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Hans von Lüpke Vorgeburtliche Bindungserfahrungen - Konsequenzen für die Interpretation und Begleitung von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten Kontinuität über die Geburt hinaus Mütter, die mehrere Kinder geboren haben, bemerken bei ihren Kindern Verhaltensweisen, die sie schon während der Schwangerschaft als charakteristisch und anders als bei den Geschwistern wahrgenommen hatten. "So hat er mich schon vor der Geburt in die Leber getreten", könnte etwa eine Beinbewegung auf dem Wickeltisch kommentiert werden. Die Vorstellung von der Kontinuität der vor- und nachgeburtlichen Entwicklung findet sich darüber hinaus quer durch die Zeiten und Kulturen. So schreibt der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge im Jahre 1802: "Die Geschichte des Menschen in den neun Monaten, die seiner Geburt vorausgehen, wäre vermutlich weit interessanter und enthielte Ereignisse von größerer Tragweite als alle drei Lebensalter und Jahrzehnte, die ihr folgen." (zit. nach Macfarlane 1977, 11). Trotzdem wird nicht nur im Alltag, in der standesamtlichen "Erfassung", sondern auch in der Säuglingspsychologie die Geburt als Beginn des Lebens behandelt. Dabei hat der bekannte Kinderneurologe Heinz Prechtl bereits im Jahre 1984 die Erwartung, "daß es zur Anpassung an die Erfordernisse der neuen Umgebung einer umfangreichen Veränderung des funktionellen Profils beim gerade geborenen Organismus bedarf", als "naiv" bezeichnet und darauf hingewiesen, daß "das neurologische Repertoire eine eindrucksvolle Kontinuität im Verlauf des Übergangs vom intrauterinen zum extrauterinen Leben" zeigt und die Veränderungen sich "auf wenige vitale Anpassungen zu beschränken" scheinen (Prechtl 1984, 8). Aus einer ganz anderen Perspektive kommt die Kinderanalytikerin Piontelli zum selben Resultat. Sie beteiligte sich an den routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen ab der 20. SSW in der Klinik und verglich die dabei gewonnenen Eindrücke mit ihren Beobachtungen der Kinder und den Berichten der Eltern über einen Zeitraum, der unmittelbar nach der Geburt begann und zum Teil bis ins 5. Lebensjahr reichte. Zusätzliche Informationen erhielt sie bei einigen Kindern, die zu ihr in Psychotherapie kamen. Sie schreibt, "dass der Geburtsvorgang selbst bei keinem der von ihr beobachteten oder behandelten Kinder eine grundlegende psychische oder emotionale Veränderung gegenüber dem pränatalen Zustand bewirkt hatte. Vielleicht können wir uns die Geburt als Klimax des pränatalen Zustands vorstellen, eine Art Crescendo, das in den postnatalen Zustand überleitet, ohne die Verbindungen mit pränatalen Mustern zu durchtrennen" (Piontelli 1996, 319). An vielen Beispielen konnte sie zeigen, wie pränatale Verhaltensmuster nach der Geburt weiter bestehen: So bei einem Kind, das während der Ultraschallbeobachtung dadurch auffiel, dass es sich häufig an die Plazenta anzukuscheln schien. In der Kindergartenzeit hatte es die Angewohnheit, sich dadurch zu beruhigen, dass es mit einem Kissen an der Wange herumlief. Über ein anderes Kind schreibt sie: "Solange Gianni im Uterus lebte, hielt er sich nahezu unentwegt an der Nabenlschnur fest. Er war extrem immobil und mußte duch Kaiserschnitt entbunden werden. Der Geburtshelferin fiel seine starre Unbeweglichkeit auf. Heute ist Gianni ein ausgesprochen zwanghaftes Kind. Er klammert sich an genau festgelegten Abläufen fest wie früher an der Nabelschnur" (Piontelli 1996,317). Besonders eindrucksvoll war für Piontelli, wie die unterschiedlichen Interaktionsformen zwischen Zwillingen sich nach der Geburt fortsetzten. So nahmen die Zwillinge Luca und Alice schon pränatal durch die sie trennende Membran offensichtlich liebevoll Kontakt miteinander auf. Im Alter von einem Jahr streichelten sie sich durch einen Vorhang hindurch. Später, im Kindergarten, versteckte sich jeder auf einer Seite des Vorhangs, der ihnen als trennende Membran zu dienen schien. "Dann streckte Luca die Hand aus, Alice näherte sich ihr mit dem Kopf, und unter Glucksen und Kichern begannen sie, einander zu streicheln" (Piontelli 1996,194). Die Konsequenzen aus ihren Beobachtungen kommentiert Piontelli folgendermaßen: "Pina war bis zu einer drohenden Fehlgeburt infolge einer Plazentalösung ein abenteuerlustiger, aktiver Fetus gewesen. Danach hörte sie auf, sich zu bewegen. Sie ist ein aktives und unternehmungslustiges Kind, leidet allerdings unter recht schweren klaustrophobischen Ängsten, ist beinahe anorektisch und fürchtet sich davor, weggeschwemmt zu werden (S. 317) .... Ich vermute, dass ich die langfristigen Folgen des intrauterinen Traumas vor dieser Forschung auch bei einem Kind wie Pina eher bagatellisiert hätte. Da an der unterstützenden Haltung der Mutter nicht zu zweifeln war, hätte ich Pinas Klaustrophobie und Anorexie vermutlich auf irgendeinen angeborenen Faktor zurückzuführen versucht" (S. 325-326). Säuglingsforschung und die
Geburt als "Stunde Null" Neurophysiologische Grundlagen:
die amodale Wahrnehmung Die Bedeutung dieser amodalen Wahrnehmung ist kaum zu überschätzen: Bietet sie doch die Vorausetzung dafür, dass frühe Erfahrungen auch in späteren Entwicklungsphasen wirksam werden können - unabhängig davon, welche Sinnesorgane zur Zeit dieser frühen Erfahrungen bereits ausgereift waren. Thelen & Smith (1998) sprechen von einem "Multisensory Space". Eine Revision der Entwicklungspsychologie des jungen Säuglings steht an. Sie kann nicht mehr gesehen werden unter dem Aspekt eines Neubeginns, sondern unter dem einer Fortsetzung, eines ständigen Vergleichs zwischen bereits Bekanntem und neu Erlebtem. So sind die ersten beobachtbaren Handbewegungen des jungen Säuglings nicht mehr im Sinne von Piaget als Reflexbewegungen zu verstehen, über die sich langsam ein Schema der Umwelt zusammensetzt, sondern als Ausdruck eines Vergleichs mit bereits bekannten Berührungsqualitäten, vermittelt über Plazenta, Nabelschnur, Uteruswand im Sinne von Umwelterfahrung und Berührung des eigenen Körpers (z.B. mit dem Daumen in der Mundhöhle) als Wahrnehmung der eigenen Person. Aber nicht nur um sensorische Erinnerungen geht es hier, sondern vor allem auch darum, dass die vorangegangenen Erfahrungen kontinuierlich eingefärbt sind durch die Beziehung zur Mutter und - über sie - zur übrigen Umwelt. Das Berühren der Uteruswand vermittelt nicht nur taktile Erfahrungen, sondern geht einher mit hormonalen, akustischen und vermutlich einer Vielzahl anderer Signalen, die mit den heute verfügbaren Methoden nicht darstellbar sind. Über die amodalen Verflechtungen ergibt sich daraus eine zusammenhängende einheitliche Wahrnehmung. Nichts ist dabei lediglich materiell: auch die Berührung der Uteruswand vermittelt über psychosomatische Wege wie Wechsel im Tonus, der Motilität, der Durchblutung etc. persönliche Botschaften. Vieles, was bisher beim Säugling als angeborenes Schema angesehen wird, etwa die Bevorzugung runder harmonischer Gesichtsformen gegenüber bizarren oder die synchroner Lippenbewegungen gegenüber asynchronen sind im Kontext solcher Erfahrungen und ihrer amodalen Verschiebung auf andere, insbesondere optische Sinneskanäle zu verstehen. Konsequenzen für die
Bindungsforschung und andere Forschungsdesigns Die Vorstellung von der vorgeburtlichern Zeit als eines Erfahrungszeitraums hat weitreichende Konsequenzen auch für Forschungsdesigns wie Zwillingsuntersuchungen oder Studien mit Adoptivkindern. Diesen mit großem finanziellen Aufwand an öffentlichen Geldern betriebenen Forschungen zur Unterscheidung von genetisch angelegtem und durch Umweltbedingungen erworbenem liegt die unreflektiert vorausgesetzte Annahme zugrunde, dass bis zur Geburt keine Erfahrungen gemacht werden. Nicht nur die oben dargestellten Befunde der pränatalen Psychologie und Verhaltensbeobachtung stehen dem entgegen. Edelman (1995; zit. nach Deneke 1999) hat an Tierversuchen demonstriert, dass bei eineiigen Zwillingen nicht einmal die neuronalen Netzwerke übereinstimmen. Zudem geht die neuere Genetik davon aus, dass alle genetisch angelegten Programme zu ihrer Umsetzung von Umwelteinwirkungen einschließlich deren psychischer Bedeutung abhängig sind (Deneke 1999). Über die spezifisch entwicklungspsychologischen Aspekte hinaus ändert sich auch das Menschenbild: Es gibt keinen Zeitpunkt, zu dem eine Verhaltensweise lediglich Ausdruck eines isolierten "monadischen" Menschen ist, der zunächst als Einzelner gedacht wird und mit anderen (also der Mutter) erst eine Kommunikation entwickeln muß. Der Mensch lebt nie außerhalb einer Beziehung und jede Bewertung ergibt sich erst im Kontext von Beziehungen. Einem von Geburt an lebhaften Kind kann dieses Verhalten nicht einfach als Temperament zugeschrieben werden. Es stellt sich die Frage nach der Bedeutung dieses Verhaltens möglicherweise schon für die intrauterine Kommunikation: Hat das Kind durch lebhafte Bewegungen unbewußte oder bewußte Reaktionen bei der Mutter hervorgerufen, etwa Streicheln durch die Bauchdecke hindurch? Oder fühlte sich das Kind verunsichert und versuchte, durch Bewegungsaktivität sich selbst intensiver wahrzunehmen? Ist ein ruhiges Kind zufrieden oder verhält es sich ruhig, weil es schon vor der Geburt die Erfahrung gemacht hat, dass lebhaftere Bewegungen ablehnende Reaktionen hervorgerufen haben? Verhalten sich Kinder bei lange verleugneten Schwangerschaften besonders ruhig, weil sie spüren, dass lebhaftere Bewegungen ihre Existenz bedrohen könnten? Neue Schuldproblematik ? Konsequenzen für die Praxis Im Hinblick auf die Entwicklung des Bindungsverhalten wirkt hier das Wechselspiel zwischen frühen, oft schon vorgeburtlichen Bindungserfahrungen und ihrer Weiterentwicklung durch die Art und Weise, wie Spuren dieser frühen Erfahrungen später aufgegriffen, beantwortet oder ignoriert werden. Ein Beispiel dafür, dass die Interpretation anscheinend harmloser Auffälligkeiten schon kurz nach der Geburt die Beziehung und damit die weitere Entwicklung der Bindung beeinflussen können, sei im folgenden dargestellt. Rauch-Straßburger & Stork berichten und dikutieren über einen Säugling, der bereits in der 2. Lebenswoche ein Verhalten zeigt, "welches ich nur teilweise mit meinem erlernten Wissen über das Verhalten von Säuglingen zusammenbringen kann", wie Rauch-Straßburger zur Falldarstellung bemerkt. Nach anhaltendem Schreien, das sich erst durch Anlegen an die Brust beenden läßt, zeigt sich "das Erstaunliche und mir erst einmal Unverständliche ... darin, dass die Beendigung seines Schreiens nicht mit dem Trinken zusammenfällt. In der Situation mit der Möglichkeit, sofort seinen Hunger zu stillen, kümmert er sich nicht um die Brustwarze, sondern beginnt beruhigt, in aller Seelenruhe nacheinender an einzelnen Fingern seiner Hand zu saugen. Dabei scheint er die Brust kaum zu beachten. Seine Mutter fühlt sich dabei 'wie bestellt und nicht abgeholt'. ... Nach ein paar Minuten läßt Mario dann seine Finger aus dem Mund gleiten und sucht die Brustwarze, wobei ihm die Mutter behilflich ist. Erst dann beginnt er, ruhig zu saugen" (Rauch-Straßburger & Stork 1994, 419). Stork spricht in der Diskussion von einer "halluzinatorischen Wunscherfüllung" und sieht im Verhalten des jungen Säuglings "die frühesten Bewegungen menschlicher Individuation". Dabei unterstellt er dem Säugling Aussagen wie: "Mutter, schau, obwohl ich Hunger habe, möchte ich dir zeigen, dass ich nicht von meinem Hunger überwältigt bin, mich kein sadistisches Verschlingen beherrscht ... , sondern dass ich eine Art Distanz vor dem Hunger und vor der Anziehung, die die Brust auf mich ausübt, aufrichten kann und der Anziehung sowie dem Wunsch nach Vereinnahmung nicht mit Haut und Haaren erlegen bin" (Rauch-Straßburger & Stork 1994, 420). Ohne an dieser Stelle die von Dornes (1993) geführte Diskussion um das vielschichtige Thema der Säuglingsphantasien aufgreifen zu wollen, läßt sich doch fragen, ob der Blick auf fetale Verhaltensweisen nicht eine einfachere Erklärung bietet. Jeder kennt das Bild vom Fetus, der an seinem Daumen saugt. Die damit verbundene Befriedigung fällt noch nicht mit dem Gefühl der Sättigung zusammen. Vielleicht verschaffte sich der hier geschilderte Säugling zunächst die befriedigende und entspannende Erfahrung aus der (noch sehr nahen) Fetalzeit, um erst in der dabei erreichten Beruhigung zu trinken. Viele Säuglinge sind nicht in der Lage, unmittelbar aus einem Zustand großer Erregung heraus zu trinken. Dieses Erklärungsmodell könnte manche Trinkprobleme erklären, besonders bei frühgeborenen Säuglingen, denen von ihrer Entwicklung her jene Trennung von Saugen und Sättigung noch entspricht. Das Beispiel soll deutlich machen, dass die pränatale Perspektive Deutungsmöglichkeiten bietet, die nicht grundsätzlich besser oder schlechter sind als andere. Es kommt darauf an, wer mit welcher Deutung am besten arbeiten kann. Für die Frage der Bindung ist jedoch von Bedeutung, welches Bild sich aus der Interpretation für die Rolle der Mutter ergibt, die sich "wie bestellt und nicht abgeholt" fühlt. Wird sie als eine Mutter gesehen, deren "unbewußte Ablehung" sich im Verhalten des Kindes ausdrückt oder bietet ihr die Interpretation ein Bild, bei dem sie sich als Mutter akzeptiert sieht ? In dieser Hinsicht stehen die pränatale und die Interpretation von Stork auf einer Stufe. Allgemeine Konsequenzen Hier zeigt sich auch der grundlegende Unterschied zwischen einer Betrachtungsweise, die von "angeborenen oder vermutlich früh erworbenen Temperamentsunterschieden" ausgeht und einer, die jedes Verhalten auf der Grundlage von Beziehungserfahrungen als sinnvoll versteht. Und wieder bedeutet das nicht, dieses Verhalten "verstehen" zu müssen - verbunden mit der Forderung, es durch Erklärungen zu legitimieren. Es bleibt das "Geheimnis" als "Nische der Subjektivität" (Milani Comparetti 1996). Literatur Chamberlain, D (1997): Neuere Forschungsergebnisse
aus der Beobachtung vorgeburtlichen Verhaltens. In:
Haibach, S., Janus, L. (Hrsg.) Seelisches Erleben vor und
während der Geburt. Neu Isenburg (Original: Observations
of Behavior before Birth: Current Findings. In: Klimek,R.(ed.)
A Time to be Born. Mattes, Heidelberg 1995) In: Finger-Trescher, U. & Krebs, H. (Hg.): Bindungsstörungen und Entwicklungschancen. Psychosozial-Verlag Gießen 2003, S. 133-144 Hans von Lüpke © Café Holunder Stellungnahme zur Festbetragsregelung von Methylphenidat unter Berücksichtigung aktueller Forschungsergebnisse Konferenz ADHS ist ein freier Zusammenschluss deutscher Fachleute, die in Sorge sind wegen der stark zunehmenden Medikation unserer Kinder mit hochwirksamen Psychopharmaka im Zusammenhang mit der wissenschaftlich umstrittenen Diagnose ADHS. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat die Bildung einer Festbetragsgruppe für kurzwirksarne und retardiert freisetzende Darreichungsformen von Methylphenidat beschlossen. Die Spitzenverbände der Krankenkassen haben ein entsprechendes Anhörungsverfahren zur Festbetragsfestsetzung angesetzt. Hierzu nimmt Konferenz ADHS Stellung. Der Verbrauch von Methylphenidat, das zumeist sogenannten hyperaktiven Grundschülern (überwiegend Jungen) verabreicht wird, hat sich dramatisch erhöht. Das geht aus der aktuellen Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hervor: Wurden 1993 noch 34 Kilogramm verbraucht, waren es im Jahr 2006 1221 Kilogramm - eine Steigerung um 3591 Prozent (2). Methylphenidat ist ein Psychopharmakon und in Produkten wie Ritalin, Medikinet oder Concerta enthalten. Es wird zunehmend Kindern verschrieben, denen Ärzte die umstrittene Diagnose "Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom" (ADS und auch ADHS) bescheinigen. Annette Streeck-Fischer, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn, warnt: "Etliche Kinder werden sechs bis acht Jahre lang mit Methylphenidat behandelt und erhalten niemals eine psychotherapeutische Begleittherapie" (7). Studien haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte der mit Methylphenidat medikamentierten Kinder falsch diagnostiziert sind und deshalb gar kein Methylphenidat verschrieben bekommen dürften (1). Auch von den korrekt diagnostizierten sog. ADHS-Kindern braucht nur jedes dritte Kind Medikamente (3). In aktuellen Studien zeigte sich, dass nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden, wie Psychotherapie und psychoedukativ-systemische Maßnahmen, mittelfristig die gleichen Heilerfolge aufweisen. wie eine jahrelange Medikamentierung allerdings natürlich ohne die teils besorgniserregenden Nebenwirkungen der Medikamente (4, 8). So bestätigte sich auch eine bleibende Größen- und Gewichtsretardierung der Kinder nach dreijähriger Medikamentierung (9). Auch die bislang propagierte Reduzierung des Drogenmissbrauchs- und Kriminalitätsrisikos medikamentierter Kinder ließ sich längerfristig nicht bestätigen (5). Der aktuelle "Arzneiverordnungs-Report" warnt denn auch "vor der Verordnung überhöhter Dosen sowie laxer lndikationsstellung". Aufklärungsbedürftig seien "häufiger aufgetretene optische Halluzinationen, plötzliche Todesfälle und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse" (6). Konferenz ADHS begrüsst Maßnahmen wie die beabsichtigte Festbetragsregelung, die zu einer Reduktion und verantwortungsvolleren Methylphenidatverschreibung bei Kindern beitragen können. Darüber hinaus sind aber sorgfältigere Diagnosen (soweit sie angesichts der wissenschaftlichen Zweifelhaftigkeit des medizinischen Konstrukts ADHS überhaupt möglich sind ) sowie in erster Linie die verbindliche Realisierung multimodaler Behandlungen mit der unbedingten Priorität psychotherapeutisch-psychoedukativer Heilmaßnahmen dringend zu fordern. Die neuen Forschungsergebnisse
untermauern eindrucksvoll: Quellen: Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt (Sprecher)
Café Holunder
Ich bisher auch nicht, hatte aber nicht viel versäumt. Es handelt sich um eine Sammlung skuriller Zeitgenossen, die sich um einen Jochen Bantz herum natürlich auch für ADHS als kompetent betrachten. Sowas kennt man ja, aber Herr Bantz scheut sich auch nicht, Kinder und Jugendliche in puncto ADHS mit Halbwissen zu indoktrinieren und ihnen zu erzählen, ADHS sei eine Krankheit, und wenn sie die hätten müssten sie Tabletten schlucken. Man ist ja schon so Einiges gewöhnt, wenn es um das Thema ADHS geht, aber so etwas ist uns noch nicht untergekommen! Es gibt ja eine bekannte Pharmafirma, die unter Missbrauch einer Schildkröte gezielt Kinder als zukünftige Psychopharmaka-Verbraucher umwirbt, aber von diesem schamlosen kommerziellen Beispiel mal abgesehen ist Herr Bantz mit seinem ADHS-Vortrag für Kinder in trauriger Hinsicht einzigartig. Hat Herr Bantz eine fachliche Legitimation, öffentliche Vorträge über eine angeblich medizinische Krankheit für Kinder zu halten? Ist es erlaubt, Kindern damit Angst zu machen, dass es eine angebliche Krankheit ADHS gibt, gegen die sie dann Pillen schlucken müssten? Wird Herr Bantz hierfür von der Pharmaindustrie finanziert? Immerhin zahlen die Eltern, die ihre Kinder dorthin schicken, für seinen Vortrag nur 1 Euro Eintritt. Ist es erlaubt, Kinder derart zu manipulieren und im Sinne einer biologistisch-pharmafreundlichen Lebensweise pädagogisch zu indoktrinieren? Was sagt das regionale Gesundheitsamt, Jugendamt und der dortige Kinderschutzbund dazu? Ich werde dort nachfragen. Konstantin "ADHS"
als Scheinbegründung Immer noch glauben viele Eltern, die Wirkung von Ritalin etc. beweise das Vorliegen einer Hirnfunktionsstörung bei ihrem Kind, so, als handele es sich um ein heilendes Medikament gegen eine spezifische Krankheit. Fachleute, die dies noch vor wenigen Jahren ebenfalls geglaubt haben, behaupten es heute nicht mehr, denn längst hat sich gezeigt, dass Ritalin etc. eine milde Droge ist, die nahezu bei allen Menschen wirkt, ganz unabhängig von einer ADHS-Diagnose. Der Wirkstoff bei Ritalin und Konsorten, Methylphenidat (MPh), ein Amphetaminabkömmling, ist dem Kokain sehr ähnlich und sogar stärker als dieses. WANG u.a. haben 1996 einer Gruppe gesunder erwachsener Freiwilliger übliche Medikamentendosen von MPh verabreicht und dann PET-Scans ihrer Hirne gemacht. Genau wie Kokain verringerte Ritalin die Hirndurchblutung um 23-30 Prozent, und zwar in allen Hirnregionen, auch in den Frontallappen, in denen die höchsten menschlichen Funktionen lokalisiert sind. Das menschliche Hirn wird also als Folge der Ritalingabe schlechter ernährt und mangelhaft mit Sauerstoff versorgt. Wenn die Durchblutung des Herzens mangelhaft ist, kann ein ernster Herzfehler entstehen. Welche Wirkung mag die Ritalin-bedingte Mangeldurchblutung und -versorgung des Gehirns bei Kindern auf Dauer haben? Dass in vielen Studien bei ADSlern kleinere Hirne gefunden wurden, könnte hierin eine Erklärung finden, denn diese Versuchspersonen waren oft mit Psychostimulantien behandelt worden. In einer bereits klassischen Studie haben Rapoport u.a. 10jährigen gesunden Jungen eine Einzeldosis Dextroamphetamin gegeben und festgestellt, dass sie daraufhin deutlich motorisch ruhiger und konzentrierter wurden. Die Autoren bezweifeln deshalb auch die gängige Auffassung einer Hirnfunktionsstörung, derzufolge ADHS-Kinder spezifisch oder gar "paradox" auf MPh reagieren würden. Methylphenidat ist also eine mild dosierte Droge, die zwar als Medikament eingesetzt wird, die aber nicht spezifisch gegen ADHS wirkt, sondern auch bei ganz normalen Kindern. Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen sowohl für das Verständnis angeblich ADHS-typischer Verhaltensweisen als auch für das gesamte Konstrukt ADHS. Eine sorgfältige Diagnostik von ADHS (soweit überhaupt möglich) ist damit keine Bedingung für die breite Wirksamkeit des Stoffes. Die starke Zunahme medikamentierter Kinder erklärt sich nicht mit einer Zunahme bzw. besseren Diagnostik von ADHS, sondern ganz allein mit der breiten und unspezifischen, motorisch beruhigenden und konzentrationssteigernden Wirksamkeit der milden Droge Ritalin. Die Diagnose wird immer häufiger zu einer Alibi-Begründung für die milde Gabe MPh. Piet Heijmanns
Die Behauptung, ADHS gäbe es auch bei Erwachsenen, ist relativ neu und bei Fachleuten noch umstrittener als ADHS bei Kindern. Die Diagnostik ist völlig unzureichend (meist werden einfach die Kinderkriterien angewendet, oder die Patienten stufen sich selbst rückblickend als ehemalige ADHS-Kinder ein). Trotzdem hat sich durch diese Markterweiterung der entsprechende Psychopharmaka-Umsatz bereits erheblich steigern lassen. Der allgemeine Zusammenhang zwischen ADHS und Sucht ist lange bekannt. In mehreren Forschungsstudien zeigte sich inzwischen, dass auch viele erwachsene sogenannte ADHSler drogensüchtig sind. In einer Studie von Fayyed u.a. waren 99 Prozent der ADHSler auch drogensüchtig. Die Patienten wurden rückblickend als angebliche frühere ADHS-Kinder eingestuft. Und als Beleg dafür, dass sie auch als Erwachsene noch ADHS haben, wurde ihnen nur eine einzige Frage gestellt, nämlich, ob sie sich selber immer noch als hyperaktiv und unkonzentzriert einschätzen. Soviel erneut zur Wissenschaftlichkeit der ADHS-Forschung! Der norwegische Psychiater Berg merkt hierzu kritisch an, man habe beobachtet, dass Drogensüchtige ihre angeblichen ADHS-Symptome benutzen, um im medizinischen Versorgungssystem besser abzuschneiden. Die Diagnose ADHS stigmatisiert eben viel weniger als eine Drogensucht (denselben Effekt kennen wir ja bei Kindern schon lange: Erzieherisches Versagen von Eltern stigmatisiert ebenfalls viel stärker als die medizinische Diagnose einer Hirnfunktionsstörung namens ADHS). Berg fragt deshalb zu recht, ob man bei erwachsenen ADHSlern oft nicht einfach deren Drogensucht als ADHS verkenne. Quelle: Berg Preiser
Seit März 2005 ist der "hochselektive" Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor (NRI/NARI) Atomoxetin (Markenname: Strattera, Hersteller: Lilly) in Deutschland für die Behandlung von ADHS bei Kindern erhältlich. Ursprünglich wurde Atomoxetin als Antidepressivum entwickelt, dann jedoch (vermutlich wg. besserer Marktchancen) die Indikation "ADHS" angestrebt Die Marketing-Kampagne für Strattera
will den Anschein erwecken, dass die Hemmung der
Wiederaufnahme von Noradrenalin ein "kausales"
Therapieprinzip sei . Das ist falsch. Da höchstens
Hinweise, aber keine Beweise dafür vorliegen, dass dem
Neurotransmitter Noradrenalin eine Schlüsselrolle bei
der Entstehung/Manifestation von ADHS zukommt, ist die
Anwendung eines Noradrenalin-Hemmers (NRI) wie Atomoxetin
nicht "gezielter" und auch nicht a priori
nebenwirkungsärmer als die bisherige Stimulanzien-Therapie.
In Studien zeigte sich Atomoxetin den Stimulanzien nicht
überlegen. Mit der Einführung von Strattera will der
Hersteller offenbar gerade solche Ärzte als Verordner
gewinnen, die bisher vor der Verschreibung von
Stimulanzien wie Ritalin zurückschreckten, da hierfür
ein Betäubungsmittel-Rezept ausgestellt werden musste. Im Jahr 2005 gab es für Strattera eine offizielle Warnung wegen erhöhtem Selbstmordrisiko bzw. erheblichen emotionalen Schwankungen, Reizbarkeit und aggressivem Verhalten. In einer aktuellen Meta-Analyse methodisch guter Forschungsstudien finden Bangs u.a. erneut einen signifikanten Anstieg von Selbstmordgedanken bei Patienten, die mit Stattera behandelt wurden. Eltern, die ihren Kindern derartige
Medikamente gegen eine unbelegte Krankheit "ADHS"
geben, sollten sich sehr bewusst sein, welche Risiken sie
eingehen. Die Definition, Entstehung und Behandlung von
ADHS sowie vor allem der Wirkmechanismus der bisher bei
ADHS verwendeten Stimulanzien (Amphetamine, i.d.R.
Methylphenidat) und anderer Medikamente ist nach wie vor
ungeklärt bzw. beruht lediglich auf Vermutungen. Die
massenhafte Diagnosestellung "ADHS" gibt in
ihrer jetzigen Größenordnung und Steigerungsrate in den
letzten Jahren (u.a. Ausweitung auf Erwachsene) Grund zu
ernsten Zweifeln. Zumindest ein Teil der Betroffenen
dürfte bislang schon fehlbehandelt werden - infolge
einer Fehldiagnose. Es besteht nach wie vor keine
allgemeine Übereinkunft darüber, was ADHS ist und wie
damit umgegangen werden soll. Das Konzept einer genetisch
bedingten Erkrankung mit biologischem Korrelat, für das
wirksame Arzneimittel zur Verfügung stehen, ist nicht
unumstritten. Die als Kernsymptome des ADHS definierten
Verhaltensweisen Hyperaktivität, Impulsivität
und Unaufmerksamkeit sind bis zu einem gewissen
Grad bei allen Kindern zu finden. Sie können daher als
Extremvariante normalen Verhaltens betrachtet werden. Die
Einschätzung des kindlichen Verhaltens als normal oder
gestört auf der Basis der international definierten
diagnostischen Kriterien (DSM IV, ICD 10) ist in hohem
Maße von der Toleranz des Untersuchers abhängig. Trotz
immenser Forschung ist eine biologische Ursache nach wie
vor nicht gesichert. Abakus
Eric von Altenburg:
Herr Doktor, sag´ an, können auch wir Erwachsenen ADHS
haben?
Kranke Geschäfte: Unter diesem Titel berichtet Julia Bornstein im SPIEGEL dieser Woche über die zunehmende Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch die Pharmaindustrie. Pharmavertreter haben bislang vorwiegend Ärzte und Krankenhäuser umgarnt. Nun entdecken sie zusätzliche Märkte in den verbreiteten Selbsthilfe-Patientengruppen, die es in Deutschland zu fast jedem Zipperlein gibt, natürlich auch zu ADHS. So hat z.B. die Deutsche Rheumaliga 250 000 Mitglieder, die Frauenhilfe nach Krebs 40 000. Der renommierte Bremer Gesundheitsökonom Prof. Dr. Gerd Glaeske, der sich mit dem Thema befasst, stellt fest, dass die Arzneimittelhersteller Patientengruppen und Selbsthilfeorganisationen immer gezielter unter die Fittiche nehmen. Glaeske hat schon bei vielen Selbsthilfegruppen die unterschiedlichsten Verflechtungen mit Pharmaherstellern nachgewiesen. Bei jeder 4. Selbsthilfegruppe liege der Anteil der Sponsorengelder bei 20 Prozent. Fünf Prozent aller Gruppen bestreiten mehr als 50% ihres Budgets aus Sponsorengeldern. "Die Informationen, die Patienten über Selbsthilfegruppen erhalten, sind beeinflusst von Wirtschaftsinteressen", so Glaeske. Bei den ADHS-Selbsthilfegruppen in Deutschland sieht es nicht viel anders aus. Im Dachverband ADHS Deutschland sind derzeit über 250 Selbsthilfegruppen mit ca. 5000 Mitgliedern vereint. Der Verband bietet pharmagesponserte ADHS-Symposien an (z.B. ADHS-Deutschland). Kenner der Szene erinnern sich noch an den Skandal um eine Hamburger Selbsthilfeinitiative, die von einem "Ritalin"-Hersteller finanziert wurde. Aber auch auf vielen anderen Symposien und ADHS-Treffen finden sich Pharmakonzerne als Sponsoren (z.B. Neubrandenburg , Juvemus ). Auf einschlägigen Selbsthilfe-Internetseiten wird für die Pharmaindustrie gezielt Werbung eingeblendet (z.B. Hyperaktivität oder drugstore). Der ADHS-Selbsthilfeverein ADS-Hilfe Oldenburg lässt sein Symposium ebenfalls pharmasponsern, ebenso die Selbsthilfevereinigung SeHT. Zur Zielgruppe gehören natürlich auch Kinder. Der Novartis-Konzern brachte ein Kinder-Bilderbuch heraus. Dort wird die Geschichte des fürchterlich zappeligen Kraken Hippihopp erzählt, dem viele Missgeschicke passieren und der immer überall und nirgends ist. Doktorin Schildkröte weiß sofort was dem Kraken fehlt. Er habe das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, und das heilt sie mit einer kleinen weißen Tablette. Der Selbsthilfeverein TOKOL, der als freier Jugendhilfeträger anerkannt ist, hat einen Vorsitzenden, der ADHS-Vorträge vor Kindern abhält. Der Verein wirkt auf der diesjährigen pharmagesponserten Messe in Neubrandenburg mit. Bei Treffen des Bundesverbandes Kleinwüchsiger Menschen werden z.B. Teddys und Schlüsselanhänger verteilt, und der Pharmahersteller Novo Nordisk schenkt Kindern ein Kuscheltier namens "Nordifant". Um immer mehr Medikamente absetzen zu können, möchte die Pharmaindustrie das deutsche Werbeverbot für Medikamente aufheben. Ihnen ist gezielte Produktwerbung nämlich (im Unterschied zu den USA) verboten, wohingegen Patienten- und Selbsthilfeorganisationen durchaus für Medikamente Reklame machen dürfen. Immer mehr Ärzte klagen über Ritalin-Wunschverschreibungen und Wunschdiagnosen ihrer Patienten, die in Selbsthilfegruppen und auf pharmagesponserten Symposien davon überzeugt wurden, dass zumindest ihr Kind ADHS habe, aber sie selber aber sicher auch. Schließlich ist ADHS ja vererbt. Die Patienten gehen dann zunehmend zum Arzt und verlangen gezielt ein ganz bestimmtes Präparat, das ihnen der Arzt verschreiben soll. In den USA haben solche Wunschverschreibungen bereits zu exorbitanten Kostensteigerungen bei verschriebenen Medikamenten geführt. "Der Werbeeffekt über die Patienten ist dreimal so stark wie der bisherige über die Ärzte", so Glaeske (DER SPIEGEL 17/2008, S. 98 ff.) Das erhöht dann erfreulich den Ritalinumsatz. R. Meyering
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