Oh wie verführerisch - ist doch das ADS!

Autor: Kim 
Datum:   06.08.01

Woher kommt es nur, daß ich den Eindruck habe, hier im Netz und auch im realen Umfeld, daß es viel seltener Trauer oder Entsetzen gibt bei der Diagnose ADS als fast Freude, Genugtuung oder gar leiser Stolz. Dabei ist doch ADS nach der Auffassung derjenigen eine chronische neurologische vererbbare Erkrankung. Das müßte doch eigentlich Grund genug sein, bis aufs Mark erschüttert zu werden, denn auch die Enkel werden krank sein und die Urenkel und alle müssen eigentlich lebenslang Medikamente schlucken. Denn wie könnte irgendetwas anderes als Psychopharmaka , die ja direkt den Hirnstoffwechsel verändern, etwas an den Neurotransmittern ändern können?
Warum also kein Jammern und Klagen, sondern eher ein Art Koketterie damit?

Ist es vielleicht die Freude zum erlauchten Kreise derjenigen zu gehören, denen man posthum eben mal ein ADS angedichtet hat? Gut, mit Einstein, Goethe und Mozart etwas gemeinsam zu haben, ist schon nicht schlecht, da gehörte ich auch gern dazu.
Gibt es eigentlich auch Vermutungen darüber, ob Hitler oder Mussolini vielleicht ADS gehabt haben können? Denn dann möchte ich doch lieber keins haben.

Oder ist es so verführerisch, ADS zu haben, weil dann auf einen Schlag die sämtlichen Lebensprobleme die ich habe, einen Grund haben? Dann liegt es nicht mehr an meinen Eltern, die mich nicht richtig geliebt und verstanden haben, d.h. irgendwie doch, aber nur deswegen, weil sie ja auch ADS hatten, es nur nicht wußten damals. Schade eigentlich, dann hätte es ihnen besser gehen können (Ritalin gibt es ja schon so lange), doch wiederum hätte mir das nichts genützt, weil ich ja mein ADS nicht durch das Verhalten meiner Eltern gekriegt habe, sondern sie haben es mir vererbt, und daran hätte auch ihre Behandlung nichts geändert. Aber egal was früher war, jetzt bin ich doch erleichtert, daß ich mein Grübeln darüber, warum meine Beziehungen nicht so recht funktioniert haben, warum ich oft so nervös und schusselig bin, warum mir so viele Gedanken ungeordnet im Kopf herumschwirren, warum ich so wenig Freunde habe, warum ich leicht mal ausflippe, warum ich vor unangenehmen Dingen weglaufe und es so schwer schaffe, Ordnung zu halten, warum ich so schlecht zuhören kann, warum ich rauche und trinke, warum ich mich oft so unnütz und wertlos finde, warum keiner mit mir auskommt, meine Bulimie hat nämlich auch damit zu tun und nicht mit irgendwelchen unbewußten Dingen, wie mein Psycho mir immer einreden wollte. Und Lady Di war mit Sicherheit auch ADS-lerin! Auf jeden Fall fühle ich mich jetzt richtig gut und all das Grübeln hat nun endlich ein Ende. Gott sei Dank! Ob nicht auch Gott ein ADS-ler war, ich könnte es mir schon vorstellen, nur ein ADS-ler kann es fertigkriegen, die Welt in nur 7 Tagen zu erschaffen. Und wenn er schon das Ritalin gehabt hätte, könnte die Welt sicher sogar noch viel schöner aussehen.

Daß nun auch meine Kinder ADS haben, ist ja klar, weil eben erblich und es ist doch auch toll, nun brauche ich kein schlechtes Gewissen mehr zu haben und ich weiß, es liegt nicht an mir, nicht an meiner Erziehung, wie die blöde Nachbarin immer behauptet, nicht daran, daß sie soviel fernsehen, nicht am Gameboy, den sie zum 2.Geburtstag geschenkt bekommen haben, und der dann ein Jahr später von der Playstation abgelöst wurde, nicht an den Unmengen Spielzeug, die das Kinderzimmer verstopfen (daß diese es so chaotisch verstopfen liegt ja auch nur am ADS) und daß da keine Bücher drunter sind, (zum Lesen wären sie eh viel zu unruhig, ADS-ler lesen nicht gern) nicht daran, daß sie sich kaum draußen spielen, nicht daran, daß ich geschieden bin und seitdem schon einige Freunde hatte, nicht daran, daß ich zwar nicht geschieden bin, aber die Ehe doch nicht so richtig funktioniert. Wie soll sie auch, schließlich ist ja mein Partner selbst ADS-ler, denn bekanntlich suchen und finden die sich ja immer. Und deswegen ist ja auch klar, daß alle meine Kinder ADS haben, obwohl, wenn ich mir die Mendelschen Gesetze noch mal genauer anschaue...., aber was soll's, ich sehe ja, daß sie es haben, allerdings einige mit H andere ohne H, aber das macht sicher nichts, schließlich ist ADS ADS, ob mit oder ohne H. Und ob der Erbgang nun dominant oder nicht ist, das ist mir egal, es ist erblich, das sagt jeder, der sich mit ADS auskennt.
Gut daß es diese kompetenten Ärzte gibt, die mir und der ganzen Familie dann auch schön das Ritalin verschreiben. Vielleicht sollte ich auch meine Eltern mal dazu bringen, zu so einem Arzt zu gehen, auf jeden Fall aber meine Geschwister. Warum sehen die bloß nicht ein, daß sie krank sind. So schlimm ist es doch gar nicht, eine chronische Neurotransmitterstörung zu haben und ADS hört sich doch ganz nett und harmlos an.

Aber wie ätzend, wenn da irgendwo Leute auftauchen, die mir mein neu gewonnenes Krankheitsgefühl mit all der guten Gesellschaft und den Entlastungen, die mir das gibt, wieder wegnehmen wollen. Die allen Ernstes behaupten, das gäbe es nicht, was ich habe. Oh nein! Das darf nicht sein, die müssen doch irgendwo nicht normal sein, sonst könnten die mir das doch nicht antun. Und dann wollen die mir sogar auch noch meine Pillen madig machen! Wahrscheinlich haben sie keine Ahnung oder sie sind einer Sekte verfallen und reden nur das nach, was man ihnen da vorbetet. Nur gut, daß ich nicht so bin und niemals irgendetwas so unüberlegt daherrede. Aber das tun ADS-ler ja auch nicht, die sind nämlich meist sehr schlau (so wie ich) und z.T. genial (so wie ich im Grunde auch, nur hat es noch keiner so richtig gemerkt) und außerdem sowieso eigentlich die besseren Menschen.... Ääh..., wieso soll ich denn eigentlich "krank" sein, naja, diese Widersprüchlichkeit gehört wohl auch zum ADS-ler. Und schließlich kommt es ja nur darauf an, daß ich weiß, daß meine ganze Familie ADS hat, mein Arzt weiß das auch und die IT-Community weiß es auch und alle, die es nicht glauben wollen, die werden wir schon gemeinsam irgendwie unterkriegen.

Dafür sind wir ja schließlich ADS-ler.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   06.08.01

Liebe Kim,
das habe ich mich auch schon mehrmals gefragt: Wie ist es zu erklären, dass sich trotz der so dünnen wissenschaftlichen Grundlagen eine angebliche Krankheit wie ADS so großer "Beliebtheit" bei den sog. "Betroffenen" erfreut? Und wieso man auf solch heftigen, irrationalen Widerstand stößt, wenn man darauf hinweist, dass viele (wenn nicht gar alle) ADS-Diagnosen möglicherweise voreilig, oberflächlich und damit falsch sind. Die Leute wollen sich ihre "Krankheit" praktisch nicht mehr nehmen lassen, obwohl sie doch eigentlich erleichtert sein könnten, zu erfahren, dass es oft nicht viel auf sich hat mit ihrer Diagnose. Sie wirken in den Internetforen wirklich teilweise stolz, wenn sie sagen, ihre komplette Familie mit Vater, Mutter und 2 Kindern habe ADS (sei also krank!), so, wie jemand stolz sagt, dass seine ganze Familie musikalisch sei. Da staunen die anderen dann ganz ergriffen!
Ich glaube, das hängt zum Einen mit Persönlichkeitseigenschaften der sog. "Betroffenen" zusammen, zum Anderen liegt es aber auch am "Mythos ADS", der bewusst gezüchtet wird.
Als man noch MCD dazu gesagt hat, gab es diesen Mythos schon deshalb nicht, weil allein die Bezeichnung "minimaler frühkindlicher Hirnschaden" oder "minimale frühkindliche Dysfunktion" eher erschreckend für Eltern klang; so etwas wollte man nicht freiwillig haben. Hirnschaden? Nein, danke (obwohl es auch damals nicht wenige gab, die die Diagnose erleichternd fanden, aber so ausgeprägt wie heute mit ADS war es nicht. Vielleicht auch, weil es noch keine Internet-Foren gab).
Auch HKS als "hyperkinetisches Syndrom" erfreute sich nie dieser "Beliebtheit", auch diese Diagnose klingt unheimlich-abschreckend für Laien (eine Mutter nannte es mal "hyperchinesiches Syndrom").
Aber ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, das klingt eher harmlos. Und es bedeutet ja so Vieles und Positives: Kreativität, Hochbegabung, Eigenwille, usw. Es hilft, fast alles zu "erklären". Dass es eine Hirnstoffelwechsel-Störung sein soll, auch noch genetisch bedingt und erblich, wird einfach beiseite geschoben und durch verschiedene private Definitionen verschleiert. Da läuft eine erstaunliche kollektive Verdrängung, teils aus Unwissenheit und einseitiger Information (z.B. durch einschlägige Internet-Foren), teils aus psychoneurotischer Abwehr gegen die wahren Ursachen von psychischen Störungen.
Zum "Mythos ADS" gehört auch die Vorstellung, dass Ritalin u.ä. damit untrennbar verbunden wird, und diese Mittel wie alle Psychopharmaka natürlich deutlich wirken. Viele glauben, die Wirkung dieser Medikamente beweise die Richtigkeit ihrer ADS-Diagnose. Dass man zur sinnvollen Medikation solcher Medikamente das ADS-Konzept nicht wirklich braucht, will niemand glauben.
A propos Glauben: Die Diskussion mit überzeugten ADSlern erinnert mich sehr an Diskussionen mit anderen überzeugten Fanatikern. Eine Mutter, überzeugte Anhängerin der "Zeugen Jehovas der Letzten Tage", mit der ich darüber diskutieren wollte, dass ihre Kinder darunter litten, dass sie mit ihnen nicht Weihnachten feierte, warf mir vor, ich stünde mit dem Teufel im Bunde. Ein Priester, gefragt, wie er die Existenz Gottes beweise, sagte: "Diese Frage stellt sich nicht". Ein Kommunist, damit konfrontiert, dass die Menschen anders konstruiert seien, als er impliziere, sagte: "So redet ein Kapitalist".
Es ist offenbar für viele Menschen extrem erleichternd und verführerisch, sich auf der Seite der absoluten "Wahrheit" zu fühlen. Zweifel können dann nicht mehr zugelassen werden. Die Antwort: "Das weiss ich nicht, das weiss man noch nicht" wird verboten.
Was Persönlichkeitseigenschaften betrifft, die das Zulassen solcher Zweifel verhindern bzw. erleichtern, so spielen dabei beispielweise a)die neurotische Tendenz, b) Intelligenz und Allgemeinbildung, c)autoritäre Erziehung, d)unabhängiger Denkstil
eine wichtige Rolle.
Soviel für heute.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Elisabeth (himmelblau) 
Datum:   07.08.01

>>Zum "Mythos ADS" gehört auch die Vorstellung, dass Ritalin u.ä. damit untrennbar verbunden wird, und diese Mittel wie alle Psychopharmaka natürlich deutlich wirken. Viele glauben, die Wirkung dieser Medikamente beweise die Richtigkeit ihrer ADS-Diagnose. Dass man zur sinnvollen Medikation solcher Medikamente das ADS-Konzept nicht wirklich braucht, will niemand glauben.<<

Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt!

Obigen Mythos haben Sie selbst in die Welt gesetzt. Auf so gut wie jeder seriösen Seite zum Thema Add finden Sie die Feststellung, dass Ritalin nur bei 80% aller diagnostizierten ADDlerInnen wirkt.
Zudem wird nirgends behauptet, dass Ritalin bei Nicht-AddlerInnen keinerlei Wirkung zeige. Lesen Sie z.B. die entsprechenden Stellen bei www.psychologie-online.ch/add nach. Dort steht ausdrücklich, dass man von Wirkung oder Ausbleiben der Wirkung nicht auf Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von ADD schließen darf!!!
Zudem, wenn ADDler so scharf auf ein "Allheilmittel" für ihre Beschwerden sind, warum wirkt das Zeug dann nicht nach dem Motto: je mehr, desto stärkere Wirkung? (schließlich ist das doch auch bei Alkohol so, auch wenn die Wirkung natürlich alles andere als positiv ist.) Tatsächlich muss im Fall eines von ADD Betroffenen die Dosis ganz genau eingestellt werden, und es kommt durchaus vor, dass die Wirkung bei zu hoher Dosis flöten geht (im Sinn von: "es wirkt nicht", nicht im Sinn von "die Nebenwirkungen sind zu stark"), aber die Wirkung wieder eintritt, wenn man die Dosis herabsetzt bis sie am "optimalen" Niveau ist für diesen betreffenden Menschen.
Zahlreiche ADDlerInnen benötigen deshalb Tablettenteiler, um halbe Tabletten zu erzeugen. Wie käme denn ein Mensch, der nur zur Tablette greift als Allheilmittel für seine Probleme, auf die absurde Idee, diese zu halbieren oder gar zu vierteln? Und warum vergessen soviele AddlerInnen immer wieder darauf, ihre Tabletten zu nehmen?
(Marianne hat Sie übrigens ganz konkret gefragt, wie Sie glauben, dass bei i h r Ritalin wirkt. Ich frag mich, was an der Frage unklar ist.)
Add verläuft auf einem Kontinuum, und es gibt sehr viele ADDlerInnen, die unbehandelt recht glücklich durchs Leben gehen (weil ihre "Störung" nur schwach ausgeprägt ist, oder ihre "Belastung" von außen dank spezieller günstiger Lebensumstände gering ist).
Oft richten sich Menschen fast unbewusst ein add-gerechtes Leben ein, erst wenn das nicht mehr fortgeführt werden kann, merkt man und merken sie selber deren ADD. So gibt es z.B. immer wieder Berichte von Leistungssportlern, vor allem Läufern, deren Add zutage tritt, nachdem sie ihre Karriere verletzungsbedingt beenden müssen. (Und das ist eben nicht durch "Freizeitsport" kompensierbar,wiewohl sportliche Betätigung die Add-Symptome lindern kann.)
Für jene, bei denen sich ein enormer Leidensdruck einstellt, ist Ritalin zwar nicht untrennbar damit verbunden, aber es ist ein Mittel, das erfahrungsgemäß in 80% aller Fälle hilft und kaum Nebenwirkungen hat, zudem ist dokumentiert, dass Nebenwirkungen bei Absetzen sehr schnell verschwinden. Über Langzeitwirkungen ist bisher nichts bekannt, und es gibt das Medikament schon 60 Jahre.
ADDlerInnen sind Menschen wie andere auch, nicht besser und nicht schlechter und auch hinsichtlich der Intelligenz ist das ganze übliche Spektrum vertreten. Aufgrund des Wahrnehmungsstils (ein Addler nimmt in einer Situation praktisch immer "alles" gleichzeitig wahr, er tut sich schwer damit Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden, und er lebt im "Hier und Jetzt", weil für ihn praktisch jede Situation wieder neu ist) ist es für mich durchaus logisch, dass ADDler oft kreativ sind (denn um mit einer solchen Wahrnehmung "zurechtzukommen", bleibt ihnen eigentlich gar nichts über als kreativ zu sein, und was ist Kreativität - das Durchbrechen schematischer Abläufe und gewohnter Bahnen, das Betrachten von Dingen aus ungewohnten Blickwinkeln) - andererseits aber auch Schwierigkeiten mit Lernen und insbesondere mit sozialem Lernen haben, weil sie das Gemeinsame an ähnlichen Situationen nicht so leicht erfassen können, insbesondere aus negativen Erfahrungen kaum für die Zukunft lernen können und auch durch positive Anreize nur dann zu motivieren sind, wenn sie nicht sehr weit in der Zukunft liegen. Eine Gehaltserhöhung in einem Jahr oder das Jahresabschlusszeugnis ist z.B. zu weit weg, während unmittelbares Lob sie weit mehr anspornt. Nun kann man die Kreativität zum Guten wie auch zum Schlechten einsetzen. Es ist durchaus möglich, dass Hitler Add hatte. Um ein weniger drastisches Beispiel zu nehmen: ich habe schon von mehreren AddlerInnen die Vermutung gehört, dass z.B. die Art und Weise, wie sich der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider aufführt sowie auch z.B. Schilderungen seiner Schwester über ihn verdächtig nach Add aussehen - und der ist mit Sicherheit kein erwünschtes Vorbild für diese selbst betroffenen AddlerInnen gewesen.
An nichtmedikamentösen Alternativen wäre vor allem Neurofeedbackbehandlung zu nennen - eine Methode, die nennenswerte Erfolge vorweisen kann, die aber sehr zeitaufwendig (3 x /Woche Sitzungen - und dazu kommt dann noch die Anfahrtszeit, es ist übrigens eine Mär, dass Add ein "Großstadtphänomen" sei) und kostspielig ist. Zudem ist die Wirkung lang nicht so gut dokumentiert wie bei Ritalin, und über Langzeitwirkungen ist erst recht nichts bekannt. Eine evtl. Alternative könnte Johanniskraut in geeigneten Dosen (weit höher als die üblichen) sein, allerdings dürfte die Wirkung dennoch schwächer sein als bei Ritalin. Zudem ist auch Johanniskraut, wiewohl rein pflanzlich, keineswegs "harmlos" - es greift ebenfalls in den Gehirnstoffwechsel ein und beeinträchtigt sogar die Wirkung anderer Medikamente oft erheblich. Nichtsdesto trotz würden viele Eltern, so sie in ihrem Ort dazu die Möglichkeit haben und die Behandlung von den Krankenkassen finanziert würde, es mit Sicherheit begrüßen, dass ihr Kind Neurofeedbacktherapie macht, falls dadurch die Chance besteht, auf Ritalin verzichten zu können.
Im übrigen gibt es sehr wohl Hinweise, dass es spezielle Besonderheiten/Abnormitäten im Gehirn von ADDlerInnen gibt (da ich heute nur mal zwischendurch schreibe, mach ich mir jetzt nicht die Mühe, danach zu kramen), konkret ging es irgendwie um den Glukosehaushalt beim Problemlösen oder ähnliches und dementsprechende Aufnahmen sind dokumentiert.
Allerdings sind nach heutigem Wissensstand solche Veränderungen im Gehirn auch durch andere Prozesse möglich, sodass das Ganze zwar eben ein Hinweis, aber kein Beweis ist, gleiches gilt wohl auch für die EEG-Wellen, die auch gelegentlich in der Literatur erwähnt werden. Das ist wohl auch der Grund, warum man sich derart extrem teure Untersuchungen spart.
Im übrigen wundert es mich, dass niemand solche Untersuchungen bei Depressionen fordert, als Beweis dafür dass man wirklich depressiv ist und es nicht irgendetwas anderes ist. Dass auch das Gehirn Depressiver charakteristische Veränderungen aufweist, ist nämlich bekannt.
Ich hoffe, dass Abra jetzt hier mitliest (denn ich schreib heut nur ausnahmsweise): Warum, wenn AddlerInnen so sehr nach einem Allheilmittel für ihre Probleme suchen, sind sie dann nicht schon zufrieden, wenn sie Antidepressiva schlucken? Auch das wäre doch eine "billige Lösung", nach der sie ja suchen. Und tatsächlich machen fast alle erwachsenen ADDlerInnen, die unter ihrem ADD leiden, auch Depressionen durch, die so stark sind, dass sie mit Antidepressiva in Berührung kommen.
Mir wurden vor vielen vielen Jahren, mit 19 oder 20, Antidepressiva verordnet, und zwar nach der Reihe immer ein anderes (mitunter auch eine Kombination), weil die Wirkung meist überhaupt nicht eintrat, oder ich mich bloß müde und umnebelt fühlte. Unter all den verschiedenen Dingern, die ich verschrieben bekam - und das waren eine Menge - gab es ein einziges, bei dem ich eine leichte Stimmungsaufhellung verspürte (damals wusste ich weder was von Ritalin noch von Add, aber ich hab später mal nachgelesen und herausgefunden, dass es auch gegen motorische Unruhe eingesetzt wird), da ich ja, wie Abra schreibt, so drauf aus war, meine Probleme mit Medikamenten zu lösen, hab ich nach 9 Monaten mit der medikamentösen "Therapie" Schluss gemacht, und alle Reste (viel wars eh nicht mehr), weggeworfen. Ich hatte also aus eigenem Antrieb damit Schluss gemacht, auch einerseits aus Angst, von Medikamenten "abhängig" zu werden, andererseits weil ich ebenso nicht verstand, warum man da wilddrauflos irgendwas an Stoffen zuführt, ohne je zu untersuchen, welche Stoffe mir fehlen - begonnen hatte ich nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Drängen meiner Familie. (Ich war damals bereits von zuhause ausgezogen und nur ab und zu auf Besuch daheim.) Dann war ich eine ganze Weile unbehandelt, und begann irgendwann später aus eigenem Antrieb eine Psychotherapie. Während ich 9 Monate medikamentös behandelt wurde, machte ich alles in allem insgesamt mehrere Jahre verschiedene Therapien, und zwar aus eigenem Antrieb.
Ich kann also Abra und auch Ihnen Herr Dipl.-Psych. Schmidt sagen, dass ich in bezug auf meine Add-Problematik all jene "Problemfelder", die z.B. von Abra angesprochen wurden, therapeutisch aufgearbeitet habe, und zwar in Einzeltherapie wie auch in Gruppentherapie. Niemand kann es einem verübeln, wenn man - damals gab es noch keine Therapie auf Krankenschein - sehr viel Zeit, Energie und Geld investiert, um mit seinem Leben zurechtzukommen, und es stellt sich absolut keine Besserung ein (Wobei ich nicht sage, dass die Therapien generell wirkungslos waren, ich habe in einigen Dingen profitiert von ihnen, in bezug auf all das, was heutzutage unter ADD zusammengefasst wird, trat jedoch absolut keine Besserung ein) dann von einem Modell (psychoanalytische Gesprächstherapie - und es ist mir egal, wie das nun korrekt heißt, wenn man bei einer Therapie die ganze Zeit sitzt und mit der Therapeutin spricht, sind das Gespräche, und die Gespräche waren ganz bestimmt nicht nach Rogers geführt (den kenn ich selber aus meiner Studienzeit - ist eine klasse Methode, aber keine Therapie), sondern basierten auf psychoanalytischen Vorstellungen; Psychodrama sowie einmal eine wilde Mischung (konzentrative Bewegungstherapie, Musiktherapie, Maltherapie u. noch einiges) und all das nicht den erhofften Erfolg gebracht hat, dann umsteigt auf eines, das genau auf die eigene Problematik zugeschnitten ist.
Ich bin nämlich nicht die einzige mit einer derartigen therapeutischen Odyssee - von einer ganzen Reihe anderer Erwachsener weiß ich, dass sie ebenfalls
z u e r s t Therapien versucht haben, und zwar
j a h r e l a n g, bevor sie auf Add gestoßen sind. Zudem ist Add deshalb als Konzept so verlockend, weil es - für die Betroffenen - stimmig ist. Mir konnte vorher z.B. niemand sagen, warum ich beim Autogenen Training es absolut nicht schaffte, dieses durchzuführen, obwohl mir die Leiterin ausgesprochen sympathisch war und obwohl sie ihr Fach verstand. Es war mir selber nicht klar, warum ich z.B. meine Kaffeetasse in Gedanken irgendwo abstelle und mich kurz danach weder erinnere, ob ich sie ausgetrunken habe noch wo ich sie hingestellt habe, manchmal finde ich auch Dinge, die mir gar nicht abgegangen sind, an seltsamen Orten wieder - es wird sonst nirgends beschrieben, wie ein Addler z.B. beschließt, sein Zimmer aufzuräumen, dabei gerät ihm ein Buch in die Hand, und er beginnt, das Buch zu lesen, und vergisst darüber, was er eigentlich machen wollte. Das ist also durchaus etwas, warum das Konzept "Add" so gern angenommen wird, weil man aufgrund der Add und der dadurch bedingten gestörten Wahrnehmung sich sehr oft unverstanden fühlt und auch tatsächlich nicht wirklich verstanden wird - und plötzlich trifft man auf Leute, die in der Lage sind, die eigenen Gefühle nachzuvollziehen, weil sie sehr ähnliche Erlebnisse haben Tag für Tag. In der Tat passieren Dinge, wie ich sie erzählt habe, sog. "normalen" Leuten auch, aber es ist bei ihnen nicht so, dass diese Dinge sich wie ein roter Faden durchs Leben ziehen. Zudem haben sehr viele AddlerInnen aufgrund solcher Vorkommnisse die Angst, an Alzheimer erkrankt zu sein. Und im Vergleich zu Alzheimer schon in jungen Jahren ist Add wirklich die wesentlich angenehmere Diagnose, zumal man in Kontakt mit Leuten ist, die bereits medikamentös behandelt wurden/werdeb und deren Leben seither in vielen Fällen eine sehr deutliche positive Wendung genommen hat - und insofern ist ein Gefühl der Erleichterung durchaus nachvollziehbar.

Was die "absolute Wahrheit" betrifft. Das ist eine ziemlich müßige Diskussion. Ein Priester, danach gefragt, die Existenz Gottes zu beweisen, kann gar nicht anders antworten als oben angegeben. Denn Glauben ist keine Wissenschaft. Man glaubt an etwas oder man glaubt es nicht. Ein Fanatiker ist man erst dann, wenn man diese Glaubensüberzeugung anderen aufzwingen will und einem die Idee und das Durchsetzen der Idee dabei wichtiger ist als der Mensch, der einem gegenübersteht.

Es ist aber nicht so, dass alles, was nicht bewiesen werden kann, keine Wissenschaft sein kann. In vielen Wissenschaften gibt es Teilbereiche, wo man darauf angewiesen ist, Vermutungen anzustellen, und das gilt nicht nur für die sog. "weichen" Wissenschaften wie etwa Soziologie sondern auch z.B. für Physik.

Es gibt eine Reihe von erwachsenen ADDlerInnen, die genau die Folgen einer "ADD gibt es nicht"-Haltung ausbaden haben müssen. Diese Erwachsenen wurden gar nicht oder falsch diagnostiziert, oder richtig diagnostiziert, aber falsch behandelt. Bei manchen wurde zwar mit Ritalin behandelt, das Medikament aber mit 16, 17 oder 18 abgesetzt, weil sich ADD im Jugendalter auswachse. Frauen bzw. Mädchen wurde oft gesagt, dass Add nur bei Jungen auftrete. Meist treten dann spätestens mit 25, 30 die Probleme ganz offen und verschärft zutage. Manche wussten ihr Leben lang nicht, was los ist mit ihnen - und tatsächlich gilt eine MCD-Diagnose in der Kindheit als Hinweis auf mögliches Vorliegen von ADD. Was darauf hindeutet, dass es zumindest nicht in allen Fällen etwas "Eingebildetes" war, sondern nur etwas, was man nicht richtig benennen konnte damals. Was es ist, wie man es nennt, ist im Grunde egal - die Frage ist, was haben diese Menschen dadurch gewonnen, dass es ein paar Wissenschaftler gibt, die bewiesen haben, dass es "MCD" nicht gibt, oder dass sich "ADD mit dem Jugendalter" auswachse. Tatsächlich hat das dann dazu geführt, dass sie unbehandelt blieben, und dass ihr Leben allmählich den Bach runterging. Neben der Tatsache, dass heute manchmal fälschlicherweise ADD erkannt wird (dies ist durch sorgfältige Diagnostik zu verhindern!, das heißt man dürfte sich dann nicht darüber aufregen, dass es Add nicht gibt, sondern dass die falsch-diagnostizierenden Ärzte sich zuwenig Zeit für die Diagnose nehmen, dass sie schlampig sind oder was auch immer - dies beträfe dann aber nicht bloß Add sondern ärztliche Diagnosen generell, jedenfalls sind Patienten mit Add-Diagnose, die nach dem Zufallsprinzip rausgesucht werden (und das tun sie ja, wenn Sie sich in ein Forum einer Selbsthilfegruppe begeben), dann sicher nicht der geeignete Ansprechpartner - darf man nicht übersehen, dass in vielen Fällen vor allem in der Vergangenheit ADD verkannt wurde, insbesondere wenn man sich die Auswirkungen auf die Menschen, deren ADD verkannt wurde, ansieht. Es gibt Statistiken, die ganz eindeutig belegen, dass die Gefahr des späteren Drogenmissbrauchs bei ADD-diagnostizierten Jugendlichen, die mit Ritalin behandelt werden, signifikant geringer ist. Auch sind depressive Störungen und ein gestörtes Selbstwertgefühl eine nahezu unvermeidliche Folge eines unbehandelten Add.
Genau deshalb stelle ich immer wieder die Frage, wieviele d i a g n o s t i z i e r t e ADDler, deren Arzt zu medikamentöser Therapie geraten hat, dies abgelehnt haben (bzw. deren Eltern) und von Ihnen therapiert wurden? Denn es gibt viele Eltern, denen keineswegs wohl zumute dabei ist, dass ihr Kind eine medikamentöse Behandlung bekommen soll - die werden jede Alternative mit Freuden aufgreifen. Wenn es eine derartige Flut von falsch diagnostizierten ADD-Kindern gibt, dann müssen doch auch schon welche bei Ihnen in der Beratungsstelle gewesen sein. Und wenn Sie Ihre Meinung dort so vehement vertreten wie hier, können Sie sicher manche Eltern davon überzeugen, dass Sie zuerst mal auf die medikamentöse Therapie verzichten und es doch mit Familientherapie versuchen.
Und wenn Sie nun schon Familientherapie als Alternative zu medikamentöser Add-Behandlung anpreisen, würde mich interessieren, was Familientherapie im Fall einer ärztlich anerkannten Add bewirkt und wodurch sie das bewirkt, zumal ich auch schon zweimal von Fällen gehört habe, in denen - ohne Erfolg - zuerst eine Familientherapie versucht wurde, und noch öfters von Fällen, in denen sonst irgendeine Therapie voranging. (Denn dass es durch familiäre Konflikte bedingte ähnliche Erscheinungen wie Add gibt, bestreitet niemand, und auch diese Feststellung finden Sie auf jeder seriösen Website und in jedem seriösen Buch zum Thema.) Die Antwort darauf haben Sie vor Tagen zwar schon einmal angekündigt, aber ich frage mich, wann sie denn nun endlich kommt.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   07.08.01

Liebe Elisabeth,
vielen Dank für Ihren beeindruckenden Brief! Ich kann nicht auf alles eingehen,was Sie schreiben, dazu fehlt mir momentan leider etwas die Zeit. Vieles kann ich so unterschreiben, anderes sind Missverständnisse, weil Sie mir etwas zuschieben, was ich gar nicht behauptet habe (z.B. dass Eltern oder "Betroffene" "scharf" seien auf Ritalin. Ich vertrete in dem von Ihnen eingangs zitierten Statement stattdessen die These, dass viele Leute davon überzeugt sind, zu ADS gehöre untrennbar Ritalin, und umgekehrt. Auch zum Thema "Familientherapie und ADS" bitte ich um Geduld).
Aber lassen Sie mich dennoch kurz sagen, was ich Ihrem Brief zusammenfassend als Essenz entnehme: Ritalin o.ä. Medikamente wirken positiv auf einige (wenn nicht gar viele) Verhaltensschwierigkeiten unklarer Genese.
Ich glaube, das ist die Kernaussage, auf die sich Ihre Ausführungen zusammenfassen lassen.
Dazu sage ich: aber das leugnet ja auch niemand. Das ist ja wissenschaftlich gut belegt. Das braucht mir niemand vorzuhalten, als hätte ich es irgendwo abgestritten.
Mein Punkt ist ja immer ein anderer, nämlich das, was ich eben mit "unklarer Genese" umschrieben habe: Die fraglos positive (aber natürlich nicht heilende) Wirkung von Ritalin beweist nicht "ADS" als Krankheit oder Syndrom. Die Genese der Verhaltensprobleme bleibt fraglich-vieldeutig. Ritalin hätte auch dann eine positive Wirkung, wenn man die Diagnose und das vieldeutige Syndrom ADS gar nicht kennen oder weglassen würde.
Meine Kritik setzt an dieser Vieldeutigkeit und Unschärfe der Diagnose "ADS" an, dass man praktisch alles dahinein packen kann, was man an Verhaltensauffälligkeiten festzustellen glaubt. Ihre Vermutungen zu Hitler und Haider zeigen das. Immer mehr "Fachleute" machen solche (Fern-)Diagnosen ausschließlich aufgrund von subjektiven Laien-Verhaltensbeobachtungen (Eltern, Lehrer etc., ohne große eigene, zuverlässige Erhebungen). Ein solch unpräzises und ubiquitäres Syndrom taugt aus meiner Sicht nosologisch einfach nicht viel.Darauf sollte man verzichten. Und nichts gegen hilfreiche Medikamente im Einzelfall!
Das ist meine These.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Isis 
Datum:   07.08.01

Sehr geehrter Herr Schmidt,
nachdem ich ihre Antwort an Kim gelesen habe, kam ich nicht umhin, Ihnen auch etwas zuschreiben.
Obwohl, eigentlich wollte ich ja nicht mehr schreiben, da Sie mir auf mein letztes Posting noch immer nicht geantwortet haben und ich somit annehme, dass meine Beiträge es nicht wert sind, darüber zu diskutieren.
Ich frage mich sowieso, was Sie unter diskutieren verstehen.
Ich habe gelernt, dass man unter diskutieren ein Entgegensetzen verschiedener Argumente versteht, wobei es auch sein kann, dass man sich in verschiedenen Punkten recht geben kann.
Was aber in diesem Forum teilweise abläuft, ist alles andere als diskutieren und ich finde, dass Sie als Hausherr die meiste Schuld daran haben. Sie argumentieren größtenteils nicht, sondern schmettern jede Gegenrede ziemlich unqualifiziert ab.

Aber ich merke, ich schweife ab.
Auch Ihnen rate ich, wie schon Kim, sich einmal mit dem MENSCHEN mit ADS auseinander zusetzen. Sich mit Menschen auseinander zusetzen ist doch schließlich Ihr Beruf und Sie werden sehen, dass es im Grunde niemanden freut, ADS zu haben, dass es ein langer Leidensweg ist und sehr viel Arbeit, alles auf zuarbeiten, was durch das Nichtwissen von ADS zerstört wurde.

Wenn jemand in einem Internetforum schreibt, dass die ganze Familie ADS hat, glaube ich nicht, dass dies etwas mit Stolz zu tun hat, sondern ehe zu sagen scheint: „Hallo Leute; wir haben es auch und wir können in etwa nachvollziehen, was Ihr durchgemacht habt und wie Ihr Euch fühlt!“
Aber das ist wohl Interpretationssache.

Sie reiten bei Ihrer Argumentation immer auf Namen und Bezeichnungen herum. Wozu?
Mir persönlich ist es ganz egal, wie das Ganze heißt. Ob MCD ADS oder HKS. Von mir aus kann es „KILLEFITZ“ heißen. Wenn es nur hilft!

Des weiteren stelle ich fest, dass Sie im letzten Satz des dritten Abschnitts (teils aus psychoneurotischer Abwehr gegen die wahren Ursachen von psychischen Störungen) eine Diagnose stellen.
Frage: „Wie kommen Sie darauf? Haben Sie uns alle untersucht? Wie kann man eine Diagnose stellen, wenn man sich nur auf Vorurteile beruft?“
Ich hätte hierauf bitte unbedingt eine Antwort, denn ich habe keine Vorurteile und es würde mich sehr interessieren.

Im vierten Abschnitt unterstellen Sie, dass die ADS´ler behaupten würden, dass, wenn Ritalin wirke, die ADS – Diagnose damit bestätigt wäre.
Diese Behauptung Irritiert mich sehr, denn er beweist mir, dass Sie die Literatur über ADS entweder unzureichend oder gar nicht gelesen haben. Das ist nicht sehr professionell.
Ich werde Sie daher aufklären müssen und hoffe, dass Sie etwas lernen.
In JEDEM Fachbuch über ADS steht geschrieben, dass Ritalin u.ä. bei ADS nicht anzuschlagen braucht und dass, wenn es anschlägt nicht unbedingt der Beweis für ADS ist.
Auch steht dort, dass die Medikation allein nicht reicht, sondern, dass, wie sie so schön sagten auch ein Konzept braucht. Man weiß auch, dass nicht jeder ADS´ler Ritalin u.ä. nehmen darf (z.B. Bluthochdruck).
Aber ich glaube Sie (wie auch Kim) halten uns ADS´ler für zu dumm, um das zu verstehen und umzusetzen.

Sorry, ich will niemanden beleidigen, aber das musste ich jetzt mal sagen, sonst bekomme ich eine psychische Störung.

Ihre Geschichte von der Zeugin Jehova, dem Priester und dem Kommunisten würde ich gerne in Ihre Witzeecke verbannen, wenn es nicht so ernst wäre.
Hier fühle ich mich persönlich angegriffen und sehe auch hier, mit wie vielen Vorurteilen Sie behaltet sind.
Ich für meinen Teil bin absoluter Atheist und glaube nur das, was ich sehe, bzw. wovon ich mich überzeugen kann.
Und glauben Sie mir; ich habe es mir und meiner Familie mit der Diagnose nicht leicht gemacht und kleine Zweifel bestehen immer noch.

Jedoch sehe und erlebe ich die Veränderungen bei mir und Anderen und wenn Sie wirklich gewillt sint, sich mit dem Thema ERNSTHAFT auseinender zusetzen und VERNÜNFTIG zu diskutieren, dann stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

So. Nun zu Ihrem letzten Satz.
Den aben Sie doch bestimmt nicht ernst gemeint? Oder?
Wenn ja, dann kann ich dazu nur sagen:
„PFUI!!!!!!!“

Wie kann ein gebildeter Mensch so tief sinken und viele Leute, die er gar nicht kennt, so beleidigen?!?!

Da ich ein friedliebender Mensch bin und nicht weiß, was Sie zu solchen unqualifizierten Beleidigungen treibt, bitte ich Sie das Ganze noch einmal zu überdenken und dann können wir es ausdiskutieren.
Mit freundlichen Grüßen
Isis

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   09.08.01

Liebe Isis,
das sehe ich anders. Wie, können Sie gerne weiter unten in meiner Diskussion mit Elisabeth und Kim über Psychoanalyse sowie in meinem heutigen Beitrag zum Thema "Anlage und Umwelt" lesen.
Übrigens: Wissenschaftstheoretisch sind die Axiome, die Watzlawick beschreibt (sie stammen überwiegend gar nicht von ihm!), wohl die schwächsten.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Antje 
Datum:   07.08.01

Hallo Kim

Solange man ADS nicht eindeutig nachweisen kann bestehen auch bei
mir Zweifel , aber soviel Ironie und Verständnislosigkeit das ist für mich
einfach nur eine bodenlose Frechheit.
ICH habe mich nicht über diese Diagnose gefreut und ich bezweifle das
andere Eltern dies anders sehen.
Mein Kind bekommt auch KEIN Ritalin und ich versuche immer noch
andere Wege zu finden.
Ritalin macht mir Angst und ist für mich nicht das Mittel 1. Wahl, allenfalls
das allerletzte Mittel was ich einsetzen würde um meiner Tochter zu helfen!!
ABER ich würde es einsetzen wenn es nicht mehr anders geht!!!
Im übrigen bin ich der Meinung das diese Diskussion nicht viel bringt!!!
Ich bin kein Fachmann niemand kann MIR ADS wirklich beweisen,
ABER genauso kann ich sagen das es auch noch KEINER geschafft
hat mir das GEGENTEIL (nämlich das es ADS nicht gibt) zu beweisen.
Letztendlich muß jeder selber die Verantwortung dafür übernehmen,
WEM er glaubt und WAS man macht!!!
Ich ziehe jedenfalls nicht über Leute her die meine Meinung nicht teilen!!!

Mit freundl. Grüßen Antje

Autor: abra 
Datum:   07.08.01

Kim,

eine Diagnose bedeutet in der Regel einen ersten Haltepunkt nach einer langen und zermürbenden Odyssee, immer auf der Suche nach einem Hinweis, warum ein Kind oder Erwachsener seiner Umwelt auf den Keks geht bzw. sich nicht in ihr zurechtfinden kann, obwohl der Wunsch nach Anpassung an das jeweilige System da ist.

Ist die Diagnose gestellt, kann man anfangen, über die weiteren erforderlichen Schritte nachzudenken. Dazu gehört z.B., dass sich ein Erwachsener darüber klar wird, ob sein Job wirklich seinen Fähigkeiten und vor allem seinem Wesen entspricht. Bei einem Kind ist zu überdenken, ob es sich in einer anderen Schulform besser entfalten kann.

Leider ist der Druck durch die Gesellschaft, die sofort auf solche Außenseiter reagiert, extrem hoch. Gefordert ist ein funktionierender, anpassungsfähiger Mensch, der möglichst nur das tut, was von ihm erwartet wird und der möglichst nicht über den Tellerrand schaut. Ich spreche aus eigener Erfahrung, das kann ich dir sagen.

Teilweise hatten Kollegen ob meiner Art, Aufgaben und Arbeitsgebiete an mich zu reißen Angst, ihren eigenen Job zu verlieren, weil ich teilweise einfach besser bin als sie. Und den Arbeitgebern sind solche Mitarbeiter unangenehm, weil diese am Ende mehr über das Unternehmen wissen, als der Chef selbst. Also wird darauf gepocht, bitte nur das übertragene Gebiet zu bearbeiten. In Krisensituationen sind aber komischerweise alle dankbar, wenn der ADSler in der Lage ist, aus dem Hut eine Lösung herbeizuzaubern, auch wenn das gar nicht seinem Arbeitsgebiet entspricht. Das geht eben nur, wenn alle Antennen auf Empfang sind - trotz angeordneter Eingrenzung auf das Sachgebiet.

So. Jetzt bin ich völlig vom Thema abgekommen. Eine Diagnose bedeutet für mich also die Möglichkeit, eine Entscheidung über mein weiteres Leben fällen zu können. Denn das Lebensziel ist doch bei allen Menschen gleich: Glück. Ob ich das nun mit Medikamenten und Therapien oder einfach durch eine Neuorientierung meiner Umwelt erreichen kann, die Diagnose gibt mir die Möglichkeit dazu.

Ich bin also nicht blöd, sondern die Umweltbedingungen entsprechen nicht meinen Anforderungen.

Sind wir also bei den Kindern, die dies sicherlich nicht alleine entscheiden können. Da sind die Erziehungsberechtigten gefordert. Und auf denen lastet natürlich auch der Druck der Gesellschaft - oder besser der Leistungsgesellschaft. Also werden sie versuchen, ihren Schützlingen eine ideale Schulbildung zur Verfügung zu stellen.

Doch was ist mit unseren Lehrern los? Da wird sofort ein Elterngespräch angeordnet, weil das Kind den Unterricht stört bzw. nur träumend anwesend ist. Das darf nicht sein, weil die Belastungsgrenze der Lehrer doch schon extrem herabgesetzt ist. Der Lehrplan ist vollgepackt, die Kollegen fallen immer öfter krankheitsbedingt aus, die Teilungslehrer stehen nicht zur Verfügung, weil sie als Springer die krankgeschriebenen Kollegen vertreten müssen - oder, wie bei meiner Tochter geschehen -, sie werden schwanger und gehen in den Mutterschutz. Natürlich gibt es dafür keinen Ersatz. Das waren sie ja selbst.

Ok. Lehrermangel, hohe Ausfallquoten, viel zu große Klassen, ein hoher Ausländeranteil (hier in Berlin bis zu 50 % und mehr). Hinzu kommt, dass meist beide Elternteile berufstätig sein müssen, um ein gerade ausreichendes Familieneinkommen zu sichern. Stressige, schlecht bezahlte Jobs, Überstunden, Haushalt. Wo bleibt da Zeit und Ruhe für die Kinder? Hilfe bei den Hausaufgaben, Besuche bei Freunden, Sport.

Die Wahlmöglichkeiten sind beschränkt in unserer Gesellschaft. Die Diagnose ADS eröffnet vielen Betroffenen den Weg zu einer medikamentös unterstützen Therapie, die sie ohne Diagnose nicht bekämen.

abra

Autor: Mimi 
Datum:   07.08.01

Hallo Kim,

aber das ist doch ganz einfach: die Leute haben sehr reale Probleme und mit der ADS-Diagnose sind etliche neue und oft hilfreiche Lösungsmöglichkeiten verbunden. Warum sollen die Eltern und Betroffenen nicht erleichtert sein?

Anlage-Umwelt Diskussionen werden seit fast 200 Jahren geführt und haben bis jetzt noch zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt. Ich wüsste nicht, warum Betroffene das zu ihrem Thema machen sollten.

Wenn selbst betroffene Eltern auch noch von der eigenen Behandlung profitieren und sich dadurch das Familienklima weiter entspannt, entsteht auch kein Schaden.

Ich bin gerne bereit darüber zu diskutieren, ob nicht auf allen Kindern viel zu viel Konformitätsdruck lastet . Nur bin ich nicht bereit, mein Kind heroisch untergehen zu lassen, weil es unbehandelt nicht mithalten kann.

An Herrn Schmidt,

welche sinnvollen Einsatzmöglichkeiten für Ritalin sehen sie denn? Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass eine vernünftige diagnose begleitende Störungen (z.B. der Wahrnehmung oder auch begleitende seelische Konflikte) möglichst erkennen und ausschließen soll, bevor die Kinder Medikamente oder Verhaltenstherapie bekommen. Schließlich können sowohl Medikamente als auch Psychotherapien auch schlimme nebenwirkungen/Begleiterscheinungen haben.

Gesetz den Fall, auch die ausgiebigste Diagnostik sei sinnlos, wie soll Ritalin denn dann überhaupt sinnvoll eingesetzt werden.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   07.08.01

Hallo Mimi,
dass Sie gerade mich zu Ritalin fragen! Darum geht es mir doch wirklich nicht. Ich habe wiederholt betont, dass gegen eine sinnvolle Medikation im sorgfältig geprüften Einzelfall bei psychiatrisch/psychisch/neurologisch bedingten Störungen allgemein gar nichts einzuwenden wäre, im Gegenteil. Was ich vertrete, ist ja etwas ganz Anderes: Um eine sinnvolle Medikation und Therapie anzusetzen bzw. durchzuführen, braucht es die "Krankheit" ADS als Syndrom und nosologische Einheit nicht. So meine ich es, wenn ich behaupte, ADS (als klar zu diagnostizierende, vererbbare Hirnstörung) gebe es gar nicht.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Mimi 
Datum:   07.08.01

Die Frage, ob es ADS gibt oder nicht interessiert mich eher am Rande. Dieses thema können sie sicher bei ADD-online oder hyperaktiv.de sinnvoller diskutieren. Eltern und Betroffene werden diese frage kaum klären können.

Zweifellos gibt es aber Menschen mit schweren Aufmerksamkeits- Wahrnehmungs- und Konzentrationsproblemen, die auch zu Unruhe und Verhaltensstörungen führen können. Wodurch dieses Verhalten bedingt ist, weiß niemand wirklich genau. Wie man das nennt, ist mir gleichgültig.

Zentral wichtig ist aber, dass mit der ADS-Diagnose neue Therapiemöglichkeiten verbunden sind. Das ist für Kinder, bei denen etliche andere Therapien zuvor gescheitert waren, doch immerhin hilfreich. Worauf sonst soll es denn ankommen?

Autor: Elisabeth (himmelblau) 
Datum:   07.08.01

Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt!

Sie sagen auf einmal, es ist eine sinnvolle Medikation von dem, was heutzutage als "ADS" diagnostiziert wird, möglich, allerdings sei die ADS-Diagnose dazu unnötig.
Genau dieselbe Frage wie Mimi stellte ich mir auch: Worauf soll es dann ankommen, um zu entscheiden, ob und wie und mit welchem Medikament (auch) eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist? Wann wäre denn dann Ihrer Meinung nach eine Behandlung mit Ritalin angezeigt? Denn es ist ein Unterschied ob man ein Medikament zum Ausgleich einer neurobiologischen Störung verabreicht oder es wild drauf los verabreicht. In ersterem Fall wird das Medikament gebraucht, im zweiten missbraucht.
Und die Diagnose Add verhindert, bei sorgfältiger Diagnostik, dass letzeres geschieht. (Lesen Sie sich einmal die Diagnoserichtlinien durch, und lesen Sie sich durch, wieviele Kriterien da erfüllt sein müssen, bevor der Arzt von "ADS" spricht. Wenn man im Alltag mal sagt, der oder derjenige wirkt, als ob er Add hätte, kommt das natürlich keiner Diagnose gleich. Hitler wurde von Kim ins Spiel gebracht, mit der Bemerkung, dass ADDler sich immer mit "Großen Namen" schmücken, und ich sagte darauf nur, dass es auch möglich ist, dass Hitler ADD hatte. Im Sinne von: auch schlechte Menschen können ADD haben, natürlich. Und Haider brachte ich ins Spiel, weil es im Sinne dieses "Gesellschaftsspiels" tatsächlich so ist, dass ADDler sich nicht ausschließlich mit "guten Namen" schmücken, sondern durchaus bei Leuten, die nicht gerade Sympathieträger sind, auch Parallelen sehen. Dass man alles und jedes hineinsummieren kann, stimmt aber sicher nicht.).
Und warum ziehen Sie gegen die Diagnose "Depression", die weit schwammiger ist, nicht ebenso zu Felde? Das, was man heutzutage alles unter Depression subsummiert, kann mit Sicherheit auch behandelt werden, ohne dass man es explizit benennt, wobei im Falle von Depressionen weit mehr - und gänzlich unterschiedliche Substanzen verabreicht werden, sowie eine Menge Substanzen die erst relativ kurz am Markt sind, als im Fall von Add.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   07.08.01

Hallo Elisabeth,
>Sie sagen auf einmal, es ist eine sinnvolle Medikation von dem, was heutzutage als "ADS" diagnostiziert wird, möglich, allerdings sei die ADS-Diagnose dazu unnötig.<
Ich sage vielmehr nicht auf einmal, sondern von Anfang an, dass eine sinnvolle Medikation von psychiatrisch/psychologisch/neurologisch diagnostizierten Störungen im sorgfältig geprüften Einzelfall angezeigt ist. Allerdings sage ich dies nicht für das, was heutzutage weitläufig als "ADS" diagnostiziert wird, weil diese Diagnose sehr unzuverlässig ist und das Syndrom möglicherweise gar nicht existiert.

Dass Ritalin derzeit möglicherweise massenhaft bei Kindern und Jugendlichen (nicht so sehr bei Erwachsenen) missbraucht wird, befürchte ich in der Tat. Denn die auch von Ihnen vorausgesetzte neurobiologische Störung als Medikationskriterium wird ja im Alltag praktisch nirgends diagnostiziert.

Was die Diagnosekriterien für ADS anbelangt, auf die Sie sich beziehen: Genau diese Kataloge im ICD und DSM halte ich ja für
1) unbewiesen
2) ubiquitär.
Oder meinten Sie etwas Anderes?
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   07.08.01

Liebe Mimi,
ich will doch noch etwas genauer nachfragen: Bitte, welche neuen, zusätzlichen Behandlungsmöglichkeiten eröffnet denn die Diagnose ADS? Medikamentöse Behandlung z.B. (aber nicht nur) mit Ritalin o.ä. doch wohl nicht, die gab und gibt es doch auch so. Aber was sonst? Psychotherapien, Ergotherapie, Erziehungsberatung, Johanniskraut, Algen, Brombeeren, Coca-Cola (sorry): das gab es doch auch sonst schon immer (und es hat geholfen oder nicht).
Ihr ratloser H.-R. Schmidt

Autor: H.-R. Schmidt 
Datum:   08.08.01

Hallo,
wie Sie wissen, gehe ich davon aus, dass die gegenwärtige Diagnosepraxis bei "ADS" sehr oft oberflächlich ist, was angesichts der Syndrom-Unschärfe und -fraglichkeit auch nicht verwundern würde.
Das Bundesgesundheitsministerium sieht die Gefahr einer oberflächlichen Diagnostik ebenfalls. Der "Erfolg" des "Mythos ADS" geht wohl sehr stark auf die unbestritten starke Wirkung von Methylphenidat zurück, das ja bei "Betroffenen" untrennbar mit "ADS" assoziiert ist. Ich hatte bereits vor Monaten meine Position dem Gesundheitsministerium mitgeteilt und fühle mich durch die neueste Entwicklung bestätigt.
Ein weiterer Grund für die "Beliebtheit" der Diagnose ADS ist sicher auch in dem Umstand zu sehen, dass die Zahl unserer Kinderärzte stark gestiegen, die Zahl unserer Kinder aber immer mehr rückläufig ist. Der Markt ist in diesem Gesundheitsbereich also sehr eng geworden. Kinderärzte verdienen unter deutschen Ärzten vergleichsweise wenig. Eine "neue" Krankheit kommt ihnen da möglicherweise sehr gelegen.

Hier zu Ihrer Information ein Bericht aus der heutigen "Frankfurter Rundschau" zu diesem Thema:

"Hyperaktive Kinder bekommen immer häufiger
Psycho-Pillen

Gesundheitsministerium warnt Mediziner vor leichtfertigem Verschreiben von Ritalin / Ärzte sehen noch Unterversorgung

Von Wolfgang Wagner

Hyperaktiven Kindern werden in Deutschland immer häufiger die Psychopharmaka Ritalin und Medikinet verordnet. Das Bundesgesundheitsministerium geht derzeit Hinweisen nach, dass der unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Wirkstoff der Mittel,
Methylphenidat, von Ärzten zu leichtfertig verordnet wird. Die Kinderärzte vertraten hingegen die Ansicht, dass das Mittel zu selten zur Anwendung kommt.

FRANKFURT A. M., 7. August. Zwischen 1997 und 2000 stieg der Verbrauch von Methylphenidat auf 270 Prozent, berichtet Horst Möller vom Betäubungsmittelreferat des Gesundheitsministeriums der FR. Der Anstieg sei auf
den verstärkten Einsatz bei Kindern zurückzuführen. Ritalin und Medikinet wird Kindern verschrieben, die unter dem so genannten Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leiden. Möller betonte, allein der Anstieg des Verbrauchs wäre kein Grund zur Sorge, weil das Mittel zur Behandlung von ADHS geeignet sei und zu Erfolgen führe. Allerdings habe das
Ministerium Hinweise auf eine zu leichtfertige Verordnung des Medikaments. Die Verschreibung setze ein sorgfältige Diagnose voraus, Kinder unter sechs Jahren
sollten es überhaupt nicht nehmen. Zudem dürfe das Mittel nicht isoliert, sondern müsse im Rahmen einer umfassenden Therapie verordnet werden.

Das Bundesministerium habe Untersuchungen der Landesgesundheitsministerien veranlasst. Diese sollten etwa ermitteln, in welcher Region oder bei welchen Ärzten Schwerpunkte der Verschreibung lägen. Zudem sei eine Recherche beim Apothekerrechenzentrum in Auftrag gegeben worden. So soll geprüft werden, ob die Berichte über fehlende Qualität bei den Verordnungen Einzelfälle seien.

Die Betriebskrankenkassen (BKK), die in Fragen der Arzneimittel bei den gesetzlichen Krankenkassen federführend sind, bestätigen den Trend der höheren
Verordnungszahlen. Der BKK-Bundesverband verweist auf den Arzneiverordnungsreport, der zwischen 1989 und 1999 eine Verzwanzigfachung der Verordnungen ausweist. Der Report begründet dies zwar mit einer "Unterverordnung", warnt aber auch vor einer zu laxen Verschreibungspraxis. Die BKK Nord, in deren Bereich es besonders viele Verschreibungen der Psychopharmaka gab, spricht von einem "Alarmsignal". Die Psycho-Pillen seien oft der falsche Weg, Ärzte sollten nach alternativen Therapien suchen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bestritt eine leichtfertige Verordnungspraxis. Fünf Prozent aller Kinder in Deutschland litten an ADHS.
Maximal ein Viertel der Betroffenen werde mit Methylphenidat behandelt, sagte Verbandssprecherin Gunhild Kilian-Kornell der FR. Dies sei "eindeutig zu wenig". In den USA würden 80 Prozent der Kranken mit dem Wirkstoff behandelt. Der Anstieg der Verordnungen sei wohl darauf zurückzuführen, dass sich die Erkenntnis durchsetze, dass es sich bei ADHS um eine Hirnstoffwechselstörung handele. Voraussetzung für eine Medikamentenbehandlung sei, dass andere Therapien
fehlgeschlagen seien oder die Aggression der Kinder eine andere Behandlung unmöglich mache."

Frankfurter Rundschau 2001
Erscheinungsdatum 08.08.2001

Autor: Kim 
Datum:   07.08.01

Hallo Abra,

ich kann gut nachvollziehen, was du schreibst, und trotzdem macht es mich fast fassungslos.

Ich glaube dir auf der Stelle, daß du in vielen Dingen besser bist als deine Kollegen, denn ich habe dich auch hier im Netz als differenziert denkenden Menschen erlebt.
Gerade deswegen erschüttern mich deine Aussagen insofern, als sie genau das im Grunde bestätigen, was ich ziemlich satirisch hier oben geschrieben habe. Versteh mich nicht falsch, das ist nicht gegen dich gerichtet , nicht "du" erschütterst mich, sondern die Tatsache, wie mit ADS und Ritalin heute umgegangen wird.
Womöglich ist es in der Realität noch viel schlimmer, als ich es so überzeichnet dargestellt habe.

Alles was du schreibst, stimmt ja und ich bin in vielem ganz deiner Meinung, nur in den Konsequenzen, die daraus folgen, da bin nicht mehr deiner Ansicht.

Zum einen beklagst du völlig zurecht die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dann eine Anpassung daran quasi forden. Und dann passt du dich eben an, notfalls mit einem Medikament, und bestätigst und verfestigst damit genau diese Verhältnisse, die du ja eigentlich anprangerst.
Das sehe ich anders: Ich will mich nicht an gesellschaftliche Normen anpassen, die ich gleichzeitig ablehne.

Du schreibst, die Wahlmöglichkeiten seien gering in unserer Gesellschaft. Das stimmt bedingt, denn obwohl gering, sind sie vorhanden. Es gibt noch einen Spielraum, in dem freie Entscheidungen möglich sind, natürlich muß man einen Preis dafür zahlen, und damit wird es zu einer Entscheidung um Prioritäten im Leben.
Z.B. schreibst du, daß wenig Zeit für die Kinder bleibt, weil beide Eltern berufstätig sein müssen. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine freie Entscheidung und liegt auch (!) daran, was für Konsumansprüche da sind und an den Wichtigkeiten, die jeder im Leben sucht, bzw. woran der einzelne am ehesten Abstriche macht. Und da kommen die Kinder und die Zeit für sie in meinen Augen eindeutig hintenan.

Weiter schreibst du, daß jeder Mensch glücklich sein oder werden möchte. Auch das stimmt natürlich, nur gibt es zum einen kein immerwährendes Glück und zum anderen ist die persönliche Definition von Glück sicher auch entscheidend. Ich kann mir gut vorstellen, daß das unbescheidene Streben nach immer mehr "Glück" eine der Ursachen ist, weswegen diese Diskussion um ADS und Ritalin so brisant geworden ist in unserer Gesellschaft.
Denn im letzten Satz schreibst du, daß es den Betroffenen durch die Diagnose ADS ermöglicht wird, eine durch Medikamente unterstützte Therapie zu erhalten. Damit (und in Zusammenhang mit dem Wunsch, es möge mir immer gut und immer besser gehen) sind doch dem Mißbrauch der Diagnose, um legal und kostenlos an "Dopingmittel für den Lebenskampf" zu kommen, Tür und Tor geöffnet.
Unter dieser Sichtweise verstehe ich die Klage gegen Novartis in Amerika noch viel besser, und werden nicht auch schon hier die Kinder gedopt, um den Anforderungen besser gerecht zu werden? Und ist diese weitläufige und schwammige Definition von ADS und die schon theoretisch ungenauen Diagnosekriterien (die in der Praxis nochmals in unglaublich verantwortungsloser Weise von manchen Ärzten vereinfacht werden) nicht auch nur ein Weg, der immer weiter in den Mißbrauch und die Abhängigkeit von Psychopharmaka führt?

Denn daß Ritalin nicht nur bei den "echt-ADS-lern" wirkt, ist dir bekannt, hält sich aber nachhaltig in den Köpfen mancher Leute, die via Internet auch zur Meinungsbildung beitragen.
Daß Ritalin dem Kokain verwandt ist und sicher auch eine verwandte Wirkung hat, weißt du auch. D.h. die Wirkung ist bei allen Menschen positiv im Sinne von konzentrationsfördernd, leistungssteigernd, aufmerksamkeitserhöhend usw. Ich bin sicher, mir täte Ritalin auch gut, dann wären meine Fenster häufiger geputzt, mein Haushalt insgesamt ordentlicher, ich würde diese postings vielleicht auch schneller schreiben können, würde mich insgesamt besser und "wacher" fühlen und sicher noch einiges mehr. Doch gerade darin liegt die immense Gefahr der derzeitigen Diskussion um ADS und Ritalin.
Und ich schließe mich da doch denen an, die in höchstem Maße besorgt sind über die Entwicklung, besonders was den Einsatz bei den Kindern betrifft.

Und dann noch, um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich zweifle nicht an dem "Leiden" der Kinder und ich zweifle auch nicht an dem "Leiden" der Eltern und auch nicht an deren Sorge und Angst um ihre Kinder und der empfundenenen Hilflosigkeit. Ich zweifle aber daran, daß dieses Leiden an einer "Neurotransmitterstörung namens ADS, zu behandeln in erster Wahl mit Ritalin" liegt. Für mich liegen die Ursachen ganz woanders und sind mit Ritalin höchstens zu "vertuschen" unter dem Preis einer Abhängigkeit von einer Droge. Ich kann mir auch vorstellen, daß Ritalin in einzelnen (!) Fällen durchaus mal sinnvoll ist, aber das hat nichts mit der gesamten Tendenz zu tun, die sich abzeichnet, und die ich so manches Mal nur noch mit Galgenhumor ertragen kann.

Grüße von Kim

Autor: abra 
Datum:   08.08.01

Kim,

du hast es richtig erkannt, ich bin weder eindeutig pro noch anti Ritalin eingestellt.

Vielleicht sollten wir mal definieren, wann ADS einer Behandlung bedarf. Das ist nämlich nicht schon dann erforderlich, wenn die Disposition und das auffällige Verhalten von Dritten festgestellt werden kann, sondern nur dann, wenn der Betroffene durch die Auswirkungen von ADS in seiner sozialen und persönlichen Entwicklung erheblich beeinträchtigt ist. Also wenn ein Kind in der Schule zwar vom Intellekt her prima mitkäme, aber duch seine Zappelei und Träumerei die Zusammenhänge und Details nicht mitbekommt. Das einfach nur lebhafte Kind bedarf mit Sicherheit keiner Behandlung. Die Definition dieser Grenze ist natürlich individuell verschieden. Der Lehrer wird dies anders sehen als die Eltern oder das Kind selbst.

Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal Kopfschmerzen als Vergleich heranziehen. Es gibt viele Menschen, die unter gelegentlichen Kopfschmerzen leiden. Sie ignorieren den Schmerz einfach oder sie nehmen ein Medikament, das die Schmerzen lindert. Im Gegensatz dazu ist Migräne ein Kopfschmerz, der nicht ignoriert werden kann vom Betroffenen. Der Schmerz - und seine Begleiterscheinungen - zwingen denjenigen dazu, sich aus dem normalen Tagesablauf auszuklinken, bis die Attacke vorbei ist. Das kann leider auch bis zu 72 Stunden dauern. Sicher, auch das kann man "aussitzen". Aber um welchen Preis? Auch hier bin ich froh, dass es Medikamente gibt, die meine Migräne-Disposition im Zaum hält bzw. die akuten Schübe lindern kann.

Deshalb bin ich durchaus dafür, in den oben genannten Fällen, in denen eine echte Beeinträchtigung vorliegt, Ritalin zu verschreiben. Und nur dann. Weder die Nachbarn, noch die Lehrer noch sonstwer hat das Recht, eine Diagnose zu stellen bzw. mich als schlechter Elternteil oder "unwilligen" Mitmenschen zu verurteilen.

abra

Autor: Isis 
Datum:   07.08.01

Hallo Kim,
ich habe dein Posting gelesen und diesmal überfiel mich Entsetzen und Trauer. Ich frage mich, wie man es schafft so voller Vorurteile zu sein. Daraus ersehe ich, dass das du dich wahrscheinlich noch nie mit den Menschen, die ADS haben, und deren Probleme auseinandergesetzt hast.
Meine ganze Familie (Vater, Mutter und 2 Kinder) sind von ADS BETROFFEN und ich kenne noch einige andere BETROFFENE: Man beachte die Ausdrucksweise!
Glaube mir; NIEMAND freut sich darüber, ADS zu haben.
NIEMAND freut sich darüber, ein Leben lang Medikamente zu schlucken.
Das wir BETROFFENEN ADS an unsere Nachkommen vererbt haben oder könnten, erfreut NIEMANDEN:
Im Gegenteil. Für meinen Mann und für mich war diese Erkenntnis das allerschlimmste an der Diagnose.
Hellst du uns für gefühllose Robotter, oder was?
Was mich du Andere nach der Diagnose allerdings erleichtert hat war die Tatsache zu wissen, woran wir sind und das wir nun massiv an uns arbeiten konnten und können.
Du verfällst da in so ein Mythos, indem du behauptest, wir sagten:“ Wir nehmen jetzt ein Pillchen und alles ist erledigt!“
Oh, nein! Wenn du dich mit ADS und der Literatur darüber auseinandersetzen würdest, wüstest du, dass Ritalin u. ä. einem nur hilft, zu lernen Struktur in dein Leben bringen zu können und therapeutisch (z.B. mit Psychotherapeut) arbeiten zu können.
Was du da über die Missgriffe der Eltern von ADS – Kindern schreibst, bringt mich fast zur Weißglut.
Hast du in den ADS – Seiten denn nicht gelesen, welchen Leidensweg diese Eltern schon gegangen sind?
Ich will jetzt und hier behaupten: „ Eltern dieser Kinder haben sich mehr um ihre Kinder gekümmert, (teilweises, weil sie mussten) als andere.
Weißt du, wie schwer es ist, mit einem hyperaktiven Kind z.B. zum Arzt zu gehen?
Ich wünsche es dir nicht. --- Oder doch?
Wir Eltern von ADS – Kindern waren bei unzähligen Therapeuten und Beratern und diese machen andere Vorschläge als Gameboy und Playstation, die dann auch befolgt werden in der Hoffnung, dass es hilft.
Einem Kind ein Medikament, wie Ritalin o.ä. zu verabreichen, ist das letzte, was ein liebendes Elternteil macht.
Was meinst du? Sind wir vielleicht Monster?
Meinst du, dass wir einer Diagnose wie ADS nicht auch skeptisch gegenüberständen und uns nicht Informierten?
Hellst du uns für dumm?
Ich persönlich weiß nicht, ob ich dumm bin . Ich habe einen IQ von 124 und Abitur (war trotzdem sehr schwer), aber jetzt neige ich zu Vorurteilen.

Über den Rest deines Postings schweige ich lieber. Es ist mir wirklich zu anstrengend, mich zu wiederholen.

Aber eines noch. Ich habe mit einigen Menschen gesprochen, die ADS haben, ich habe selbst ADS und ich weiß daher, was es anrichten kann.
Einige dieser Menschen und auch ich bekamen Ritalin und ich habe einen frappierenden Unterschied bemerkt.
Denn nicht nur, dass u.a. die Aufmerksamkeit erhöht war; nein.
Ich kann damit 20% besser sehen. Mein Sohn kann besser hören (Jahrelang zu HNO Ärzten gegangen und nichts gefunden) und mein anderer Sohn kann schreiben, so, dass man es auch lesen kann.
Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Denn, ich habe ja ADS.
Gruß
Isis