Karl Gebauer
Befestigungsversuche
am "schiefen Turm von PISA" -
Die Bedeutung des
Emotionalen in Bildungsprozessen
(Vortrag - gehalten am 21.3.02
in der Universität Hannover;
Veranstalter: Bezirksregierung Hannover, Regionale
Lehrerfortbildung)
Vorwort
Wir leben in einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen vielen
Eltern und ihren Kindern schwierig geworden sind. Oft mangelt es
an den erforderlichen Rahmenbedingungen, an emotionaler
Zuwendung, an vielfältigen Anregungen und an einer angemessenen
Grenzsetzung. Gemeint sind Beziehungen, in denen Kinder keine
ausreichende emotionale Sicherheit erfahren und nicht genügend
Anregungen für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit erhalten.
Nach neueren Untersuchungen der Bindungsforschung trifft dies bei
40 bis 50 % der Kinder zu.
Auf der Suche nach Geborgenheit finden viele Kinder oft nicht den
richtigen Weg. Die unzureichende, fehlende oder gestörte
emotionale Bindung an eine nahe Bezugsperson entpuppt sich mehr
und mehr als Ursache für viele Lern- und Verhaltensprobleme.
Die deutlichen Veränderungen der Verhaltensweisen unserer
Schüler und Schülerinnen, die meine Kolleginnen und ich zu
Beginn der neunziger Jahre feststellten, haben zu einer
intensiven Auseinandersetzung und zu einer Erweiterung unserer
pädagogischen Konzeption geführt. Es waren zunächst die
gewalttätigen Auseinandersetzungen unter unseren Schülerinnen
und Schülern, die uns zu schaffen machten. Nach der Analyse von
vielen Gewaltsituationen, wie sie in der Schule auftreten, kamen
wir zu dem Ergebnis, dass es in der Mehrzahl aller Fälle um den
untauglichen Versuch geht, über Gewaltanwendung und Demütigung
eine emotionale Stabilisierung zu erreichen. Die Ergebnisse der
Bindungsforschung lassen uns die Ursachen dieses Verhaltens
differenzierter beschreiben. Heute bereiten uns vor allem Kinder
Probleme, die sich nicht mehr angemessen auf Lerninhalte
konzentrieren können.
I. Zur gegenwärtigen Situation
Ich möchte zunächst mit einem Mosaik von Zahlen aus
verschiedenen Forschungsbereichen den aktuellen
Erziehungshintergrund beleuchten und dabei vor allem die Lern-
und Verhaltensweisen jüngerer Kinder in den Blick nehmen.
Im Zentrum unserer pädagogischen Arbeit in einer zweizügigen
Grundschule in Göttingen, steht die wöchentliche Teamsitzung.
Wir nennen sie pädagogische Gesprächsrunde. Hier werden die
Probleme, die wir bei unserer Arbeit wahrnehmen, thematisiert und
nach jeweils angemessenen Methoden bearbeitet. Viele Methoden
haben wir im Verlauf der Jahre selbst entwickelt, manche sind
Modifizierungen bekannter gruppendynamischer Arbeitsformen. Immer
dann, wenn wir nicht weiter wussten, haben wir Experten aus
Nachbarbereichen zu uns eingeladen. Vor genau 12 Jahren stellten
sich meine Kolleginnen und ich aufgrund unserer
Alltagsbeobachtungen die Frage: Was ist bloß mit den Kindern los
(Gebauer, u.a. 1991)?". Die damals 6jährigen Schülerinnen
und Schüler sind heute 18 Jahre alt.
Ergebnisse eigener Untersuchungen:
Jedes Jahr im November vergewissern wir uns, welche Schüler und
Schülerinnen Verhaltens- und/oder Lernprobleme haben. Die
inhaltliche Definition ist über einen Diskurs erfolgt. Seit 1990
gilt diese Beschreibung. Eine Kurzfassung lautet:
Schüler und Schülerinnen mit Lernschwierigkeiten sind solche
Kinder, die über das normale Maß des Erklärens und der
individuellen Hilfe persönliche Zuwendung durch die Lehrerin
benötigen. D.h., ein Fundament in den Bereichen Lesen, Schreiben
und Mathematik kann nur gelegt werden, wenn sich die Lehrerin in
Ruhe über einen längeren Zeitraum von jeweils 10 bis 15 Minuten
dem einzelnen Kind oder einer Kleingruppe zuwenden kann.
Schüler und Schülerinnen mit Verhaltensauffälligkeiten sind
solche Kinder, die ihr soziales Verhalten oft nicht steuern
können. Sie provozieren häufig Konflikte, sind aber nur wenig
bereit und in der Lage, zu einer angemessenen Konfliktregelung
beizutragen. Im Erkennen sozialer Beziehungsgefüge sind sie
wenig geübt und können Ergebnisse aus Erörterungssituationen
nicht oder nur kurzfristig in ihr Verhalten übernehmen. Zur
Gruppe der im sozialen Bereich auffälligen Kinder gehören auch
Schülerinnen und Schüler, die ein stark introvertiertes
Verhalten zeigen. Manche von ihnen sind extrem auf sich selbst
bezogen. Es fällt ihnen schwer, neue Strategien aufzunehmen und
anzuwenden. Anweisungen der Lehrkräfte ignorieren sie oft.
Quantitative Ergebnisse unserer Untersuchung für die Klassen 1
bis 4 im November 2000 und 2001.
Danach haben Probleme in folgenden Bereichen:
| 2000 | 2001 | |
| Lesen | 20% | 19% |
| Schreiben | 29% | 22% |
| Mathematik | 26% | 28% |
| Motorik | 32% | 21% |
| Sprache | 24% | 22% |
| Sozialverhalten | 35% | 37% |
| Selbstbezogenheit | 17% | 12% |
Bei den Kindern der Vorklasse (Fünfjährige) sehen die Zahlen so aus:
| 2000 | 2001 | |
| Motorik | 62% | 41% |
| Sprache | 54% | 65% |
| Sozialverhalten | 69% | 53% |
| Kognitiver Bereich | 46% | -- |
Die Erhebung aus dem Jahr 2000 ergibt u.a.:115 von 162 Kinder der
Vorklasse und der Klassen 1-4 haben mindestens in einem Bereich
Probleme. Das sind 71 % der gesamten Schülerschaft. Manche
Schüler haben in mehreren Bereichen Probleme.
Betrachten wir nun das Verhältnis von Jungen und Mädchen bei
den Kindern der Klassen 1 bis 4 (Nov. 2000):
| Lesen: | Jungen:24% | Mädchen:14% |
| Schreiben: | Jungen: 38% | Mädchen<: 19% |
| Mathematik: | Jungen:19% | Mädchen:33% |
| Sprache: | Jungen:23% | Mädchen:23% |
| Soz. Verhalten: | Jungen:49% | Mädchen:19% |
| Selbstbez.: | Jungen:23% | Mädchen:11% |
| Motorik: | Jungen:30% | Mädchen:26% |
Interpretation der Daten:
Hervorzuheben ist die hohe Zahl der Kinder, die ein gravierendes
Problem haben (71 %) . Hellhörig muss das Ergebnis der Jungen
und Mädchen im Vergleich machen. Die Jungen stehen insgesamt
nicht gut da. Das müsste Konsequenzen haben in der familiären
Erziehung ebenso wie in der Erziehung im Kindergarten und in der
Schule.
Betrachten wir die Ergebnisse zur Selbstbezogenheit etwas
genauer: Von den 61 Kindern, die als sozial auffällig gelten
(38% der Gesamtschülerschaft), fallen 26 Schüler unter die
Bezeichnung: Selbstbezogenheit, d.h. 43% der sozial auffälligen
Kinder sind nur schwer von uns zu erreichen. Von den 26 Kindern
sind 18 Jungen (69 %) und 8 Mädchen (31 %).
Im November 2001 sieht die Situation ähnlich aus: Von den 151
Kindern haben 106 Kinder Probleme mindestens in einem Bereich,
das sind 70 % der gesamten Schülerschaft. Probleme in zwei oder
gar drei Bereichen haben 67 Kinder, das sind 44% aller Schüler.
Es wird aber auch deutlich, dass wir mit unserer Arbeit im
Verlauf der Grundschule durchaus Erfolge erzielen, wenn man sich
z.B. das Verhältnis von Vorklasse zu den übrigen Klassen
ansieht.
Dies sind Ergebnisse aus einer Grundschule. D.h. schon in einem
sehr jungen Alter müssen wir erhebliche Defizite im
Lernvermögen und im sozialen Verhalten vieler Schüler
feststellen.
Manche Kolleginnen haben die Ergebnisse unserer eigenen
Untersuchung angezweifelt. Sie wollten die Zahlen nicht wahr
haben. Wir überprüften daraufhin unsere Kriterien und die Art
der Erhebung. Die kritische Sichtung hat allerdings an den
Ergebnissen nichts geändert. Diese schulinterne Evaluation haben
wir jedes Jahr der zuständigen Bezirksregierung mit dem Hinweis
übermittelt, unsere Ergebnisse würden voraussichtlich auch
einer externen Evaluation standhalten. Wir schlossen Forderungen
nach Förderstunden für unsere Unterrichtsarbeit an. Täglich
eine Stunde Doppelbesetzung in jeder Klasse hielten wir für
angemessen. Das wären bei unserer Schulgröße 45 Lehrerstunden
gewesen. Tatsächlich erhielten wir 18 Stunden, so dass wir pro
Woche und Klasse 2 Förderstunden zur Verfügung hatten. Diese
fielen leider oft aus, weil unsere Schule, wie viele andere auch
nur eine Versorgung mit Lehrerstunden von 95 % hatte und im
Krankheitsfall zunächst auf die Förderstunden zurückgegriffen
werden musste.
In diesen Tagen legte das Gesundheitsamt Göttingen die
Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2002
vor. Im Wohnbereich der Leinebergschule diagnostizieren die
Ärzte bei 32 % der Kinder zentrale Wahrnehmungs- und
Verareitungsstörungen (Göttinger Tageblatt, 21.3.02).
Diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund der so umfangreichen
und gründlichen Pisa Studie deswegen so wichtig, weil sie
deutlich machen, dass schon lange vor dem Alter, in dem die
"Pisa-Schüler" getestet wurden, erhebliche Probleme
sichtbar sind, die nur begrenzt durch schulische Maßnahmen
behoben werden können. Sie haben ihren Ursprung nämlich in
einer Zeit, die lange vor der Schule liegt. Hier müsste demnach
mit der Förderung eingesetzt werden.
Gestützt werden unsere Ergebnisse durch zahlreiche
Untersuchungen im Bereich der Säuglings- und Bindungsforschung
(Brisch 1999; Dornes 2000; Gebauer/Hüther 2000).
Auch die in der Pisa-Studie benannten Probleme haben
wahrscheinlich ihren Ursprung in Bindungsproblematiken der
frühen Kindheit. Dieser Aspekt wird gegenwärtig öffentlich
kaum diskutiert. Möglicherweise wird durch diese Nichtbeachtung
der schiefe Turm der Bildung noch unsicherer. Wir können
bezogen auf die Entwicklung des einzelnen Kindes oder eines
Jahrgangs relativ früh Aussagen über eine wahrscheinlich
gelingende bzw. eine weniger gelingende Entwicklung
prognostizieren. Das bedeutet, dass wir intensiv an den
Fundamenten der Bildung und Erziehung arbeiten müssen, wenn wir
zu anderen Ergebnissen kommen wollen als denen, die uns die Pisa
Studie vor Augen führt. Das heißt nun wiederum, dass wir unser
Werk nicht erst in der Mitte oder am oberen Drittel des sich zur
Seite neigenden Bildungsturmes beginnen dürfen, sondern dass wir
an den Fundamenten einer erfolgreichen Beziehung arbeiten
müssen. Die Chancen einer positiven Beeinflussung sind
bekanntermaßen im frühen Alter sehr hoch. Es bedeutet weiter,
dass der emotionale Aspekt eine weit größere Bedeutung hat als
bisher angenommen wurde. Damit wird der Blick frei auf die
dringend erforderlichen Innovationen in der Familienpolitik. Kein
geringerer als Bundespräsident Rau hat darauf hingewiesen, dass
auch Veränderungsprozesse in Kindergärten und Grundschulen
verstärkt eingeleitet werden müssen.
II. Die große Bedeutung früher Förderung
Ein Kind tritt mit seiner Geburt aktiv in die Gestaltung seines
Lebens ein. Es ist mit Anlagen und Potenzialen ausgestattet, die
soweit ausgebildet sind, dass es lebensfähig ist. Zunächst
braucht es natürlich die Zuwendung, die Fürsorge und Hilfe
erwachsener Personen. Seine Motivation zum aktiven Tun, seine
Suchaktivitäten zu seinem Selbst- und Weltverständnis setzen
unmittelbar ein. Entscheidend ist die Resonanz, die ein Kind von
seiner ersten Bezugsperson erfährt.
Es entsteht eine emotional tragende Bindung zwischen Mutter und
Kind, wenn sich eine Mutter ihrem Baby gegenüber einfühlsam
verhält. Bindung meint eine zwischenmenschliche Qualität, die
von beiden Interaktionspartnern - in der Regel sind dies Mutter
und Kind - getragen wird. Kommt es zu anhaltenden Störungen, wie
sie in vielen Versuchsanordnungen nachgewiesen und belegt wurden,
dann wird ein Kind zunächst alles versuchen, den Zustand von
Sicherheit und Geborgenheit zurück zu gewinnen. Gelingt dies
nicht, bleibt der Weg in die Resignation oder Aggression.
Die Münchner Forscherin Mechthild Papousek berichtete jüngst
auf einem Kongress, dass Sie bei Ihren Untersuchungen und
Beratungen feststellen müsse, dass schon bei vielen noch ganz
jungen Kindern eine Spiel-Unlust festzustellen sei. Und das nicht
nur bei Kindern sondern auch bei deren Eltern. Ich tue
alles für mein Kind, aber das Spielen liegt mir nicht,
würden mehr und mehr Mütter sagen. Frau Papousek stellt fest:
Die Fähigkeit zum Spielen ist auf breiter Ebene in Gefahr
geraten (Papousek 2001). So verfügen viele Kinder nicht
mehr über ausreichende positive Erfahrungen ihrer
Selbstwirksamkeit. Denn im Spiel setzt sich ein Kind durch
permanente Gestaltung mit sich und der Welt auseinander. Hier
werden die Grundlagen für die später so wichtige intrinsische
Motivation gelegt oder verbaut.
Stellen sie sich ein Baby in seinem Körbchen vor, an dem ein
Mobile befestigt ist. Das Kind greift danach, bringt das Objekt
in Bewegung, freut sich daran. Zunächst sind es zufällige
Bewegungen, die zum Antrieb des Mobiles führen, später werden
sie gezielt eingesetzt und das Kind macht die Erfahrung, dass das
Ereignis etwas mit ihm zu tun hat. Wenn dann Mutter und/oder
Vater in der Nähe sind und die Freude mit ihrem Kind an dessen
Tun teilen, dann erhält die Aktivität auch eine umfassende
emotionale Komponente.
Entscheidend ist, dass ein Kind immer wieder (tausendfach,
millionenmal) diese oder ähnliche "Mobile-Erfahrungen"
machen kann. Ein Kind braucht immer wieder die Bestätigung, dass
ein Ereignis etwas mit ihm zu tun hat. So beginnt die Entwicklung
des Selbst und die innere Motivation, aktiv auf die Suche zu
gehen. So wird die Erfahrung der Selbstwirksamkeit gemacht.
In einem Beitrag für die FR vom 4.2.02 stellt Prof. Wernstedt
fest: "Es stimmt etwas mit der Grundhaltung nicht, wenn die
Lehrerinnen und Lehrer jede Stunde kunstvoll einpacken müssen,
damit überhaupt gelernt wird." Die Säuglingsforschung legt
die Vermutung nahe, dass die Ursache dafür u.a. im Rückgang der
Spiellust bei kleinen Kinder zu suchen ist. Ein grundlegendes
Interesse an sich und der Welt ist auf Anregung durch Eltern und
auf Kommunikation mit ihnen angewiesen. Das Fernsehen kann diese
Funktion nicht erfüllen, auch wenn sich das viele Menschen
einreden mögen.
Wenn Eltern diese Form der Zuwendung und die Ruhe zum Spielen
nicht mitbringen, hat dies erhebliche Einflüsse auf die
Motivation oder auf das Desinteresse an künftigen Entdeckungs-
und Lernprozessen. Oft werden diese Kinder sehr unruhig und
können sich nicht angemessen konzentrieren. Manchmal werden sie
gegen sich oder andere Menschen aggressiv. Dies sind alarmierende
Zeichen früher Bindungsstörungen.
Wichtige Entwicklungsprozesse im kindlichen Gehirn finden nicht
oder nur eingeschränkt statt. Für das Lernverhalten der Kinder
bedeutet dies ein Rückgang an Motivation, Verstehen, Behalten,
Erinnern, Erkennen von Zusammenhängen und eine eingeschränkte
Fähigkeit beim Erkennen und Lösen von Konflikten. Bei ihrer
Suche nach emotionaler Sicherheit kreisen sie immer mehr um sich
selbst, bis sie keinen Ausweg mehr sehen und ihr Suchverhalten
stark nachlässt oder auch versiegt.
Ohne sichere Bindungen können sich Kinder nicht zu
eigenständigen, sozial kompetenten und verantwortlichen
Persönlichkeiten entwickeln. Nicht nur die Säuglingsforschung
gibt uns wichtige Hinweise, auch die Ergebnisse der
Bindungsforschung zeigen, dass ein Kind von seiner Geburt an, die
Bedeutung der Gesten und Handlungsweisen von erwachsenen Personen
emotional erfasst. Es nimmt die Vorgänge immer in einem
emotionalen Bedeutungszusammenhang war. Dabei spielen Erfahrungen
von Geborgenheit und Schutzlosigkeit eine wichtige Rolle. Es
nimmt wahr und bildet in der Resonanz zur Mutter elementare
Strukturen seines Selbst- und Weltgefühles aus. Die Art, wie es
gehalten und geschützt wird oder wie es vernachlässigt oder
fallengelassen wird, macht sein subjektives Grunderleben aus. Nur
wenn Kinder diese beiden Grunderfahrungen von emotionaler
Geborgenheit und eigener Kompetenz machen konnten, sind sie
später in der Lage, eine eigene Vorstellung von sich selbst zu
entwickeln.
Entscheidend bei der Identitätsentwicklung eines Menschen ist
auch seine Fähigkeit zum symbolischen Verstehen.
Unser Gehirn enthält nicht Erinnerungen an einzelne Objekte.
Zunächst geht es um unsere Beziehungen zu diesen Objekten. Es
ist die Bedeutsamkeit, es sind die Szenen, die Erzählungen, die
persönlichen Erlebnisse, die als erste Repräsentanten so etwa
wie eine Grund-Matrix ausbilden, auf der sich später abstrakte
Gedanken und Erinnerungen abbilden. Kinder brauchen also
vielfältige Reize, die es ihnen zunächst ermöglichen, ihre
Erfahrungen in inneren Bildern, Geschichten und Erzählungen
anzulegen, zu speichern.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Vergangenheit,
sondern auch der Blick in die Zukunft. In Rollenspielen können
Kinder zum Beispiel erlebte Konflikte darstellen, nacherleben und
darüber sprechen. So können sie ihre Handlungen und die der
beteiligten Personen verstehen. Auf dieser Grundlage sind
Entwürfe in die Zukunft möglich. Damit ist der innere
Verarbeitungsprozess der Selbst- und Welterkundung angedeutet.
Allerdings tut sich hier ein großer Mangel in der Erziehung
heutiger Kinder auf. Viele Kinder haben nicht mehr diesen
Selbstentwicklungsraum, in dem eine erwachsene Person Zeit und
Muße hat, ihnen Märchen oder Geschichten vorliest, mit den
Kindern das Verlorensein und das Gerettet - werden miterlebt und
mit ihnen darüber spricht. Sie sind den auf sie
hereinstürmenden Vorstellungen hilflos ausgesetzt.
Über das Sprechen werden die gemachten Erfahrungen auf einer
symbolischen Ebene gespeichert. Die Erfahrungen werden sozusagen
in und mit der Sprache geordnet. So können sie mit früheren
Erfahrungen verglichen werden, stehen auch für künftige
Erfahrungen zur Verfügung.
Innere Verarbeitung von Erfahrungen ist mehr als eine Aneignung
von isolierten Wahrnehmungen, ist mehr als das Speichern von
Einzelheiten. Es ist das Erleben und das Sprechen mit den
beteiligten Personen, das z.B. beim Fernsehkonsum entfällt. In
der emotional gestützten Kommunikation werden die Strukturen
für späteres Lernen gelegt. Hier bilden sich aktive innere
Schutzfilter, die ein Kind dringend benötigt, um die vielen auf
es hereinstürzenden Eindrücke angemessen bearbeiten zu können.
Wenn heute bei vielen Kinder Defizite in ihrem sozialen und
kognitiven Vermögen festgestellt werden, dann hat dies primär
damit zu tun, dass der Aufbau neuronaler Verschaltungen im
kindlichen Gehirn nicht altersentsprechend verlaufen ist.
(Braun 2001; Ciompi 1997, Hüther 2001 )
III. Die herausragende Bedeutung früher Bindungen
Das Bindungssystem, das sich im ersten Lebensjahr entwickelt
in der Regel zwischen Mutter und Kind - bleibt das ganze
Leben über aktiv. Der menschliche Säugling hat die angeborene
Neigung, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Das
räumliche Ziel seiner Suche ist Nähe, das emotionale Ziel ist
Sicherheit.
Reagiert eine Mutter angemessen feinfühlig auf die
Bedürfnisse ihres Kindes, so wird es wahrscheinlich mit einem
Jahr "sicher gebunden" sein. Das bedeutet, dass ein
Säugling diese spezifische Person bei Bedrohung und Gefahr als
sichereren Hort mit der Erwartung von Schutz und Geborgenheit
aufsuchen wird. Reagiert die Mutter eher zurückweisend auf sein
Bindungsbedürfnis, so entwickelt sich daraus eher ein
"unsicher-vermeidender" Bindungsstil. Der Säugling
verinnerlicht, dass seine Wünsche nach Nähe und Geborgenheit
von der Mutter nicht mit Zuwendung sondern mit Ablehnung und
Zurückweisung beantwortet wird.
Sind die mütterlichen Antworten auf das Bedürfnis ihres Kindes
eher inkonsistent und wenig vorhersagbar, dann entwickelt ein
Kind voraussichtlich eine "unsicher ambivalente"
Bindung. Diese Kinder weinen lautstark in der Trennungssituation
und klammern sich an der Mutter fest. Über lange Zeit sind sie
nicht zu beruhigen und können nicht mehr zum Spiel in einer
emotional ausgeglichenen Verfassung zurückkehren. Einerseits
klammern sie andererseits zeigen sie auch aggressives Verhalten.
Entscheidend für die Art der mit einem Jahr erreichten Bindung
ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Bindung
(Dornes 2000). Diese Qualität der Bindung misst man in der
sogenannten "Fremden Situation."
In einem altersgemäß eingerichteten Spielzimmer hält sich die
Mutter zunächst eine Weile mit ihrem ein- bis
eineinhalbjährigen Kind auf. Es ist noch eine fremde erwachsene
Person anwesend. Dann verlässt die Mutter für wenige Minuten
das Zimmer. An der Art, wie das kleine Kind beim Verlassenwerden
und bei der Rückkehr der Mutter reagiert, misst man die
Qualität der Bindung.
Zu diesen drei Grundmustern wurde später ein weiteres
hinzugefügt, das als "desorganisiertes" oder
"desorientiertes Muster" bezeichnet wird. Diese Kinder
zeigen in sich sehr widersprüchliche Verhaltensweisen. Wenn ein
Kind die Erfahrung macht, dass es von seiner Mutter in einer
Bedrohungssituation manchmal getröstet, dann aber wieder
geschlagen wurde, dann können diese beiden Bindungsmuster auch
in späteren Situationen wieder aktiviert werden. Zu diesem
Muster kommt es auch, wenn ein Kind von der Mutter verlassen
wurde.
Die Bindungsqualität haben Bindungsforscher nicht nur in der
fremden Situation gemessen, sie sind auch in das häusliche
Milieu eingetaucht und haben dort ihre Beobachtungen ebenso
gemacht wie in Kindergärten. Neben den Beobachtungen gab es
unterschiedliche Befragungs- und Einschätzungsmethoden. Die
Verteilung der einzelnen Muster sieht nach Brisch so aus: 50 bis
60 % sind sicher gebunden, 30 bis 40 % unsicher vermeidend und 10
bis 20 % unsicher ambivalent.
In den vergangen Jahren stand ich oft hinsichtlich des Verstehens
von auffälligen Verhaltensweisen vor großen Rätseln. Die
Bindungsforschung liefert Verstehensmöglichkeiten. Ein Beispiel
aus der Schule soll dies deutlich machen.
Beispiel: Im Verlauf eines dritten Schuljahres kommt Alexandra
neu zu uns in die Schule. Zunächst versucht sie eine Freundin zu
finden. Aber alle Versuche scheitern. Bis uns eine zufällige
Beobachtung weiterbringt: Ich höre, wie sie drei
Mitschülerinnen fragt, ob diese mit ihr bei Regen unter ihrem
Regenschirm über den Pausenhof rennen würden. Die Mädchen
stimmen zu. Es ist ein schönes Bild. Die Situation strahlt
Harmonie und Freude aus. Im nächsten Augenblick faltet Alexandra
den Regenschirm zusammen und schlägt damit auf ihre Mitschüler
ein. Die scheinbar harmonische Situation kippt um. Die Kinder
rennen auseinander, holen sich Stöcke aus dem Gebüsch und
setzen sich zur Wehr. In diesem Augenblick kommt die
Klassenlehrerin . Sie sieht, wie die mit Stöcken bewaffneten
Schülerinnen auf Alexandra losgehen und stoppt sie durch einen
lauten Zuruf. Dann erfolgt eine Belehrung ohne Klärung der
Situation. Erst in den nachfolgenden Reflexionen unserer
Interpretationsarbeit wird deutlich, dass Alexandra von ihrer
Mutter abgelehnt wird. Sie ist ein unerwünschtes Kind. Kurz nach
der Geburt hat der Vater die Familie verlassen. Die Augen ihrer
Tochter erinnere sie an die Augen ihres verhassten Mannes, sagt
die Mutter. Sie fühle sich schuldig, wisse aber nicht, was sie
tun solle. Sie kümmere sich um ihre Tochter, weise sie aber dann
auch wieder deutlich zurück. Eine Interpretationsmöglichkeit
lautet, dass im Hintergrund ein unsicher-ambivalentes
Bindungsmuster wirkt. (Ausführlich dargestellt in Gebauer:
Stress bei Lehrern, "Ich hasse das Leben Stationen
einer langsamen Veränderung", S. 127 ff.)
Nicht bearbeitete Störungen in der frühen Kindheit haben
erhebliche Folgewirkungen.
In einem Projekt (Dornes 2000) wurden 1265 Kinder von der Geburt
bis zu ihrem 15. Lebensjahr in jährlichen Abständen untersucht.
Es stellte sich heraus, dass 3 % im Alter von 15 Jahren mehrere
gravierende Probleme hatten: Cannabisgebrauch, chronisches
Nichtbefolgen elterlicher Anweisungen, Schuleschwänzen,
Von-zu-Hause-Weglaufen, Zündeln, Promiskuität, häufige
aggressive Auseinandersetzungen, Polizeikontakt. Ein Ergebnis
war, dass sich die 3% der besonders schwierigen Jugendlichen
schon zum Zeitpunkt der Geburt erheblich vom Rest unterschieden.
Sie kamen aus einem häuslichen Milieu, in dem gehäuft folgende
Faktoren auftraten: Armut, geringe elterliche Ausbildung,
jugendliches Alter der Eltern, keine religiöse Orientierung,
alleinerziehende Mütter, mehr Kriminalität, Alkohol- und
Drogenprobleme, geringe Inanspruchnahme pränataler
Vorsorgeuntersuchungen, ungeplante oder außereheliche Geburt.
Im Alter von 15 Jahren wurden in der o.g. Untersuchung die
Teenager in drei Gruppen eingeteilt: 1. Jugendliche, die keine
Probleme hatten. 2. Jugendliche mit einigen Problemen und 3.
Jugendliche mit Mehrfachproblemen. Zu diesem Zeitpunkt wurde
festgestellt:
22% der Kinder aus benachteiligten Familien waren
Multiproblemkinder, weitere 65 % hatten mindestens ein Problem,
nur 13 % waren problemfrei. 44 % hatten zwei oder mehr Probleme.
Verglichen damit stehen Kinder aus günstigen familiären
Verhältnissen ganz anders da: 81 % waren problemfrei und nur 18
% hatten ein Problem. "Das sind beeindruckende und
bedrückende Unterschiede." (Dornes 2000). Diese
Untersuchungen bestätigen nicht nur Ergebnisse der Pisa-Studie
in einem wichtigen Teilbereich, sie geben auch sehr differenziert
Auskunft über die Zusammenhänge mit der Bindungsproblematik, in
der ein Kind aufgewachsen ist.
Wenn ein Bildungssystem den Anspruch auf gleiche Bildungschancen
für alle Kinder hat, dann müsste in der familiären Erziehung
Schwerpunkte gesetzt werden.
Neben einer ausreichenden materiellen Sicherheit der Familien
erweisen sich insbesondere ein gutes Familienklima und
regelmäßige gemeinsame familiäre Aktivitäten als bedeutsam
für das Wohlergehen und für die Zukunftschancen eines Kindes.
Die ungünstigste Konstellation liegt dann vor, wenn materielle
Defizite mit geringer Zuwendung einhergehen.
Betrachten wir ein Ergebnis der Shell-Jugendstudie, die im Juni
2000 vorgelegt worden ist. Danach beurteilt die Hälfte aller
Jugendlichen ihre persönliche Zukunft 'eher zuversichtlich'. Gut
vorbereitet fühlen sich diejenigen, die über gute
Voraussetzungen (Bildung, Unterstützung durch die Eltern, klare
Lebensplanung und Persönlichkeitsressourcen wie Selbstvertrauen)
verfügen. Die Familie wird als Ressource, als emotionaler
Rückhalt, als Ort von Verlässlichkeit...verstanden. Elterliches
Zutrauen begünstigt jene Persönlichkeitsressourcen, die gute
Voraussetzungen für eine gelingende Lebensbewältigung
bieten."
Bei unseren jährlichen Erhebungen schätzen wir auch die
Fürsorge der Eltern unserer Schülerinnen und Schüler ein.
Unsere Ergebnisse aus dem Jahr 2002: 60 % unserer Eltern kümmern
sich um die Bildungsbelange ihrer Kinder. Bei 20 % können wir
keine Aussage machen, weil die Eltern nicht Erscheinung treten.
20 % ( in anderen Untersuchungen sind es 25 bis 27%) der Eltern
brauchen dringend Beratung und Hilfe, nehmen diese aber nicht
oder erst nach mehreren Jahren an. In dieser Gruppe gibt es
Eltern , die ihren Kindern und damit auch uns erhebliche Probleme
bereiten. Es sind 3%.
Mindestens diese Eltern und ihre Kinder benötigen bereits in
einer sehr frühen Phase eine sozial- und heilpädagogische Hilfe
durch das zuständige Jugendamt. Etwa 20 bis 27 % der Eltern
benötigen Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder. Dies könnte
durch den Besuch von Elternschulen, Elterngesprächsgruppen,
Beratungsstellen oder durch eine Therapie geschehen. Aber nur
wenige Eltern suchen diese Hilfen. Zu diesem Verhalten gibt es
unterschiedlich Untersuchungsergebnisse. Sie liegen zwischen 3
und 10 %.
Man kann davon auszugehen, dass aufgrund einer erzieherischen
Vernachlässigung in vielen Familien das Gehirn dieser Kinder
nicht genügt angeregt und herausgefordert wird. Die Folgen:
Inhalte werden nicht oder nur unzureichend aufgenommen, sie
werden nicht oder nicht richtig gespeichert, nicht angemessen
erinnert und stehen somit auch nicht für die Bearbeitung
künftiger Aufgaben zur Verfügung. Emotionale Sicherheit ist ein
wichtiger Faktor bei der Entwicklung der kindlichen
Persönlichkeit.
IV. Pädagogische Konzeption / Emotionale Kompetenz
Wie kann ein Kollegium konstruktiv mit dieser Situation umgehen?
Voraussetzung für das Gelingen ist neben der Kompetenz in
inhaltlichen und methodischen Fragen eine grundlegende emotionale
Kompetenz. Sie zeichnet sich durch die Aspekte Bedeutsamkeit,
Verstehbarkeit und Handlungsfähigkeit aus.
Bedeutsamkeit meint, dass alle Verhaltensweisen eines Menschen -
auch dann, wenn uns diese nicht passen - in seiner
"Selbstkonstruktion" eine Bedeutung haben.
Voraussetzung für das Erkennen dieser Zusammenhänge ist ein
Wissen, das sich Lehrer und Lehrerinnen zusätzlich zu ihrem
bisherigen Studium aneignen müssen. Fundgruben zur
Wissenserweiterung liegen vor allem in den Nachbarwissenschaften
der Psychologie, Psychoanalyse, Psychotherapie, Säuglings- ,
Bindungs- und Hirnforschung.
Verstehbarkeit meint, dass sich Lehrer und Lehrerinnen in der
Interpretation bestimmter Schülerverhaltensweisen üben müssen.
Sie sollten auch lernen, die emotionale Dynamik, die in einer
Klasse herrscht, zu verstehen. Eine wichtige Grundlage für die
konstruktive Bearbeitung von belastenden Situationen ist eine
hinreichende Interpretationskompetenz. Das Bemühen von
Lehrerinnen und Lehrern bei der Lösung von Konflikten ist oft
deswegen so erfolglos, weil eine falsche oder unzureichende
Interpretation des Gesamtgeschehens vorliegt und weil sie sich
viele nicht klar darüber sind, dass auch ihre erworbenen
Bindungsmuster noch wirksam sind und das Gesamtgeschehen
beeinflussen.
Handlungsfähigkeit: Bei Fortbildungsveranstaltungen sagen immer
wieder Kolleginnen und Kollegen, dass sie sich angesichts
permanenter Störungen durch Schüler und durch sich
wiederholende Inszenierungen oder Gewaltsituationen hilflos und
ohnmächtig fühlen. Damit ist die emotionale Komponente im
Bildungsprozess angesprochen. Über 9O % der Befragten geben an,
dass sie mit den Verhaltensweisen vieler Kinder nicht mehr
zurecht kommen. Hier sehen sie in ihrem beruflichen Bereich den
Stressfaktor Nummer 1. Diese Einschätzung wird auch durch
unterschiedliche wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Eine
Chance für diese große Zahl von Lehrern und Lehrerinnen zu
einer angemesseneren Handlungsfähigkeit zu kommen liegt nicht
primär in einer verbesserten Diagnostik, einer ausgereifteren
Unterrichtsmethodik oder einer außengesteuerten Evaluation. Sie
liegt primär in der Bearbeitung der eigenen emotionalen Anteile
am Misslingen von Unterricht. Dies ist erfolgversprechend über
eine gruppendynamische Arbeit möglich. Dabei können
unterschiedliche Verfahren genutzt werden.
Vor diesem Hintergrund haben wir ein Schulkonzept entwickelt, das
neben der fachorientierten Lernspur immer auch die Beziehungs-
und die Selbst-Entwicklungs-Spur eines Kindes beachtet
(Dreispurpädagogik).
So haben Klärungsdialoge im Anschluss an Konflikte einen
gleichrangigen Platz neben anderen Unterrichtsereignissen. Sie
finden parallel dazu statt.
Dieses Verfahren setzt eine flexible Unterrichtsorganisation
voraus, bei der Schüler und Schülerinnen mit selbständigen
Arbeitsformen vertraut sind.
Beispiel:
In einem ersten Schuljahr herrscht eine heitere Atmosphäre.
Einige Mädchen malen bunte Girlanden an die Tafel. Die sich
ausbreitende Freude hält Tobias nicht aus. Er fährt mit dem
Schwamm dazwischen. Als Jessica ihn daran hindern will, schlägt
er ihr mit der Hand vor die Brust. Sie taumelt. Ich erwarte von
Tobias eine Entschuldigung. Er ist dazu bereit. 10 Minuten
später kommt David während einer sehr ruhigen Mathematikstunde
zu mir und beschwert sich. Tobias habe ihm eine Ohrfeige gegeben.
Auch hier mache ich den untauglichen Versucht, die Situation
schnell und damit oberflächlich zu klären. Auch in diesem Fall
entschuldigt sich Tobias. Fünf Minuten später ein Aufschrei.
Alle Kinder blicken von ihrer Arbeit auf. Tobias hat erneut David
eine Ohrfeige gegeben aus heiterem Himmel. Während David
seine Backe hält, deutet Tobias mit verzweifelten Armbewegungen
an, er habe dies gar nicht gewollt. Es sei ihm so passiert. Dann
hält er sich die Ohren zu.
Erwartungsvolle Stille im Klassenzimmer. Ich fordere Tobias auf,
nach der Stunde zu mir in mein Büro zu kommen. Schon während
ich dies tue wird mir bewusst, dass ich mich abseits meines
pädagogisch-psychologischen Wissens bewege. Zu spät. Aber dann
gelingt mir eine innere Bearbeitung der Situation. Ich bitte
Tobias zu mir und sage. "Ich möchte das doch mit dir hier
klären. Sag mir bitte, was du in der Situation gefühlt
hast." "Weiß nicht", so lautet seine Antwort.
"War es eher ein gutes oder ein schlechtes Gefühl?"
frage ich. Es sei eher schlecht gewesen, antwortet er. Ich male
ihm einen Messbecher für sein schlechtes Gefühl. Er füllt ihn
zu 80 %. "Als ich dann zu dir gesagt habe, du sollst zu mir
in mein Büro kommen, was hast du da gefühlt?" Noch
schlechter sei es ihm da gegangen, sagt er. Ich bitte ihn dieses
Gefühl in einen zweiten Becher zu malen. Er füllt ihn zu 100 %.
Dabei sagt er: "Ruf bitte nicht meine Mutter an, die
schlägt mich und mein Vater ist nicht da. Der kommt nicht
wieder. "Guck mal zu David", fordere ich ihn auf.
"Wie mag es ihm gehen?" "Auch schlecht", sagt
er. "Und jetzt ist noch einmal eine Entschuldigung
dran!" sage ich. Tobias geht zu David, entschuldigt sich.
David nimmt die Entschuldigung an. "Tobias", sag ich,
" hier ist noch ein Messbecher für dich. Male hinein, wie
es jetzt mit dem schlechten Gefühl ist." Tobias füllt den
Becher zu 5 %.
Interpretation:
Gerade diese Klärungsdialoge führen über den Aufbau einer
tragenden Beziehung zu einer emotionalen Sicherheit. Wenn bei der
Konfliktklärung auch die emotionalen Anteile Beachtung finden,
dann haben die betroffenen Kinder nach erfolgreicher Klärung ein
Gefühl von Erleichterung. Die Hilfe, die sie erfahren haben,
führt zu Dankbarkeit gegenüber der helfenden Person.
Dankbarkeit ist die Grundlage für Vertrauen. Dieses ist wiederum
elementarer Bestandteil einer emotional tragenden Beziehung. Für
das Erlernen dieser Fähigkeiten ist nicht die Kompetenz einer
"Steuerungsgruppe", sondern die eines Teams gefragt,
das mit Emotionen umzugehen weiß.
Weitere Aspekte unserer Konzeption neben dieser im Zentrum
stehenden konstruktiven Konfliktbearbeitung sind:
Körpererfahrung
Das Aufsuchen außerschulischer Lernorte
Arbeit in Jungengruppen mit einem Mann, in Mädchengruppen mit
einer Frau
Szenisches Verstehen oder: Der Lehrer als Regisseur, die Lehrerin
als Regisseurin und
Der Aufbau eines Methodennetzes
Die Veränderungsprozesse, die wir bei unseren Schülerinnen und
Schülern wahrnahmen, bleiben nicht ohne Wirkung auf uns. Oft
wurden wir von den Ereignissen überrascht und hatten das
Gefühl, ungeschützt in einem emotionalen Regen zu stehen. In
der Folgezeit entwickelten wir ein Netz von Methoden, die uns
nicht nur halfen, die Verhaltensweisen unserer Schüler und
Schülerinnen besser zu verstehen, sondern auch unsere Emotionen,
die die Schüler durch ihr Verhalten in uns auslösten.
So erlangten wir eine größere emotionale Kompetenz. Hier
müsste eine deutliche Zielsetzung schulreformerischer Arbeit
liegen (Gebauer 2000).
.
Beispiel: "Ich liebe Schläge."
Ich war als Fachlehrer neu in die dritte Klasse gekommen. Noch
kannte ich die einzelnen Kinder nicht mit Namen, da wurde ich
schon mit den ersten Konflikten konfrontiert. Es hatte während
der Pause eine heftige Auseinandersetzung zwischen einigen Jungen
gegeben. Innerhalb des Klärungsgespräches machte ein Junge mit
Formulierungen auf sich aufmerksam. Ich nenne ihn Robert.
"Ich kriege häufig Wutanfälle", sagte er, "dann
schlage ich zu. Ich liebe Schläge."
Die beteiligten Jungen sagen noch: "Das hat er schon im
ersten Schuljahr gemacht." Das wollte Robert nicht mehr
hören. Er hielt sich die Ohren zu.
Am nächsten Tag gingen die Auseinandersetzungen weiter.
Er stieß einen Mitschüler von den Stelzen.
Seine Klassenlehrerin erzählte mir, Roberts Eltern hätten sich
getrennt. Es habe große Familiäre Konflikte gegeben. Robert
setze überwiegend Gewalt ein, um seine Wünsche und
Vorstellungen durchzusetzen.
Zu meinem großen Erstaunen kommt Robert am nächsten Tag zu mir,
legte mir Mathematikaufgaben vor, die weit über dem Stoff dieser
Klasse liegen. Er bittet mich, diese Aufgaben zu kontrollieren.
Robert sucht also meine Anerkennung und Bestätigung auf der
Sachebene.
Weitere Beobachtungen ergeben, dass Robert aus der
Klassengemeinschaft ausgeschlossen ist. Als ich dies thematisiere
sucht er zunächst die Situation zu überspielen. Er habe die
anderen überhaupt nicht nötig, sagt er lauthals. Er habe seine
eigenen Freunde, brauche niemanden aus der Klasse. Dann weint er.
Seine reale und emotionale Situation ist nun sichtbar und
erlebbar.
Robert berichtet, dass er besonders gern Roboter-Bilder male.
Seine Roboter Zeichnungen werden Anknüpfungspunkte für unsere
Kommunikation. Hier öffnete er ein Fenster. Ich bekomme Einblick
in seine Erlebens- und Handlungsmuster.
Er erzählt:
" Dieser hier wird durch Sonnenenergie gespeist und stellt
Raketen her. Es ist ein Schutzroboter."
"Dieser sammelt Sonnenenergie und macht um Menschen eine
Rüstung. Und somit wird er ein Polizist. Er achtet auf die, die
was falsch machen."
"Hier oben im Roboter ist der Boss. Der eine zeichnet auf,
was der Boss denkt. Links ist ein Kampfgefährt. Rechts hat der
Roboter vier Hände. Oben ist eine Atombombe. Wenn einer den
Roboter klauen will, fällt die Bombe. Die Energie geht in den
Kopf. Der kann alle abschießen. Batsch! Tot! Der eine saugt
Gehirn ab. Sein Herz ist eine Bombe, mit der er die ganze Welt
sprengen kann. Aber im Grunde ist er ein Mensch, hat Gefühle wie
ein Mensch, ist halb Mensch und halb Roboter. Er hat Liebe,
Wissen und kann sich erinnern. Er hat Liebe!"
Ich: "Du hast gesagt, dass Roboter auch Gefühle haben
können."
Robert: "Ja, Halbroboter, die haben Gefühle wie Liebe, die
können sich auch erinnern."
Ich: "Ein Roboter auf deinem Bild hat eine Atombombe in
seinem Herzen. Das finde ich....
Robert: "....brutal, das ist sehr brutal, aber noch brutaler
wäre es, wenn er die Macht hätte, einem andern Menschen die
Gefühle zu rauben. Das wäre sehr brutal."
Etwa zwei Monate später legt mir Robert wieder eine seiner
Roboter Zeichnungen vor. Am Bug ist eine Figur zu sehen, die eine
Zeitbombe in das Meer wirft. Sie zielt auf ein Monster. Dieses
Monster wird auch von zwei Unterwasserfahrzeugen mit Giftbomben
angegriffen. Die Figur auf dem Schiff bezeichnet er als Roboter
mit menschlichen Zügen. Ich: "Ich bin gespannt, wann du
einen Menschen malst ."Robert: "Sofort." Zu sehen
ist ein kampfbereiter Roboter. In der einen Hand hält er eine
Zeitbombe, in der anderen einen Laser-Strahl. Im Bauch des
Roboters ist eine Figur mit Augen, Mund, Händen und Beinen zu
erkennen. "Das Männchen ist der Roboter, der Roboter ist
das Männchen", sagt Robert. Es gibt eine unlösbare
Verbindung. Die Figur braucht die schützende Umhüllung und
steuert diese gleichzeitig.
Aus der ersten Phase seiner Roboterzeichnungen stammt ein
Roboter, der total zu ist. Dort ist auch keine Figur zu erkennen.
Dieser Roboter ist eine reine Kampfmaschine. Der neue Robotertyp
hat eine integrierte Figur. Hier ist ein Fortschritt zu erkennen.
Innerhalb der Verpanzerung erscheint eine Figur, die den Roboter
steuert, aber noch nicht aus ihm heraustreten kann.
Ich: "Ich bin gespannt, wann das Männchen heraustreten
kann."
Robert: "Das kann er. Hier ist eine Stelle, da kann er
heraus. (Er zeigt auf eine Stelle.)
Ich: "Kann er wirklich?"
Robert: "Ja, er hat noch in dieser Hand eine Waffe und auch
in dieser."
Ich: "Also, er kann noch nicht ohne Waffe sein."
Ich bin gespannt, wann die Männchen, die deine Roboter steuern,
aus ihnen hervortreten.
Robert: "Jederzeit."
Einige Zeit später bitte ich ihn, ein Bild von seiner Familie zu
malen.
Familienbild: "Das ist meine Mutter, mein Bruder, mein
hässlicher Vater, meine Oma. Und das bin ich. Ich habe mich
deshalb so klein gemalt, weil ich nicht mehr hin passte."
Robert hat inzwischen unsere Schule verlassen. Er lernte es,
immer besser mit seinen Konflikten umzugehen. In der Folge wurde
er auch von seinen Mitschülern akzeptiert. Neben den
Konfliktgesprächen war es vor allem das Fußballspiel, das eine
Integration ermöglichte. Natürlich gab es immer wieder
Einbrüche, z.B. gab es Phasen, in denen er seine Hausaufgaben
nicht mehr machte. Vater und Mutter sahen keine Möglichkeit,
sich um eine Therapie für ihren Sohn zu kümmern. Wir hoffen,
dass es uns in diesem konkreten Fall gelungen ist, eine emotional
tragende Beziehung zu dem Jungen aufzubauen - auch mit seiner
Hilfe, und dass wir durch unsere Arbeit eine Grundlage gelegt
haben, die auch in den weiterführenden Schulen trägt.
V. Wie könnten Lösungen aussehen?
1. Umgehend müsste auf allen Ebenen beachtet werden, dass
Erziehung und Bildung im frühesten Kindesalter beginnen.
Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen müssten Vorrang
vor andern bildungspolitischen Maßnahmen haben.
2. Die Arbeit der Erzieherinnen in Kindergärten müsste
größere Anerkennung im öffentlichen Bewusstsein finden.
3. Gleichzeitig müsste die Aus- und Fortbildung für alle
Personen, die mit kleinen Kindern arbeiten, entscheidend
verbessert werden.
4. Für eine gelingende Erziehung ist es wichtig, dass vor allem
in den Familien, Kindergärten und Grundschulen die
Voraussetzungen für eine umfassende motorische, emotionale,
soziale und kognitive Förderung geschaffen werden.
5. Für eine Elternschule bietet es sich an, in Anlehnung an die
guten Erfahrungen mit geburtsvorbereitenden Gruppen, Angebote
für junge Eltern zu machen, in denen die Bedeutung der Erziehung
in der frühen Kindheit vermittelt wird. Hier ist der Deutsche
Kinderschutzbund mit seinem Programm "Starke Eltern
starke Kinder" besonders zu erwähnen. Mit
Trainingsprogrammen herkömmlicher Art hat diese Aufgabe nichts
zu tun.
6. Eine große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang den
Familienbildungsstätten zu. Erfahrungsgemäß treffen sich hier
vor allem junge Mütter mit ihren Kindern, um Erfahrungen
auszutauschen und Anregungen zu erhalten.
7. In allen Schulformen wäre darauf zu achten, dass Lehrkräfte
ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur inhaltliche
Anregungen geben, sondern ihnen auch eine emotional tragende
Beziehung anbieten. Damit sind in der Gegenwart viele Lehrerinnen
und Lehrer überfordert. Eine Schulreform, die etwas auf sich
hält, müsste hier ansetzen. Denn das Leid der Kinder spiegelt
sich auch in der Hilflosigkeit und Überforderung ihrer
Lehrerinnen und Lehrer.
VI. Rückblick und Ausblick:
Die von Georg Picht 1964 so benannte "deutsche
Bildungskatastrophe" führte zu einer Fülle von
Aktivitäten im bildungspolitischen Bereich, die im
"Strukturplan für das deutsche Bildungswesen" als
Perspektiven formuliert wurden. Sie waren für eine ganzen
Generation von Lehrerinnen und Lehrern eine große Motivation.
Inhaltlich ging es um:
einen Ausgleich milieubedingter Nachteile (Chancengleichheit)
die Individualisierung des Lernens durch stärkere
Differenzierung
überhaupt um neue Formen des Lernens
eine optimale Entfaltung individueller Potenziale durch eine
vorschulische Erziehung.
In Niedersachsen wurden 1969 die ersten Vorklassen eingerichtet,
die einige Jahre später zu Eingangsstufen des Primarbereichs
Vorklasse und 1. Schuljahr als Einheit
weiterentwickelt wurden. Davon gab es 20. Die Leinebergschule
gehörte dazu. Wir entwickelten aus dieser Form eine veränderte
Grundschule, die 1982 zu einem Antrag zur Einrichtung einer
"Vollen Halbtagsschule" führte. In unserer Arbeit
hatten wir konsequent die Empfehlungen des deutschen
Bildungsrates umgesetzt und waren damit sehr erfolgreich. Es
musste über Jahre hinaus keine Kind mehr ausgesondert werden.
Wir nahmen auch behinderte Kinder auf. Unser Konzept einer Vollen
Halbtagsschule wurde, weil es zu kostenintensiv sei, abgelehnt.
Die Leinebergschule entwickelte sich zurück zur
Regelgrundschule. Die Eingangsstufen, die eine Fortentwicklung
darstellten, wurden abgeschafft. Vorklassen blieben und bleiben
noch bis zum Ende dieses Schuljahres erhalten. Darüber hinaus
gab es Ansätze zu einer Kooperation mit den Kindergärten,
niedergelegt in "Empfehlungen zur pädagogischen Arbeit im
Kindergarten".
Da wir in den Rahmenbedingungen stark eingeschränkt wurden,
versuchten wir eine Innere Schulreform. Ihr Kern ist die seit vielen Jahren stattfindende Pädagogische Gesprächsrunde. In
meinen Publikationen habe ich unsere Arbeitsweise dargestellt.
Ich berichte vor dem Hintergrund der Erfahrungen eines kleinen
Lehrerinnenkollegiums. Die Anfänge liegen in einer bewegten
bildungspolitischen Zeit. Kontinuierlich haben wir im Inneren
alles versucht, was vor dem Hintergrund einer bildungsabgewandten
Politik möglich war. Oben habe ich von unseren jährlichen
Vergewisserungsprozessen berichtet. Insofern stellten für uns
weder die Ergebnisse von TIMMS noch die von PISA eine irgendwie
geartete Überraschung dar. Verwundert sind wir allerdings über
die aufkommende Hektik in den politischen Parteien. Wir reiben
uns natürlich auch die Augen angesichts der schulpolitischen
Entscheidungen, die die SPD in Niedersachsen getroffen hat. Es
sind unterschiedliche Interpretation der Ergebnisse der Studie
möglich. Der niedersächsische Weg erscheint mindestens sehr
eigenwillig.
Ergebnisse der Bindungsforschung besagen, dass in der frühen
Kindheit gelegte sichere Bindungen vorausgesetzt, es
treten keine Schicksalsschläge ein sich mindestens bis zu
einem Alter von 15 Jahren halten. Einige Untersuchungen sprechen
sogar von noch längeren Zeiträumen. Hoffnungsvoll stimmt die
Erkenntnis, dass Unsicherheit in Sicherheit umgewandelt werden
kann. Dabei spielen die Erfahrungsangebote im Kindergarten und
der Grundschule eine entscheidende Rolle. Wichtiges Kriterium
dabei ist, ob es den Erzieherinnen und Lehrern gelingt, eine
emotional tragende Beziehung zu den Kindern aufzubauen, und ob
sie den Kindern untereinander neue Beziehungserfahrungen
ermöglichen. So können unsichere Bindungsmuster in sichere
umgewandelt werden. Damit werden die wichtigsten Grundlagen für
schulisches Lernen gelegt. Dazu braucht es Kontinuität über
mehrere Jahre. Hier liegt der wesentliche Grund dafür, dass ein
möglichst langer gemeinsamer Schulbesuch für Kinder eine so
große Bedeutung hat. Eine Schulpolitik, die frühzeitige
Selektion auf ihre Fahnen geschrieben hat, zeigt wenig oder kein
Gespür für diese Zusammenhänge.
Im Vordergrund der Diskussion über eine Schulreform stehen
gegenwärtig die Verbesserung der Diagnostik, der
Unterrichtsmethodik und er externen Evaluation. Es besteht die
Gefahr, dass dabei die Bedeutung einer emotional tragenden
Beziehung zwischen Lehrkräften und ihren Schülern nicht oder
nur sehr peripher gesehen wird. Ist diese nicht gegeben, helfen
auch die vielleicht gut gemeinten Aktivitäten nichts. Da kann
man ein ganzes Land mit Steuerungsgruppen überziehen und
Methodentrainer aussenden und wird am Ende nur ratlos dastehen.
Mitten zwischen den Kindern:
Möglichst täglich gönne ich mir für einige Minuten eine
pädagogische Meditation während der Unterrichtszeit. Ich
schaffe mir einen Freiraum, der es mir ermöglicht, mitten im
Unterrichtsgeschehen innezuhalten, gefühlsmäßig die Situation
wahrzunehmen, in der ich mich zusammen mit meinen Schülern und
Schülerinnen befinde. Ich sehe die familiären Lebensumstände
der Kinder, sehe und erlebe, wie sie sich anstrengen, teilweise
abmühen, sehe ihr Scheitern und ihre neuen Versuche, etwas zu
verstehen und auch zu behalten. Ich sehe ihre Konflikte und ihre
Möglichkeiten daran zu arbeiten. Ich sehe dies alles vor dem
Hintergrund gegenwärtiger bildungspolitischer Entscheidungen.
Und dann stellt sich das Gefühl ein, dass die hektisch
getroffenen Maßnahmen für diese Kindern kaum eine Hilfe sein
werden.
In einer gelingenden Selbstentwicklung geht es wie auch bei der
Entwicklung einer gelingende Teamarbeit immer auch um die
Beachtung von Emotionalität. Die Methode der Themenzentrierten
Interaktion (TZI) ist z.B. eine Methode, mit der innovative
Prozesse erfolgreich entwickelt werden können. Den Schlüssel
dazu hat jeder Lehrer, jede Lehrerin in der Hand. Eine wirkliche
Chance für meine Schülerinnen und Schüler, mit denen ich
täglich zusammen bin und überhaupt für die Zukunft heutiger
Schüler sehe ich nur über eine Qualifikationserweiterung, bei
der die individuelle und die gruppenbezogenen Emotionen eine
angemessene Beachtung finden. Gelingt dies nicht, verödet der
angestrebte Reformprozess in einer überwiegend technischen
Handhabung, die durch gegenwärtige politische Macht gesteuert
wird.
Literatur:
Baumert, J. u.a.: Pisa 2000, Basiskompetenzen von Schülerinnen
und Schülern im internationalen Vergleich, Leske + Budrich,
Opladen 2001
Braun, A.K.: Die Bedeutung der Umwelt für die Entwicklung des
kindlichen Gehirns, in: frühe Kindheit, Heft 4, 2001
Brisch, K.H.: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur
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Brügelmann, H. / Heymann, H.W.: Pisa 2000: Befunde, Deutungen,
Folgerungen, in: Pädagogik, Heft 3, 2002
Ciompi, L.: Die emotionalen Grundlagen des Denkens, Vandenhoeck
& Ruprecht, Göttingen 1997
Dornes, M.: Die emotionale Welt des Kindes, Fischer
Taschenbuchverlag, Frankfurt a./M. 2000
Gebauer, K. u.a.: Was ist bloß mit den Kindern los? In:
Grundschulzeitschrift, Heft 11, 1991
Gebauer, K.: "Ich hab sie ja nur leicht gewürgt." Mit
Schulkindern über Gewalt reden, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart
1996
Gebauer, K.: Turbulenzen im Klassenzimmer. Emotionales Lernen in
der Schule, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1997
Gebauer, K.: Wenn Kinder auffällig werden - Perspektiven für
ratlose Eltern, Verlag Walter, Düsseldorf 2OOO
Gebauer, K.: Stress bei Lehrern. Probleme im Schulalltag
bewältige. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2OOO
Gebauer K. / Hüther, G. (Hrsg.): Kinder brauchen Wurzeln, Verlag
Walter, Düsseldorf 2001
Hüther, G.: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997
Hüther, G.: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001
Hüther, G. / Bonney, H.: Neues vom Zappelphilipp. Walter Verlag
Düsseldorf, 2002
Ledoux, J.: Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen.
Hanser Verlag, 1998
Papousek, M.: Die Rolle des Spiels für die Selbstentwicklung des
Kindes. In: frühe Kindheit, Zeitschrift der deutschen Liga für
das Kind, Heft 4, 2001
Schulverwaltungsblatt für Niedersachsen, Heft 2/2002