?» Sam fiel zurück in seinen ausdruckslosen Zustand und griff nicht mehr in den Korb. Er schaute verdutzt erst auf seine Mutter, dann auf das Nudelholz, ohne sich zu bewegen oder einen Laut von sich zu geben.

Nachdem Frau G. die «Watch, Wait and Wonder» - Instruktionen erhalten hatte, setzte sie sich an den Rand der blauen Matte, beugte sich mit Interesse nach vorne und schaute Sam zu. Obwohl sie nicht angewiesen wurde, wohin sie sich setzen solle, wählte Frau G. eine Position, die so weit weg war, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, ein Spiel zu initiieren, ohne näher an Sam heranzurücken. Zu Beginn saß Sam in seiner ruhigen, unbewegten Stellung und bewegte den Blick zwischen seiner Mutter und dem Spielzeug. Er schien uns etwas verblüfft zu sein über die Veränderung im Verhalten seiner Mutter. Schließlich, nach ewig lang erscheinenden 30 Sekunden, stellte er sich auf Füße und Hände und begann zögernd, die Spielzeuge zu erkunden, von denen er nur einige Zentimeter entfernt gesessen hatte. Dann wählte er ein Spielzeugtier aus und schwenkte es hin und her, während er ausgiebig vor sich hin lallte. Danach legte er das Tier wieder auf die Matte. Nach einer Pause, während der er ruhig dasaß und wiederholt seine Mutter ansah und dann wieder weg schaute, begann er wieder zu krabbeln. Nun unternahm er in weiterer Entfernung Erkundungen und nahm nacheinander verschiedene Spielzeuge auf, als ob er die Vielfalt der Möglichkeiten prüfen wollte, bevor er eine spezifische Aktivität begann. Die ganze Zeit gab er zufriedene Laute von sich.
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Literatur:

Benoit, D., Zeanah, C.H., Boucher, C. & Minde, K.K. (1992): Sleep disorders in early childhood: Association with insecure maternal attachment. In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 31, 86-93.
Bowlby,
J. (1988): A secure base: parent-child attachment and healthy human development. Basic Books, New York.
Cohen,
N.J. et al. (im Druck): Six month follow-up of two mother-infant psychotherapies:
Convergence of therapeutic outcomes. In: Infant Mental Health Journal.
Cramer
, B., er al. (1990): Outcome evaluation in brief mother-infant psychotherapy: A
preliminary report. In: Infant Menral Health Journal, 11, 278-300.
DeGangi
, G.A. & Greenspan, ST. (1997): The effectiveness of short-term interventions
in the treatment of inattention and irritability in toddlers. In: Journal of Development and Learning Disorders, 1, 277-298.
Muir,
E., Lojkasek, M. & Cohen, N. (1999): Watch, Wait and Wonder: A manual describing a dyadic infant-led approach to problems in infancy and early childhood. Hincks Dellcrest Institute, Toronto, ON.
Papousek,
M. (1999): Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Enstehungsbedingungen im Kontext der Eltern-Kind-Beziehung. In: Oerter R. u.a.: Klinische Entwicklungspsychologie. PVU, Weinheim.

Quelle: N.J. Cohen, E. Muir und M. Lojkasek: Watch, Wait and Wonder: Ein kindzentriertes Psychotherapieprogramm zur Behandlung gestörter Mutter-Kind-Beziehungen. In: Kinderanalyse 11, Heft 1, 2003, S. 58-79. Aus diesem Artikel ist auch das Therapiebeispiel zitiert.

MfG, Dörte
21.4.2003

 

Liebe Gäste,
das Programm des K.I.S.S.
- Schulkongress 2003 in Koblenz liegt nun komplett vor. Zum Thema ADS können Sie dort einige Persönlichkeiten live erleben, deren Auftritt bei arte-tv am 29.4.2003 einigen ADS-Funktionären und -ideologen soviel Angst gemacht hat, dass sie den Sender unter Druck setzten (nicht ohne wieder alberne Scientology-Verleumdungen zu streuen). Mit an der Spitze wie immer der notorische Tierarzt Rupert Filgis aus Ottobeuren, der sich "Pressereferent" eines ADS-Vereins nennt.

arte-tv teilte uns mit, den vorerst verschobenen ADHS-Themenabend auf jeden Fall später zu senden. Die hektischen und entlarvenden Aktivitäten der ADS-Lobby, die sicher auch jetzt schon wieder hinter den Kulissen gegen den K.I.S.S.-Kongress mobil macht, sprechen für sich. Unabhängige und kritische Fachmeinungen zu ADS, die ihr deshalb so viel Angst machen, weil sie fundiert sind, sollen mit allen Mittel der Verleumdung, Rufschädigung und Falschmeldung verhindert werden. Internet-Diskussionsforen werden ruiniert, Fachleute mit allen Mitteln diskriminiert und bis in den Privatbereich hinein bedroht und belästigt. Diese Leute, die bei Anderen schnell mit Scientology-Verdacht daherkommen, erfüllen selbst alle Kriterien einer fanatisierten Sekte. Vielleicht sollte man auch sie einmal vom Verfassungsschutz überwachen lassen?

Wir können das aber ganz gelassen sehen. Meinungsunterdrückung hat sich auf Dauer noch nie bezahlt gemacht. Freie Meinung lässt sich nicht wirklich unterdrücken. Im Übrigen behandelt der Schulkongress 2003 das Thema ADS nur nebenbei. Im Vordergrund steht die Weiterentwicklung von Schule.
Sie sollten sich diesen Kongress nicht entgehen lassen, meint mit freundlichen Grüßen

Ihr H.-R. Schmidt
23.4.2003

 

ADS & Co
Braucht mein Kind Medikamente?

Der kalifornische Kinderarzt unf Familientherapeut Lawrence H. Diller ist nicht nur hier kein Unbekannter (1, 2, 3) Als renommierter ADS-Experte hat er in den USA als Erster vor dem unkritischen Ritalin-Verbrauch gewarnt. Nach seinem ersten Buch "Running on Ritalin" liegt nun die deutsche Übersetzung seines zweiten Buchs vor: "ADS & Co. Braucht mein Kind Medikamente?"

Diller klärt detailliert und in einer leicht zu lesenden, ganz auf Elternfragen ausgerichteten Diktion über ADS und andere kindliche Verhaltensauffälligkeiten auf. Er fragt, was an gängigen ADS-Diagnosen oft so zweifelhaft ist und was Eltern über Psychopharmaka wissen sollten. In einem 16-seitigen Anhang werden denn auch alle gängigen Psychopharmaka, die Kindern verschrieben werden, genannt und erläutert.

Diller vertritt auf wohltuende Weise einen ganzheitlichen Ansatz, d.h. er verschiebt den Fokus weg vom gegenwärtig grassierenden medizinisch-biochemischen Ansatz, ohne ihn deshalb für irrelevant zu erklären, hin zu Umwelt- und Familienfaktoren bei Entstehung und Behandlung kindlicher Verhaltensprobleme wie ADHS. Als Arzt und Familientherapeut bringt er hierfür natürlich die besten fachlichen Voraussetzungen und jahrzehntelange klinische Erfahrungen in der Behandlung tausender Kinder mit. Besonders hervorzuheben ist seine Betonung eines "ethischen Handelns" bei Diagnose und Therapie der betroffenen Kinder. Im Rahmen von 8 Fragen, die sich Eltern stellen sollten, bevor sie zu Medikamenten für ihr Kind greifen, behandelt Diller auch 4 Kardinalirrtümer um das Thema ADS herum, nämlich diese

Irrtümer
1. Wenn ein Kind einen standardisierten Katalog psychologischer Kriterien erfüllt, hat es eine Störung
2. Wenn bei einem Kind eine Störung diagnostiziert wird, hat es ein chemisches Ungleichgewicht
3. Eine Psychodroge, die "wirkt", beweist, dass das problematische Verhalten durch eine Störung des chemischen Gleichgewichts verursacht wurde
4. Wenn mein Kind eine Störung hat, sind Psychopharmaka die einzig wirksame Behandlungsweise.

Diller erläutert überzeugend, worin bei diesen gängigen Behauptungen jeweils der Irrtum liegt. Dabei ist er (wie alle erfahrenen Kliniker) kein grundsätzlicher oder gar ideologischer Gegner von Psychopharmaka, er verschreibt sie ja selber, allerdings sehr, sehr sorgfältig. Auf die Frage, ob er für oder gegen Ritalin sei, antwortet er denn auch relativierend, er sei nicht grundsätzlich dagegen. Aber Psychopharmaka müssen das letzte, sehr gründlich überlegte und nur vorübergehende Hilfsmittel bei begleitender Psychotherapie bzw. psychoedukativen Hilfsmaßnahmen in der Umwelt des Kindes sein. Schon gar nicht dürfen sie unspezifische und ausschließliche "Allzweckwaffen" sein im Sinne eines Schiessens mit der Schrotflinte auf einen Spatz, was heute leider allzu oft geschieht. Ein eigenes Kapitel befasst sich denn auch mit dem Thema spezifischer Hilfen für spezifische Probleme bei Kindern (ODD, bipolare Störungen, Depressionen etc.). Diller sieht in der überwiegenden Mehrzahl der heute mit Ritalin behandelten ADHS-Kinder nur Spielvarianten völlig normalen kindlichen Verhaltens, auf die sich aber die Umwelt (Eltern, Kindergarten, Schule) nicht richtig einstellt. Allgemein unterscheidet er sozusagen von Geburt an einfache, sensible und schwierige Kinder. Alle könnten aber weitgehend unproblematisch heranwachsen, wenn sich ihre Umwelt angemessen an sie anpassen könnte.

Dieses Buch ist ein ganz ausgezeichneter Elternratgeber zum Thema ADS. Sehr empfehlenswert wegen seiner Ausgewogenheit, seiner wissenschaftlichen Seriosität und seiner Kritik an der meist zu schnellen und oberflächlichen Lösung "Ritalin". Die Frage im Untertitel seines Buches ("Braucht mein Kind Medikamente?") beantwortet Diller sehr differenziert, also nicht mit einem kategorischen Ja oder Nein, vielmehr etwa so: Meistens Nein, weil es etwas Besseres für unsere Kinder gibt.

Hier spricht ein exzellenter und erfahrener Kinderarzt und wirklicher ADS-Experte auf sehr hilfreiche, differenzierte und seriöse Weise zu besorgten Eltern. Im Rahmen des Themenabends zu ADHS bei arte-tv im September wird er u.a. zu sehen sein.

L.H. Diller: ADS & Co. Braucht mein Kind Medikamente? Walter 2003. EUR 19,90

H.-R. Schmidt
29.4.2003

 

Mittel gegen "schlimme Kinder"

"Bittere Pillen", den seriösen und beliebten Ratgeber für 10 000 Medikamente, der bereits in 76. Auflage erscheint, kennen Sie sicher. Wann immer Sie etwas über eine Arznei, ein Medikament oder ein Heilmittel wissen wollen, finden Sie hier zuverlässige und wissenschaftlich belegte Auskunft. Was sagt dieses Buch eigentlich über Ritalin?

"Mittel gegen "schlimme Kinder": Die Verschreibung des Mittels Methylphenidat (enthalten z. B. in Ritalin) ist in den letzten Jahren drastisch angestiegen: Von 680.000 Packungen im Jahr 1997 auf 1,1 Millionen im Jahr 2000. Diese Zahlen lassen darauf schließen, dass Ritalin viel zu häufig zur Behandlung von überaktiven Kindern eingesetzt wird. Nicht jeder »Zappelphilipp« muss behandelt werden. Eine Verwendung ist nur nach einer gründlichen körperlichen, neurologischen und psychologischen Untersuchung sinnvoll, in Zusammenarbeit mit Eltern und Schule. Kinder unter sechs Jahren dürfen damit nicht behandelt werden. Bis jetzt fehlen Langzeiterfahrungen über Nutzen und Schädlichkeit für das kindliche Gehirn."

(Quelle: Langbein/Martin/Weiss: Bittere Pillen, RM Buch u. Medien, 2002-2004, S. 138 ff.)

Werner
3.5.2003

 

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