ADHS- KONSENSERKLÄRUNG

ADHS: Das Syndrom
ADHS: Die Krankheit
ADHS: Die Diagnostik
ADHS: Die Medikation
ADHS: Die Biologisierung
ADHS: Empfehlungen

 

I. ADHS: Das Syndrom

  1. Es ist ungeklärt, ob die vorgeblichen Unterformen des Syndroms (mit oder ohne Hyperaktivität, mit oder ohne Aufmerksamkeitsdefizit) nosologisch und ätiologisch dieselbe Störung darstellen.
  2. Es ist unklar, warum ausschließlich Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit und Impulsivität die vorgeblichen Kernsymptome eines Syndroms bilden sollen.
  3. Es ist fraglich, ob Impulsivität von Hyperaktvität nosologisch und ätiologisch zu unterscheiden ist.
  4. Eine ADHS-spezifische Aufmerksamkeitsstörung wurde bisher nicht gefunden. Wahrscheinlich gibt es sie gar nicht.
  5. Das Syndrom wird in den gängigen Klassifikationssystemen DSM IV und ICD 10 unterschiedlich dargestellt, so dass international kein Konsens besteht.
  6. Bei Kindern mit der Diagnose eines ADHS-Syndroms handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe mit einer gemeinsamen und spezifischen Störung.
  7. Dreiviertel der mit ADHS diagnostizierten Kinder erfüllen auch die Kriterien für andere psychiatrische Störungen, weshalb es keine Spezifität des Syndroms gibt. Die differentielle Validität des Syndroms ist unbelegt.
  8. Vorgeblich ADHS-typische Symptomatiken finden sich gleichermaßen bei vielen anderen bekannten Störungen, wie Ängsten, Depressionen, Bindungs- und Beziehungsstörungen, Über- und Unterforderung, Traumatisierungen, Schilddrüsenstörungen, Mineral- bzw. Vitalstoffmangel, Intoxikationen, Seh- oder Hörstörungen etc. Sie sind deshalb unspezifisch und nicht ADHS-typisch.

 

II. ADHS: Die Krankheit

  1. Es gibt keinen spezifischen kognitiven, metabolischen, neurologischen oder sonstwie gearteten Marker für eine Krankheit "ADHS".
  2. Jahrzehntelange bildgebende Forschung erbrachte nur unspezifische und inkonsistente Ergebnisse. In keinem Fall wurden klinisch abnormale Gehirne gefunden, von ADHS-spezifischen Abnormalitäten ganz zu schweigen. Mancherorts gefundene Unregelmäßigkeiten können sogar auf dem Einfluss von zur vorgeblichen Therapie verabreichten Medikamenten beruhen.
  3. Die Genforschung zu ADHS erbrachte bisher nur bescheidene, unspezifische und vergleichsweise schwache Zusammenhänge.
  4. Genetik und Genese von ADHS sind nicht unterscheidbar von psychosozialen Verhaltensstörungen und anderen externalisierenden Störungen.
  5. Gene lenken direkt immer nur die Proteinsynthese, aber kein Verhalten. Den Faktor Genexpression, demzufolge die jeweilige Umwelterfahrung eines Menschen seinen Genotyp beeinflusst (Stichwort Neuroplastizität), hat die Genforschung zu ADHS bisher ignoriert, weshalb die bisherigen Forschungsergebnisse kausal zweifelhaft sind.
  6. Eine Vererbung (so es eine solche bei ADHS überhaupt gibt) ist ebenfalls nicht spezifisch. Die deskriptive Präsenz der Störung in familiären Stammbäumen stellt keinen Beleg für eine genetische Valenz dar. Zwillings- und Familienstudien zu ADHS sind obendrein beeinträchtigt durch die nicht belegte Annahme der jeweiligen pränatalen Umwelt-Uniformität. Die innere, subjektive "Umwelt" eines Menschen wurde dabei noch nie erfasst.
  7. Wenn ein Kind 6 von 9 willkürlich zusammengestellten, nicht unbedingt krankhaften Verhaltensweisen zeigt, soll es laut DSM IV hirnfunktionsgestört sein. Ein solches willkürliches Störungskonstrukt ist menschen- und kinderfeindlich, weil ihm für eine solch folgenschwere Behauptung kein ernstzunehmender wissenschaftlicher Beleg zugrunde liegt.
  8. ADHS ist keine objektivierbare medizinische Krankheit, sondern ein Kulturprodukt. Sie wird im Rahmen von interessen- und industriegeleiteten Konsens-Konferenzen per Beschluss definiert. Teilnehmer solcher Konferenzen sind oft als Befürworter einer medikamentösen Behandlung von ADHS bekannt, ohne ihre diesbezüglichen finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie offen zu legen.
  9. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass etwa 1-2 Prozent unserer Kinder an auch organisch begründbaren Verhaltensstörungen leiden. Auch sie werden derzeit unter die Diagnose "ADHS" gefasst. Eine darüber hinausgehende Prävalenz von ADHS kann demnach nicht als organische Störung gesehen werden. Bei etwa 80 % der derzeit ADHS-diagnostizierten Kinder liegt demzufolge keine körperlich begründbare Störung vor.

 

III. ADHS: Die Diagnostik

  1. Es existiert keinerlei ADHS-spezifisches medizinisches oder psychologisches Diagnostikum. ADHS lässt sich nicht spezifisch diagnostizieren.
  2. Gängige diagnostische Verfahren messen bestenfalls Symptome und Verhaltensweisen, die nicht spezifisch für ADHS sind, sondern für eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Störungen stehen können ("ADHS" als diagnostischer Sammeltopf).
  3. Die ADHS-Diagnose beruht auf unzuverlässigen Informationsquellen: Eltern- und Lehrer-Fragebögen sind invalide und unzuverlässig. Sie weichen erheblich voneinander ab, sind subjektiv und umwelt- sowie situationsabhängig. Eine spezifische Zuordnung zu ADHS erlauben sie nicht.
  4. Die Diagnostik beruht überwiegend auf subjektiven Verhaltenseinschätzungen und normativen Bewertungen. Objektive Marker, die eine medizinische Krankheit begründen könnten, gibt es nicht.
  5. Die Diagnosekriterien sind sehr vage formuliert. Formulierungen wie "oft", "exzessiv" lassen weiten Spielraum für eine willkürliche Diagnose.
  6. Die Diagnose ADHS kommt durch simples Aufsummieren von subjektiven Beobachtungen von zweifelhaft problematischem Verhalten zustande. Der Cutpoint wird dabei willkürlich durch Konsenskonferenzen festgelegt.
  7. Wenn ein Kind sechs von neun ärgerlichen, aber nicht unbedingt krankhaften Verhaltensweisen zeigt, soll das ein Beweis sein dafür, dass sein Gehirn defekt ist.
  8. Es herrschen diagnostische Willkür und Konfusion. Es gibt keine deutliche Unterscheidbarkeit von Phänomen, Symptom, Syndrom und Morbus.
  9. Wird eine Störung des Kindes oder ein Unbehagen des Beurteilers (Lehrer, Arzt, Eltern, Erzieher, Gesellschaft) gemessen?
  10. Kultureller, schulischer und familiärer Kontext werden bei der Diagnostik nicht berücksichtigt.
  11. Wenn ein Kind daheim und in der Schule Lern- und Verhaltensprobleme zeigt und in Tests angeblich ADHS-typische Ergebnisse aufweist, bedeutet dies keineswegs, dass eine Krankheit namens ADHS vorliegt.
  12. Inwieweit bei der Diagnostik welche medizinischen und psychologischen Tests und/oder Verhaltensbeobachtungen eingesetzt werden müssen, ist nicht klärbar, weil es ein genau umschriebenes und wissenschaftlich belegbares ADHS-Konstrukt nicht gibt.
  13. Das Ausschlusskriterium E des DSM IV, wonach ADHS vorliegen soll, wenn alles andere ausgeschlossen ist, ist nicht nur aus wissenschaftlichen, sondern auch aus pragmatischen Gründen nicht erfüllbar.
  14. Die Mehrzahl der Diagnosen erfolgt nicht korrekt nach den sog. Diagnoserichtlinien und ist von daher falsch.
  15. Die Diagnose ADHS liefert keinerlei zusätzliche Information oder Aufschluss, die über die Verwendung anderer einschlägiger Diagnosen hinausreichten.

 

IV. ADHS: Die Medikation:

  1. Die starke Zunahme der Verschreibungen von hochwirksamen Psychopharmaka bei Kindern in den letzten Jahren ist alarmierend. Schon immer mehr Vorschulkinder werden mit Psychopharmaka behandelt. Angesichts der erheblichen Zweifel am medizinischen Konstrukt ADHS erhält der überwiegende Teil dieser Kinder die Medikamente ohne eine hinreichende Indikation.
  2. Die Mehrzahl der medikamentierten Kinder erhält Psychopharmaka aufgrund von im Sinne der Diagnoserichtlinien falschen Diagnosen. Nicht nur zwischen Diagnostikern verschiedener Nationen, sondern auch zwischen solchen derselben Nation gibt es erhebliche Unterschiede in der Prävalenz.
  3. Die Wirkung der Medikamente wird trotz tausender Studien noch immer nicht völlig verstanden. Ihre Langzeitwirkung auf das noch in Entwicklung befindliche kindliche Gehirn ist nicht ausreichend erforscht. Ergebnisse von Tierstudien geben diesbezüglich begründeten Anlass zur Sorge.
  4. Die Medikamentierung wird zu Unrecht als Therapie bezeichnet. Die Medikamente heilen nicht, ihre verhaltensändernde Wirkung ist auf die Wirksamkeitsdauer beschränkt. Nach Absetzen der Mittel ist kein bleibender Verhaltenseffekt zu erwarten, der denjenigen einer nichtmedikamentösen Psychotherapie übersteigt. Auch Schulleistungen und Lernerfolge lassen sich damit nicht dauerhaft verbessern.
  5. Die psychosozialen Folgen einer Dauermedikation im Sinne einer psychischen Abhängigkeit sowie Auswirkung auf Selbstkonzept und Selbstwert der betroffenen Kinder und ihrer Familien werden ignoriert und nicht erforscht. Die bestrittene Suchtgefahr darf nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Umgang mit Medikamenten und anderen Hilfsstoffen zum Wohlbefinden ("life-style-medication") gesehen werden.
  6. Die zwischen Fach- und Elternverbänden und der Drogenbauftragten der Bundesregierung getroffene Vereinbarung der Nachrangigkeit einer Medikation erst nach Scheitern psychotherapeutischer und pädagogischer Hilfen wird weitgehend missachtet
  7. Methylphenidat ist eine anregende Droge, die bei fast allen Menschen, unabhängig von einer Diagnose, die Aufmerksamkeit steigert, ähnlich Nikotin und Alkohol. Die vorgeblich "paradoxe" und ADHS-spezifische Wirkung auf unruhige Kinder gibt es nicht, weil auch diese Kinder weiter angeregt werden. Die individuelle Wirkung des Stoffes belegt nicht das Vorhandensein einer ADHS im Sinne einer Bestätigung der Diagnose ("ex juvantibus")..
  8. Die Medikamente unterdrücken lediglich unerwünschtes oder störendes Verhalten für die Dauer ihrer Wirkung. Es ist ein Irrtum, zu glauben, unter der Medikamentenwirkung trete die "wahre" oder "gesunde" Persönlichkeit eines Kindes ans Tageslicht.
  9. Wenn keine wirksamen psychotherapeutischen oder pädagogischen Hilfen erfolgen, ist die Medikation rasch chronisch, weil nach Abklingen der Wirkung das störende Verhalten sofort wieder auftritt, so dass rasch wieder (Dauer-)Medikamente gegeben werden müssen. Es besteht die Gefahr einer Rund-um-die Uhr-Dauermedikation mit psychischer Abhängigkeit.
  10. Methylphenidate erzielen längerfristig keine besseren Therapieeffekte als nicht-medikamentöse psychotherapeutisch-psychoedukative Therapien. Dissozial-aggressives Verhalten wird nicht nennenswert verbessert. Die teils erheblichen Nebenwirkungen der Medikamente werden bagatellisiert und für das Ziel teils zweifelhafter, künstlich erzeugter und flüchtiger Verhaltensänderungen allzu leicht in Kauf genommen. Im Zusammenhang mit dem permanenten Verleugnen psychischer, situativer und sozialer Störungsursachen erinnert das ausschließlich medikamentöse Vorgehen nicht selten an eine medizinaliserte Form der Kindesvernachlässigung und -misshandlung.

 

V. ADHS: Die Biologisierung

  1. Das Konstrukt ADHS entspringt deutlich dem gegenwärtig noch anhaltenden Trend zur Biologisierung der menschlichen Kultur. Unter einer naturwissenschaftlichen Ausrichtung sollen im Rahmen einer Synthese auch die Sozialwissenschaften "biologisiert" werden (Soziobiologie). Obwohl diese Vereinheitlichung heute bereits als gescheitert gelten kann, feiert sie bei ADHS fröhliche Urständ. Ein genetischer Determinismus bzw. Purismus, der Milieueinflüsse auf Entwicklung und Verhalten weitgehend leugnet (Neuroplastizität), beherrscht einseitig die Szene. Dies ist antidialogisch und antipädagogisch.
  2. Der Glaube an ADHS als organischer Krankheit stigmatisiert Kinder zu Unrecht als krank und hirnfunktionsgestört. Dem Selbstwertgefühl und Selbstkonzept der Kinder wird damit ein schwerer Schaden zugefügt.
  3. Vor allem aber werden den Kindern vorrangige psychotherapeutische und pädagogische Hilfen, die eine verstehende und nachhaltige Situations- und Selbstverbesserung der Betroffenen anstreben, oftmals mit der Begründung vorenthalten, diese Maßnahmen seien nachrangig oder überflüssig, wenn erst einmal eine Medikation greife.
  4. Die scheinbar psychiatrische Diagnose "ADHS" und ihre pseudowissenschaftliche Verbrämung sollen Eltern, Lehrer, Ärzte, Psychologen, Erzieherinnen etc. dabei unterstützen, bedrohliches kindliches Verhalten verdrängen zu können, die je ganz eigene dialogische Verantwortlichkeit zu leugnen. Man hat sozusagen lieber kranke als unglückliche Kinder.
  5. Dieser alltägliche Biologismus, demzufolge Lehrer, Eltern und Ärzte immer rascher bereit sind, auffälliges kindliches Verhalten auf ein "biochemisches Ungleichgewicht" zurückzuführen, anstatt über ihre eigene Beteiligung daran nachzudenken, bedarf einer dringenden und kritischen Reflexion. Es wird nicht mehr nach dem "Warum" eines Verhaltens, nach seinem Sinn in einer phänomenalen, subjektrelativen Welt gefragt. Statt eines therapeutischen Dialogs zwischen Erwachsenem und Kind wird das Kind zum bloßen Diagnose- und Medikationsobjekt.

 

VI. ADHS: Empfehlungen

  1. Das Konstrukt ADHS muss völlig neu gesichtet und kritisch überprüft werden mit der Fragestellung, inwieweit es wissenschaftlich wirklich elaboriert und praktisch sowie ethisch vertretbar und sinnvoll ist.
  2. Der Erforschung, Diagnostik und Behandlung kindlicher Verhaltensstörungen wie ADHS muss ein entwicklungspsychologisches Konzept zugrunde gelegt werden.
  3. Es herrschen diagnostische Willkür und Konfusion. Vor allem muss der familiäre und gesellschaftliche Einfluss auf das kindliche Problemverhalten namens ADHS in Forschung, Diagnostik und Therapie intensiv erforscht und ernst genommen werden.
  4. Eine Medikation muss endlich wirklich nur noch nachrangig erfolgen. Vorrang müssen immer psychotherapeutisch-pädagogische, die Familie und das Sozialsystem einbeziehende Hilfen haben.
  5. Das Konstrukt erlaubt keine klare Unterscheidung von Phänomen, Symptom, Syndrom und Morbus. Angesichts seiner nosologischen Zweifelhaftigkeit und angesichts des Umstandes, dass kindliches Problemverhalten auch mit anderen gängigen, aber weniger belasteten Störungsbildern erfasst werden kann, ist dieses Konstrukt nicht nützlich. Es sollte in der jetzigen Konzeption grundlegend revidiert oder völlig aufgegeben werden. ADHS ist keine medizinische Krankheit, sondern ein willkürlich gesetztes Kunstprodukt.
  6. Eltern, Lehrer, Pädagogen, Psychologen, Ärzte sowie die Gesundheitsbehörden sollten eine ADHS-Diagnose bezweifeln und zu einer kritischen Aufklärung beitragen.

© Konferenz ADHS 12/2007