| Oh wie verführerisch - ist doch
das ADS! Autor: Kim |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 06.08.01
Liebe Kim,
das habe ich mich auch schon mehrmals gefragt: Wie ist es zu
erklären, dass sich trotz der so dünnen wissenschaftlichen
Grundlagen eine angebliche Krankheit wie ADS so großer
"Beliebtheit" bei den sog. "Betroffenen"
erfreut? Und wieso man auf solch heftigen, irrationalen
Widerstand stößt, wenn man darauf hinweist, dass viele (wenn
nicht gar alle) ADS-Diagnosen möglicherweise voreilig,
oberflächlich und damit falsch sind. Die Leute wollen sich ihre
"Krankheit" praktisch nicht mehr nehmen lassen, obwohl
sie doch eigentlich erleichtert sein könnten, zu erfahren, dass
es oft nicht viel auf sich hat mit ihrer Diagnose. Sie wirken in
den Internetforen wirklich teilweise stolz, wenn sie sagen, ihre
komplette Familie mit Vater, Mutter und 2 Kindern habe ADS (sei
also krank!), so, wie jemand stolz sagt, dass seine ganze Familie
musikalisch sei. Da staunen die anderen dann ganz ergriffen!
Ich glaube, das hängt zum Einen mit
Persönlichkeitseigenschaften der sog. "Betroffenen"
zusammen, zum Anderen liegt es aber auch am "Mythos
ADS", der bewusst gezüchtet wird.
Als man noch MCD dazu gesagt hat, gab es diesen Mythos schon
deshalb nicht, weil allein die Bezeichnung "minimaler
frühkindlicher Hirnschaden" oder "minimale
frühkindliche Dysfunktion" eher erschreckend für Eltern
klang; so etwas wollte man nicht freiwillig haben. Hirnschaden?
Nein, danke (obwohl es auch damals nicht wenige gab, die die
Diagnose erleichternd fanden, aber so ausgeprägt wie heute mit
ADS war es nicht. Vielleicht auch, weil es noch keine
Internet-Foren gab).
Auch HKS als "hyperkinetisches Syndrom" erfreute sich
nie dieser "Beliebtheit", auch diese Diagnose klingt
unheimlich-abschreckend für Laien (eine Mutter nannte es mal
"hyperchinesiches Syndrom").
Aber ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, das klingt eher
harmlos. Und es bedeutet ja so Vieles und Positives:
Kreativität, Hochbegabung, Eigenwille, usw. Es hilft, fast alles
zu "erklären". Dass es eine
Hirnstoffelwechsel-Störung sein soll, auch noch genetisch
bedingt und erblich, wird einfach beiseite geschoben und durch
verschiedene private Definitionen verschleiert. Da läuft eine
erstaunliche kollektive Verdrängung, teils aus Unwissenheit und
einseitiger Information (z.B. durch einschlägige
Internet-Foren), teils aus psychoneurotischer Abwehr gegen die
wahren Ursachen von psychischen Störungen.
Zum "Mythos ADS" gehört auch die Vorstellung, dass
Ritalin u.ä. damit untrennbar verbunden wird, und diese Mittel
wie alle Psychopharmaka natürlich deutlich wirken. Viele
glauben, die Wirkung dieser Medikamente beweise die Richtigkeit
ihrer ADS-Diagnose. Dass man zur sinnvollen Medikation solcher
Medikamente das ADS-Konzept nicht wirklich braucht, will niemand
glauben.
A propos Glauben: Die Diskussion mit überzeugten ADSlern
erinnert mich sehr an Diskussionen mit anderen überzeugten
Fanatikern. Eine Mutter, überzeugte Anhängerin der "Zeugen
Jehovas der Letzten Tage", mit der ich darüber diskutieren
wollte, dass ihre Kinder darunter litten, dass sie mit ihnen
nicht Weihnachten feierte, warf mir vor, ich stünde mit dem
Teufel im Bunde. Ein Priester, gefragt, wie er die Existenz
Gottes beweise, sagte: "Diese Frage stellt sich nicht".
Ein Kommunist, damit konfrontiert, dass die Menschen anders
konstruiert seien, als er impliziere, sagte: "So redet ein
Kapitalist".
Es ist offenbar für viele Menschen extrem erleichternd und
verführerisch, sich auf der Seite der absoluten
"Wahrheit" zu fühlen. Zweifel können dann nicht mehr
zugelassen werden. Die Antwort: "Das weiss ich nicht, das
weiss man noch nicht" wird verboten.
Was Persönlichkeitseigenschaften betrifft, die das Zulassen
solcher Zweifel verhindern bzw. erleichtern, so spielen dabei
beispielweise a)die neurotische Tendenz, b) Intelligenz und
Allgemeinbildung, c)autoritäre Erziehung, d)unabhängiger
Denkstil
eine wichtige Rolle.
Soviel für heute.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Elisabeth
(himmelblau) Datum: 07.08.01 >>Zum "Mythos ADS" gehört auch die Vorstellung, dass Ritalin u.ä. damit untrennbar verbunden wird, und diese Mittel wie alle Psychopharmaka natürlich deutlich wirken. Viele glauben, die Wirkung dieser Medikamente beweise die Richtigkeit ihrer ADS-Diagnose. Dass man zur sinnvollen Medikation solcher Medikamente das ADS-Konzept nicht wirklich braucht, will niemand glauben.<< Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt! Obigen Mythos haben Sie selbst in die Welt gesetzt. Auf so gut wie jeder seriösen Seite zum Thema Add finden Sie die Feststellung, dass Ritalin nur bei 80% aller diagnostizierten ADDlerInnen wirkt. Zudem wird nirgends behauptet, dass Ritalin bei Nicht-AddlerInnen keinerlei Wirkung zeige. Lesen Sie z.B. die entsprechenden Stellen bei www.psychologie-online.ch/add nach. Dort steht ausdrücklich, dass man von Wirkung oder Ausbleiben der Wirkung nicht auf Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von ADD schließen darf!!! Zudem, wenn ADDler so scharf auf ein "Allheilmittel" für ihre Beschwerden sind, warum wirkt das Zeug dann nicht nach dem Motto: je mehr, desto stärkere Wirkung? (schließlich ist das doch auch bei Alkohol so, auch wenn die Wirkung natürlich alles andere als positiv ist.) Tatsächlich muss im Fall eines von ADD Betroffenen die Dosis ganz genau eingestellt werden, und es kommt durchaus vor, dass die Wirkung bei zu hoher Dosis flöten geht (im Sinn von: "es wirkt nicht", nicht im Sinn von "die Nebenwirkungen sind zu stark"), aber die Wirkung wieder eintritt, wenn man die Dosis herabsetzt bis sie am "optimalen" Niveau ist für diesen betreffenden Menschen. Zahlreiche ADDlerInnen benötigen deshalb Tablettenteiler, um halbe Tabletten zu erzeugen. Wie käme denn ein Mensch, der nur zur Tablette greift als Allheilmittel für seine Probleme, auf die absurde Idee, diese zu halbieren oder gar zu vierteln? Und warum vergessen soviele AddlerInnen immer wieder darauf, ihre Tabletten zu nehmen? (Marianne hat Sie übrigens ganz konkret gefragt, wie Sie glauben, dass bei i h r Ritalin wirkt. Ich frag mich, was an der Frage unklar ist.) Add verläuft auf einem Kontinuum, und es gibt sehr viele ADDlerInnen, die unbehandelt recht glücklich durchs Leben gehen (weil ihre "Störung" nur schwach ausgeprägt ist, oder ihre "Belastung" von außen dank spezieller günstiger Lebensumstände gering ist). Oft richten sich Menschen fast unbewusst ein add-gerechtes Leben ein, erst wenn das nicht mehr fortgeführt werden kann, merkt man und merken sie selber deren ADD. So gibt es z.B. immer wieder Berichte von Leistungssportlern, vor allem Läufern, deren Add zutage tritt, nachdem sie ihre Karriere verletzungsbedingt beenden müssen. (Und das ist eben nicht durch "Freizeitsport" kompensierbar,wiewohl sportliche Betätigung die Add-Symptome lindern kann.) Für jene, bei denen sich ein enormer Leidensdruck einstellt, ist Ritalin zwar nicht untrennbar damit verbunden, aber es ist ein Mittel, das erfahrungsgemäß in 80% aller Fälle hilft und kaum Nebenwirkungen hat, zudem ist dokumentiert, dass Nebenwirkungen bei Absetzen sehr schnell verschwinden. Über Langzeitwirkungen ist bisher nichts bekannt, und es gibt das Medikament schon 60 Jahre. ADDlerInnen sind Menschen wie andere auch, nicht besser und nicht schlechter und auch hinsichtlich der Intelligenz ist das ganze übliche Spektrum vertreten. Aufgrund des Wahrnehmungsstils (ein Addler nimmt in einer Situation praktisch immer "alles" gleichzeitig wahr, er tut sich schwer damit Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden, und er lebt im "Hier und Jetzt", weil für ihn praktisch jede Situation wieder neu ist) ist es für mich durchaus logisch, dass ADDler oft kreativ sind (denn um mit einer solchen Wahrnehmung "zurechtzukommen", bleibt ihnen eigentlich gar nichts über als kreativ zu sein, und was ist Kreativität - das Durchbrechen schematischer Abläufe und gewohnter Bahnen, das Betrachten von Dingen aus ungewohnten Blickwinkeln) - andererseits aber auch Schwierigkeiten mit Lernen und insbesondere mit sozialem Lernen haben, weil sie das Gemeinsame an ähnlichen Situationen nicht so leicht erfassen können, insbesondere aus negativen Erfahrungen kaum für die Zukunft lernen können und auch durch positive Anreize nur dann zu motivieren sind, wenn sie nicht sehr weit in der Zukunft liegen. Eine Gehaltserhöhung in einem Jahr oder das Jahresabschlusszeugnis ist z.B. zu weit weg, während unmittelbares Lob sie weit mehr anspornt. Nun kann man die Kreativität zum Guten wie auch zum Schlechten einsetzen. Es ist durchaus möglich, dass Hitler Add hatte. Um ein weniger drastisches Beispiel zu nehmen: ich habe schon von mehreren AddlerInnen die Vermutung gehört, dass z.B. die Art und Weise, wie sich der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider aufführt sowie auch z.B. Schilderungen seiner Schwester über ihn verdächtig nach Add aussehen - und der ist mit Sicherheit kein erwünschtes Vorbild für diese selbst betroffenen AddlerInnen gewesen. An nichtmedikamentösen Alternativen wäre vor allem Neurofeedbackbehandlung zu nennen - eine Methode, die nennenswerte Erfolge vorweisen kann, die aber sehr zeitaufwendig (3 x /Woche Sitzungen - und dazu kommt dann noch die Anfahrtszeit, es ist übrigens eine Mär, dass Add ein "Großstadtphänomen" sei) und kostspielig ist. Zudem ist die Wirkung lang nicht so gut dokumentiert wie bei Ritalin, und über Langzeitwirkungen ist erst recht nichts bekannt. Eine evtl. Alternative könnte Johanniskraut in geeigneten Dosen (weit höher als die üblichen) sein, allerdings dürfte die Wirkung dennoch schwächer sein als bei Ritalin. Zudem ist auch Johanniskraut, wiewohl rein pflanzlich, keineswegs "harmlos" - es greift ebenfalls in den Gehirnstoffwechsel ein und beeinträchtigt sogar die Wirkung anderer Medikamente oft erheblich. Nichtsdesto trotz würden viele Eltern, so sie in ihrem Ort dazu die Möglichkeit haben und die Behandlung von den Krankenkassen finanziert würde, es mit Sicherheit begrüßen, dass ihr Kind Neurofeedbacktherapie macht, falls dadurch die Chance besteht, auf Ritalin verzichten zu können. Im übrigen gibt es sehr wohl Hinweise, dass es spezielle Besonderheiten/Abnormitäten im Gehirn von ADDlerInnen gibt (da ich heute nur mal zwischendurch schreibe, mach ich mir jetzt nicht die Mühe, danach zu kramen), konkret ging es irgendwie um den Glukosehaushalt beim Problemlösen oder ähnliches und dementsprechende Aufnahmen sind dokumentiert. Allerdings sind nach heutigem Wissensstand solche Veränderungen im Gehirn auch durch andere Prozesse möglich, sodass das Ganze zwar eben ein Hinweis, aber kein Beweis ist, gleiches gilt wohl auch für die EEG-Wellen, die auch gelegentlich in der Literatur erwähnt werden. Das ist wohl auch der Grund, warum man sich derart extrem teure Untersuchungen spart. Im übrigen wundert es mich, dass niemand solche Untersuchungen bei Depressionen fordert, als Beweis dafür dass man wirklich depressiv ist und es nicht irgendetwas anderes ist. Dass auch das Gehirn Depressiver charakteristische Veränderungen aufweist, ist nämlich bekannt. Ich hoffe, dass Abra jetzt hier mitliest (denn ich schreib heut nur ausnahmsweise): Warum, wenn AddlerInnen so sehr nach einem Allheilmittel für ihre Probleme suchen, sind sie dann nicht schon zufrieden, wenn sie Antidepressiva schlucken? Auch das wäre doch eine "billige Lösung", nach der sie ja suchen. Und tatsächlich machen fast alle erwachsenen ADDlerInnen, die unter ihrem ADD leiden, auch Depressionen durch, die so stark sind, dass sie mit Antidepressiva in Berührung kommen. Mir wurden vor vielen vielen Jahren, mit 19 oder 20, Antidepressiva verordnet, und zwar nach der Reihe immer ein anderes (mitunter auch eine Kombination), weil die Wirkung meist überhaupt nicht eintrat, oder ich mich bloß müde und umnebelt fühlte. Unter all den verschiedenen Dingern, die ich verschrieben bekam - und das waren eine Menge - gab es ein einziges, bei dem ich eine leichte Stimmungsaufhellung verspürte (damals wusste ich weder was von Ritalin noch von Add, aber ich hab später mal nachgelesen und herausgefunden, dass es auch gegen motorische Unruhe eingesetzt wird), da ich ja, wie Abra schreibt, so drauf aus war, meine Probleme mit Medikamenten zu lösen, hab ich nach 9 Monaten mit der medikamentösen "Therapie" Schluss gemacht, und alle Reste (viel wars eh nicht mehr), weggeworfen. Ich hatte also aus eigenem Antrieb damit Schluss gemacht, auch einerseits aus Angst, von Medikamenten "abhängig" zu werden, andererseits weil ich ebenso nicht verstand, warum man da wilddrauflos irgendwas an Stoffen zuführt, ohne je zu untersuchen, welche Stoffe mir fehlen - begonnen hatte ich nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Drängen meiner Familie. (Ich war damals bereits von zuhause ausgezogen und nur ab und zu auf Besuch daheim.) Dann war ich eine ganze Weile unbehandelt, und begann irgendwann später aus eigenem Antrieb eine Psychotherapie. Während ich 9 Monate medikamentös behandelt wurde, machte ich alles in allem insgesamt mehrere Jahre verschiedene Therapien, und zwar aus eigenem Antrieb. Ich kann also Abra und auch Ihnen Herr Dipl.-Psych. Schmidt sagen, dass ich in bezug auf meine Add-Problematik all jene "Problemfelder", die z.B. von Abra angesprochen wurden, therapeutisch aufgearbeitet habe, und zwar in Einzeltherapie wie auch in Gruppentherapie. Niemand kann es einem verübeln, wenn man - damals gab es noch keine Therapie auf Krankenschein - sehr viel Zeit, Energie und Geld investiert, um mit seinem Leben zurechtzukommen, und es stellt sich absolut keine Besserung ein (Wobei ich nicht sage, dass die Therapien generell wirkungslos waren, ich habe in einigen Dingen profitiert von ihnen, in bezug auf all das, was heutzutage unter ADD zusammengefasst wird, trat jedoch absolut keine Besserung ein) dann von einem Modell (psychoanalytische Gesprächstherapie - und es ist mir egal, wie das nun korrekt heißt, wenn man bei einer Therapie die ganze Zeit sitzt und mit der Therapeutin spricht, sind das Gespräche, und die Gespräche waren ganz bestimmt nicht nach Rogers geführt (den kenn ich selber aus meiner Studienzeit - ist eine klasse Methode, aber keine Therapie), sondern basierten auf psychoanalytischen Vorstellungen; Psychodrama sowie einmal eine wilde Mischung (konzentrative Bewegungstherapie, Musiktherapie, Maltherapie u. noch einiges) und all das nicht den erhofften Erfolg gebracht hat, dann umsteigt auf eines, das genau auf die eigene Problematik zugeschnitten ist. Ich bin nämlich nicht die einzige mit einer derartigen therapeutischen Odyssee - von einer ganzen Reihe anderer Erwachsener weiß ich, dass sie ebenfalls z u e r s t Therapien versucht haben, und zwar j a h r e l a n g, bevor sie auf Add gestoßen sind. Zudem ist Add deshalb als Konzept so verlockend, weil es - für die Betroffenen - stimmig ist. Mir konnte vorher z.B. niemand sagen, warum ich beim Autogenen Training es absolut nicht schaffte, dieses durchzuführen, obwohl mir die Leiterin ausgesprochen sympathisch war und obwohl sie ihr Fach verstand. Es war mir selber nicht klar, warum ich z.B. meine Kaffeetasse in Gedanken irgendwo abstelle und mich kurz danach weder erinnere, ob ich sie ausgetrunken habe noch wo ich sie hingestellt habe, manchmal finde ich auch Dinge, die mir gar nicht abgegangen sind, an seltsamen Orten wieder - es wird sonst nirgends beschrieben, wie ein Addler z.B. beschließt, sein Zimmer aufzuräumen, dabei gerät ihm ein Buch in die Hand, und er beginnt, das Buch zu lesen, und vergisst darüber, was er eigentlich machen wollte. Das ist also durchaus etwas, warum das Konzept "Add" so gern angenommen wird, weil man aufgrund der Add und der dadurch bedingten gestörten Wahrnehmung sich sehr oft unverstanden fühlt und auch tatsächlich nicht wirklich verstanden wird - und plötzlich trifft man auf Leute, die in der Lage sind, die eigenen Gefühle nachzuvollziehen, weil sie sehr ähnliche Erlebnisse haben Tag für Tag. In der Tat passieren Dinge, wie ich sie erzählt habe, sog. "normalen" Leuten auch, aber es ist bei ihnen nicht so, dass diese Dinge sich wie ein roter Faden durchs Leben ziehen. Zudem haben sehr viele AddlerInnen aufgrund solcher Vorkommnisse die Angst, an Alzheimer erkrankt zu sein. Und im Vergleich zu Alzheimer schon in jungen Jahren ist Add wirklich die wesentlich angenehmere Diagnose, zumal man in Kontakt mit Leuten ist, die bereits medikamentös behandelt wurden/werdeb und deren Leben seither in vielen Fällen eine sehr deutliche positive Wendung genommen hat - und insofern ist ein Gefühl der Erleichterung durchaus nachvollziehbar. Was die "absolute Wahrheit" betrifft. Das ist eine ziemlich müßige Diskussion. Ein Priester, danach gefragt, die Existenz Gottes zu beweisen, kann gar nicht anders antworten als oben angegeben. Denn Glauben ist keine Wissenschaft. Man glaubt an etwas oder man glaubt es nicht. Ein Fanatiker ist man erst dann, wenn man diese Glaubensüberzeugung anderen aufzwingen will und einem die Idee und das Durchsetzen der Idee dabei wichtiger ist als der Mensch, der einem gegenübersteht. Es ist aber nicht so, dass alles, was nicht bewiesen werden kann, keine Wissenschaft sein kann. In vielen Wissenschaften gibt es Teilbereiche, wo man darauf angewiesen ist, Vermutungen anzustellen, und das gilt nicht nur für die sog. "weichen" Wissenschaften wie etwa Soziologie sondern auch z.B. für Physik. Es gibt eine Reihe von erwachsenen ADDlerInnen, die genau die Folgen einer "ADD gibt es nicht"-Haltung ausbaden haben müssen. Diese Erwachsenen wurden gar nicht oder falsch diagnostiziert, oder richtig diagnostiziert, aber falsch behandelt. Bei manchen wurde zwar mit Ritalin behandelt, das Medikament aber mit 16, 17 oder 18 abgesetzt, weil sich ADD im Jugendalter auswachse. Frauen bzw. Mädchen wurde oft gesagt, dass Add nur bei Jungen auftrete. Meist treten dann spätestens mit 25, 30 die Probleme ganz offen und verschärft zutage. Manche wussten ihr Leben lang nicht, was los ist mit ihnen - und tatsächlich gilt eine MCD-Diagnose in der Kindheit als Hinweis auf mögliches Vorliegen von ADD. Was darauf hindeutet, dass es zumindest nicht in allen Fällen etwas "Eingebildetes" war, sondern nur etwas, was man nicht richtig benennen konnte damals. Was es ist, wie man es nennt, ist im Grunde egal - die Frage ist, was haben diese Menschen dadurch gewonnen, dass es ein paar Wissenschaftler gibt, die bewiesen haben, dass es "MCD" nicht gibt, oder dass sich "ADD mit dem Jugendalter" auswachse. Tatsächlich hat das dann dazu geführt, dass sie unbehandelt blieben, und dass ihr Leben allmählich den Bach runterging. Neben der Tatsache, dass heute manchmal fälschlicherweise ADD erkannt wird (dies ist durch sorgfältige Diagnostik zu verhindern!, das heißt man dürfte sich dann nicht darüber aufregen, dass es Add nicht gibt, sondern dass die falsch-diagnostizierenden Ärzte sich zuwenig Zeit für die Diagnose nehmen, dass sie schlampig sind oder was auch immer - dies beträfe dann aber nicht bloß Add sondern ärztliche Diagnosen generell, jedenfalls sind Patienten mit Add-Diagnose, die nach dem Zufallsprinzip rausgesucht werden (und das tun sie ja, wenn Sie sich in ein Forum einer Selbsthilfegruppe begeben), dann sicher nicht der geeignete Ansprechpartner - darf man nicht übersehen, dass in vielen Fällen vor allem in der Vergangenheit ADD verkannt wurde, insbesondere wenn man sich die Auswirkungen auf die Menschen, deren ADD verkannt wurde, ansieht. Es gibt Statistiken, die ganz eindeutig belegen, dass die Gefahr des späteren Drogenmissbrauchs bei ADD-diagnostizierten Jugendlichen, die mit Ritalin behandelt werden, signifikant geringer ist. Auch sind depressive Störungen und ein gestörtes Selbstwertgefühl eine nahezu unvermeidliche Folge eines unbehandelten Add. Genau deshalb stelle ich immer wieder die Frage, wieviele d i a g n o s t i z i e r t e ADDler, deren Arzt zu medikamentöser Therapie geraten hat, dies abgelehnt haben (bzw. deren Eltern) und von Ihnen therapiert wurden? Denn es gibt viele Eltern, denen keineswegs wohl zumute dabei ist, dass ihr Kind eine medikamentöse Behandlung bekommen soll - die werden jede Alternative mit Freuden aufgreifen. Wenn es eine derartige Flut von falsch diagnostizierten ADD-Kindern gibt, dann müssen doch auch schon welche bei Ihnen in der Beratungsstelle gewesen sein. Und wenn Sie Ihre Meinung dort so vehement vertreten wie hier, können Sie sicher manche Eltern davon überzeugen, dass Sie zuerst mal auf die medikamentöse Therapie verzichten und es doch mit Familientherapie versuchen. Und wenn Sie nun schon Familientherapie als Alternative zu medikamentöser Add-Behandlung anpreisen, würde mich interessieren, was Familientherapie im Fall einer ärztlich anerkannten Add bewirkt und wodurch sie das bewirkt, zumal ich auch schon zweimal von Fällen gehört habe, in denen - ohne Erfolg - zuerst eine Familientherapie versucht wurde, und noch öfters von Fällen, in denen sonst irgendeine Therapie voranging. (Denn dass es durch familiäre Konflikte bedingte ähnliche Erscheinungen wie Add gibt, bestreitet niemand, und auch diese Feststellung finden Sie auf jeder seriösen Website und in jedem seriösen Buch zum Thema.) Die Antwort darauf haben Sie vor Tagen zwar schon einmal angekündigt, aber ich frage mich, wann sie denn nun endlich kommt. |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 07.08.01
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für Ihren beeindruckenden Brief! Ich kann nicht auf
alles eingehen,was Sie schreiben, dazu fehlt mir momentan leider
etwas die Zeit. Vieles kann ich so unterschreiben, anderes sind
Missverständnisse, weil Sie mir etwas zuschieben, was ich gar
nicht behauptet habe (z.B. dass Eltern oder
"Betroffene" "scharf" seien auf Ritalin. Ich
vertrete in dem von Ihnen eingangs zitierten Statement
stattdessen die These, dass viele Leute davon überzeugt sind, zu
ADS gehöre untrennbar Ritalin, und umgekehrt. Auch zum Thema
"Familientherapie und ADS" bitte ich um Geduld).
Aber lassen Sie mich dennoch kurz sagen, was ich Ihrem Brief
zusammenfassend als Essenz entnehme: Ritalin o.ä. Medikamente
wirken positiv auf einige (wenn nicht gar viele)
Verhaltensschwierigkeiten unklarer Genese.
Ich glaube, das ist die Kernaussage, auf die sich Ihre
Ausführungen zusammenfassen lassen.
Dazu sage ich: aber das leugnet ja auch niemand. Das ist ja
wissenschaftlich gut belegt. Das braucht mir niemand vorzuhalten,
als hätte ich es irgendwo abgestritten.
Mein Punkt ist ja immer ein anderer, nämlich das, was ich eben
mit "unklarer Genese" umschrieben habe: Die fraglos
positive (aber natürlich nicht heilende) Wirkung von Ritalin
beweist nicht "ADS" als Krankheit oder Syndrom. Die
Genese der Verhaltensprobleme bleibt fraglich-vieldeutig. Ritalin
hätte auch dann eine positive Wirkung, wenn man die Diagnose und
das vieldeutige Syndrom ADS gar nicht kennen oder weglassen
würde.
Meine Kritik setzt an dieser Vieldeutigkeit und Unschärfe der
Diagnose "ADS" an, dass man praktisch alles dahinein
packen kann, was man an Verhaltensauffälligkeiten festzustellen
glaubt. Ihre Vermutungen zu Hitler und Haider zeigen das. Immer
mehr "Fachleute" machen solche (Fern-)Diagnosen
ausschließlich aufgrund von subjektiven
Laien-Verhaltensbeobachtungen (Eltern, Lehrer etc., ohne große
eigene, zuverlässige Erhebungen). Ein solch unpräzises und
ubiquitäres Syndrom taugt aus meiner Sicht nosologisch einfach
nicht viel.Darauf sollte man verzichten. Und nichts gegen
hilfreiche Medikamente im Einzelfall!
Das ist meine These.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Isis Datum: 07.08.01 Sehr geehrter Herr Schmidt, nachdem ich ihre Antwort an Kim gelesen habe, kam ich nicht umhin, Ihnen auch etwas zuschreiben. Obwohl, eigentlich wollte ich ja nicht mehr schreiben, da Sie mir auf mein letztes Posting noch immer nicht geantwortet haben und ich somit annehme, dass meine Beiträge es nicht wert sind, darüber zu diskutieren. Ich frage mich sowieso, was Sie unter diskutieren verstehen. Ich habe gelernt, dass man unter diskutieren ein Entgegensetzen verschiedener Argumente versteht, wobei es auch sein kann, dass man sich in verschiedenen Punkten recht geben kann. Was aber in diesem Forum teilweise abläuft, ist alles andere als diskutieren und ich finde, dass Sie als Hausherr die meiste Schuld daran haben. Sie argumentieren größtenteils nicht, sondern schmettern jede Gegenrede ziemlich unqualifiziert ab. Aber ich merke, ich schweife ab. Auch Ihnen rate ich, wie schon Kim, sich einmal mit dem MENSCHEN mit ADS auseinander zusetzen. Sich mit Menschen auseinander zusetzen ist doch schließlich Ihr Beruf und Sie werden sehen, dass es im Grunde niemanden freut, ADS zu haben, dass es ein langer Leidensweg ist und sehr viel Arbeit, alles auf zuarbeiten, was durch das Nichtwissen von ADS zerstört wurde. Wenn jemand in einem Internetforum schreibt, dass die ganze Familie ADS hat, glaube ich nicht, dass dies etwas mit Stolz zu tun hat, sondern ehe zu sagen scheint: Hallo Leute; wir haben es auch und wir können in etwa nachvollziehen, was Ihr durchgemacht habt und wie Ihr Euch fühlt! Aber das ist wohl Interpretationssache. Sie reiten bei Ihrer Argumentation immer auf Namen und Bezeichnungen herum. Wozu? Mir persönlich ist es ganz egal, wie das Ganze heißt. Ob MCD ADS oder HKS. Von mir aus kann es KILLEFITZ heißen. Wenn es nur hilft! Des weiteren stelle ich fest, dass Sie im letzten Satz des dritten Abschnitts (teils aus psychoneurotischer Abwehr gegen die wahren Ursachen von psychischen Störungen) eine Diagnose stellen. Frage: Wie kommen Sie darauf? Haben Sie uns alle untersucht? Wie kann man eine Diagnose stellen, wenn man sich nur auf Vorurteile beruft? Ich hätte hierauf bitte unbedingt eine Antwort, denn ich habe keine Vorurteile und es würde mich sehr interessieren. Im vierten Abschnitt unterstellen Sie, dass die ADS´ler behaupten würden, dass, wenn Ritalin wirke, die ADS Diagnose damit bestätigt wäre. Diese Behauptung Irritiert mich sehr, denn er beweist mir, dass Sie die Literatur über ADS entweder unzureichend oder gar nicht gelesen haben. Das ist nicht sehr professionell. Ich werde Sie daher aufklären müssen und hoffe, dass Sie etwas lernen. In JEDEM Fachbuch über ADS steht geschrieben, dass Ritalin u.ä. bei ADS nicht anzuschlagen braucht und dass, wenn es anschlägt nicht unbedingt der Beweis für ADS ist. Auch steht dort, dass die Medikation allein nicht reicht, sondern, dass, wie sie so schön sagten auch ein Konzept braucht. Man weiß auch, dass nicht jeder ADS´ler Ritalin u.ä. nehmen darf (z.B. Bluthochdruck). Aber ich glaube Sie (wie auch Kim) halten uns ADS´ler für zu dumm, um das zu verstehen und umzusetzen. Sorry, ich will niemanden beleidigen, aber das musste ich jetzt mal sagen, sonst bekomme ich eine psychische Störung. Ihre Geschichte von der Zeugin Jehova, dem Priester und dem Kommunisten würde ich gerne in Ihre Witzeecke verbannen, wenn es nicht so ernst wäre. Hier fühle ich mich persönlich angegriffen und sehe auch hier, mit wie vielen Vorurteilen Sie behaltet sind. Ich für meinen Teil bin absoluter Atheist und glaube nur das, was ich sehe, bzw. wovon ich mich überzeugen kann. Und glauben Sie mir; ich habe es mir und meiner Familie mit der Diagnose nicht leicht gemacht und kleine Zweifel bestehen immer noch. Jedoch sehe und erlebe ich die Veränderungen bei mir und Anderen und wenn Sie wirklich gewillt sint, sich mit dem Thema ERNSTHAFT auseinender zusetzen und VERNÜNFTIG zu diskutieren, dann stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. So. Nun zu Ihrem letzten Satz. Den aben Sie doch bestimmt nicht ernst gemeint? Oder? Wenn ja, dann kann ich dazu nur sagen: PFUI!!!!!!! Wie kann ein gebildeter Mensch so tief sinken und viele Leute, die er gar nicht kennt, so beleidigen?!?! Da ich ein friedliebender Mensch bin und nicht weiß, was Sie zu solchen unqualifizierten Beleidigungen treibt, bitte ich Sie das Ganze noch einmal zu überdenken und dann können wir es ausdiskutieren. Mit freundlichen Grüßen Isis |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 09.08.01
Liebe Isis,
das sehe ich anders. Wie, können Sie gerne weiter unten in
meiner Diskussion mit Elisabeth und Kim über Psychoanalyse sowie
in meinem heutigen Beitrag zum Thema "Anlage und
Umwelt" lesen.
Übrigens: Wissenschaftstheoretisch sind die Axiome, die
Watzlawick beschreibt (sie stammen überwiegend gar nicht von
ihm!), wohl die schwächsten.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Antje Datum: 07.08.01 Hallo Kim Solange man ADS nicht eindeutig nachweisen kann bestehen auch bei mir Zweifel , aber soviel Ironie und Verständnislosigkeit das ist für mich einfach nur eine bodenlose Frechheit. ICH habe mich nicht über diese Diagnose gefreut und ich bezweifle das andere Eltern dies anders sehen. Mein Kind bekommt auch KEIN Ritalin und ich versuche immer noch andere Wege zu finden. Ritalin macht mir Angst und ist für mich nicht das Mittel 1. Wahl, allenfalls das allerletzte Mittel was ich einsetzen würde um meiner Tochter zu helfen!! ABER ich würde es einsetzen wenn es nicht mehr anders geht!!! Im übrigen bin ich der Meinung das diese Diskussion nicht viel bringt!!! Ich bin kein Fachmann niemand kann MIR ADS wirklich beweisen, ABER genauso kann ich sagen das es auch noch KEINER geschafft hat mir das GEGENTEIL (nämlich das es ADS nicht gibt) zu beweisen. Letztendlich muß jeder selber die Verantwortung dafür übernehmen, WEM er glaubt und WAS man macht!!! Ich ziehe jedenfalls nicht über Leute her die meine Meinung nicht teilen!!! Mit freundl. Grüßen Antje |
Autor: abra
Datum: 07.08.01
Kim,
eine Diagnose bedeutet in der Regel einen ersten Haltepunkt nach
einer langen und zermürbenden Odyssee, immer auf der Suche nach
einem Hinweis, warum ein Kind oder Erwachsener seiner Umwelt auf
den Keks geht bzw. sich nicht in ihr zurechtfinden kann, obwohl
der Wunsch nach Anpassung an das jeweilige System da ist.
Ist die Diagnose gestellt, kann man anfangen, über die weiteren
erforderlichen Schritte nachzudenken. Dazu gehört z.B., dass
sich ein Erwachsener darüber klar wird, ob sein Job wirklich
seinen Fähigkeiten und vor allem seinem Wesen entspricht. Bei
einem Kind ist zu überdenken, ob es sich in einer anderen
Schulform besser entfalten kann.
Leider ist der Druck durch die Gesellschaft, die sofort auf
solche Außenseiter reagiert, extrem hoch. Gefordert ist ein
funktionierender, anpassungsfähiger Mensch, der möglichst nur
das tut, was von ihm erwartet wird und der möglichst nicht über
den Tellerrand schaut. Ich spreche aus eigener Erfahrung, das
kann ich dir sagen.
Teilweise hatten Kollegen ob meiner Art, Aufgaben und
Arbeitsgebiete an mich zu reißen Angst, ihren eigenen Job zu
verlieren, weil ich teilweise einfach besser bin als sie. Und den
Arbeitgebern sind solche Mitarbeiter unangenehm, weil diese am
Ende mehr über das Unternehmen wissen, als der Chef selbst. Also
wird darauf gepocht, bitte nur das übertragene Gebiet zu
bearbeiten. In Krisensituationen sind aber komischerweise alle
dankbar, wenn der ADSler in der Lage ist, aus dem Hut eine
Lösung herbeizuzaubern, auch wenn das gar nicht seinem
Arbeitsgebiet entspricht. Das geht eben nur, wenn alle Antennen
auf Empfang sind - trotz angeordneter Eingrenzung auf das
Sachgebiet.
So. Jetzt bin ich völlig vom Thema abgekommen. Eine Diagnose
bedeutet für mich also die Möglichkeit, eine Entscheidung über
mein weiteres Leben fällen zu können. Denn das Lebensziel ist
doch bei allen Menschen gleich: Glück. Ob ich das nun mit
Medikamenten und Therapien oder einfach durch eine
Neuorientierung meiner Umwelt erreichen kann, die Diagnose gibt
mir die Möglichkeit dazu.
Ich bin also nicht blöd, sondern die Umweltbedingungen
entsprechen nicht meinen Anforderungen.
Sind wir also bei den Kindern, die dies sicherlich nicht alleine
entscheiden können. Da sind die Erziehungsberechtigten
gefordert. Und auf denen lastet natürlich auch der Druck der
Gesellschaft - oder besser der Leistungsgesellschaft. Also werden
sie versuchen, ihren Schützlingen eine ideale Schulbildung zur
Verfügung zu stellen.
Doch was ist mit unseren Lehrern los? Da wird sofort ein
Elterngespräch angeordnet, weil das Kind den Unterricht stört
bzw. nur träumend anwesend ist. Das darf nicht sein, weil die
Belastungsgrenze der Lehrer doch schon extrem herabgesetzt ist.
Der Lehrplan ist vollgepackt, die Kollegen fallen immer öfter
krankheitsbedingt aus, die Teilungslehrer stehen nicht zur
Verfügung, weil sie als Springer die krankgeschriebenen Kollegen
vertreten müssen - oder, wie bei meiner Tochter geschehen -, sie
werden schwanger und gehen in den Mutterschutz. Natürlich gibt
es dafür keinen Ersatz. Das waren sie ja selbst.
Ok. Lehrermangel, hohe Ausfallquoten, viel zu große Klassen, ein
hoher Ausländeranteil (hier in Berlin bis zu 50 % und mehr).
Hinzu kommt, dass meist beide Elternteile berufstätig sein
müssen, um ein gerade ausreichendes Familieneinkommen zu
sichern. Stressige, schlecht bezahlte Jobs, Überstunden,
Haushalt. Wo bleibt da Zeit und Ruhe für die Kinder? Hilfe bei
den Hausaufgaben, Besuche bei Freunden, Sport.
Die Wahlmöglichkeiten sind beschränkt in unserer Gesellschaft.
Die Diagnose ADS eröffnet vielen Betroffenen den Weg zu einer
medikamentös unterstützen Therapie, die sie ohne Diagnose nicht
bekämen.
abra
| Autor: Mimi Datum: 07.08.01 Hallo Kim, aber das ist doch ganz einfach: die Leute haben sehr reale Probleme und mit der ADS-Diagnose sind etliche neue und oft hilfreiche Lösungsmöglichkeiten verbunden. Warum sollen die Eltern und Betroffenen nicht erleichtert sein? Anlage-Umwelt Diskussionen werden seit fast 200 Jahren geführt und haben bis jetzt noch zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt. Ich wüsste nicht, warum Betroffene das zu ihrem Thema machen sollten. Wenn selbst betroffene Eltern auch noch von der eigenen Behandlung profitieren und sich dadurch das Familienklima weiter entspannt, entsteht auch kein Schaden. Ich bin gerne bereit darüber zu diskutieren, ob nicht auf allen Kindern viel zu viel Konformitätsdruck lastet . Nur bin ich nicht bereit, mein Kind heroisch untergehen zu lassen, weil es unbehandelt nicht mithalten kann. An Herrn Schmidt, welche sinnvollen Einsatzmöglichkeiten für Ritalin sehen sie denn? Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass eine vernünftige diagnose begleitende Störungen (z.B. der Wahrnehmung oder auch begleitende seelische Konflikte) möglichst erkennen und ausschließen soll, bevor die Kinder Medikamente oder Verhaltenstherapie bekommen. Schließlich können sowohl Medikamente als auch Psychotherapien auch schlimme nebenwirkungen/Begleiterscheinungen haben. Gesetz den Fall, auch die ausgiebigste Diagnostik sei sinnlos, wie soll Ritalin denn dann überhaupt sinnvoll eingesetzt werden. |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 07.08.01
Hallo Mimi,
dass Sie gerade mich zu Ritalin fragen! Darum geht es mir doch
wirklich nicht. Ich habe wiederholt betont, dass gegen eine
sinnvolle Medikation im sorgfältig geprüften Einzelfall bei
psychiatrisch/psychisch/neurologisch bedingten Störungen
allgemein gar nichts einzuwenden wäre, im Gegenteil. Was ich
vertrete, ist ja etwas ganz Anderes: Um eine sinnvolle Medikation
und Therapie anzusetzen bzw. durchzuführen, braucht es die
"Krankheit" ADS als Syndrom und nosologische Einheit
nicht. So meine ich es, wenn ich behaupte, ADS (als klar zu
diagnostizierende, vererbbare Hirnstörung) gebe es gar nicht.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Mimi Datum: 07.08.01 Die Frage, ob es ADS gibt oder nicht interessiert mich eher am Rande. Dieses thema können sie sicher bei ADD-online oder hyperaktiv.de sinnvoller diskutieren. Eltern und Betroffene werden diese frage kaum klären können. Zweifellos gibt es aber Menschen mit schweren Aufmerksamkeits- Wahrnehmungs- und Konzentrationsproblemen, die auch zu Unruhe und Verhaltensstörungen führen können. Wodurch dieses Verhalten bedingt ist, weiß niemand wirklich genau. Wie man das nennt, ist mir gleichgültig. Zentral wichtig ist aber, dass mit der ADS-Diagnose neue Therapiemöglichkeiten verbunden sind. Das ist für Kinder, bei denen etliche andere Therapien zuvor gescheitert waren, doch immerhin hilfreich. Worauf sonst soll es denn ankommen? |
Autor: Elisabeth
(himmelblau)
Datum: 07.08.01
Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt!
Sie sagen auf einmal, es ist eine sinnvolle Medikation von dem,
was heutzutage als "ADS" diagnostiziert wird, möglich,
allerdings sei die ADS-Diagnose dazu unnötig.
Genau dieselbe Frage wie Mimi stellte ich mir auch: Worauf soll
es dann ankommen, um zu entscheiden, ob und wie und mit welchem
Medikament (auch) eine medikamentöse Behandlung erforderlich
ist? Wann wäre denn dann Ihrer Meinung nach eine Behandlung mit
Ritalin angezeigt? Denn es ist ein Unterschied ob man ein
Medikament zum Ausgleich einer neurobiologischen Störung
verabreicht oder es wild drauf los verabreicht. In ersterem Fall
wird das Medikament gebraucht, im zweiten missbraucht.
Und die Diagnose Add verhindert, bei sorgfältiger Diagnostik,
dass letzeres geschieht. (Lesen Sie sich einmal die
Diagnoserichtlinien durch, und lesen Sie sich durch, wieviele
Kriterien da erfüllt sein müssen, bevor der Arzt von
"ADS" spricht. Wenn man im Alltag mal sagt, der oder
derjenige wirkt, als ob er Add hätte, kommt das natürlich
keiner Diagnose gleich. Hitler wurde von Kim ins Spiel gebracht,
mit der Bemerkung, dass ADDler sich immer mit "Großen
Namen" schmücken, und ich sagte darauf nur, dass es auch
möglich ist, dass Hitler ADD hatte. Im Sinne von: auch schlechte
Menschen können ADD haben, natürlich. Und Haider brachte ich
ins Spiel, weil es im Sinne dieses
"Gesellschaftsspiels" tatsächlich so ist, dass ADDler
sich nicht ausschließlich mit "guten Namen"
schmücken, sondern durchaus bei Leuten, die nicht gerade
Sympathieträger sind, auch Parallelen sehen. Dass man alles und
jedes hineinsummieren kann, stimmt aber sicher nicht.).
Und warum ziehen Sie gegen die Diagnose "Depression",
die weit schwammiger ist, nicht ebenso zu Felde? Das, was man
heutzutage alles unter Depression subsummiert, kann mit
Sicherheit auch behandelt werden, ohne dass man es explizit
benennt, wobei im Falle von Depressionen weit mehr - und
gänzlich unterschiedliche Substanzen verabreicht werden, sowie
eine Menge Substanzen die erst relativ kurz am Markt sind, als im
Fall von Add.
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 07.08.01 Hallo Elisabeth, >Sie sagen auf einmal, es ist eine sinnvolle Medikation von dem, was heutzutage als "ADS" diagnostiziert wird, möglich, allerdings sei die ADS-Diagnose dazu unnötig.< Ich sage vielmehr nicht auf einmal, sondern von Anfang an, dass eine sinnvolle Medikation von psychiatrisch/psychologisch/neurologisch diagnostizierten Störungen im sorgfältig geprüften Einzelfall angezeigt ist. Allerdings sage ich dies nicht für das, was heutzutage weitläufig als "ADS" diagnostiziert wird, weil diese Diagnose sehr unzuverlässig ist und das Syndrom möglicherweise gar nicht existiert. Dass Ritalin derzeit möglicherweise massenhaft bei Kindern und Jugendlichen (nicht so sehr bei Erwachsenen) missbraucht wird, befürchte ich in der Tat. Denn die auch von Ihnen vorausgesetzte neurobiologische Störung als Medikationskriterium wird ja im Alltag praktisch nirgends diagnostiziert. Was die Diagnosekriterien für ADS anbelangt, auf die Sie sich beziehen: Genau diese Kataloge im ICD und DSM halte ich ja für 1) unbewiesen 2) ubiquitär. Oder meinten Sie etwas Anderes? Mit Gruß, H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 07.08.01
Liebe Mimi,
ich will doch noch etwas genauer nachfragen: Bitte, welche neuen,
zusätzlichen Behandlungsmöglichkeiten eröffnet denn die
Diagnose ADS? Medikamentöse Behandlung z.B. (aber nicht nur) mit
Ritalin o.ä. doch wohl nicht, die gab und gibt es doch auch so.
Aber was sonst? Psychotherapien, Ergotherapie,
Erziehungsberatung, Johanniskraut, Algen, Brombeeren, Coca-Cola
(sorry): das gab es doch auch sonst schon immer (und es hat
geholfen oder nicht).
Ihr ratloser H.-R. Schmidt
| Autor: H.-R. Schmidt Datum: 08.08.01 Hallo, wie Sie wissen, gehe ich davon aus, dass die gegenwärtige Diagnosepraxis bei "ADS" sehr oft oberflächlich ist, was angesichts der Syndrom-Unschärfe und -fraglichkeit auch nicht verwundern würde. Das Bundesgesundheitsministerium sieht die Gefahr einer oberflächlichen Diagnostik ebenfalls. Der "Erfolg" des "Mythos ADS" geht wohl sehr stark auf die unbestritten starke Wirkung von Methylphenidat zurück, das ja bei "Betroffenen" untrennbar mit "ADS" assoziiert ist. Ich hatte bereits vor Monaten meine Position dem Gesundheitsministerium mitgeteilt und fühle mich durch die neueste Entwicklung bestätigt. Ein weiterer Grund für die "Beliebtheit" der Diagnose ADS ist sicher auch in dem Umstand zu sehen, dass die Zahl unserer Kinderärzte stark gestiegen, die Zahl unserer Kinder aber immer mehr rückläufig ist. Der Markt ist in diesem Gesundheitsbereich also sehr eng geworden. Kinderärzte verdienen unter deutschen Ärzten vergleichsweise wenig. Eine "neue" Krankheit kommt ihnen da möglicherweise sehr gelegen. Hier zu Ihrer Information ein Bericht aus der heutigen "Frankfurter Rundschau" zu diesem Thema: "Hyperaktive Kinder bekommen immer häufiger Psycho-Pillen Gesundheitsministerium warnt Mediziner vor leichtfertigem Verschreiben von Ritalin / Ärzte sehen noch Unterversorgung Von Wolfgang Wagner Hyperaktiven Kindern werden in Deutschland immer häufiger die Psychopharmaka Ritalin und Medikinet verordnet. Das Bundesgesundheitsministerium geht derzeit Hinweisen nach, dass der unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Wirkstoff der Mittel, Methylphenidat, von Ärzten zu leichtfertig verordnet wird. Die Kinderärzte vertraten hingegen die Ansicht, dass das Mittel zu selten zur Anwendung kommt. FRANKFURT A. M., 7. August. Zwischen 1997 und 2000 stieg der Verbrauch von Methylphenidat auf 270 Prozent, berichtet Horst Möller vom Betäubungsmittelreferat des Gesundheitsministeriums der FR. Der Anstieg sei auf den verstärkten Einsatz bei Kindern zurückzuführen. Ritalin und Medikinet wird Kindern verschrieben, die unter dem so genannten Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leiden. Möller betonte, allein der Anstieg des Verbrauchs wäre kein Grund zur Sorge, weil das Mittel zur Behandlung von ADHS geeignet sei und zu Erfolgen führe. Allerdings habe das Ministerium Hinweise auf eine zu leichtfertige Verordnung des Medikaments. Die Verschreibung setze ein sorgfältige Diagnose voraus, Kinder unter sechs Jahren sollten es überhaupt nicht nehmen. Zudem dürfe das Mittel nicht isoliert, sondern müsse im Rahmen einer umfassenden Therapie verordnet werden. Das Bundesministerium habe Untersuchungen der Landesgesundheitsministerien veranlasst. Diese sollten etwa ermitteln, in welcher Region oder bei welchen Ärzten Schwerpunkte der Verschreibung lägen. Zudem sei eine Recherche beim Apothekerrechenzentrum in Auftrag gegeben worden. So soll geprüft werden, ob die Berichte über fehlende Qualität bei den Verordnungen Einzelfälle seien. Die Betriebskrankenkassen (BKK), die in Fragen der Arzneimittel bei den gesetzlichen Krankenkassen federführend sind, bestätigen den Trend der höheren Verordnungszahlen. Der BKK-Bundesverband verweist auf den Arzneiverordnungsreport, der zwischen 1989 und 1999 eine Verzwanzigfachung der Verordnungen ausweist. Der Report begründet dies zwar mit einer "Unterverordnung", warnt aber auch vor einer zu laxen Verschreibungspraxis. Die BKK Nord, in deren Bereich es besonders viele Verschreibungen der Psychopharmaka gab, spricht von einem "Alarmsignal". Die Psycho-Pillen seien oft der falsche Weg, Ärzte sollten nach alternativen Therapien suchen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bestritt eine leichtfertige Verordnungspraxis. Fünf Prozent aller Kinder in Deutschland litten an ADHS. Maximal ein Viertel der Betroffenen werde mit Methylphenidat behandelt, sagte Verbandssprecherin Gunhild Kilian-Kornell der FR. Dies sei "eindeutig zu wenig". In den USA würden 80 Prozent der Kranken mit dem Wirkstoff behandelt. Der Anstieg der Verordnungen sei wohl darauf zurückzuführen, dass sich die Erkenntnis durchsetze, dass es sich bei ADHS um eine Hirnstoffwechselstörung handele. Voraussetzung für eine Medikamentenbehandlung sei, dass andere Therapien fehlgeschlagen seien oder die Aggression der Kinder eine andere Behandlung unmöglich mache." Frankfurter Rundschau 2001 Erscheinungsdatum 08.08.2001 |
Autor: Kim
Datum: 07.08.01
Hallo Abra,
ich kann gut nachvollziehen, was du schreibst, und trotzdem macht
es mich fast fassungslos.
Ich glaube dir auf der Stelle, daß du in vielen Dingen besser
bist als deine Kollegen, denn ich habe dich auch hier im Netz als
differenziert denkenden Menschen erlebt.
Gerade deswegen erschüttern mich deine Aussagen insofern, als
sie genau das im Grunde bestätigen, was ich ziemlich satirisch
hier oben geschrieben habe. Versteh mich nicht falsch, das ist
nicht gegen dich gerichtet , nicht "du" erschütterst
mich, sondern die Tatsache, wie mit ADS und Ritalin heute
umgegangen wird.
Womöglich ist es in der Realität noch viel schlimmer, als ich
es so überzeichnet dargestellt habe.
Alles was du schreibst, stimmt ja und ich bin in vielem ganz
deiner Meinung, nur in den Konsequenzen, die daraus folgen, da
bin nicht mehr deiner Ansicht.
Zum einen beklagst du völlig zurecht die gesellschaftlichen
Verhältnisse, die dann eine Anpassung daran quasi forden. Und
dann passt du dich eben an, notfalls mit einem Medikament, und
bestätigst und verfestigst damit genau diese Verhältnisse, die
du ja eigentlich anprangerst.
Das sehe ich anders: Ich will mich nicht an gesellschaftliche
Normen anpassen, die ich gleichzeitig ablehne.
Du schreibst, die Wahlmöglichkeiten seien gering in unserer
Gesellschaft. Das stimmt bedingt, denn obwohl gering, sind sie
vorhanden. Es gibt noch einen Spielraum, in dem freie
Entscheidungen möglich sind, natürlich muß man einen Preis
dafür zahlen, und damit wird es zu einer Entscheidung um
Prioritäten im Leben.
Z.B. schreibst du, daß wenig Zeit für die Kinder bleibt, weil
beide Eltern berufstätig sein müssen. Auch das ist bis zu einem
gewissen Grad eine freie Entscheidung und liegt auch (!) daran,
was für Konsumansprüche da sind und an den Wichtigkeiten, die
jeder im Leben sucht, bzw. woran der einzelne am ehesten
Abstriche macht. Und da kommen die Kinder und die Zeit für sie
in meinen Augen eindeutig hintenan.
Weiter schreibst du, daß jeder Mensch glücklich sein oder
werden möchte. Auch das stimmt natürlich, nur gibt es zum einen
kein immerwährendes Glück und zum anderen ist die persönliche
Definition von Glück sicher auch entscheidend. Ich kann mir gut
vorstellen, daß das unbescheidene Streben nach immer mehr
"Glück" eine der Ursachen ist, weswegen diese
Diskussion um ADS und Ritalin so brisant geworden ist in unserer
Gesellschaft.
Denn im letzten Satz schreibst du, daß es den Betroffenen durch
die Diagnose ADS ermöglicht wird, eine durch Medikamente
unterstützte Therapie zu erhalten. Damit (und in Zusammenhang
mit dem Wunsch, es möge mir immer gut und immer besser gehen)
sind doch dem Mißbrauch der Diagnose, um legal und kostenlos an
"Dopingmittel für den Lebenskampf" zu kommen, Tür und
Tor geöffnet.
Unter dieser Sichtweise verstehe ich die Klage gegen Novartis in
Amerika noch viel besser, und werden nicht auch schon hier die
Kinder gedopt, um den Anforderungen besser gerecht zu werden? Und
ist diese weitläufige und schwammige Definition von ADS und die
schon theoretisch ungenauen Diagnosekriterien (die in der Praxis
nochmals in unglaublich verantwortungsloser Weise von manchen
Ärzten vereinfacht werden) nicht auch nur ein Weg, der immer
weiter in den Mißbrauch und die Abhängigkeit von Psychopharmaka
führt?
Denn daß Ritalin nicht nur bei den "echt-ADS-lern"
wirkt, ist dir bekannt, hält sich aber nachhaltig in den Köpfen
mancher Leute, die via Internet auch zur Meinungsbildung
beitragen.
Daß Ritalin dem Kokain verwandt ist und sicher auch eine
verwandte Wirkung hat, weißt du auch. D.h. die Wirkung ist bei
allen Menschen positiv im Sinne von konzentrationsfördernd,
leistungssteigernd, aufmerksamkeitserhöhend usw. Ich bin sicher,
mir täte Ritalin auch gut, dann wären meine Fenster häufiger
geputzt, mein Haushalt insgesamt ordentlicher, ich würde diese
postings vielleicht auch schneller schreiben können, würde mich
insgesamt besser und "wacher" fühlen und sicher noch
einiges mehr. Doch gerade darin liegt die immense Gefahr der
derzeitigen Diskussion um ADS und Ritalin.
Und ich schließe mich da doch denen an, die in höchstem Maße
besorgt sind über die Entwicklung, besonders was den Einsatz bei
den Kindern betrifft.
Und dann noch, um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich zweifle
nicht an dem "Leiden" der Kinder und ich zweifle auch
nicht an dem "Leiden" der Eltern und auch nicht an
deren Sorge und Angst um ihre Kinder und der empfundenenen
Hilflosigkeit. Ich zweifle aber daran, daß dieses Leiden an
einer "Neurotransmitterstörung namens ADS, zu behandeln in
erster Wahl mit Ritalin" liegt. Für mich liegen die
Ursachen ganz woanders und sind mit Ritalin höchstens zu
"vertuschen" unter dem Preis einer Abhängigkeit von
einer Droge. Ich kann mir auch vorstellen, daß Ritalin in
einzelnen (!) Fällen durchaus mal sinnvoll ist, aber das hat
nichts mit der gesamten Tendenz zu tun, die sich abzeichnet, und
die ich so manches Mal nur noch mit Galgenhumor ertragen kann.
Grüße von Kim
| Autor: abra Datum: 08.08.01 Kim, du hast es richtig erkannt, ich bin weder eindeutig pro noch anti Ritalin eingestellt. Vielleicht sollten wir mal definieren, wann ADS einer Behandlung bedarf. Das ist nämlich nicht schon dann erforderlich, wenn die Disposition und das auffällige Verhalten von Dritten festgestellt werden kann, sondern nur dann, wenn der Betroffene durch die Auswirkungen von ADS in seiner sozialen und persönlichen Entwicklung erheblich beeinträchtigt ist. Also wenn ein Kind in der Schule zwar vom Intellekt her prima mitkäme, aber duch seine Zappelei und Träumerei die Zusammenhänge und Details nicht mitbekommt. Das einfach nur lebhafte Kind bedarf mit Sicherheit keiner Behandlung. Die Definition dieser Grenze ist natürlich individuell verschieden. Der Lehrer wird dies anders sehen als die Eltern oder das Kind selbst. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal Kopfschmerzen als Vergleich heranziehen. Es gibt viele Menschen, die unter gelegentlichen Kopfschmerzen leiden. Sie ignorieren den Schmerz einfach oder sie nehmen ein Medikament, das die Schmerzen lindert. Im Gegensatz dazu ist Migräne ein Kopfschmerz, der nicht ignoriert werden kann vom Betroffenen. Der Schmerz - und seine Begleiterscheinungen - zwingen denjenigen dazu, sich aus dem normalen Tagesablauf auszuklinken, bis die Attacke vorbei ist. Das kann leider auch bis zu 72 Stunden dauern. Sicher, auch das kann man "aussitzen". Aber um welchen Preis? Auch hier bin ich froh, dass es Medikamente gibt, die meine Migräne-Disposition im Zaum hält bzw. die akuten Schübe lindern kann. Deshalb bin ich durchaus dafür, in den oben genannten Fällen, in denen eine echte Beeinträchtigung vorliegt, Ritalin zu verschreiben. Und nur dann. Weder die Nachbarn, noch die Lehrer noch sonstwer hat das Recht, eine Diagnose zu stellen bzw. mich als schlechter Elternteil oder "unwilligen" Mitmenschen zu verurteilen. abra |
Autor: Isis
Datum: 07.08.01
Hallo Kim,
ich habe dein Posting gelesen und diesmal überfiel mich
Entsetzen und Trauer. Ich frage mich, wie man es schafft so
voller Vorurteile zu sein. Daraus ersehe ich, dass das du dich
wahrscheinlich noch nie mit den Menschen, die ADS haben, und
deren Probleme auseinandergesetzt hast.
Meine ganze Familie (Vater, Mutter und 2 Kinder) sind von ADS
BETROFFEN und ich kenne noch einige andere BETROFFENE: Man
beachte die Ausdrucksweise!
Glaube mir; NIEMAND freut sich darüber, ADS zu haben.
NIEMAND freut sich darüber, ein Leben lang Medikamente zu
schlucken.
Das wir BETROFFENEN ADS an unsere Nachkommen vererbt haben oder
könnten, erfreut NIEMANDEN:
Im Gegenteil. Für meinen Mann und für mich war diese Erkenntnis
das allerschlimmste an der Diagnose.
Hellst du uns für gefühllose Robotter, oder was?
Was mich du Andere nach der Diagnose allerdings erleichtert hat
war die Tatsache zu wissen, woran wir sind und das wir nun massiv
an uns arbeiten konnten und können.
Du verfällst da in so ein Mythos, indem du behauptest, wir
sagten: Wir nehmen jetzt ein Pillchen und alles ist
erledigt!
Oh, nein! Wenn du dich mit ADS und der Literatur darüber
auseinandersetzen würdest, wüstest du, dass Ritalin u. ä.
einem nur hilft, zu lernen Struktur in dein Leben bringen zu
können und therapeutisch (z.B. mit Psychotherapeut) arbeiten zu
können.
Was du da über die Missgriffe der Eltern von ADS Kindern
schreibst, bringt mich fast zur Weißglut.
Hast du in den ADS Seiten denn nicht gelesen, welchen
Leidensweg diese Eltern schon gegangen sind?
Ich will jetzt und hier behaupten: Eltern dieser Kinder
haben sich mehr um ihre Kinder gekümmert, (teilweises, weil sie
mussten) als andere.
Weißt du, wie schwer es ist, mit einem hyperaktiven Kind z.B.
zum Arzt zu gehen?
Ich wünsche es dir nicht. --- Oder doch?
Wir Eltern von ADS Kindern waren bei unzähligen
Therapeuten und Beratern und diese machen andere Vorschläge als
Gameboy und Playstation, die dann auch befolgt werden in der
Hoffnung, dass es hilft.
Einem Kind ein Medikament, wie Ritalin o.ä. zu verabreichen, ist
das letzte, was ein liebendes Elternteil macht.
Was meinst du? Sind wir vielleicht Monster?
Meinst du, dass wir einer Diagnose wie ADS nicht auch skeptisch
gegenüberständen und uns nicht Informierten?
Hellst du uns für dumm?
Ich persönlich weiß nicht, ob ich dumm bin . Ich habe einen IQ
von 124 und Abitur (war trotzdem sehr schwer), aber jetzt neige
ich zu Vorurteilen.
Über den Rest deines Postings schweige ich lieber. Es ist mir
wirklich zu anstrengend, mich zu wiederholen.
Aber eines noch. Ich habe mit einigen Menschen gesprochen, die
ADS haben, ich habe selbst ADS und ich weiß daher, was es
anrichten kann.
Einige dieser Menschen und auch ich bekamen Ritalin und ich habe
einen frappierenden Unterschied bemerkt.
Denn nicht nur, dass u.a. die Aufmerksamkeit erhöht war; nein.
Ich kann damit 20% besser sehen. Mein Sohn kann besser hören
(Jahrelang zu HNO Ärzten gegangen und nichts gefunden) und mein
anderer Sohn kann schreiben, so, dass man es auch lesen kann.
Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Denn, ich habe ja ADS.
Gruß
Isis