| ARCHIV: ADS: Gibt´s das wirklich?
ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet
Ritalin: Ein folgen-
schwerer
Irrtum
Aus der Sicht unserer
Kinder
Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche
Gibt es ein Bisschen ADS?
Exklusiv: Die HÜTHER-Studie
Das Anlage-Umwelt-
Problem
Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!
Alternativen bei ADS
Fragiles X-Syndrom
Alternative Behandlung
bei ADD
Familie und ADS
Alternative Sichtweisen bei ADS
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 1
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 2
Quellensammlung
Böse Witze
|



Keine
Buchempfehlung!
Zu diesem
Buch von J.J. Ratey und C. Johnson, das ich typisch finde
für die gegenwärtige populäre ADS-Literatur, gibt es
eine treffende Rezension vom Viersener Psychiater Wilhelm
Rotthaus, die ich voll und ganz unterschreibe:
Spektrum der
Wissenschaft: Rezension
John J. Ratey,
Assistenzprofessor für Psychiatrie an der Harvard
Medical School, und die Journalistin Catherine Johnson
haben ein Buch geschrieben, das sehr charakteristischer
Ausdruck der aktuellen, biologisch orientierten
Zeitströmung in der amerikanischen Psychiatrie ist. Sie
versuchen aufzuzeigen, dass Millionen von Menschen an -
wie sie es nennen - Schattensyndromen leiden: leichten
Formen schwerer psychischer Störungen.
Sie zeigen nicht das volle
Bild einer Depression, einer Zwangskrankheit, eines
Autismus; ihre Traurigkeit, ihre Arbeitsstörung, ihr
Unbehagen in Gruppensituationen sind jedoch milde Formen,
so genannte formes frustes oder eben shadow syndromes von
Erkrankungen, wie sie im DSM (dem diagnostischen und
statistischen Handbuch psychischer Störungen)
beschrieben sind. Die Probleme dieser Menschen sind im
Verständnis der Autoren ebenso wie die voll
ausgeprägten Krankheiten nicht in ihrer Lebensgeschichte
begründet, sondern basieren auf biologischen
Dysfunktionen des Gehirns und sind in vielen Fällen
medikamentös zu behandeln (auffallenderweise
überwiegend mit Prozac).
Der - nicht untypische -
Ausgangspunkt dieses Buches ist das auffallende Verhalten
des zweijährigen Kindes der Zweitautorin Catherine
Johnson, das vor allem durch seine verzögerte
Sprachentwicklung beunruhigte. Nach mehreren
Konsultationen wurde den Eltern die Diagnose Autismus
genannt. Zwar zeigte das Kind kaum eines der typischen
Symptome des Autismus, war ausgesprochen kontaktfreudig
und zärtlich. Es litt eben an einer leichten Form von
Autismus, was im Verständnis der Autoren bedeutet: Ein
Teil des Gehirns funktioniert einfach nicht.
Welche Erkenntnisse
gewinnt man durch diese Diagnose für den Umgang mit dem
Problem und die Therapie? Nach meiner Ansicht überhaupt
keine. Aber: Es gibt jetzt ein Erklärungsprinzip, und
zwar ein befriedigenderes und entlastenderes, als Ursache
und damit Schuld im eigenen Verhalten oder generell in
der Vergangenheit zu suchen. Erkauft wird dies damit,
dass das Problem nun als Krankheit etikettiert ist und
damit zum chronischen Problem zu werden droht, weil die
Ursache als unveränderliche Tatsache angesehen wird, mit
welcher der "Patient" sich abzufinden habe.
Im Grunde genommen ist die
Idee der Autoren nicht neu: Sie lautete bislang halt,
dass viele Menschen - vielleicht wir alle - ihre kleinen
Neurosen und "Neuröschen" haben. Erschreckend
wird sie für mich in der radikalen Übertragung auf
Krankheiten, die als biologisch verankert angesehen
werden, und in der daraus folgenden Vorstellung der
Autoren: Wenn das Gehirn optimal funktioniert, ist auch
der zugehörge Mensch glücklich und zufrieden. Jede
Abweichung, ein Übermaß an Traurigkeit, an Aktivität,
an Ordnungsliebe, an Wutausbrüchen ebenso wie der Mangel
an Aktivität oder an Zufriedenheit beruhen auf "Dysfunktionen"
des Gehirns, auf "Strukturabweichungen" oder
"genetischen Mängeln" (was immer das im
Einzelnen sein mag). Der geniale, aber selbstbezogene,
nur auf seine Wissenschaft fixierte Professor ist
wahrscheinlich ein larvierter Autist. Der sehr auf
Ordnung bedachte Mensch oder der Hypochonder leidet
ebenso wie der Unternehmer, der seiner Arbeit mit hohem
Ehrgeiz und einer gewissen Besessenheit nachgeht, an
einer "leichten Zwangskrankheit". Das bedeutet:
Die Spielbreite und Vielfältigkeit des Lebens wird in
den Bereich des Krankhaften verlagert.
In welchem Maße die
Autoren den Krankheitsbegriff ausweiten, zeigt sich
beispielhaft im vierten Kapitel "Erwachsene im
Koller: Die intermittierende Wutstörung". "Einer
von fünf normalen, alltäglichen, klinisch
unauffälligen Menschen erleidet ... heftige Anfälle
von Wut, die er nicht zu kontrollieren vermag." Als
Ursache wird angegeben - und solche globalen Angaben
ziehen sich durch das gesamte Buch -: "Diese
Menschen leiden an subtilen Hirndifferenzen, die zu einer
explosiven affektiven Verfassung führen." Zwar
präzisieren Ratey und Johnson das später zu "Hypofrontalität",
also einer zu geringen Aktivität des Frontalkortex; die
biologischen Erklärungen bleiben aber auch hier sehr
pauschal und ihre Darstellung sehr kritiklos. Als
weiterer Beweis für die biologischen Ursachen wird dann
noch die Wirksamkeit des Psychopharmakons Prozac
angeführt.
Die Autoren haben in ihren
Text zahlreiche Falldarstellungen aufgenommen; sie
berichten immer wieder von dankbaren Patienten, die
erleichtert reagieren, weil nun endlich die Diagnose
gefunden sei. Diesen positiven Effekt will ich nicht
bezweifeln; aber wodurch wird er erreicht? Offensichtlich
dient die Krankheitsdiagnose und die damit unterstellte
"Störung der Hirnchemie" als Externalisierung
des Problemverhaltens, die eine Trennung von Verhalten
und Person ermöglicht. Es ist dann nicht eine (möglicherweise
in früher Kindheit erworbene) Charaktereigenschaft,
seine Wut nicht beherrschen zu können. Vielmehr gibt es,
so die Diagnose, ein biologisch bedingtes Problem
einerseits und eine im Übrigen intakte Person
andererseits, deren Aufgabe es ist, mit dem Problem
verantwortungsvoll umzugehen (was die Autoren wiederholt
betonen) und zum Beispiel ein Medikament zur
Beeinflussung der "Hirnchemie" zu nehmen.
Bei dieser Trennung von
Verhalten und Person handelt es sich um eine bekannte
pädagogische und therapeutische Technik, die
möglicherweise in dieser Form heute besonders wirksam
ist, weil die in den Klassifikationen DSM und ICD (International
Classification of Diseases) niedergelegten herrschenden
wissenschaftlichen Auffassungen und die heute modischen
biologischen Erklärungsmuster sie unterstützen.
Allerdings nimmt man damit die Krankheitsetikettierung
mit allen bekannten Nachteilen in Kauf. Die Autoren haben
offensichtlich selbst bemerkt, dass der Patient auf die
Krankheitsdiagnose hin weniger bereit ist, Verantwortung
für seine krankheitsbedingten Handlungen zu übernehmen.
Insgesamt fand ich die
Lektüre des Buches wegen seiner starken Redundanz und
eines gewissen Fanatismus, mit dem die Idee des
Schattensyndroms "verkauft" wird, recht
anstrengend. Das Denkmodell der Autoren ist
verführerisch einfach, erfasst aber nicht die
Komplexität menschlichen Verhaltens und wird in seinen
problematischen Konsequenzen kaum reflektiert.
Wilhelm Rotthaus
(Nachtrag: Bei amazon gibt es zu diesem Buch noch einen
anderen Rezensenten: M. Winkler findet es "ein
tolles Buch". H.-R.
Schmidt 7.1.2002).
"Parkinson wäre
die Folge"
Ein sehr genommen wird.interessantes Interview
mit Prof. Dr. Hüther, in dem auch auf die sog.
Hüther-Studie Bezug |
Ist ADS
eine Erfindung?
Eine sehr gute und kritische, kurzgefasste
Gesamtdarstellung, wie ich sie in weiten Teilen auch
hätte schreiben können.
H.-R.
Schmidt 8.1.2002
Hallo
zusammen,
hier endlich die berühmte Podiumsdiskussion zum
Zeitthema:
ADS
und sein zerebralphimotischer Zusammenhang mit dem
Münchhausen-Syndrom,
an der einige sehr bekannte ADS-Fachleute
teilgenommen haben:
Dr. Filgus: "Als
erstes möchte ich auf diesen Schundseiten einen
Pappkameraden aufstellen, den ich dann mitsamt seiner
infausten Diagnose und seinem Schläfenlappensyndrom nach
Strich und Faden abwatschen werde..."
Hannes: "Mit Verlaub, Sie Arschloch,
aber ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema
als Sie, und ich verteile keine Streicheleinheiten. Ich
finde, Ihr Vorgehen macht es Leuten wie Schnott leicht,
allzu leicht, seine selbstgestrickten Theorien
erfolgreich zu verbreiten".
Schnott: "Meine sehr verehrten
Damen und die, die Ihnen nachlaufen: Ich darf Sie zu
unserer heutigen Podiumsdiskussion sehr herzlich
begießen, äh begrüßen..."
Hinkelstein: "Man sollte sich über
ihn beschweren, er ist ja schon wieder betrunken. Wenn er
so weitermacht, schicke ich ihm meine Zwillinge, damit er
endlich zur Vernunft kommt".
Mamie-Mausi: " genau dasises was
disr werte her braucht"
Hannes: "Hinkelstein und Mamie-Mausi,
aber das ist doch genau das, worauf Schnott nur wartet."
Hinkelstein: "Hannes, willst du
Streit? Ich kann die Zwillinge natürlich auch zu dir
schicken!!"
Hannes: "Schon gut, schon gut. Aber
kommen wir zum Thema..."
Dr. Filgus: "Als polemischer
Draufhauer möchte ich hier zur Sachlichkeit aufrufen!
Sonst kann ich auch gleich wieder nach Hause in meinen
Kuhstall gehen!"
Schnott: "Da geh´ ich mit..."
Daggi: "Fragen Sie da aber nach den
Vornamen der Kühe, Schnott! Sicher finden Sie einen, den
Sie sich dann zulegen können."
Schnott: "Ja, gute Idee, vielleicht
heisst eine Waltraud...oder nein, so hiess ich ja schon..."
Hinkelstein: "Ich werde diesen Kerl
jetzt total ignorieren, aber das schaff ich erst, wenn er
endlich von Kim ablässt..."
Bernie Klasse: "Hinkelstein, ich
denke da an Eifersucht, hab aber leider wenig Zeit..."
Tollbin: " Aus meiner verqueren
Sicht der Dinge steckt hinter allem der amerikanische
Geheimdienst. Schnott ist auch nur einer seiner Agenten,
der uns alle intellektuell vergiften will".
Vögelngesang: "Ich stimme 250prozentig
zu! Überall ritalinverseuchte Hirne, der Untergang des
Abendlandes, wenn nicht gar Hirnblähungen".
Elisabeth (dunkelgrün): "Also bei
uns in Österreich trinken wir an Braunen und dann noch
an Braunen und brauchen ka Ritalin net. Des hilft gegen
Aufmerksamkeit und Implosivität."
Hannes: "Also diese Diskussion ist
irgendwie schwachsinnig. Das ist ja wie früher in der
TäTäRä! Da hab ich mich schon ausgiebig als
Untergrundkämpfer und Casanova erprobt. Ich warne also
alle hier: Wenn das hier nicht besser wird, schreibe ich
"Der Hannes Teil 17!!!"
Schnott: "Vielleicht heisst ja eine
Kuh auch Mimmmi..."
Dr. Filgus: "Ich rede jetzt über
die rein genetisch bedingte...oder ich bestelle doch erst
mal ´ne neue Runde im Schnapsladen ..."
Schnott: "Dann wird sofort
gelöscht...ich meine unseren Durst..."
Bernie Klasse: "...bin sehr in Eile,
hab keine Zeit, nur so schnell zwischen zwei Stunden..."
Mamie-Mausie: "Bernie, du bis so
süß schad das ich kein Ptyschologe brauche, sonst würd
ich zudr kommen!"
Dr. Filgus: "Ich trinke auf meine
Kühe. Die sind auch bloß Menschen".
Schnott: "Prost! Aber wie heissen
Ihre Kühe bitte ganz genau?"
Hannes: "Und ich trinke auf das
Vaterland und auf unsere lieben Frauen..."
Bernie Klasse: "...hab nur Zeit
für einen Kurzen..."
Hinkelstein: "Ich geb´s nie auf,
obwohl meine Zwillinge warten..."
Schnott: "...und begieße, äh
beschliesse ich unsere Diskussion mit den Worten..."
Dr. Filgus: "Abwatschen ...Schläfenlabbnsymptrom...hicks"
Ulli
9.1.2001
Liebe
Gäste,
zur (bevor der E-Mail-Terror und die
Beleidigungen wieder überhand nahmen, von mir
vorzeitig beendeten) "Diskussion" mit
Dr. Filgis schickt uns Prof. Dr. G. Hüther
Folgendes:
|
Sehr geehrter Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihre E-Mail vom 2.1.2002 mit der
recht aufschlussreichen Stellungnahme von Herrn
Filgis.Wenn Meinungen so aggressiv
vertreten werden, so ist das immer ein gutes
Zeichen; zeigt das doch, dass man hier wohl einen
empfindlichen Punkt getroffen hat.
Zu
dem, was Herr Filgis hier vorbringt, gibt es
natürlich eine ganze Menge zu sagen, und vor
allem nachzufragen. Gern will ich dazu eine
Stellungnahme abgeben. Da das aber angesichts des
Redeflusses von Herrn Filgis leicht mehrere
Seiten werden können, wäre es mir lieber, wenn
ich mich auf diejenigen Fragen konzentrieren
könnte, die für Sie besonders wichtig sind.
Manches davon können Sie u.U. auch in dem
Buchmanuskript "Neues vom Zappelphilipp..."
finden, das ich Ihnen schicke.
Mit
freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. G. Hüther
Georg-August-Universität Göttingen
Klinik u. Poliklinik für Psychiatrie u.
Psychotherapie
11.1.2002
|
Bei dem
Buchmanuskript handelt es sich um das Buch (Hüther/Bonney),
das ich weiter oben bereits angekündigt habe und das im
Februar im Handel sein wird (Walter-Verlag). Ich werde in
den nächsten Tagen eine Vorab-Rezension dazu
veröffentlichen (wieder mal EXKLUSIV im Café
Holunder!).
Ansonsten werde ich Herrn Hüther noch einige Fragen
stellen, die ich im Zusammenhang mit der genannten "Diskussion"
wichtig finde und dann seine Stellungnahme dazu hier
bringen. Ich bitte um etwas Geduld!
Mit freundlichem Gruß,
Ihr
H.-R. Schmidt
14.1.2002
Rufe aus tiefster Not!!!!
Es ist wirklich erschütternd,
welch menschliche Not sich hier offenbart! Da
klagt jemand, ihm sei "der Hintergrund
verlorengegangen" (offenbar ein zerebral
bedingter Erinnerungsverlust, eine Amnesie?),
jemand anderes teilt mit, dass er seine "tags"
deaktiviert habe, bevor er einen
Nervenzusammenbruch bekommt. "Ich krieg die
Kriese, das macht mich fertig", "Ich
raff es einfach nicht", "Ich werd
verrückt" schallt es uns aufrüttelnd
entgegen.
Allerdings werden auch hilfreiche Ratschläge
erteilt, die wieder hoffen lassen: "Die
Mädels sind verwöhnt", "Augen zu und
durch" (das kennen wir doch irgend wo her???),
"Wir werden das schon schaffen", "Es
ist doch gut, wenn man überhaupt noch schreiben
kann" (sehr tröstlich!), allerdings sei es
schlecht, dass man erst wieder "ganz nach
oben rollen muss" (offenbar irgendeine
quälende Aerobic-Übung?).
WAS IST DA LOS?
Ach, gar nichts, das Daggi-Forum ist bloß ein
wenig verändert worden!
Ulli
14.1.2002
| Die Behandlung von
Kindern mit Stimulanzien ANGOLD
et.al. haben in einer guten,
großen und prospektiven
epidemiologischen Untersuchung zur
Stimulanzienbehandlung von Kindern und
Jugendlichen in den USA Interessantes
herausgefunden. Sie untersuchten eine
repräsentative Stichprobe von 4500
Kindern zwischen 9 und 16 Jahren zu 4
Zeitpunkten in jährlichen Abständen (also
über 4 Jahre hinweg) durch strukturierte
Befragungen von Eltern und Lehrern. Hier
einige Ergebnisse:
1. 3,4 Prozent aller Kinder
hatten irgendwann die Diagnose ADHD (5,3%
der Jungen und 1,5% der Mädchen).
Weitere 2,7 Prozent wiesen
Beeinträchtigungen im Sinne von ADHD auf,
ohne die Diagnose zu haben, so dass
insgesamt 6,2 Prozent aller Kinder
entweder die Diagnose oder vergleichbare
Beschwerden aufwiesen.
2. Insgesamt 7,3 Prozent
aller Kinder der Gesamtstichprobe wurden
irgendwann im Untersuchungszeitraum mit
Stimulanzien behandelt, also mehr als
doppelt soviele, wie die Diagnose ADHD
vorkam.
3. Die Kinder, bei denen die
Diagnose ADHD vorkam, wurden zu 72
Prozent mit Stimulanzien behandelt (80%
der Jungen, aber nur 41% der Mädchen).
Diejenigen Kinder, bei denen ADHD-vergleichbare
Symptome, aber keine Diagnose vorlagen,
wurden zu 23 Prozent mit Stimulanzien
behandelt, und 5 Prozent aller Kinder,
die keine Diagnose oder vergleichbare
Symptome hatten, wurden dennoch mit
Stimulanzien behandelt (ohne eine andere
die Medikation begründende Krankheit wie
z.B. Narkolepsie zu haben). Insgesamt
war die Anzahl der mit Stimulanzien
behandelten Kinder ohne ADHD-Diagnose
größer als diejenige der Kinder mit
ADHD.
4. 57 Prozent der
mit Stimulanzien behandelten Kinder
hatten bei korrekter Anwendung der
Diagnoserichtlinien gar kein ADHD oder
vergleichbare Symptome.
Hier wird das alltägliche
Diagnose-Chaos und die sehr oft
willkürliche Medikation mit Stimulanzien
bei ADHD also wissenschaftlich sehr
deutlich belegt. Ich finde das
erschreckend.
(Quelle: Angold, A. et al.:
Stimulant treatment for Children: A
community perspective. J Am Acad Child
Adolesc Psychiatry 2000 Aug; 39 (8): 975-84)
H.-R. Schmidt
15.1.2002
Da beisst die Maus keinen Faden
ab,aber die
Entwicklung geht eindeutig in
Richtung Synthese aus jüngster
Hirnforschung und (psychodynamischer)
Entwicklungspsychologie (Bindungsforschung).
Deshalb hier ein psychoanalytischer
Beitrag zum Thema.
Hallo
liebe Gäste,
hier
meine angekündigte
Buchbesprechung. Sie erscheint
hier im Café
Holunder bundesweit
als Erste
und EXKLUSIV. Das Buch
ist noch nicht auf dem Markt (ca.
Februar 2002, Walter-Verlag). Da
ich eine Rohfassung von Prof.
Hüther bekommen habe, kann ich
noch nicht sagen, wieviel
Buchseiten es haben und was es
kosten wird):
NEUES
VOM ZAPPELPHILIPP: ADHS-KINDER
BESSER VERSTEHEN UND BEHANDELN
von Gerald Hüther und Helmut
Bonney
Ein roter Faden
zieht sich durch dieses Buch: das
gängige biologische ADHS-Konzept
kritisch zu hinterfragen, in
wesentlichen Teilen einer
Revision zu unterziehen und, vor
allem, um den bisher sträflich
vernachlässigten psychosozialen
Milieufaktor zu ergänzen. Die
Autoren (der Göttinger
Hirnforscher Prof. Dr. Hüther
und der bekannte Psychotherapeut
H. Bonney) möchten allerdings
dem "Schock" bisheriger
populärer ADHS-Bücher (1 Schock=60
Stück) nicht einfach ein 61. hinzufügen, in
dem die mittlerweile im
öffentlichen Bewusstsein
ziemlich fest verankerten
bisherigen "Erkenntnisse"
zu ADHS unkritisch
fortgeschrieben werden. Vielmehr
wollen sie wirklich Neues vom
Zappelphilipp bringen, indem sie
die Erkenntnisse moderner
Hirnforschung in eine Synthese
mit der menschlichen Erfahrung,
mit der psychosozialen Umwelt, in
der Kinder heranwachsen, also mit
der modernen Entwicklungsbiologie
und -psychologie bringen. Und das
Ganze als leicht zu lesendes
"Elternbuch".
Fraglicher Dopaminmangel:
Eine Kernannahme wankt
Sie weisen darauf
hin, dass in den letzten
Jahrzehnten weltweit etwa 250 000
Studien zu ADHS erschienen sind,
ohne dass sich z.B. die
sogenannte "Dopaminmangel-Hypothese"
(eine Kernthese des gängigen
ADHS-Konstrukts) bisher
zweifelsfrei hätte belegen
lassen. Diese simple These
entstand vor mittlerweile über
einem halben Jahrhundert, als man
die rätselhafte Entdeckung
machte, dass Amphetamine, die
eigentlich die Freisetzung von
Dopamin im Gehirn anregen,
unruhige Kinder "beruhigten",
anstatt sie noch weiter
aufzuregen. Wenn bei diesen
Kindern Methylphenidat für mehr
Dopamin im Gehirn sorgte, musste
vorher wohl zu wenig Dopamin
vorhanden gewesen und die Ursache
der Unruhe sein. Wie gesagt,
diese Annahme ließ sich seither
trotz intensivster Bemühungen
nicht zweifelsfrei belegen.
Nichts desto trotz besticht sie (vor
allem auch Laien) durch ihre
logische Einfachheit und hält
sich bis heute eisern. Die "Krankheit"
hatte nun eine klare Ursache
("Dopamindefizit" im
Gehirn, genetisch bedingt,
angeboren), die sich durch eine
sehr einfache Maßnahme (Verabreichung
von Methylphenidat) behandeln
ließ. Das Störungsbild wurde
per Konsens in den Katalog
anerkannter Krankheiten
übernommen, therapeutische und
diagnostische Richtlinien
erstellt, und die Krankenkassen
bezahlten nun alles.
Seitdem wurde in
unzähligen Untersuchungen nach
den Ursachen der "Krankheit"
geforscht und eine große Zahl
von veränderten
neurobiologischen Messgrößen
bei "ADHS" gefunden.
Dabei unterlagen sehr viele
Forscher der Versuchung, einen
mit ihren Studien gar nicht
belegbaren kausalen Zusammenhang
zwischen diesen veränderten
Parametern und den beobachteten
Verhaltensstörungen herzustellen.
Sie erweckten nicht nur den
trügerischen Eindruck, als seien
die Ursachen der Krankheit in
objektiv messbaren
Hirnveränderungen zu finden; sie
verbreiteten auch die Vorstellung,
dass Therapie ausschließlich
durch eine pharmakologische
"Korrektur" dieser
Hirnveränderungen möglich sei.
Und so wird es bis
heute weitgehend vertreten und
gehandhabt. Hüther und Bonney
halten dies für ein Konzept
"aus dem vorigen Jahrhundert"
und stellen ihm nun eine "Dopamin-Überschuss-Hypothese",
neue Ergebnisse der Hirnforschung
sowie der biologisch-psychologischen
Entwicklungsforschung gegenüber.
Alte
Vorstellungen beginnen zu wanken
Die Autoren argumentieren, dass
der relativ eindeutig belegte
Befund der Zunahme der Dichte von
Dopamin-Transportern bei ADHSlern
und der damit begründete
raschere und stärkere Dopamin-Rücktransport
(was den bei ADHS vermuteten
Dopaminmangel auslöse) genauso
gut auch Ausdruck einer erhöhten
Innervationsdichte in den
Zielgebieten dopaminerger
Projektionen sein kann. Dann
würden immer dann, wenn die
dopaminergen Kerngebiete feuern (was
sie immer dann tun, wenn der
Mensch etwas Neues, Anregendes
wahrnimmt), mehr dopaminerge
Präsynapsen ihr Dopamin im
jeweiligen Zielgebiet freisetzen,
was zu erhöhtem Dopamin im
Gehirn führt. Diese These, die
sich u.a. viel besser mit der
seit langem bekannten Wirkweise
der Amphetamine verträgt, wird
dann noch ausführlicher
neurobiologisch begründet.
Die Autoren
argumentieren, dass ADHS-Kinder
also möglicherweise kein
Dopamindefizit, sondern einen -überschuss
aufweisen, so dass eine
Behandlung mit Methylphenidat die
ohnedies schon erhöhte
Dopaminfreisetzung zusätzlich
steigert, was nach einem
anfänglichen "Kick" (den
die Kinder kaum merken, weil ihr
Dopamin ja sowieso schon sehr
hoch ist) zu einem
anschließenden Dopaminmangel
führt, weil es in der Folge zu
einer raschen Entleerung der
Dopaminspeicher in den
Präsynapsen kommt. Dieser einige
Stunden dauernde Dopaminmangel
zeigt sich dann in der "Beruhigung"
der Kinder. Bei Kindern, die gar
keinen Dopamin-Überschuss
aufweisen und die dennoch mit
Methylphenidat langfristig
behandelt werden, könne sich in
der kindlichen Wachstumsphase des
dopaminergen Systems durch die
Medikation eine defizitäre
Ausbildung der Innervation z.B.
im Striatum herausbilden, worauf
erste Tierversuche hinweisen.
Wenn das dopaminerge System aber,
wie bisher angenommen, bei ADHS-Kindern
unzureichend funktionieren würde,
dann würde dieses Defizit durch
eine frühe und anhaltende
Medikation sogar noch verstärkt.
Kinderhirne
sind leicht (ver)formbar
Richtig spannend
wird es im Buch, wenn die
jüngsten Ergebnisse der
Hirnforschung dargestellt werden.
Erst ganz langsam mache sich in
der Öffentlichkeit die vielfach
belegte Erkenntnis der modernen
Hirnforschung breit, dass alles,
was wir Menschen erleben, lernen,
erfahren (sogar jetzt im Moment
Ihr Lesen dieses Textes) messbare
Veränderungen im Gehirn
hinterlässt, die im Laufe der
Zeit und bei ständiger
Wiederholung besonders in
entwicklungbiologisch und -psychologisch
sensitiven Phasen zu bis hin zu
morphologisch sichtbaren
Veränderungen im Gehirn führt.
Hirnentwicklung vollzieht sich
eben nicht nach einem eingebauten,
genetisch vorprogrammierten
Ablauf. Genetisch vorgegeben ist
nur die extreme Lern- und
Anpassungsfähigkeit des Gehirns
einschließlich seiner eigenen
erfahrungsabhängigen
funktionellen, strukturellen und
morphologischen Entwicklung. Die
"Nutzungsbedingungen",
wie Hüther das nennt, denen ein
Hirn ausgesetzt ist, entscheiden
wesentlich über seine
Entwicklung. Das hat natürlich
gravierende Auswirkungen auf
unser Verständnis des
Zusammenwirkens von "Anlage"
und "Umwelt" besonders
in der Kinderentwicklung. Der
Schwerpunkt verlagert sich weg
von einer allzu biologistischen,
hin zu einer die Hirnentwicklung
formenden Umweltbetrachtung.
Bestimmte
Nutzungsbedingungen (psychologisch:
Erfahrungen) führen zu
charakteristischen
Hirnveränderungen, angefangen
vom Embryo im Leib einer
psychisch gestressten Mutter bis
zum misshandelten oder
vernachlässigten oder
konfliktreich aufwachsenden Kind
und Jugendlichen. Die Autoren
sehen demzufolge in allen
Hirnbesonderheiten, die man
bisher bei "ADHS-Kindern"
gefunden hat, Korrelate (Begleiterscheinungen)
solcher besonderer
Nutzungsbedingungen (Erfahrungen)
der Kinder und nicht die Ursachen
ihrer Verhaltensstörungen. Die
Ursachen liegen nicht im Gehirn,
sondern in den speziellen, z.B.
traumatisierenden Erfahrungen
dieser Kinder. Dabei wird
keineswegs übersehen, dass es
von Geburt an besonders "schwierige"
Kinder gibt, bei denen aber, wie
gesagt, die Umwelt darüber
entscheidet, ob sich aus ihrer
Eigenart später ein "ADHS"
entwickelt oder ob daraus
vielleicht sogar eine besondere
Begabung wird. Um kein
Missverständnis aufkommen zu
lassen: Alle Nutzungsbedingungen,
also natürlich auch positive,
schlagen sich in entsprechenden
Hirnveränderungen nieder.
Rattenbabies, die bei einer
"liebevollen" Mutter
aufgewachsen sind, entwickeln
beispielsweise einen dickeren
Kortex als "vernachlässigte"
Rattenbabies. Die primäre
Nutzungsbedingung für die
Entwicklung des Säuglings- und
Kleinkindgehirns liefert nach wie
vor die Familie, in die das Kind
geboren wird. Die Autoren betonen
die besondere Bedeutung sicherer
familiärer Bindungen, die der
Säugling und das Kleinkind
erfahren müssen und die seine
Hirnentwicklung fördert oder
stört.
Der Zappelphilipp ruft
nach Hilfe
Nach all dem ist es nur
einleuchtend, wenn das Buch den
allgemeinen Umweltgegebenheiten,
den psychologischen und
psychotherapeutischen
Behandlungsmöglichkeiten bei
"ADHS-Kindern" (also
den besonderen und korrigierenden
Hirn-Nutzungsbedingungen für
Kinder, würde Hüther wohl sagen)
endlich den verdienten und bisher
völlig vernachlässigten Raum
einräumt. Insbesonders auf die
Bedeutung eines
familientherapeutischen Ansatzes
als breitestem Umweltausschnitt
wird auch mit ausführlicheren
Fallbeispielen eingegangen. In
dieser Betonung und Kompetenz
habe ich das bisher in keinem
"ADHS-Buch" gesehen.
Die alte Frage nach "Alternativen"
im Umgang mit diesen schwierigen
Kindern findet hier endlich eine
psychotherapeutisch fundierte
Antwort. Bonneys
erfolgversprechende und
überzeugende Methode, unruhige
Kinder, die nicht "hören",
zu behandeln, wird ausführlicher
dargestellt. Die
psychoanalytische
Entwicklungslehre (nicht
unbedingt die Therapie, meine ich
jedenfalls) liefert insgesamt
wichtige Erkenntnisse und
Bewertungen in ganz neuem Licht.
Ich will die
Lektüre dieses Buches aber nun
nicht weiter vorwegnehmen und
allzu viel verraten. Eine Menge
anderer Fragen und Details finden
sich darin, z.B. die Frage, ob
die Methylphenidatwirkung "ADHS"
beweist; oder die
Fragwürdigkeiten der
gegenwärtigen ADHS-Diagnostik;
oder Details der Geschichte,
Verbreitung und Erklärung von
"ADHS" und ihrer
pharmakologischen Behandlung.
Also, Sie sehen schon: Ich finde,
es ist das beste Buch zum Thema
überhaupt, allen Eltern, Lehrern
und Fachleuten wärmstens
empfohlen.
Es verändert unsere Hirne.
Hans-Reinhard Schmidt
16.1.2002
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