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ADS-Bücher: Kritisch Ritalin: Ein folgen- Das Verschwinden der Mädchen von der Oh wie verführerisch Alternative Behandlung Alternative Sichtweisen bei ADS Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1 |
Liebe Gäste, Am 4. Dezember 2003, 19 Uhr: MfG Dörte
Unsere 15. Gewissensfrage endete wieder sehr kontrovers. Immerhin 51 % der Antwortenden bestätigen die Frage vollkommen oder teilweise, während sie die anderen 49 % teilweise oder gänzlich verneinen. Wiedermal ein Indiz für stark kontroverse Diskussion zum Thema "ADHS". Und das ist gut so!
Und schon wieder ein ADS-Ratgeber, der erfreulich aus der Reihe tanzt! Die Reihe der Bücher, die ADS nicht aus der schulmedizinisch-genetisch-biologistischen Sicht betrachten, wird immer länger. Und diese Bücher sind wirklich hilfreich. Die Pädagogin Nicola Raschendorfer
befasst sich zunächst kritisch mit all dem, was bei ADS
bisher als angeblich bewiesen scheint, von der
Stoffwechseltheorie über die fragliche Testdiagnostik
bis zu einer ausführlichen Abhandlung des
Medikamenteneinsatzes. Das liest sich leicht und hat doch
viel Hintergrund. Besonders fundiert wird sie dann im
zweiten Buchteil (Handlungsalternativen und Strategien
für den Alltag), in dem es wirklich sehr konkret und
hilfreich um Verhaltensweisen und erzieherische
Grundeinstellungen und -praktiken im Umgang mit unruhigen
und unkonzentrierten Kindern geht. Sie betont dabei für
das Kürzel ADS, dass A wie Aufmerksamkeit etwas ist, was
man nicht einfach hat, sondern herstellen muss; dass D
wie Defizite durch Handlungsstrategien ausgeglichen
werden können, und dass S wie Störungen keine Krankheit
sind, der mit Medikamenten begegnet werden kann. Ihre
Strategien und Handlungsalternativen sind sehr lesenswert,
obgleich sie in der Praxis bei einigen Eltern wohl
professioneller Begleitung und Hilfestellung bedürfen.
Auch Lehrer finden in diesem Buch viele wertvolle
Anregungen und Wegweisungen im Umgang mit ihren
schwierigen Schülern. Überhaupt ist das Buch sehr
praxisorientiert und zeigt in leicht und einleuchtend zu
lesender Art viele hilfreiche Wege im Umgang mit
schwierigen Kindern. Nicola
Raschendorfer H.-R. Schmidt
Hier ein kleiner Artikel von mir aus dem Bulletin ALS 98, 3/2003 (Bern, Ch) zur kontrovers diskutierten Frage des Stellenwerts von Psychotherapie. Ich stelle sie ja bekanntlich an erste Stelle, Ritalin kommt immer erst "Unter ferner liefen..."., während der gegenwärtige mainstream leider die Rangfolge immer noch eher umkehrt. Hier finden sich auch einige empirische Belege für die Wirksamkeit von Psychotherapie, ohne zu verheimlichen, dass der gegenwärtige Forschungsstand noch sehr arg zu wünschen übriglässt. Kommt aber Zeit, kommt (mehr) Rat! In diesem Sinne ist sich ganz sicher,
Ihr
"Er war nicht sehr groß, aber untersetzt und muskulös. Sein Auftreten wirkte kalt und hatte etwas Erschreckendes. Er hatte eine Adlernase, geblähte Nasenflügel, ein rötliches, mageres Gesicht, in dem die sehr langen Wimpern große, weit-offene, grüne Augen umschatteten; schwarze buschige Brauen gaben ihnen einen drohenden Ausdruck. Er trug einen Schnurrbart. Breit ausladende Schläfen ließen seinen Kopf noch wuchtiger erscheinen. Ein Stiernacken verband seinen Kopf, von dem schwarze gekräuselte Locken hingen, mit seinem breitschultrigen Körper." So beschreibt Nikolaus Modrussa, der im
15. Jahrhundert Legat des Papstes am ungarischen Hof war,
den Siebenbürgener Fürsten Vlad Tepes,
den rumänischen Iwan den Schrecklichen, Vorbild des
Mythos "Graf Dracula". In
diesen Tagen des Halloween müssen wir
seiner gedenken, nicht zuletzt, weil gerade in diesen
Tagen der Vampyrismus als neueste Komorbidität
von "ADHS" entschlüsselt wurde.
Verkörpert doch gerade Graf Dracula den getriebenen,
unsterblich-untoten (Blut-) Jäger á la Hartmann in uns
allen. Das ewig Unheimlich-Sehnsüchtige an Sexualität
und Tod als schlicht unsterblich-untote, genetische und
unheilbare Hirnstoffwechselstörung. Man hat denn auch
bei Vampyristen kleinere Hirne, dickeres Blut,
verlängerte Eckzähne, heimliches Onanieren, stilles
Nägelbeissen und Fledermausohren gefunden. Diese
Komorbidität lässt sich diagnostisch aber in erster
Linie dadurch objektivieren, dass die Betroffenen keinen
Schatten werfen und kein Spiegelbild zeigen. Nur
intensivste VT in Verbindung mit höchstdosiertem Ritalin
kann helfen, wobei die Betroffenen menschlich-jungfräulichem
Frischblut mit simultaner Sonnenlichteinstrahlung sowie
flukturiendem Kruzifix-Zeigen ausgesetzt werden müssen (sog.
Aversionstherapie; gute Exorzisten nennt Ihnen fast jede
ADHS-SHG oder jeder ADHS-Verband). Im ICD 11 und DSM V
sind von den machthabenden Psychiatern dieser Welt
bereits die neuen Diagnoseziffern F.98.2.3.8.11 ("ADHS
mit objektiviertem Vampyrismus") bzw. V 62.90.1.799
("ADHD as a special Religious or Spiritual Problem")
vorgesehen. Entsprechende von der Plasmaindustrie
finanzierte Weiterbildungen laufen international bereits
an. Fressereferenten und ADHS-Tierärzte (Thema: "Dracula,
das Tier im Menschen") verschicken schon
entsprechende Standard-Brandbriefe an alle
Weltregierungen im Allgäu, denen Cornelia inbrünstig
zustimmt. Aber auch vor diversen Quacksalbern, die
bereits Hubbard-Kruzifixe, Biofeedback-Blutwurst, Tomatis-Therapie
oder Afa-Blutorangen propagieren, muss gewarnt werden.
Auch der einschlägig als Blutsauger bekannte HRS führt
als Allheilmittel seine neue SAFT (="Siebenbürgener
Anti-Dracula- Familien-Therapie") ins Feld. "Das Grauen ist der Menschheit bester Teil" (Goethe über "ADHS") Ulli
Ein einzigartiges Phänomen, das man meines Wissens nur bei ADHS findet, liegt in der Beobachtung, dass Mütter davon überzeugt sind, ihr Kind habe die Krankheit ADHS, der Arzt oder Psychologe die Diagnose aber nicht bestätigen kann und die Mutter darüber dann äußerst unglücklich ist. Ja, sie ist unglücklich und unzufrieden, dass ihr Kind KEIN ADHS hat! Normalerweise würde man erwarten, dass sie glücklich ist, dass ihr Kind nicht an einer genetisch bedingten Hirnfunktionsstörung leidet. Aber weit gefehlt! Man stelle sich das mal bei irgendeiner anderen ernsten Krankheit, wie z.B. Krebs, vor! Und wenn man manche pseudowissenschaftlichen Bücher über ADHS liest (wie z.B. dasjenige über das "Hochrisiko ADS"), dann ist ja ADHS angeblich eine toternste Krankheit. Wieso also sind manche Mütter so unzufrieden, wenn ihre selbstgefundene ADHS-Diagnose nicht bestätigt wird? In Internetforen liest man viele erstaunliche Beispiele hierfür. Eine Mutter ist z.B. seit 12 Jahren davon überzeugt, ihr Kind habe ADHS. Aber bei Untersuchungen könne sich ihr Kind immer dermaßen geschickt verstellen und so nett sein, dass die Fachleute immer abwinken würden. Andere Mütter beklagen sich darüber, dass die Fachleute standardisierte Tests bei der Diagnostik verwenden (worüber sie doch eigentlich beruhigt sein sollten) und die Schilderungen der Mutter selbst angeblich gering schätzen, also der Mutter irgendwie nicht glauben. Dabei hat die Mutter die Diagnose doch längst selbst gestellt! Wenn man genauer hinschaut und mit solchen Müttern ausführlich darüber spricht, dann stellt man fest:
Die ADHS-Diagnose hat also einen psychisch stark entlastenden Effekt, der sogar größer ist als das Leid angesichts einer festgestellten medizinischen Krankheit. Das leugnen diese Mütter auch gar nicht, begründen es aber damit, dass ihre Schuldgefühle vorher eben vollkommen unbegründet oder von unfähigen Fachleuten als falsche Störungsursache nur "eingeredet" waren. Wenn nun ADHS wirklich eine objektivierbare medizinisch-körperliche Krankheit wäre, könnte da ja auch durchaus etwas dran sein. Ist es aber eben nicht! Und deshalb hat die ADHS-Diagnose in solchen Fällen psychoanalytisch betrachtet eher eine Abwehrfunktion. Und das ist eigentlich sehr schlimm, denn damit wird den Kindern nicht geholfen, sondern über den Verschiebebahnhof ADHS genau deshalb geschadet. Die Diagnose ADHS sozusagen als unterlassene Hilfeleistung. Preiser
Während es in China Zeiten gab, zu denen ein Arzt von seinen gesunden Patienten lebte und für jeden Kranken bezahlen musste, lebt unser Gesundheitssystem von seinen Kranken. Dass dies dazu verführen kann, neue Krankheiten zu erfinden, haben wir hier bereits behandelt. Gegenwärtig sind die angeblichen Wechseljahre des Mannes solch ein Versuch, Hormone an selbigen Mann zu bringen, nachdem die Östrogennachfrage bei Frauen wegen des gesteigerten Krebsrisikos dramatisch gesunken ist. Der SPIEGEL-Wissenschaftsredakteur Jörg Blech, dessen diesbezüglichen SPIEGEL-Beitrag wir im Café Holunder ebenfalls bereits erwähnt haben, klärt in seinem Buch "Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden" ausführlich über Beispiele und Mechanismen des disease-mongering, des Erfindens von Krankheiten aus wirtschaftlichen Gründen, auf, und widmet auch "ADHS" ein lesenswertes Kapitel unter der Überschrift "Psychopille zum Pausebrot". "Die Pharmaindustrie definiert die Gesundheit des Menschen gegenwärtig neu, so dass die Gesundheit ein Zustand ist, den keiner mehr erreichen kann. Viele normale Prozesse des Lebens - Geburt, Alter, Sexualität, Nicht-Glücklichsein und Tod - sowie normale Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft dargestellt", heisst es im Klappentext des Buches. Und zu "ADHS" schreibt der Autor: "Die kleinen weißen Tabletten verändern die Kinder. Nina beispielsweise, eine acht Jahre alte Grundschülerin aus Mittelehrenbach in der Fränkischen Schweiz, zappelte früher ständig herum. Sie brauchte drei Stunden für die Hausaufgaben und sagte ihrer Mutter: »Ich habe so viel im Kopf.« Seit anderthalb Jahren jedoch ist das anders. Nina schluckt seither jeden Tag »Konzentrationspillen«, wie sie in der Familie genannt werden. »Sie kommt in der Schule besser mit und ist gewissenhafter bei der Sache«, erzählt Ninas Mutter, während die Tochter auf der Blockflöte »Hänschenklein« spielt. Lange habe sie gezögert, ihrer Tochter das Medikament zu geben. Doch ohne das Ritalin gehe es nicht: »Nina möchte ja normal funktionieren.«. Auch Felix, ein neun Jahre alter Blondschopf aus dem nahen Forchheim, hat sich - aus Sicht seiner Eltern - zum Guten verändert: Früher war der Sohn »ständig in Bewegung, unruhig und konnte sich nicht konzentrieren«, sagt die Mutter. »Mit dem Kind stimmte irgendetwas nicht.« Das findet sie jetzt nicht mehr...
Viel größer noch als die Zahl der Verschreibungen ist die Zahl der Eltern, die fürchten, auch ihr Spross leide unter der unheilvollen Krankheit. Mehr als 60 deutschsprachige Bücher zum Thema ADHS stillen den Informationshunger. Auf Veranstaltungen lauschen Hunderte Zuschauer, wenn Psychologen, Ärzte und Betroffene über die wichtigsten Fragen streiten: Wie erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist? Wer hat Schuld, die Erziehung der Eltern oder die Gene? Kann Ritalin helfen? Und ist ADHS überhaupt eine Krankheit - oder nur eine Modeerscheinung? Wie immer, wenn es um Erziehung geht und um Kindeswohl, ist die Debatte leidenschaftlich und durchsetzt mit Beschuldigungen: Wer seinem Kind die Psychopille zum Pausenbrot gibt, der gilt schnell als Rabeneltern; wer sich gegen Ritalin ausspricht, dem wird schnell unterstellt, ein Freund der Scientologen zu sein. Die Sekte verdammt jede Psychodroge als Teufelszeug - um gleichzeitig ihre Gehirnwäsche als Schlüssel zu einem schönen Leben zu propagieren. Horrorgeschichten über den Missbrauch von Methylphenidat heizen die Stimmung weiter auf: In den USA konsumieren Jugendliche und junge Erwachsene die Kmderpille sogar als Lifestyle-Droge, die den Hunger zügeln und die Müdigkeit vertreiben soll. Die Tabletten werden geschluckt oder zu Pulver zerstampft und dann geschnupft. »Einige Süchtige lösen die Tabletten in Wasser auf und spritzen sich die Mixtur«, sagt das amerikanische Justizministerium. Die Injektionen könnten zu »ernsten Schäden in den Lungen und der Netzhaut des Auges« führen und »schwer wiegende seelische Abhängigkeit verursachen«, warnt die Behörde. Wie in den Vereinigten Staaten, wo schätzungsweise fünf Millionen Schüler Tag für Tag Methylphenidat einnehmen, wird inzwischen auch in Deutschland keine seelische Störung bei Kindern und Jugendlichen häufiger diagnostiziert als ADHS. Schätzungen zufolge sollen zwei bis zehn Prozent aller Kinder betroffen sein demnach säßen in jeder Schulklasse rein rechnerisch bis zu zwei Zappelphilippe, die medizinischer Hilfe bedürfen.
Auch eine steigende Anzahl von Erwachsenen gilt neuerdings als befallen von pathologischer Zerstreutheit und krankhafter Unrast. »Hyperaktivität ist keine Kinderkrankheit«, behauptet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Im Bundesgebiet litten »bis zu zwei Millionen Erwachsene« unter entsprechenden Symptomen. »Konzentrationsstörungen und ungerichtete Impulsivität machen es ihnen schwer, den Alltag zu bewältigen.« Abhilfe sollen Psychopillen schaffen: Es habe »sich gezeigt, dass Erwachsene, wie auch Kinder, gut auf stimulierende Medikamente ansprechen«. Die Industrie hat die neue Zielgruppe der Alten bereits am Wickel. »ADHS, eine treue Begleiterin ein ganzes Leben lang«, frohlockt der Ritalin-Hersteller, der Weltkonzern Novartis. In Basel ließ er im Mai 2002 geladene Ärzte schulen, wie das Leiden »mit Stimulanzien und/oder Antidepressiva« zu behandeln sei. Aber vor allem kümmert sich Novartis um die Kinder. So hat der Konzern für die Kleinen kürzlich ein Bilderbuch auf den Markt gebracht. Das Pharmamärchen erzählt die Geschichte des Kraken »Hippihopp«, der »fürchterlich ausgeschimpft« wird weil er »überall und nirgends ist« und ihm viele Missgeschicke passieren. Doch zum Glück erkennt Doktorin Schildkröte, was Hippihopp hat: »ein AufmerksamkeitsdefizitsyndrOm!« Mehr noch, sie weiß auch, was ihm fehlt: »eine kleine weiße Tablette.« Hinter dem grassierenden Medikamenten-Konsum steckt viel mehr als bloßes Zappeln. Pharmafirmen und manche Nervenärzte stricken seit Jahrzehnten daran, fahrige und schlecht konzentrierte Zeitgenossen als kranke und behandlungsbedürftige Menschen darzustellen. Doch nie zuvor wurde der Mythos vom hyperaktiven Kind so leidenschaftlich gepflegt wie heute. Mindestens zwölf verschiedene Substanzen, die gegen das Zappelphilipp-Syndrom verabreicht werden sollen, befinden sich gegenwärtig in der klinischen Entwicklung. Was jetzt Milliardenumsätze verspricht, hat harmlos angefangen: Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann war es, der 1845 ein nervöses Kind im Kinderbuch »Struwwelpeter« beschrieb. Hoffmanns »Zappelphilipp« kann einfach nicht still sitzen: »Er gaukelt / Und schaukelt / Er trappelt / Und zappelt / Auf dem Stuhle hin und her« - bis Philipp mit dem Tischtuch Teller, Besteck und Terrine zu Boden reißt. Ein halbes Jahrhundert später, anno 1902, druckte dann die britische Ärztezeitschrift Lancet den Aufsatz eines Arztes, der Kinder mit »behinderter Willenskraft« und »merklichem Unvermögen, sich zu konzentrieren« beobachtet haben wollte. Doch die eigentliche Karriere des ADHS beginnt erst Jahrzehnte später. Sie geht zurück auf einen Zufallsfund im Labor: Leandro Panizzon, ein bei der Firma Ciba tätiger Chemiker, synthetisierte die Substanz Methylphenidat im Jahre 1944 und probierte sie im Selbstversuch aus, der allerdings kein nennenswertes Ergebnis brachte. Seine Frau Marguerite, genannt Rita, naschte ebenfalls von der Substanz - und registrierte eine durchaus belebende Wirkung. Fortan nahm Rita den Stoff gelegentlich vor dem Tennis-spielen ein, weshalb Chemiker Panizzon die Substanz nach ihr benannte: Ritalin. Zunächst wurde das Mittelchen nur Erwachsenen gegeben, um Zustände wie gesteigerte Ermüdbarkeit, depressive Verstimmungen und Altersverwirrung zu behandeln - das Krankheitsbild, das Ritalin berühmt und berüchtigt machen sollte, war damals noch nicht erfunden. Erst in den 60er Jahren wurden Befunde bekannt, denen zufolge Methylphenidat und eine verwandte Substanz namens Dexedrine auf Schüler mit Lernschwierigkeiten einen bemerkenswerten Effekt ausübten. Wegweisend waren Versuche des Psychologen Keith Conners und des Psychiaters Leon Eisenberg mit Dexedrine an zwei Schulen in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland, die von schwarzen Kindern der Unterschicht besucht wurden. Als die Substanz an die Schüler ausgegeben wurde, nahm das sonst so nervige Gedränge und Getobe in den Erziehungsanstalten ab. Die behandelten Kinder besserten »Verhalten in der Klasse, Einstellung zur Autorität und Teilnahme an der Gruppe«, berichteten ihre Lehrer - sie hatten einen Weg gefunden, die Zustände an Ghetto-Schulen erträglicher zu gestalten. Dieses und ähnliche Ergebnisse veranlassten das National Institute of Mental Health und einige Pharmafirmen, weitere Studien mit den Kinderpillen durchzuführen. Bald berichteten Zeitungen über die vermeintlichen Wundermittel, und die Zahl der Verschreibungen stieg rasant. Allerdings blieb vollkommen unklar, wogegen man die Pillen eigentlich verschrieb. Das Dilemma der fehlenden Indikation wurde von amerikanischen Ärzten Ende der 60er Jahre mit einem Trick gelöst, dessen Folgen bis heute nachwirken: Die Medikamente selbst könne man doch benutzen, so die Wissenschaftler, um das Kranksein der Kinder zu diagnostizieren: Wer sein Verhalten ändert, nachdem er die Mittel geschluckt hat, der ist krank. Umgekehrt sind jene Kinder gesund, die nicht auf die Substanz ansprechen. Dieser Winkelzug war es, der der heute gängigen massenhaften Abgabe von Psychodrogen an Kinder den Weg ebnete. Bis dahin wäre es undenkbar gewesen, Kindern Amphetamine und ähnliche Substanzen zu verabreichen, nur weil sie sich in der Schule und zu Hause unbotmäßig verhielten. Nun aber war die Situation eine andere: Es galt ein medizinisches Syndrom zu kurieren. Die Krankheit wurde erst durch die Existenz von Psychopillen ermöglicht; die Diagnose wurde festgelegt durch die Therapie. Damals, im Jahre 1970, erhielten 200 000 bis 300 000 US-Kinder Medikamente, die das Verhalten ändern. Seither ist ihre Zahl - in den USA und in Deutschland - kontinuierlich gestiegen. »Funktionelle Verhaltensstörung« nannten Pharmafirmen das Phänomen, bis die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA diese unscharfe Bezeichnung untersagte. Prompt wurde das Leiden umbenannt in »minimale zerebrale Dysfunktion«, später geisterte der Begriff »hyperkinetische Störung« durch Kindergärten und Grundschulen. Schließlich erfand der amerikanische Psychiatrieverband anno 1987 das bis heute gängige Kürzel ADHS." (zit. J. Blech: Die Krankheitserfinder, S.Fischer 2003, S. 109 - 116). Wussten Sie, dass Ritalin nach dem
Vornamen einer Frau benannt ist? Wie sympathisch, nicht
wahr? Aber wussten Sie auch, dass zuerst zufällig eine
irgendwie verhaltenswirksame chemische Substanz entdeckt
und erst danach eine dazu passende "Krankheit"
erfunden werden musste?
Dass sog. "Betroffene" nicht
die objektivsten Advokaten für "ADHS" sind,
ist verständlich und allzu gut bekannt. Aus dem Umstand,
dass die Psychodroge Methylphenidat wirkt, schließen sie
nur allzu leicht darauf, dass ihr Kind an einer
organischen Krankheit leide. Dass dies falsch ist, sollte
mittlerweile jedermann wissen. Methylphenidat wirkt eben
z.B. auch bei ganz "gewöhnlichen"
psychosozialen Verhaltensstörungen, ein Umstand, der in
fast allen einschlägigen ADHS-Forschungsstudien glattweg
übersehen wird. Wenn allerdings ein Arzt anscheinend
vorwiegend aus seiner eigenen Betroffenheit heraus agiert,
muss einen das wirklich sehr nachdenklich stimmen. "Methylphenidat
hinterlässt Spuren im Gehirn Die Furcht vor möglichen
Spätfolgen lässt viele Ärzte und Eltern ebenfalls
davor zurückschrecken, die Psychodroge zu verabreichen.
Die Medikamente verändern die Rahmenbedingungen, in
denen sich das kindliche Gehirn entwickelt. Denn eines
ist unbestritten: dass das Methylphenidat im Denkorgan
dauerhaft Spuren hinterlässt. So beeinflusst die
Substanz, welche Gene in den Nervenzellen an- und
abgeschaltet werden. Eine Gruppe um den Göttinger
Neurowissenschaftler Gerald Hüther fand bei
Tierexperimenten Veränderungen in Nagerhirnen. Die
Forscher verabreichten jungen Ratten Methylphenidat,
ließen sie erwachsen werden und untersuchten deren
Gehirne: In einer kleinen Hirnregion war die Zahl der
Dopamin-Transporter um die Hälfte verringert. Dies
könnte laut Hüther zu einem Mangel an Dopamin führen - und damit
langfristig Parkinson auslösen. Verabreiche man Kindern
Methylphenidat, warnt der Göttinger Wissenschaftler in
einem viel zitierten, umstrittenen Aufsatz, laufe »man
Gefahr, die Voraussetzungen für die Entstehung« der
gefürchteten Schüttellähmung »zu verbessern«.
Bezeichnend für den Streit um Methylphenidat:
Ausgerechnet Hüthers Kollege Aribert Rothenberger, der
die Rattenhirne gemeinsam mit ihm untersuchte,
distanziert sich von der Angst einflößenden
Interpretation. Hüthers Warnungen bezögen »ihre
Überzeugungskraft« aus einer »Mischung aus Spekulation
und Teilwahrheiten«, schrieb der Direktor der Göttinger
Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem offenen Brief an
die nun vollends verunsicherten Eltern" (zit. J. Blech: Die
Krankheitserfinder, S.Fischer 2003, S. 127 - 129). Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. S. Fischer 2003, 256 Seiten, 17,90 Euro.
Eine offenbar unendliche Geschichte: Die angeblich "ADHS"-typischen oder sogar "ADHS"-verursachenden Gehirnbesonderheiten! In einer nur scheinbar neuen Untersuchung wurde wieder einmal etwas gefunden, was man schon länger aus anderen Untersuchungen wusste (s. "ADHS" und Hirnvolumen). Damit man diese und viele, viele andere Studien richtig einordnen kann, hier noch einmal ein Zitat von Hüther und Bonney zum wirklichen Stand des Wissens: "Die im Gehirn von
ADHS-Patienten gefundenen Veränderungen So sieht es wirklich aus, meint auch
Ihr GEWISSENSFRAGE
16:
Lissi B.
Was man da so alles in ADS-Internetforen
über die sogenannten Nebenwirkungen von Ritalin und
Konsorten bei Kindern zu lesen kriegt, kann einen
wirklich das Grausen lehren! Erschreckend ist, wie viele
Eltern entweder ihrem behandelnden Arzt nicht vertrauen
oder ihn nicht fragen können oder sich nicht trauen,
schlicht: ärztlicherseits völlig unzureichend betreut
werden beim Einsatz starker und in ihrer Langzeitwirkung
aufs kindliche Gehirn mangelhaft erforschter Psychodrogen
bei ihren kleinen Kindern. Was sie so alles hinsichtlich
der Medikamentierung im Internet wildfremde Leute, deren
Kompetenz sich meist auf das Herumdoktern am eigenen Kind
beschränkt, fragen, statt ihren Arzt, ist einfach
unglaublich. Erschreckend ist vor allem, wie unkritisch
und wie so ganz nebenbei die teilweise an
Kindesmisshandlung und mutwillige Körperverletzunmg
grenzenden Medikamentenwirkungen hingenommen und von
anderen Lesern kommentiert werden. Von einer Medikation
abzuraten und ernsthaft nach nichtmedikamentösen
Behandlungen zu fragen oder darauf zu dringen, ist
offenbar verpönt. Nicht mal Mitgefühl mit dem Kind wird
geäußert. Jedenfalls tut es keiner. Da schildert z.B.
eine Mutter, dass sie ihrem Sohn morgens Amphetaminsaft
gebe und, weil keine Wirkung zu spüren sei, nach 6
Stunden noch einmal die gleiche Dosis. Das Kind muss sich
daraufhin übergeben und wird so schwindelig, dass es
nicht mehr aufrecht sitzen kann, am Tag darauf Durchfall
bekommt und einen Tag nicht zur Schule gehen kann. Vorher
hatte das Kind auch schon mit anderen Mitteln (Ritalin
und Ritalin SR) offenbar "Probleme" wegen der
Nebenwirkungen. In der Diskussion dann keinerlei Rede
davon, warum das Kind überhaupt diese Stimulanzien
nehmen muss, was das Kind denn wirklich hat (denn "ADS"
ist ja vielleicht nur ein Abwiegeln der wirklichen
Probleme des Kindes), ob es nicht auch medikamentenfreie
Alternativbehandlungen geben könne, und warum die Mutter
ihre Probleme offenbar nicht mit dem behandelnden Arzt so
bespricht, dass sie sich gut informiert und aufgeklärt
fühlt. Kein Wort davon. Stattdessen wird fleissig über
Dosierungen, Medikamentenwirkungen und (nicht
übertragbare) traurige eigene Erfahrungen berichtet, die
dann schonungslos verallgemeinert werden. Gisela T.-P.
Chronis AM u.a. von der Universität Maryland, USA, fanden in einer interessanten Studie, dass Mütter von 3-7jährigen Kindern mit ADHS plus Verhaltensstörungen im Vergleich mit einer Kontrollgruppe bedeutsam häufiger unter Gemüts- und Angststörungen sowie Drogen- und Kokainmissbrauch litten und selbst bereits bei verhaltensgestörten Eltern aufgewachsen waren. Die Väter litten verstärkt unter Alkoholproblemen. Die Autoren betonen denn auch die Notwendigkeit einer therapeutischen Einbeziehung der Psychopathologie der Eltern in das Behandlungskonzept. Nicht allein die Störung des Kindes dürfe im Mittelpunkt stehen, sondern auch diejenige der Eltern. Dies bestätigt eindringlich unser Plädoyer für eine Familientherapie als Methode der Wahl bei Kindern mit "ADHS". Wie bei allen kindlichen Verhaltensstörungen, so muss auch bei "ADHS" die ausschließlich kindzentrierte (oder am Kind als Symptomträger herumdokternde) Unart der sog. multimodalen und ausschließlich medikamentösen "Therapie" endlich aufgegeben werden zugunsten einer differenzierten, familienbezogenen systemischen Intervention. Kinderärzte sollten deshalb intensiv mit ihren regionalen Erziehungsberatungsstellen zusammenarbeiten, denn hier wird Familientherapie unter Einbeziehung von Arzt, Kindergarten bzw. Schule seit langem mit Erfolg praktiziert. H.-R. Schmidt Zappelige Weihnachten Café
Holunder wünscht entspannte Weihnachten!
Und nun einen
guten Rutsch ins spannende Neue Jahr 2004, |
Jugend- bke Bundeskonferenz
für Erziehungs- |
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