Es gibt halt
gute und weniger gute "ADHS"-Bücher: 
Cordula
Neuhaus: "Das hyperaktive Kind und seine
Probleme"
Buchbesprechung
von H. Bonney (dem Co-Autor des Buches mit
Hüther, s.u. ADS-Kritik 4):
Philipp verhält
sich hyperaktiv, impulsiv und unaufmerksam. Die
Eltern schaffen es nicht, mittels ihrer verbalen
Kompetenz eine Korrektur des kindlichen
Verhaltens zu erreichen, und unterbrechen als
Ausdruck ihrer pädagogischen Bankrotterklärung
den visuellen und expressiv-sprachlichen Kontakt:
"... und die Mutter blicket stumm / auf dem
ganzen Tisch herum." Die dann folgende
kleine Katastrophe ist aus dem "Zappelphilipp"
wohl bekannt.
Das Problem hat
inzwischen einen offiziellen Namen samt Nummer in
dem amerikanischen Krankheitenkatalog DSM-IV und
dem auch in Deutschland geltenden ICD-10:
attention deficit hyperactivity disorder/syndrome
(ADHD bzw. ADHS). Es betrifft etwa 3 bis 5
Prozent der heutigen Schulkinder. Eine gesicherte
Erklärung gibt es bis heute nicht, wohl aber
zahlreiche neurobiologische und -psychologische
Hypothesen (Spektrum der Wissenschaft 3/1999, S.
30).
Auf ihren 1996
verfassten Ratgeber "Das hyperaktive Kind
und seine Probleme" lässt Cordula Neuhaus,
Heilpädagogin und verhaltenstherapeutisch
ausgewiesene Psychologin, ein entsprechendes Werk
über Jugendliche und junge Erwachsene folgen,
das "als unersetzliche Hilfe für die
betroffenen Jugendlichen, deren Eltern, Erzieher
sowie alle Therapeuten" verstanden werden
will.
Das Buch ist ein
Mosaik aus Erfahrungsberichten von Jugendlichen
und deren Eltern, Statements der Autorin, Zitaten
aus der wissenschaftlichen Literatur,
therapeutischen Anweisungen und Plänen sowie
Merksätzen in Form von Zusammenfassungen und
Randkommentaren. Die dort genannten
symptomorientierten Interventionen erscheinen
durchaus sinnvoll, will man sich auf
verhaltenstherapeutisches Vorgehen festlegen.
Insgesamt leidet
das Buch jedoch unter schweren grundsätzlichen
Mängeln. Cordula Neuhaus versucht, nahezu die
Gesamtheit der bei Jugendlichen bekannten
psychischen Auffälligkeiten und Störungsbilder
als Folge einer seit dem frühen Kindesalter
fortbestehenden ADHD-Problematik zu
interpretieren. Dazu dehnt sie die Gültigkeit
der 18 spezifisch für das Grundschulalter
definierten diagnostischen Kriterien von DSM-IV
und ICD-10 auch auf Jugendliche und junge
Erwachsene aus und fügt ihnen weitere 38
Kriterien hinzu, die durch nichts als ihre eigene
Erfahrung begründet sind. Damit konstruiert sie
ein wissenschaftlich nicht gesichertes und aus
psychotherapeutischer Sicht bedenkliches
Kontinuum: "Einmal ADHS, immer ADHS."
Ein derart
generalisierendes Postulat kann die ohnehin
irritierten jugendlichen Persönlichkeiten, denen
ihre sozialen Beziehungen nur erschwert gelingen,
allenfalls zusätzlich verunsichern. Und wenn es
denn zuträfe: Ist das Phänomen dann überhaupt
therapeutisch beeinflussbar? Und ist die
diagnostische Kategorie ADHD zu irgendetwas
nütze?
Neurobiologische
Forschungsbemühungen und -ergebnisse werden
genannt und als bewiesene Fakten dargestellt,
obwohl bisher kein einziger biologischer Befund
als Marker für ADHD gelten kann. Der Leser muss
zu dem Schluss kommen, dass Jugendliche mit ADHD-Problemen
mit einem spezifisch beschädigten Gehirn leben,
wodurch die Behauptung "einmal ADHS, immer
ADHS" eine Pseudo-Begründung erfährt.
Unberücksichtigt
bleibt auch, dass Defizite der exekutiven
Funktionen Arbeitsgedächtnis, affektive
Selbstregulation, Motivation, Wachheit,
Selbstkontrolle und zielgerichtetes Verhalten
keineswegs spezifisch für ADHD sind.
Im Abschnitt
"Die Abgrenzung von anderen Störungsbildern"
nennt die Autorin verschiedene jugendtypische
Störungen und gibt - verhalten, aber
durchgängig - der Vermutung Raum, diese könnten
auf eine bereits früher bestehende ADHD-Problematik
zurückgehen. Dabei gibt es noch nicht einmal
Kategorien, die eine solche Vermutung zu
präzisieren erlauben würden - wie unterscheidet
man ADHD von sehr ähnlichen
Verhaltensauffälligkeiten im Gefolge psychischer
Erkrankungen? -, geschweige denn einen handfesten
Nachweis.
Für eine
differenzielle Therapieplanung nach zutreffender
Diagnose sind organische Krankheiten, Funktions-
und Entwicklungsstörungen sowie die
Familiendynamik abzuwägen. Es reicht keineswegs
aus zu wissen, was ADHD ist.
Niemand würde
heute noch die pädagogischen Vorstellungen des
"Zappelphilipp"-Autors Heinrich
Hoffmann vertreten. Aber eines hat er richtig
gesehen: Es kommt darauf an, die Familie
einzubeziehen. Wenn das Buch von Neuhaus
Betroffene motivieren würde, sich an einen
Experten zu wenden, der auch etwas von
Familientherapie und -dynamik versteht, hätte es
zumindest keinen großen Schaden angerichtet.
Helmut Bonney
Die ADHS-Diagnose
bezweifeln?
In ihrem Buch: "Neues
vom Zappelphilipp"
geben die Autoren Hüther und
Bonney Eltern als Denkanstoß
Folgendes mit:
"Eltern tun gut
daran, eine ADHS-Diagnose zu bezweifeln"
Dieser Rat ist keineswegs
provozierend gemeint. Vielmehr macht er
sehr viel Sinn, wenn man immer wieder
hört, erlebt und liest, dass Eltern
unzufrieden sind, wenn bei ihrem Kind
diese Diagnose trotz eingehender
Untersuchung NICHT gestellt wird. Die
gegenwärtige populäre "Fachliteratur",
die Ratschläge in einschlägigen
Internet-Selbsthilfegruppen und die im
Bekanntenkreis erlebte "hilfreiche"
Ritalin-Wirkung verleiten viele besorgte
Eltern zu vorschnellen Selbstdiagnosen
und zur Pseudosicherheit, ihr Kind habe
diese "Krankheit" auch. In den
Sammeltopf "ADHS" passt eben
fast alles, was Kinder, Jugendliche und
Erwachsene an Verhaltensschwierigkeiten
zeigen.
Wenn Eltern ihre Probleme in
den einschlägigen Foren schildern, habe
ich noch selten gelesen, dass ihnen
jemand sagt, ihre
Probleme könnten alles Mögliche
bedeuten, viel wahrscheinlicher
Erziehungs- und Familienprobleme als eine
Hirnfunktionsstörung im Sinne von ADHS.
Stattdessen rät man ihnen fast durchweg
ausschließlich, gezielt "ADHS"
ärztlich abklären zu lassen, die
Adresse eines passenden Arztes wird
gleich nachgeliefert. Es handelt sich
dann selten um einen kompetenten, jedoch
"ADHS-kritischen" Arzt, sondern
einen, von dem sich herumgesprochen hat,
dass er die Diagnose gern und häufig
stellt. Man warnt die Eltern häufig
sogar, zu einem Fachmann zu gehen, der
für psychische Probleme kompetent ist.
Wir wissen aber, dass
Diagnosen nicht immer sehr valide und
zuverlässig, sondern stark Diagnostiker-abhängig
sind, gerade bei so sehr unklaren "Krankheitsbildern"
wie "ADHS". Ob ich zu einem
Psychoanalytiker, einem kritischen
Psychologen oder einem von ADHS
überzeugten Arzt gehe (letztere gibt es
in Wirklichkeit wahrscheinlich weniger,
als viele glauben. Nicht wenige von ihnen
betreiben aus rein ökonomischen
Notwendigkeiten ADHS-Diagnostik),
entscheidet über die Diagnose erheblich
mit. Und Eltern wählen durch ihre
bewusste Diagnostiker-Auswahl auch die
erwartete bzw. gewünschte Diagnose. Im
Sinne von "selbsterfüllenden
Prophezeiungen" schließt sich dann
jeweils der Kreis, und alle scheinen
zufrieden.
Angesichts des sicher
großen Ausmaßes an Falschdiagnosen,
angesichts der Unzulänglichkeit des
diagnostischen Instrumentariums für ADHS,
angesichts der gravierenden
stigmatisierenden psychosozialen
Langzeitfolgen der Diagnose vor allem
für Kinder (angeblich genetisch bedingte,
vererbbare Hirnstoffwechselstörung) und
der ungewissen Langzeitauswirkungen von
Methyplphenidat bei Kindern, angesichts
der in Wirklichkeit fehlenden
wissenschaftlichen Klarheit des Syndroms
ADHS hätten Eltern zunächst einmal
allen Grund, an dieser Diagnose zu
zweifeln.
H.-R. Schmidt
19.1.2002
ADHD
und Intelligenz
Einige der angeblich
bewiesenen Überzeugungen unter
ADHD-Anhängern beziehen sich auf
Zusammenhänge von ADHD mit der
Intelligenz und der Kreativität:
ADSler seien häufig
überdurchschnittlich intelligent,
ja sogar hochbegabt und besonders
kreativ.
Der renommierte amerikanische
ADHD-Fachmann Sam
Goldstein hat in einer Übersicht über die
vorliegenden Forschungsergebnisse
hierzu Folgendes zusammengetragen:
Die Beziehung der
Intelligenz zu ADHD gestaltet
sich allgemein genau so wie zu
anderen Verhaltensstörungen:
Beurteilungen des hyperaktiv-impulsiven
Verhaltens und
Intelligenzmessungen stehen
häufig in einem negativen
Zusammenhang (d.h., je höher das
Eine, um so niedriger das Andere).
Das sagt einem ja schon das
Alltagswissen: je stärker die
Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung,
um so niedriger müssen
eigentlich die Ergebnisse von
Intelligenztests ausfallen.
Allerdings ist der Zusammenhang
zwischen
Intelligenztestergebnissen und
allgemeinen Verhaltensproblemen (im
Unterschied zu ADHD) oft
schwächer bis gar nicht
vorhanden (auch das kennt man aus
dem Alltag: So manch "verhaltensgestörter"
Schülerrebell ist völlig
unauffällig in seiner
Intelligenz und hat gute
Schulnoten).
Intelligenztestergebnisse
zeigen einen schwachen, aber
bedeutsamen positiven
Zusammenhang mit Messungen der
anhaltenden Aufmerksamkeit und
Hemmung. Stichproben von ADHDlern
weisen einen niedrigeren Verbal-Intelligenzquotienten
auf als solche ohne ADHD, weshalb
die Intelligenz in
Forschungsstudien eigentlich
immer mit kontrolliert werden
sollte. Allerdings gehen nur ca.
10% der Varianz der verbalen
Intelligenztestwerte auf den
Faktor ADHD zurück, weshalb die
Gesamtheit der ADHDler eine
normal verteilte Intelligenz
haben dürfte, diese aber
besonders bei Testaufgaben, die
Hemmung testen, nur unter ihrem
eigentlichen Niveau bleibend
einsetzen könne. Goldstein
weist darauf hin, dass
Aufmerksamkeitsprobleme bei sehr
vielen intellektuell
beeinträchtigten Gruppen
berichtet werden, und dass sie
von einer Vielzahl verschiedener
neurologischer Probleme
verursacht werden können.
Der Autor fragt sich
(und uns), warum trotz der fast
15jährigen soliden
Forschungsgrundlage immer noch
die Auffassung zu finden sei,
ADHDler seien besonders
intelligent, und warum ihre
Impulsivität immer noch für
eine besondere Ausprägung von
Kreativität gehalten wird.
Impulsivität als eine positive
Eigenschaft von ADHD zu
betrachten, werde vielleicht als
ein Weg gesehen, der
Öffentlichkeit ADHD als etwas
irgendwie Wohltuendes
darzustellen. Aus
wissenschaftlicher Sicht bleibt
Impulsivität aber etwas
eindeutig Belastendes. Es gibt
keinerlei wissenschaftliche
Hinweise darauf, dass Kinder mit
ADHD intelligenter oder kreativer
seien. Die Forschung zeigt
überwiegend, dass intellektuelle
Prozesse unabhängig von ADHD
sind. Intelligenzmängel oder
eine Inkonsistenz intellektueller
Leistungen dürfen deshalb in
keinem Fall als diagnostischer
Beleg für ADHD herangezogen
werden
Goldstein
meint, es sei an der Zeit, die
Vorstellung, ADHDler seien
smarter als die Anderen und bloß
unerkannte Genies, die unter
ihrer ignoranten Umwelt leiden,
abzulegen.
H.-R. Schmidt
21.1.2002
ADHD
bei Senioren!
Wie die
Forschungsgruppe um
MetroGoldwynMayer,
Hollywood, mit einer
extrem prospektiven,
dreifachblinden und CHAAD-überfinanzierten
Studie herausgefunden hat,
fängt ADS mindestens im
Säuglingsalter an,
dauert bis ins
Erwachsenenalter und -jetzt
kommt´s- befällt auch
die meisten Senioren! In
einer Stichprobe von
24643 Senioren mit dem
Durchschnittsalter von 82
Jahren, die sich daran
erinnern konnten, bereits
als Säuglinge ADS gehabt
zu haben, zeigte sich,
dass 92 Prozent von ihnen
unverändert eindeutige
Symptome zeigten (u.a.
zwanghaftes Tangotanzen
um Mitternacht,
oppositionelles Verhalten
im Altersheim sowie
zwangloses Gelächter bei
Trauerfeiern). Über die
Langzeitauswirkungen von
Methylphenidat bei
Senioren liegen
naturgemäß noch keine
Ergebnisse vor.
Einmal ADS: Immer ADS!
Preiser
22.1.2002
Auch nicht
schlecht, Preiser!
Ulli
22.1.2002
Psychosomatik,
Psychotherapie und Gehirn
Neuronale
Plastizität als
Grundlage einer
biopsychosozialen Medizin
Johann Caspar
Rüegg
Schattauer Verlag,
Stuttgart 2001
190 Seiten
EURO 25,95
ISBN 3-7945-2137-4
Bei
chronischen
Schmerzpatienten, denen
man in einer
Psychotherapie suggeriert,
ihr Schmerz sei weg,
verschwindet nicht nur
der körperliche Schmerz,
sondern es wird auch die
neuronale Aktivität der
Hirnrinde hemmend
beeinflusst. Psychische
Prozesse (wie z.B. das,
was wir glauben, oder
alle unsere psychischen
Lernerfahrungen
einschließlich von
Psychotherapie)
verändern messbare
hirnfunktionelle
Vorgänge in verblüffend
ähnlicher Weise wie
Psychopharmaka.
Diese These belegt der
Physiologe Johann
Caspar Rüegg in
seinem Buch mit
zahlreichen Beispielen.
Mit bildgebenden
Verfahren kann man dem
Gehirn bei seiner
Arbeit
praktisch zuschauen.
Beispielsweise ist bei
Menschen, die unter
Waschzwang leiden, ein
bestimmter Bereich unter
der Hirnrinde überaktiv.
Auf den Bildern kann man
dies an den Farben
erkennen. Werden diese
Menschen nun mit
Medikamenten behandelt,
so ist anschließend auf
den Bildern keine
Überaktivität mehr zu
beobachten. Gleichzeitig
hat sich das Verhalten
der Patienten verändert:
Sie müssen sich nicht
mehr andauernd waschen.
Nehmen Patienten mit
Waschzwang nun an einer
Psychotherapie teil, so
ändert sich ebenfalls
ihr Verhalten. Und auf
den Bildern ist zu sehen,
dass in der Folge auch
die entsprechenden
Hirnregionen wieder
normal aktiv sind (so
Marcus Schwandner in WDR5).
Psychopharmaka greifen
also in den
Hirnstoffwechsel ein, was
(für die Dauer der
Medikamenteinwirkung) zu
einer Verhaltensänderung
führt, während
Psychotherapie zu einer
dauerhaften
Verhaltensänderung
führt, die ihrerseits
eine
Hirnfunktionsänderung
zur Folge hat.
Das ist eine
sensationelle
Bestätigung der
Wirksamkeit von
Psychotherapie, die
weitreichende
Auswirkungen auch auf das
traditionelle ADS-Konstrukt
hat (s.a. Gerald
Hüther und
seine diesbezüglichen
Ausführungen).
Es gibt
derzeit wohl kein Gebiet
der Medizin, das eine so
rasante Entwicklung und
eine so fruchtbare
wissenschaftliche
Bearbeitung erfährt wie
das der "Neurosciences".
Die Forscher gelangen
dabei zu Ergebnissen, die
Sigmund Freud auch
aus biologischer
Perspektive spät, aber
eindrucksvoll Recht zu
geben scheinen.
Hirnforschung und
Psychotherapie bewegen
sich mehr und mehr
aufeinander zu, und Rüeggs
Werk ist ein
eindrucksvoller Beleg
für diesen
interdisziplinären
Prozess. Dieses äußerst
aktuelle und
wissenschaftlich
fundierte Werk ist in
einer fesselnden und
sprachlich so
eingängigen Form
geschrieben, dass seine
Leserinnen und Leser die
neurophysiologischen und
biochemischen Vorgänge
und ihren Bezug zu
bestimmten
Verhaltensphänomenen
leicht verstehen und
nachvollziehen können
Werner B.
25.1.2002
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