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Behandlung Alternative Sichtweisen bei ADS Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1 |
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im Café
Holunder,
der renommierte Prof. Dr. med. Peter Riedesser,
Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie und Direktor der Klinik am
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fest. Ich möchte hier nur ein einziges, aber grundlegendes Beispiel seiner Pro und Kontras zitieren : "Pro:
Kontra:
(Zitat aus: P. Riedesser: Einige Argumente zur ADHS-Kontroverse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In: Marianne Leuzinger-Bohleber/Yvonne Brandl/Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2006, S. 111 ff..) Verunsicherte Eltern und schlecht informierte bzw. fahrlässige Fachleute sollten immer häufiger innehalten (was in einer Schnellfeuergesellschaft offenbar immer schwerer fällt) und sich diese und die anderen Argumente von Prof. Riedesser in aller Ruhe durch den intelligenten Kopf (und den nicht minder intelligenten Bauch) gehen lassen, bevor sie sich fachlich oder in ihrer Eltern-Kind-Beziehung in die medikamentöse und psychosoziale Sackgasse "ADHS" locken lassen. Besonders den augenscheinlich "müden Gesunden" unter den derzeitigen sog. ADHS-Fachleuten sei ein fachwissenschaftliches Aufmerksamkeitstraining im Sinne von Riedesser empfohlen, wenn sie nicht gar ein Psychostimulanz benötigen, um bezüglich "ADHS" aufzuwachen. Weiter in diesem
aufklärenden Sinne, Ihr Meine Buchempfehlung: So schmal das vorliegende Buch auf den ersten Blick erscheinen mag, so überraschend ist, welch weit ausholende und tiefgehende phänomenologische Analyse und Kritik Matthias Wenke hier in den gegenwärtigen Diskurs um "ADHS" einbringt. Während die beiden ersten Kapitel für den phänomenologisch ungeübten Leser etwas schwierige Kost darstellen, kommt der Autor danach sehr deutlich zur Sache. Die derzeit weit verbreitete Biologisierung kindlichen Verhaltens wird als antidialogisch und antipädagogisch entlarvt. Gesellschaftlicher Wandel wird gegenwärtig biologistisch als angebliche medizinische Störung und Krankheit in unseren Kindern verortet. Die scheinbar psychiatrische Diagnose "ADHS" und ihre pseudowissenschaftliche Verbrämung sollen Eltern, Lehrer, Ärzte, Psychologen, Erzieherinnen etc. dabei unterstützen, bedrohliches kindliches Verhalten verdrängen zu können, die je ganz eigene dialogische Verantwortlichkeit zu leugnen. Man hat sozusagen lieber kranke als unglückliche Kinder. Das "Etwas ADHS" wird als ein Kunstprodukt herausgearbeitet, als ein kulturelles Konstrukt, das Klarheit vorgaukelt, die es nicht gibt, das im Gegenteil sogar viele Zusammenhänge verschleiert, nämlich den Sinn des Verhaltens der betroffenen Kinder und ihre Lebensgeschichten. Dieser sozusagen alltägliche Biologismus, demzufolge Lehrer, Eltern und Ärzte immer rascher bereit sind, auffälliges kindliches Verhalten auf ein "biochemisches Ungleichgewicht" zurückzuführen, anstatt über ihre eigene Beteiligung daran nachzudenken, bedarf denn auch nach Ansicht des Autors einer dringenden und kritischen Reflexion. Es wird nicht mehr nach dem "Warum" eines Verhaltens, nach seinem Sinn in einer phänomenalen, subjektrelativen Welt gefragt. Statt eines therapeutischen Dialogs zwischen Erwachsenem und Kind wird das Kind zum bloßen Diagnose- und Medikationsobjekt. Der Tenor dieses wichtigen und den ADHS-Diskurs sehr bereichernden Buches kommt in einem anschließenden Zitat auf Seite 135 treffend zum Ausdruck: "Und erforscht die Tiefen eures Wissens nicht mit Messstock und Senkschnur. Denn das Ich ist ein Meer, grenzenlos und unermesslich." (Khalil Ghibran) Matthias Wenke : ADHS: Diagnose statt Verständnis? Wie eine Krankheit gemacht wird. Eine phänomenologische Kritik. Brandes & Apsel 2006. Hans-Reinhard Schmidt Dieses Buch wurde in unsere Liste ADHS-kritischer Bücher aufgenommen.
Der volksweite und internationale Psychopharmaka-Einsatz wird immer hemmungsloser. In den USA wurde jüngst die sog. PAT-Studie (Preschool ADHD Treatment Study) veröffentlicht, in der der Methylphendateinsatz bei über 300 Vorschulkindern ab 3 Jahren (!) ausprobiert wurde, natürlich mit Erfolg. Ritalin wirkt schließlich (fast) immer. Vorausgegangen war bei den Kindern eine angeblich fehlgeschlagene Verhaltenstherapie. Wer vom Fach ist, weiß allerdings, dass eine Verhaltenstherapie bei Kleinkindern sowieso nicht erfolgreich sein kann, denn eine in diesem frühen Alter allein aufs Kind reduzierte Verhaltensdressur bei oft massiven, aber unveränderten familiären und umweltbezogenen Störfaktoren ist ebenso sinnvoll wie Verhaltenstherapie bei einer unruhigen Maus im Laufrad ihres engen Käfigs. Die erheblichen und erschreckenden Nebenwirkungen, die auftraten, werden wieder mal eher beiläufig erwähnt. Nebenwirkungen sind eben offenbar Nebensache. Schlafstörungen, Appetitverlust, Verstimmungen wie Nervosität oder Beunruhigungen sowie häufiges Nesteln an der Haut sollen Eltern einfach in Kauf nehmen, wenn es darum geht, ihre angeblich anstrengenden Kleinkinder chemisch ruhig zu stellen. Vor allem aber die erschreckenden Wachstums- und Gewichtsstörungen, die die über ein Jahr mit Psychopharmaka traktierten Kinder entwickelten, werden skandalös verharmlost. J. Swanson und 17 weitere Forscher untersuchten 140 Kinder ab 4 Jahren aus dieser PAT-Studie und stellen fest, dass das Wachstum der behandelten Kinder um 20 Prozent, und die Gewichtszunahme sogar um 55 Prozent unter den Erwartungswerten der Kontrollgruppe zurückgeblieben waren. Ist es nicht einfach unfassbar, was hier vor den Augen der Öffentlichkeit für Menschenversuche mit kleinen Kindern unter dem Vorwand wissenschaftlicher Forschung betrieben werden? Gerade in einem Lebensalter, in dem psychosoziale Prävention besonders erfolgversprechend wäre, werden kleine Kinder mit Psychopharmaka ruhiggestellt, ohne etwas an ihren oft sehr entwicklungsstörenden Umweltbedingungen zu ändern. Und schon bald werden auch bei uns wieder Ärzte, sog. Fachleute und begeisterte Eltern zugreifen, wenn die Pharmaindustrie Tabletten fürs angebliche Glücklichsein auch bei Kleinkindern anbietet. Es fehlt nur noch die große Verbrauchergruppe der Senioren. Zur Einnerung an meinen diesbezüglichen Beitrag vor 4 Jahren: ADHD bei Senioren! Wie die Forschungsgruppe
um MetroGoldwynMayer, Hollywood, mit einer extrem
prospektiven, dreifachblinden und CHAAD-überfinanzierten
Studie herausgefunden hat, fängt ADS mindestens im
Säuglingsalter an, dauert bis ins Erwachsenenalter und -jetzt
kommt´s- befällt auch die meisten Senioren! In einer
Stichprobe von 24643 Senioren mit dem Durchschnittsalter
von 82 Jahren, die sich daran erinnern konnten, bereits
als Säuglinge ADS gehabt zu haben, zeigte sich, dass 92
Prozent von ihnen unverändert eindeutige Symptome
zeigten (u.a. zwanghaftes Tangotanzen um Mitternacht,
oppositionelles Verhalten im Altersheim sowie zwangloses
Gelächter bei Trauerfeiern). Über die
Langzeitauswirkungen von Methylphenidat bei Senioren
liegen naturgemäß noch keine Ergebnisse vor. Preiser ADHS: Wie häufig gibt´s das? Die Kernfrage, ob es ADHS als eigenständiges Störungsbild überhaupt gibt, ist bei sorgfältiger wissenschaftlicher Analyse nach wie vor ungeklärt. Auch die wichtige Frage, wie häufig diese angebliche Krankheit überhaupt vorkommt, ist in Wahrheit nicht beantwortbar. Angesichts der grundsätzlichen Unklarheit des Syndroms ADS / ADHS verwundert es nicht, dass seine Häufigkeit (Prävalenz) in der Literatur höchst unterschiedlich angegeben wird. In den überwiegend anglo-amerikanischen Studien finden sich extreme Schwankungen in der Prävalenzschätzung von 4% bis 26%! Einige Studien gehen in Deutschland für die Altersgruppe von 5-18 Jahren von einer Häufigkeit von 2,5% - 6% aus. Im Mittel schätzt man derzeit ca. 5 % betroffene Schulkinder. Dieser Prävalenzwert ist jedoch - trotz seiner erheblichen gesundheitspolitischen Bedeutung bislang wissenschaftlich nicht abgesichert. Was sind die Gründe dafür, dass das Vorkommen der derzeit meistgestellten psychiatrischen Kinderdiagnose so unklar ist und lediglich auf fragwürdigen Schätzungen beruht? Skounti, Philalithis und Galanakis sind dieser Frage in einer Metaanalyse nachgegangen. Sie haben alle internationalen ADHS-Prävalenzstudien seit 1992 ausgewertet und kommen zum Ergebnis, dass außer dem Alter und Geschlecht der untersuchten Kinder auch die angewendete Diagnostik eine Rolle spielt: Wenn der DSM-IV-Diagnoseschlüssel angewendet wurde, gab es mehr Fälle als bei Anwendung des DSM-III. Auch sonst spielen die ganz unterschiedlichen Informationsquellen, die bei der Diagnostik herangezogen werden, eine große Rolle. Wechselnde Stichprobenzusammensetzung,. verschiedene methodische Forschungsansätze, ethnische und kulturelle Unterschiede sowie unterschiedliche diagnostische Kriterien führen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen der Prävalenzangaben. Die Autoren schließen deshalb, dass aus den derzeit vorliegenden internationalen Studien keine verlässliche Prävalenzrate für ADHS abgeleitet werden kann, solange die Diagnostik und die Forschung so unstandardisiert verläuft, wie derzeit. Wenn man also irgendwo Behauptungen über die Prävalenz von ADHS liest (wie z.B. beim BV-AH, der dem Leser einreden will, es gebe 3 - 8 % ADHS-Kinder), sollte man wissen, dass es sich um meist interessengeleitete Schätzungen ohne jeden seriösen wissenschaftlichen Gehalt handelt. Boris
Holthusen
Ein alter und bei vielen liebgewordener ADHS-Mythos lautet, ADHS-Kinder seien auffallend oft besonders kreativ. Auf Internetseiten, die über ADHS auch sonst meist hanebüchenen Unsinn verbreiten, wird dies im Brustton der Selbstverständlichkeit völlig unkritisch kolportiert, z.B. beim abstrusen TOKOL oder beim medizinisch daherkommenden netdoktor. Auch auf Pharmaseiten wie bei Janssen wird dies behauptet, und dass dann die notorische Cordula Neuhaus ebenfalls in dieses populärwissenschaftliche Horn bläst, verwundert niemanden mehr (C. Neuhaus: Das hyperaktive Kind, Ravensburger 1999, S. 42). Künstler werden aufhorchen: Kreativität wird häufig sogar als typisches ADHS-Symptom dargestellt. Sind Künstler also krank? Beängstigende Assoziationen an Zeiten entarteter Kunst kommen auf. Der kritische Zeitgenosse, der nach wissenschaftlichen Belegen für die These einer Korrelation von ADHS und Kreativität sucht, erlebt wieder einmal eine herbe Ernüchterung: Er findet nichts Rechtes, was geeignet wäre. Auf welche Forschungsergebnisse also berufen sich all die halbseidenen, selbsternannten ADHS-Fachleute bei dieser nirgends hinterfragten Behauptung eigentlich? Diese und andere kritische Fragen zu ADHS darf man ihnen leider nirgends öffentlich stellen. Mangels überzeugender Antworten reagieren sie meist beleidigend-impulsiv, ignorieren den Frager oder schieben ihn in die bekannte Scientologen-Ecke. So dünnhäutig sie ob ihres Argumentationsmangels geworden sind, so trotzig haben sie sich in ihre ADHS-Wagenburgen verbarrikadiert. Healey D. und Rucklidge JJ. sind nun einmal dieser Frage der Verbindung von ADHS und Kreativität wissenschaftlich nachgegangen. Sie haben Kinder miteinander verglichen, die entweder nur die Diagnose ADHS hatten (also als nicht kreativ galten), neben der Diagnose auch noch als besonders kreativ galten oder nur kreativ waren (also ohne ADHS-Diagnose), sowie eine Kontrollgruppe. Und was kam dabei heraus? Zwar zeigten sich 40 % der kreativen Kinder als lebendig, aufgeweckt, teils unkonzentriert und impulsiv, aber bei keinem einzigen der besonders kreativen Kinder konnte die Diagnose ADHS bestätigt werden. Wen wundert`s? Kreative Menschen sind immer schon besonders unruhig-unkonventionell, impulsiv, "anders", originell eben, charismatisch, genialisch. Aber ADHS haben sie nicht! Und das ist gut so! ADHS und Kreativität haben also rein gar nichts miteinander zu tun. Boris
Es ist ja bekanntlich wissenschaftlich eindeutig belegt, dass die Ursache für ADHS im menschlichen Gehirn liegt. Das Gehirn ist z.B. kleiner als normal und verursacht deshalb so komisches ADHS-Verhalten. Und nun hat die Wissenschaft endlich die Ursache fürs Rauchen gefunden: sie liegt auch im Gehirn! Auch bei Rauchern ist das Gehirn kleiner als normal. Genau wie bei ADHS wird dabei eine genetische Ursache vermutet. Wie das Schrumpfhirn es allerdings anstellt, den Trieb zum Rauchen auszulösen, wollen die Wissenschaftler nun als nächstes ergründen. Wir sagen das Forschungsergebnis hier schon mal voraus: Raucher leiden in Wahrheit alle an ADHS! Wir sind schon mal gespannt... Ulli
Stellen Sie sich bitte einmal vor, ihr geliebter Lebenspartner würde sterben. Sie trauern sehr intensiv und weinen selbstverständlich auch ziemlich häufig. Sie möchten sich gerne einige Tage krank schreiben lassen, um die schlimmste Zeit des Verlustes zu überstehen und wieder zu sich zu kommen. Ein Bekannter empfiehlt Ihnen einen Arzt, der sich "mit Sowas" auskennt. Sie lassen sich einen Termin geben. Besagter Arzt weiß nichts von Ihrem Trauerfall und fragt Sie auch nicht nach Ihrem Lebenshintergrund. Er sieht aber Ihre Tränen und äußert spontan die Vermutung, dass Sie an der sogenannten "Tränendrüsensekretionsdysfunktion", kurz TDSD, leiden würden. Das sei eine neurochemische Dysbalance im Gehirn mit Auswirkungen auf die kontraktile Muskulatur der glandula lacrimalis. Mit Hilfe eines kurzen Fragebogens zu ihrem Tränenabsonderungsverhalten könne man die Diagnose relativ sicher stellen. Sie sind schockiert, protestieren, erzählen von ihrer Trauer und würden am liebsten das Sprechzimmer verlassen, doch der Arzt teilt ihnen im sonoren Ton des Experten mit, dass es geradezu typisch für TDSD -Betroffene sei, dass diese ihre Erkrankung nicht selbst erkennen und beurteilen könnten, weil ihr Urteilsvermögen durch eben diese stark getrübt sei. Hirnphysiologische Untersuchungen hätten die biochemischen Mechanismen für die verstärkte Absonderung von elektrolythaltiger Augenrandflüssigkeit vollständig aufgeklärt, so dass ein psychogener Hintergrund für die TDSD ganz auszuschließen sei. So etwas wie "Trauer" sei ein Volksglaube und völlig unwissenschaftlich. TDSD komme ja auch bei Menschen in anderen Lebenssituationen vor und nicht jeder, der einen Angehörigen verliert, reagiere mit TDSD-Verhalten. Wahrscheinlich gebe es auch ein TDSD -Gen, doziert der Fachmann weiter, vor allem bei Frauen sei das wohl sehr häufig. Und unbehandelt würde diese Krankheit immer gefährlicher, es drohten großes Unglück, gesellschaftliche Ächtung oder Depressionen bis hin zum Suizid. Aber, tröstet er Sie sogleich, die moderne Medizin sei heute bereits so weit, dass Gene kein Schicksal mehr sein müssten, und schreibt Ihnen ein teures, unter das Betäubungsmittelgesetz fallendes Medikament auf, das Sie ab jetzt für einige Jahre dreimal täglich zu nehmen hätten, das würde die lästige und für die Gesellschaft ja auch untragbare "Tränendrüsensekretionsdysfunktion" abstellen, indem es angeblich die neuronalen Prozesse im Gehirn "korrigiere", so dass ihre Augen trocken bleiben und sie wieder "richtig" funktionieren. Wenn Sie sich bis hierher nicht in ihrer Selbstgewissheit haben irritieren lassen, dann werden Sie wahrscheinlich aufstehen, den Kopf schütteln, die Praxis verlassen, das Rezept in die nächste Mülltonne werfen, sich von Freunden trösten und helfen lassen und einfach weiter weinen, bis Ihre Trauerzeit um ist auch ohne Arzt und Krankschreibung. Diese kurze Geschichte illustriert ziemlich genau die Vorgänge, mit denen man Millionen von Kindern, die sich irritierend, unruhig oder den Erwartungen und Wünschen ihrer Erzieher zuwider benehmen, das "Aufmerksamkeitsdefizithyperkinesesyndrom", kurz "ADHS" zuschreibt. Auch dieses "ADHS" klingt irgendwie wissenschaftlich und es werden exakt dieselben biologischen Behauptungen über das Verhalten von lästigen, unkontrollierbaren und irritierenden Kindern in die Welt gesetzt, wie ich sie hier für die hypothetische "Tränendrüsendysfunktion" konstruiert habe. Inzwischen haben diese vier Buchstaben "ADHS" sich zu einem beängstigend erfolgreichen Kulturprodukt entwickelt, das ein verbreitetes Bedürfnis nach Bannung von Hilflosigkeit in eine handliche Formel zu stillen scheint, um das herum sich ganze Wissenschaftszweige, Diagnose- und Selektionsinstitutionen, ein profitabler pharmazeutischer Markt und Selbsthilfeorganisationen mit den dazugehörigen selbstblinden Publikationen gebildet haben - und zwei polare Lager der Auseinandersetzung, die sich praktisch unversöhnlich gegenüberstehen. In der Struktur des
medizinischen Diskurses erkennt man das folgende immer
gleiche Muster mit austauschbaren Bausteinen:
Für die Medizin bzw. Biologie wird ein Deutungsmonopol behauptet, alternative Theorien werden nicht berücksichtigt und Kritiker als unwissenschaftlich denunziert. Die Patienten werden für unfähig erklärt, ihren eigenen Zustand zu beurteilen oder zu verändern. Die konstruierte Diagnose wird zum Selbstläufer. Allein dadurch, dass etwas neu bezeichnet wird, gewinnt es handlungsleitende Existenz für Institutionen und Menschen. Factum valet oder "die normative Kraft des Faktischen". Die Institutionalisierung der "Diagnose" läuft jetzt wie geschmiert von alleine: sie ist Bestandteil der Lehrbücher, Kongresse, von Forschungsapparaten, Studiengängen, der Medizinausbildung, selbst der Ausbildung von Pädagogen und Therapeuten. Wer jetzt noch zu den Kritikern gehört, wird denunziert, er wird in die "esoterische" Ecke verwiesen, ihm wird womöglich unterstellt, selber "krank" zu sein oder er wird z.B. mit gefürchteten Sekten in Verbindung gebracht, kurz: ein Exklusionsprozess greift, getrieben von einer sich selbst als Verteidigung der "richtigen Wissenschaft" verstehenden Abwehr. Die "diskursive Polizei" (Foucault) hat gründlich aufgeräumt - nicht weil sie die Wahrheit verteidigt hat, sondern weil sie Interessen durchgesetzt und ein dazu passendes Kulturprodukt konstruiert, vermarktet, immunisiert und sanktionierbar gemacht hat. Matthias Wenke
"ADHS: Eine der größten Kontroversen in der Geschichte des Fachgebiets Kinder- und Jugendpsychiatrie", sagt zu Recht Peter Riedesser (1). Leider spielt sich diese Kontroverse immer mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Immer häufiger verkümmert der eigentlich fruchtbare öffentliche Diskurs zu unkritischer, einseitig schulmedizinisch ausgerichteter und Pharma-gesponserter Darstellung, die Eltern, Lehrer und Erzieherinnen vorschnell auf eine biologistische Sicht kindlichen Verhaltens lenkt und sowohl die eigene Beteiligung am kindlichen Seelenleben und Verhalten, als auch das introspektive, empathische Verstehen der wirklichen Nöte unserer Kinder aus dem Blickfeld verliert. Unsere "Schnellfeuer-Kultur" (DeGrandpre, 2) verändert das Bewusstsein auch unserer Kinder und fordert ihren Preis, auch mit der zunehmenden Einnahme von Psychpharmaka. Eine ganze Generation wird krankgeschrieben, denn ADHS ist genau die "Krankheit", die in diese Kultur passt. Mit der zunehmend einseitig-biologistischen Sicht und Behandlung der seelischen Nöte unserer Kinder wird immer mehr von ihnen eine verstehende, die wirklichen psychischen Hintergünde und systemischen Zusammenhänge ihrer Nöte und Störungen ernstnehmende gesellschaftliche Verantwortlichkeit vorenthalten - ein weithin ausgeblendeter Skandal. Offensichtlich hat man wohl lieber kranke als unglückliche Kinder (Wenke, 3). KONFERENZ ADHS (1) P. Riedesser in:
Leuzinger-Bohleber/Brandl/Hüther (Hg.): ADHS -
Frühprävention statt Medika- lisierung. Vandenhoeck&Ruprecht
2006 Café Holunder 2/2007
Lernen Sie Ernst Böse kennen. Wenn Sie auf den Cartoon klicken, blicken Sie tiefer... |
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