| ARCHIV: ADS: Gibt´s das wirklich?
ADS-Bücher: Kritisch
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Ritalin: Ein folgen-
schwerer
Irrtum
Aus der Sicht unserer
Kinder
Das Verschwinden der Mädchen von der
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Gibt es ein Bisschen ADS?
Exklusiv: Die HÜTHER-Studie
Das Anlage-Umwelt-
Problem
Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!
Alternativen bei ADS
Fragiles X-Syndrom
Alternative Behandlung
bei ADD
Familie und ADS
Alternative Sichtweisen bei ADS
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 1
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
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Quellensammlung
Böse Witze
|

Hallo liebe Gäste,
die Qualität wissenschaftlicher Forschungsergebnisse
steht und fällt mit der methodischen Güte ihrer
Untersuchungspläne.
Man muss ja in der Regel die Originaluntersuchungen
studieren, um zu sehen, mit welcher Forschungsmethode sie
erstellt wurden, um ihre Qualität beurteilen zu können.
In meinem Beitrag zu einer vielzitierten Biederman-Studie
habe ich Ihnen bereits ein kleines Beispiel geliefert,
welche Kritik man dann anbringen kann, so dass zunächst
eindeutig wirkende Untersuchungsergebnisse recht fraglich
erscheinen.
Ich hatte hierauf früher bereits einmal ausführlich
hingewiesen, möchte es aber kurz wiederholen anläßlich
der in einem anderen Forum geführten Diskussion über
eine amerikanische Studie von B. Seay über
Zusammenhänge von Alkoholabhängigkeit und ADHS bei
Jugendlichen (die M. Winkler lobenswerter Weise
übersetzte; leider nicht fehlerfrei: es hatten nicht 54
Prozent der Gesamtstichprobe eine Alkoholabhängigkeit,
sondern 54 Personen, also nur ca. 9 Prozent; das aber nur
am Rande. http://f17.parsimony.net/forum29914/messages/5316.htm
http://www.psychologie-online.ch/add/add/alkohol.htm).
Es geht um den wesentlichen Unterschied zwischen einem
retrospektiven oder einem prospektiven Untersuchungsplan.
Was es damit auf sich hat, zeige ich wieder an dem
kleinen Beispiel, das M. Dornes in seinem (sehr
empfehlenswerten) Buch "Die frühe Kindheit", S.
218 anführt:
Nehmen wir an, Sie befragen 200 Eltern in Bezug auf
Kindesmisshandlung und Sie finden 10 Eltern, die ihr Kind
misshandeln. Nun befragen Sie diese 10 Fälle und finden,
dass in 9 von ihnen das Elternteil in der eigenen
Kindheit selbst misshandelt worden ist. Ihr
Untersuchungsergebnis sähe also so aus, dass in 5
Prozent ihrer Gesamtstichprobe aktuelle
Kindesmisshandlung vorkommt, und dass 90 Prozent der
Eltern, die als Kind selbst misshandelt wurden, später
ihr Kind wieder misshandeln.
Sie hätten dies mit einer retrospektiven
Untersuchungsanordnung herausgefunden.
Wenn Sie stattdessen ihre Stichprobe von 200 Eltern
zunächst danach befragt hätten, wieviele der Eltern als
Kind misshandelt worden sind, hätten sie z.B. 49
Elternteile gefunden. Bei weiterer Untersuchung dieser 49
Eltern hätten Sie gefunden, dass 9 von ihnen ihr eigenes
Kind wieder misshandeln. Ihr Untersuchungsergebnis sähe
diesmal so aus, dass ca. ein Viertel der Eltern ihrer
Gesamtstichprobe als Kind misshandelt wurden, dass aber
nur 18 Prozent von ihnen ihr Kind wieder misshandeln (und
80 Prozent nicht).
Sie hätten dies mit einer quasi-prospektiven
Untersuchungsanordnung herausgefunden.
Eine "reine" prospektive Untersuchung sähe so
aus, dass Sie die misshandelten Kinder Ihrer Stichprobe
ca. 25 Jahre später noch einmal untersuchen und
nachschauen, wieviele von ihnen ihr eigenes Kind wieder
misshandeln oder nicht. Dabei stellen Sie z.B. fest, dass
von den ursprünglichen 10 misshandelten Kindern eines
inzwischen verstorben und 3 kinderlos sind. Von den
verbliebenen 6 würden 2 (also 33 Prozent) ihr eigenes
Kind misshandeln.
Sie erhalten also teilweise krass unterschiedliche
Forschungsergebnisse, je nach Untersuchungsplan. Bei der
rein retrospektiven Untersuchung übersehen Sie
zwangsläufig all die misshandelten Eltern, die ihr
eigenes Kind später nicht misshandeln; solche Eltern
tauchen z.B. in der Klinik, in der Sie Ihre Stichprobe
gesammelt haben, gar nicht auf. Retrospektive
Untersuchungsergebnisse müssen grundsätzlich immer mit
besonderer Vorsicht genossen werden, prospektive sind
wesentlich hochwertiger und eindeutiger (aber in der
Forschungspraxis eben auch viel aufwendiger, teurer und
manchmal gar nicht möglich).
Die Untersuchung von Seay ist rein retrospektiv. Deshalb
kann man darüber tage- und wochenlang diskutieren, recht
schlau wird man aus solchen Untersuchungen aber nie. Dazu
sind sie zu fehlerträchtig, zu viele unkontrollierte
Variabeln gehen in sie ein.
H.-R. Schmidt
31.12.2001
Eine
gewagte Behauptung,
meint jedenfalls H.-R.
Schmidt
Kürzlich hörte ich einen Fachmann sinngemäß
folgenden Satz sagen (ich habe ihn auch schon mal
irgendwo auf einer fachlichen website gelesen, wo
ihn sogar ein Psychologe sagte):
"Es
geht gar nicht, dass Eltern ihr Kind so erziehen,
dass es ADS-typische Symptome entwickelt".
Der Sprecher
wollte damit die allgemein verbreitete These
untermauern, dass ADS-Symptome nicht erziehungs-
bzw. milieubedingt entstehen können, sondern
eben alleiniger Ausdruck einer angeborenen
neurobiologischen Hirnstoffwechselstörung seien.
Das halte ich für eine sehr gewagte Behauptung,
und zwar aus folgenden Gründen:
1. Es wird grundsätzlich geleugnet, dass auch
bei "ADS" "Körper" und
"Seele", bzw. Genetik und Erfahrung, in
ihrem Wechselspiel eine wesentliche Rolle spielen.
Das leugnet heute auch der eingefleischteste
ADSler nicht mehr. Es gilt eigentlich
mittlerweile als Selbstverständlichkeit, dass
Kinder mit "angeborenem" mittelschweren
ADS in einem besonders günstigen Milieu keine
oder nur minimale Symptome entwickeln können,
und vice versa. Psychotherapie bei ADSlern, die
ja auch immer empfohlen wird, schafft nichts
Anderes als ein besonders günstiges ("therapeutisches")
Erfahrungsmilieu und hätte als Methode der Wahl
gar keinen Sinn, wenn ADS-Symptome
erfahrungsunabhängig wären.
2. Es wird
behauptet, es gäbe ADS-typische Symptome. In
Wirklichkeit sind alle ADS-Symptome unspezifisch,
die Diagnose "ADS" oder "HKS"
muss auch heute noch in einem Ausschlussverfahren
gefunden werden, d.h. eine Reihe von anderen (vielleicht
sogar auch noch unbekannten) Störungen, die sehr
ähnliche oder identische Symptome verursachen,
müssen erst sorgfältig ausgeschlossen werden.
Es gibt also keine ADS-typischen Symptome,
sondern nur Symptome, die man sich am Schluss des
(hoffentlich!) sehr sorgfältigen
Ausschlussverfahrens mit "ADS" erklärt,
wenn nichts Anderes gefunden wurde.
3. Der Sprecher
geht davon aus, dass ADS-Symptome durch Erziehung
(ich sage besser: Erfahrung) nicht verursacht,
aber wohl moduliert werden können. Was ADS im
engeren Sinne (als Hirnstoffwechselstörung)
anbelangt, würden ihm HÜTHER u.a. sicher im
ersten Teil des Satzes widersprechen. Sie würden
daran erinnern, dass die Hirnentwicklung, auch
die gestörte, durchaus auch erfahrungsabhängig
verläuft. Aber auch allgemein kann man die
Verursachung der unspezifischen ADS-Symptomatik
durch Erfahrung heute nicht mehr leugnen, vor
allem wenn das o.g. Ausschlussverfahren
milieubedingte Einflüsse übersieht oder ihre
verursachende Wirkung geringschätzt.
Dass die Symptome durch Erfahrung modulierbar
sind, habe ich oben bereits erwähnt ("Psychotherapie"),
und es zeigt ja die grundsätzliche
Beeinflussbarkeit der Störung durch Erfahrung.
Dass die Hirnstoffwechselstörung trotz
erfolgreicher Psychotherapie unverändert (sozusagen
im Hintergrund) weiter (lebenslänglich)
vorhanden wäre, wird zwar ebenfalls behauptet,
ist aber nirgends nachgewiesen. Auch hier würde
HÜTHER wahrscheinlich an die Plastizität des
menschlichen Hirns erinnern. Methylphenidat kann
ja in (sorgfältig!) ausgewählten Fällen auch
nicht heilen, sondern auf chemischem Wege
bestenfalls neue Erfahrungsmöglichkeiten
eröffnen, deren Nutzung dann mittel- und
langfristig den wirklichen "Heilungserfolg"
ausmachen kann, wie ich vermute. Also auch hier
käme es in vorderster Linie auf korrigierende
Erfahrung an (wofür das Medikament nur das
Vehikel ist), um Störungen zu überwinden.
Mein Facit: Eine solch gewagte Behauptung, die
den Milieufaktor bzw. die Erfahrung so extrem
ausblendet, hätte ich mich nicht getraut. Sie?
2.1.2002
Hallo Herr
Schmidt,
vielleicht haben Sie es hier schon mal
gelesen:
http://www.adhs-hilfe.de/index.htm
unter "Spezifisches" finden Sie
fast den selben Satz. Gut, nicht? Krieg
ich jetzt den "Café-Holunder-Preis"?
Herzliche (Neujahrs-, aber auch sonst)
Grüße, Ihre Dörte
3.1.2002
Liebe Dörte, genau das war die
Stelle! Super! Über den Preis werde ich
grübeln. Vielleicht das neue Buch von
HÜTHER?Grüße, H.-R. Schmidt
3.1.2002
|
Wolf-Rüdiger
Horn, Kinderarzt und Suchtbeauftragter
des BVKJ (Berufsverband der
Kinder- u. Jugendärzte)
(am 22.08.01 in PÄDINFORM KJGD):In der heutigen Ausgabe der
JAMA erscheint unter "Medical News
& Perspectives" ein Beitrag von
Brian Vastag mit dem Titel "Pay
Attention: Ritalin Acts Much Like Cocaine".
Er greift noch einmal die
Forschungsergebnisse von Nora Volkow zum
Wirkmechanismus von Methylphenidat im
Dopaminstoffwechsel auf, erklärt (leider,
leider in Englisch) das "Pragmatische
Paradox" der durchaus segensreichen
Wirkung der Substanz trotz chemischer
Nähe zu Kokain und anderen Drogen. Ein
Leckerbissen für Neurophysiologie-Freaks!
Dann aber, ziemlich am
Schluss auch der Abschnitt: "The
long-term dopamine effects of taking
methylphenidate for years, as many do,
are another unknown. The only two large
epidemiological studies conflict. One
reports more drug addiction in children
with ADHD who took methylphenidate
compared with children with ADHD who took
no drug (J. Learn. Disabil. 1998; 31: 533-544);
the other shows the opposite result (Pediatrics
1999; 104:e20)." (Auf Deutsch: Die
Langzeitauswirkungen aufs Dopaminsystem
bei jahrelangem Methylphenidatgebrauch,
wie ihn viele praktizieren, sind
weiterhin unbekannt. Die einzigen beiden
großen epidemiologischen Studien hierzu
widersprechen sich. Die eine findet mehr
Drogensucht bei Kindern mit ADHD, die
Methylphenidat nahmen, im Vergleich zu
Kindern mit ADHD, die kein Methylphenidat
nahmen; die andere behauptet das
Gegenteil (Übersetzung von H.-R.
Schmidt)).
Möglicherweise macht
chronischer Ritalinkonsum doch
anfälliger für eine verminderte
Hirnaktivität von Dopamin ähnlich wie
Kokain? "It's a key question nobody
has answered." (Diese Kernfrage hat
noch niermand beantworten können).
W.-R. Horn
Meine
aktuelle Buchempfehlung:
Im Februar erscheint das aus
meiner Sicht hochinteressante
Buch von HÜTHER
und BONNEY:
"ADS Verstehen" (Patmos-Verlag).
Prof. HÜTHER dürfte Ihnen als
regelmäßigem Gast hier bereits
ein klein wenig bekannt sein.
Aber auch Prof. BONNEY ist hier
im Café Holunder kein
Unbekannter (s.hier links unter
"Alternativen bei ADS").
Ich verspreche mir und Ihnen
Einiges von diesem Buch. Beide
Wissenschaftler bringen ja die
Entwicklung wirklich im Sinne
einer ausgewogenen (nicht
biologistischen) Neubewertung
kreativ voran.
Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt
3.1.2002
Hallo,
sehr anschauliche
Stimmungsbilder der
psychosozialen
Rahmenbedingungen unserer
Kinder lesen Sie hier:
http://www.stern.de/wissenschaft/spezial/17554_33513.html
http://www.stern.de/wissenschaft/spezial/17554_26009.html?seite=1Ob
nicht hier die WIRKLICHEN
Ursachen für "ADS"
liegen?
H.-R. Schmidt
4.1.2002
Brüderlein
und Schwesterlein
Über
Geschwister
von
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard
Schmidt
Wenn Sie
gefragt werden, ob
es zwischen Ihren beiden
Kindern in der
Konzentrationsfähigkeit
mehr Ähnlichkeit gibt
als zwischen zwei fremden
Kindern aus verschiedenen
Familien, antworten Sie
wahrscheinlich mit Ja.
Genau so würden Sie wohl
auf die Frage antworten,
ob es zwischen eineiigen
Zwillingen, die in der
selben Familie
aufgewachsen sind, in
Bezug auf ihre
Intelligenz mehr
Übereinstimmung gibt als
zwischen eineiigen
Zwillingen, die getrennt
voneinander in
verschiedenen Familien
aufgewachsen sind.
Und beide
Antworten wären falsch!
In Wirklichkeit gibt es,
wenn man seelische bzw.
geistige Merkmale
betrachtet, zwischen
wildfremden Kindern im
Durchschnitt mehr
Übereinstimmung als
zwischen
Geschwisterkindern,
zwischen getrennt
aufgewachsenen Zwillingen
mehr als zwischen
gemeinsam aufgewachsenen.
Das verblüfft zunächst.
Aber es kann als
nachgewiesen gelten, dass
sich fremde Kinder und
getrennt aufgewachsene
Zwillinge in z.B. ihrer
Intelligenz im
Durchschnitt mehr ähneln
als Geschwisterkinder bzw.
gemeinsam aufgewachsene
Zwillinge. Ähnliches
gilt für eine Reihe
anderer psychologischer
Merkmale, wie
Konzentrationsfähigkeit,
Gedächtnis,
Leistungsbereitschaft und
auch
Persönlichkeitseigenschaften.
Der "gesunde
Menschenverstand"
geht ganz im Gegensatz
dazu immer wieder davon
aus, dass
Geschwisterkinder deshalb,
weil sie in der selben
Familie aufwachsen, die
selbe "Umwelt"
erleben, so dass
Unterschiede zwischen
ihnen eben nicht auf
diese Umwelt, sondern auf
"Vererbung" bzw.
die "Gene"
zurückzuführen sein
müssten. Wenn also in
der Familie ein Kind ADS
hat und das andere nicht,
wird darin ein Beweis
für die ausschließlich
genetische Verursachung
von ADS gesehen. Auch
wenn beide Kinder einer
Familie ADS haben, wird
darin ein Beweis für die
genetische Verursachung
gesehen. Aber wie so oft,
ist es natürlich wieder
einmal nicht ganz so
einfach!
In Wirklichkeit erleben
nämlich
Geschwisterkinder ebenso
wie gemeinsam
aufwachsende Zwillinge
ganz unterschiedliche
familiäre Umwelten,
obwohl sie in der selben
Familie aufwachsen. Sie
unterscheiden sich in
vielerlei Hinsicht (Alter,
Geschlecht, Aussehen,
Geburtsrang,
Geschwisterrollenkompatibilität
zu einem oder beiden
Elternteilen,
Erziehungsstil der Eltern,
Life-Events im Leben der
Familie je nach Alter des
Kindes..., wobei diese
Unterschiede bei
eineiigen Zwillingen
geringer ausgeprägt sind.
Eineiige, gemeinsam
aufwachsende Zwillinge
erleben ihre familiäre
Umwelt ähnlicher (aber
nicht identisch) als
Geschwisterkinder).
Zwei Jungen aus
verschiedenen Familien
haben z.B. schon mal das
Geschlecht gemeinsam,
während sie beide in
ihren Familien vielleicht
eine Schwester haben, von
der sie sich im Merkmal
"Geschlecht"
stärker unterscheiden
als voneinander. Oder:
Zwei Mädchen aus
verschiedenen Familien,
die beide einen älteren
Bruder haben, ähneln
sich psychologisch in
mancherlei Hinsicht mehr
als jeweils Bruder und
Schwester.
Dieser
ebenfalls gut belegte
Sachverhalt kann aber die
eingangs geschilderten
Umstände allein nicht
erklären. Fremde Kinder
und getrennt
aufgewachsene Zwillinge
erleben ja auch
verschiedene Umwelten
(was aber angesichts der
immer stärker werdenden
Angleichung der Familien
in hochentwickelten
Gesellschaften immer
weniger zutrifft). Nicht-blutsverwandte,
fremde Kinder haben
normalerweise keine
gemeinsamen Gene.
Geschwisterkinder haben
dagegen im Durchschnitt
50 Prozent, eineiige
Zwillinge 100 Prozent
gemeinsame Gene. Deshalb
kann der Umstand, dass
Zwillinge und (geringer)
auch Geschwister
gehäuft gemeinsam die
Diagnose "ADS"
bekommen, natürlich auch
auf "die Gene"
zurückzuführen sein.
Aber eindeutig ist dies
nicht, solange diese
"ADS-Gene"
nicht identifiziert sind,
und wenn man das Beispiel
der Schizophrenie-Forschung
oder der Alzheimer-Krankheit
heranzieht, sollte man
sich beim Finden solcher
genetischen Ursachen
keinerlei vorschnelle
Hoffnungen machen. Bei
Schizophrenie scheinen
hunderte verschiedene
Gene im Sinne eines
Puzzles Einzelteile in
völlig unbekannter Art
und Weise beizusteuern.
Bei Alzheimer sind meines
Wissens erst 3 solche
Gene bekannt.
Von grundsätzlichen
Unsicherheiten der "ADS"-Diagnose
sei hier einmal ganz
abgesehen: "ADS"-Häufungen
bei Geschwistern, in
Familien und bei
Zwillingen können auch
im subjektiven Erleben
der "Betroffenen",
in der Fragwürdigkeit
alltäglicher
Diagnosepraxis, in der
Mehrdeutigkeit sog.
"ADS-Symptome"
sowie in der
Unzulänglichkeit der
Forschungsdesigns
begründet sein. Eine in
dieser Hinsicht typische
Aussage eines "ADS"-betroffenen
Erwachsenen, der
mitteilte, dass er "überall
ADS bei anderen Menschen
entdeckt, seit er selbst
die Diagnose hat",
mag diesen Sachverhalt
verdeutlichen. Wenn über
Geschwister gesagt wird,
sie seien beide
hyperaktiv, muss das
keineswegs bedeuten, dass
beide "ADS"
haben. Hyperaktivität (was
immer das genau sein mag)
kann ja bei jedem der
Geschwister verschiedene
Ursachen haben.
Unterschiede
bzw. Gemeinsamkeiten
zwischen Geschwistern
können also im
Durchschnitt theoretisch
zu 50 Prozent auf "die
Gene" und zu 50
Prozent auf "die
Umwelt"
zurückgeführt werden.
"So oder so",
sagt man dazu im Alltag,
um zum Ausdruck zu
bringen, dass man es im
Grunde nicht weiss.
Verfechter
einer genetischen ADS-Theorie
werden einwenden, dass
der Umstand, dass
Geschwisterkinder
gehäuft die Diagnose
"ADS" haben, in
Anbetracht ihrer
relativen umweltbedingten
"Unähnlichkeit"
wiederum die Genetik
hervorhebt. Sie könnten
Recht haben;
entgegenhalten kann man
ihnen aber, dass
Geschwister ja "unähnlich",
aber dennoch gemeinsam
schädigend aufwachsen
können: das erste Kind
einer Familie leidet z.B.
unter der
Alkoholkrankheit der
Mutter, das zweite (nachdem
die Mutter abstinent
geworden war), unter der
Ablehnung des Vaters, der
davon überzeugt ist,
dieses Kind stamme vom
Liebhaber seiner Frau.
Man muss
sich aber nun fragen,
warum es so ist, dass
sich Kinder aus fremden
Familien und getrennt
aufgewachsene Zwillinge
mehr ähneln als
Geschwisterkinder und
gemeinsam aufgewachsene
Zwillinge.
Die
psychologische Erklärung
liegt in der natürlichen
Geschwisterrivalität,
die es nur bei gemeinsam
aufwachsenden Kindern
gibt. Geschwister wollen
(müssen) sich
voneinander abgrenzen,
unterscheiden, um ihre
ganz eigene und
unverwechselbare
Individualität zu
entwickeln. Auch bei
gemeinsam aufwachsenden
Zwillingen lässt sich
dies beobachten, wenn es
nicht sogar von den
Eltern bewusst gefördert
wird. Dieser Faktor übt
eine starke Wirkung auf
"die Gene" aus,
er kann genetische
Dispositionen im
Verhalten umformen,
zurückdrängen oder
befördern. Er begründet
die eingangs genannten
Unterschiede.
Genetische
Ursachen ließen sich am
deutlichsten aufzeigen,
wenn man getrennt
aufgewachsene, eineiige
Zwillinge untersucht (was
natürlich meist
unmöglich ist, sowas
gibt´s einfach zu selten).
Warum? Weil sich bei
ihnen der familiäre
Umweltfaktor am besten
kontrollieren ließe.
Geschwisterrivalität
wäre als Einflussfaktor
ausgeschlossen. Eineiige,
aber gemeinsam
aufwachsende Zwillinge
unterliegen im Vergleich
zu ihnen "ähnlicheren"
Umwelteinflüssen,
vergleichbar
Geschwisterkindern, die
aber noch "unähnlichere"
Familien erleben. Auch
bei Einzelkindern würde
zumindest der prägende
Einfluss der
Geschwisterrollen
wegfallen.
6.1.2002
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