Keine Klarheit über
ADHS-Ursache
Widersprüchliche Datenlage zu ADHS und Dopamin
Die letzten 10 Jahre galt ziemlich unumstritten,
dass eine erhöhte Dopamintransporterdichte (DAT) im Gehirn von
ADHSlern die biologische Ursache dieser angeblichen Krankheit sei.
Dougherty u.a. hatten 1999 in einer Studie mit 6 ADHS-Patienten
eine um 70 % erhöhte Transporterdichte gefunden (Dougherty 1999).
Einige weitere Studien konnten dies später mit anderen Methoden
teilweise bestätigen (Krause 2000). Die Dopamintransporter
sorgen dafür, dass der Botenstoff Dopamin aus dem synaptischen
Spalt zwischen zwei Nervenzellen immer wieder zurückgeholt wird.
Wenn DAT also erhöht sei, werde zuviel Dopamin zurücktransportiert,
sodass im synaptischen Spalt ein dauernder Dopaminmangel herrscht,
nahm man an. ADHS also als eine Dopaminmangelkrankheit. Auch Hüther
und Bonney sehen 2002 noch eine Bestätigung dieser Theorie der
erhöhten Transporterdichte, folgern daraus aber nicht einen
Dopaminmangel, sondern vielmehr einen Überschuss (Hüther 2002).
Die Dopaminmangel-Theorie ist derzeit immer noch am populärsten
und liegt anderen ADHS-Theorien mal mehr, mal weniger zugrunde.
Ein solcher Dopaminmangel bei ADHS wurde bis heute aber nirgends
nachgewiesen. Der französische Forscher Francois Gonon vom
Nationalen Forschungsinstitut der Universität Bordeaux hat in
einer aktuellen Studie diese Theorie kritisch untersucht und sagt
im Abstract dazu Folgendes:
Psychostimulanzien erhöhen das extrazelluläre Dopamin, wobei
zahlreiche Überblicksstudien behaupten, sie würden dadurch
einen genetisch bedingten Dopaminmangel ausgleichen. Diese sog.
Dopaminmangel-Theorie basiert aber auf einer zu stark
vereinfachenden Dopamin-Belohnungstheorie. Ich stelle die
Richtigkeit dieser Theorie für ADHS in Frage und betone die Schwäche
der bisherigen neurochemischen, genetischen,
neuropharmakologischen und bildgebenden Befunde, die diese
Theorie belegen sollen. Als Resultat stelle ich heraus, dass man
diese Theorie nicht mehr in den Vordergrund einer Behandlungsbegründung
von ADHS mit Psychostimulanzien rücken sollte (Gonon 2009).
Auch die Sache mit der erhöhten Transporterdichte hat sich in
letzter Zeit in weiteren Studien nicht bestätigen lassen.
Bisherige Studien krankten oft daran, dass nicht klar war, ob die
gefundenen Hirnveränderungen nicht etwa nur die Folge von früherer
Medikation waren. Volkow u.a. fanden in einer neueren Studie mit
nie medizierten ADHS-Patienten, die sie mit Gesunden verglichen,
denn auch keinerlei Hinweis auf eine solche erhöhte
Transporterdichte. Ganz im Gegenteil zeigte sich überraschenderweise
ein umgekehrter Trend: die Gesunden hatten dichtere
Dopamintransporter als die ADHSler (Volkow 2007). In einer Übersicht
über 12 andere Studien verschiedener Forscher mit größeren
Versuchsgruppen und verfeinerter Methodik zeigen Swanson und
Volkow ein insgesamt widersprüchliches Bild: In 2 Studien zeigte
sich eine Tendenz zu niedrigerer Transporterdichte bei ADHS, in
einer weiteren eine sogar bedeutsam niedrigere, in 4 anderen kein
Unterschied, und in 5 Studien eine Tendenz zum Anstieg, davon
aber nur in einer einzigen (nämlich derjenigen von Dougherty aus
1999) ein starker. Die Mehrheit der Studien konnte also keine
bedeutsam erhöhte Transporterdichte bei ADHS finden, wie sie
Dougherty vor nunmehr 10 Jahren in seiner kleinen Studie ohne
eine Kontrollgruppe und mit fraglicher früherer Medikationsfolge
seiner Versuchspersonen gesehen hatte. Swanson und Volkow
betrachten deshalb die Theorie der erhöhten Transporterdichte
bei ADHS als überholt und wundern sich, dass sie nach wie vor in
der Literatur als belegt hingestellt wird. Sie sehen stattdessen
die Theorie bestätigt, derzufolge Stimulanzien bloße Dopamin-Agonisten
sind, also Substanzen, die die Wirkung von Dopamin im Gehirn
lediglich nachmachen, ohne dass irgendeine Anomalie im Gehirn
vorliegt (Swanson u. Volkow 2009).
Trotz tausender Forschungsstudien ist also nach wie vor nicht
bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei angeblichen "ADHSlern"
im Gehirn vorliegen sollen und welche diesbezügliche biologische
Ursache "ADHS" haben könnte.
Literatur:
Dougherty, D.D., Bonab, A.A., Spencer, T.J., Rauch, S.L.,
Madras, B.K., Fischman, A.J.: Dopamine transporter
density in patients with attention deficit hyperactivity disorder.
Lancet. 1999 Dec 18-25;354(9196):2132-3.
Gonon, F.: The dopaminergic hypothesis of
attention-deficit/hyperactivity disorder needs re-examining.
Trends Neurosci. 2009 Jan;32(1):2-8.
Hüther G. , Bonney, H.: Neues vom Zappelphilipp.
Walter 2002.
Krause, K.-H., Dresel, St., Krause, J.:
Neurobiologie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
Psycho 26, 2000
Swanson, J.M., Volkow, N.D.: Psychopharmacology:
concepts and opinions about the use of stimulant medications. J
Child Psychol Psychiatry. 2009 Jan; 50(1-2):180-93.
Volkow, N.D., Wang, G.J., Newcorn, J., Fowler, J.S.,
Telang, F., Solanto, M.V., Logan, J., Wong, C., Ma, Y., Swanson,
J.M., Schulz, K., Pradhan, K.: Brain dopamine
transporter levels in treatment and drug naïve adults with ADHD.
Neuroimage. 2007 Feb 1;34(3):1182 90.