ADHS- KONSENSERKLÄRUNG
ADHS: Das Syndrom
ADHS: Die Krankheit
ADHS: Die Diagnostik
ADHS: Die Medikation
ADHS: Die Biologisierung
ADHS: Empfehlungen
I. ADHS: Das Syndrom
- ADHS
wird in den gängigen Klassifikationssystemen DSM IV und
ICD 10 unterschiedlich dargestellt, so dass international
kein Konsens besteht.
- Bei Kindern mit der Diagnose
einer ADHS handelt es sich nicht um eine homogene
Gruppe mit einer gemeinsamen und spezifischen Störung.
- Dreiviertel der mit ADHS
diagnostizierten Kinder erfüllen auch die Kriterien für
andere psychiatrische Störungen, weshalb es keine Störungsspezifität
gibt. Die differentielle Validität der Störung ist unbelegt.
- Vorgeblich ADHS-typische
Symptomatiken finden sich gleichermaßen bei vielen
anderen bekannten Störungen, wie Ängsten, Depressionen,
Bindungs- und Beziehungsstörungen,
Über- und Unterforderung, Traumatisierungen,
Schilddrüsenstörungen, Intoxikationen, Seh- oder
Hörstörungen, Entwicklungsverzögerungen etc. Sie sind deshalb unspezifisch
und nicht ADHS-typisch.
- Es ist ungeklärt, ob die
vorgeblichen Unterformen des Störungsbildes (mit oder ohne Hyperaktivität,
mit oder ohne Aufmerksamkeitsdefizit) nosologisch und
ätiologisch dieselbe Störung darstellen.
- Es ist unklar, warum
ausschließlich Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit
und Impulsivität die vorgeblichen Kernsymptome eines
Syndroms bilden sollen.
- Es ist fraglich, ob
Impulsivität von Hyperaktvität nosologisch und
ätiologisch zu unterscheiden ist.
- Eine ADHS-spezifische
Aufmerksamkeitsstörung wurde bisher nicht gefunden.
- Die Forschungsübersicht
bisheriger Vergleiche von ADHS mit anderen
neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen
Korrelaten zeigt, dass es keine ADHS-Spezifität gibt.
II. ADHS: Die Krankheit
- Es gibt keinen spezifischen kognitiven,
metabolischen, neurologischen oder sonstwie gearteten
Marker für eine Krankheit "ADHS".
- Jahrzehntelange bildgebende
Forschung erbrachte nur unspezifische und inkonsistente
Ergebnisse. In keinem Fall wurden klinisch abnormale
Gehirne gefunden, von ADHS-spezifischen Abnormalitäten
ganz zu schweigen. Selbst wenn
solche spezifischen Zusammenhänge feststellbar wären,
wäre ADHS damit nicht kausal erklärt (Stichwort
Neuroplastizität). Mancherorts
gefundene Unregelmäßigkeiten können sogar auf dem
Einfluss von zur vorgeblichen Therapie verabreichten
Medikamenten beruhen.
- Die Genforschung zu ADHS
erbrachte bisher nur bescheidene, unspezifische und
vergleichsweise schwache Zusammenhänge.
- Genetik und
Genese von ADHS sind nicht
unterscheidbar von psychosozialen Verhaltensstörungen
und anderen externalisierenden Störungen.
- Gene lenken direkt immer nur
die Proteinsynthese, aber kein Verhalten. Den Faktor
Genexpression, demzufolge die jeweilige Umwelterfahrung
eines Menschen seinen Genotyp beeinflusst, hat die
Genforschung zu ADHS bisher ignoriert, weshalb die
bisherigen Forschungsergebnisse kausal zweifelhaft sind.
- Eine Vererbung (so es eine
solche bei ADHS überhaupt gibt) ist ebenfalls nicht
spezifisch. Die deskriptive Präsenz der Störung in
familiären Stammbäumen stellt keinen Beleg für eine
genetische Valenz dar. Zwillings- und Familienstudien zu
ADHS sind obendrein beeinträchtigt durch die nicht
belegte Annahme der jeweiligen pränatalen
Umwelt-Uniformität. Die innere, subjektive "Umwelt" eines
Menschen wurde dabei noch nie erfasst.
- Wenn ein Kind nach DSM IV 6
von 9 willkürlich zusammengestellten, nicht unbedingt
krankhaften Verhaltensweisen zeigt, soll es an ADHS leiden. Da ADHS andererseits als
Hirnfunktionsstörung gilt, ist ein derart willkürliches Störungskonstrukt
menschen- und kinderfeindlich, weil ihm für eine solch
folgenschwere Diagnose kein objektiver
wissenschaftlicher
Beleg zugrunde liegt.
- ADHS ist keine
objektivierbare medizinische Krankheit, sondern ein
Kulturprodukt. Sie wird im Rahmen von interessen- und
industriegeleiteten Konsens-Konferenzen per Beschluss
definiert. Teilnehmer solcher Konferenzen waren bisher als
Befürworter einer medikamentösen Behandlung von ADHS
bekannt, ohne ihre finanziellen Verbindungen zur
Pharmaindustrie offen zu legen.
Mehr als die Hälfte der 28 Autoren, die am DSM V
arbeiten, mussten inzwischen Einkünfte aus der
Pharmaindustrie offenlegen, der Leitautor der Konferenz
sogar von 13 verschiedenen Firmen.
III. ADHS:
Die Diagnostik
- Es existiert keinerlei ADHS-spezifisches
medizinisches oder psychologisches Diagnostikum. ADHS
lässt sich nicht spezifisch diagnostizieren.
- Es besteht Uneinigkeit darüber, ob für
die Diagnose einer hyperkinetischen Störung
Auffälligkeiten in allen 3 Kernbereichen (Unaufmerksamkeit,
Hyperaktivität, Impulsivität) vorliegen müssen oder ob
es verschiedene Unterformen von hyperkinetischen
Störungen gibt
- Gängige diagnostische
Verfahren messen bestenfalls Symptome und
Verhaltensweisen, die nicht spezifisch für ADHS sind,
sondern für eine Vielzahl ganz unterschiedlicher
Störungen stehen können ("ADHS" als
diagnostischer Sammeltopf).
- Die ADHS-Diagnose beruht auf
unzuverlässigen Informationsquellen: Eltern- und Lehrer-Fragebögen
sind invalide und unzuverlässig. Sie weichen erheblich
voneinander ab, sind subjektiv und umwelt- sowie
situationsabhängig. Eine spezifische Zuordnung zu ADHS
erlauben sie nicht.
- Die Diagnostik beruht
überwiegend auf subjektiven Verhaltenseinschätzungen und normativen Bewertungen. Objektive Marker, die eine medizinische
Krankheit begründen könnten, gibt es nicht.
- Die Diagnosekriterien sind
sehr vage formuliert. Formulierungen wie "oft",
"exzessiv", ''häufig'' lassen weiten Spielraum
für eine willkürliche Diagnose.
- Die folgenschwere
Diagnose ADHS kommt
durch simples Aufsummieren von subjektiven Beobachtungen
von zweifelhaft problematischem Verhalten zustande. Der
Cutpoint wird dabei willkürlich durch Konsenskonferenzen
festgelegt. Wenn ein
Kind z.B. sechs von neun ärgerlichen, aber nicht
unbedingt krankhaften Verhaltensweisen zeigt, soll das nach dem gängigen medizinischen Modell ein Beweis sein, dass sein Gehirn
defekt sei.
- Es herrschen diagnostische
Willkür und Konfusion. Es gibt keine deutliche
Unterscheidbarkeit von Phänomen, Symptom, Syndrom und
Morbus.
- Wird eine Störung des Kindes
oder ein Unbehagen des Beurteilers (Lehrer, Arzt, Eltern,
Erzieher, Gesellschaft) gemessen?
- Kultureller, schulischer und
familiärer Kontext werden bei der Diagnostik nicht
berücksichtigt. Die Diagnostik ist
einseitig kindzentriert und ignoriert jedweden
systemischen Kontext.
- Wenn ein Kind daheim und in
der Schule Lern- und Verhaltensprobleme zeigt und in
Tests angeblich ADHS-typische Ergebnisse aufweist,
bedeutet dies keineswegs, dass eine Krankheit namens ADHS
dafür ursächlich ist.
- Welche medizinischen und
psychologischen Tests und/oder
Verhaltensbeobachtungen bei der Diagnostik eingesetzt
werden müssen, ist ungeklärt und
basiert allein auf einem mehr oder weniger anerkannten
Konsens von einigen nach unklaren Kriterien auserwählten
Fachleuten.
- Das Ausschlusskriterium E des
DSM IV, wonach ADHS vorliegen soll, wenn alles andere
ausgeschlossen ist (ADHS als
Ausschlussdiagnose),
ist nicht nur aus wissenschaftlichen, sondern auch aus schlicht pragmatischen
Gründen nicht erfüllbar.
- Die Mehrzahl der Diagnosen
erfolgt nicht korrekt nach den konsensualen
Diagnoserichtlinien
und ist von daher falsch.
- Die Diagnose ADHS liefert
keinerlei zusätzliche Information oder Aufschluss, die
über die Verwendung anderer einschlägiger Diagnosen
hinausreichten.
- Die Mehrzahl der
medikamentierten Kinder erhält Psychopharmaka aufgrund
von im Sinne der Diagnoserichtlinien falschen Diagnosen.
Nicht nur zwischen Diagnostikern verschiedener Nationen,
sondern auch zwischen solchen derselben Nation gibt es
erhebliche Unterschiede in der Prävalenz.
IV. ADHS:
Die Medikation:
- Die starke Zunahme der
Verschreibungen von hochwirksamen Psychopharmaka bei
Kindern in den letzten Jahren ist alarmierend. Schon
immer mehr Vorschulkinder werden mit Psychopharmaka
behandelt. Angesichts der erheblichen Zweifel am
medizinischen Konstrukt ADHS erhält der überwiegende
Teil dieser Kinder die Medikamente ohne eine hinreichende
Indikation.
- Die Wirkung der Medikamente
wird trotz tausender Studien noch immer nicht völlig
verstanden. Ihre Langzeitwirkung auf das noch in
Entwicklung befindliche kindliche Gehirn ist nicht
ausreichend erforscht. Ergebnisse von Tierstudien geben
diesbezüglich begründeten Anlass zur Sorge.
- Die Medikamentierung wird zu
Unrecht als Therapie bezeichnet. Die Medikamente heilen
nicht, ihre verhaltensändernde Wirkung ist auf die
Wirksamkeitsdauer beschränkt. Nach Absetzen der Mittel
ist kein bleibender Verhaltenseffekt zu erwarten, der denjenigen einer nichtmedikamentösen
Psychotherapie übersteigt. Auch Schulleistungen und Lernerfolge insbesonders in komplexen kognitiven
Lernbereichen lassen
sich damit nicht dauerhaft verbessern.
- Die psychosozialen Folgen
einer Dauermedikation im Sinne einer psychischen
Abhängigkeit sowie Auswirkung auf Selbstkonzept und
Selbstwert der betroffenen Kinder und ihrer Familien
werden ignoriert und nicht erforscht. Die bestrittene
Suchtgefahr darf nicht unabhängig vom gesellschaftlichen
Umgang mit Medikamenten und anderen Hilfsstoffen zum
Wohlbefinden ("life-style-medication") gesehen
werden.
- Die zwischen Fach- und
Elternverbänden und der Drogenbauftragten der
Bundesregierung getroffene Vereinbarung der
Nachrangigkeit einer Medikation erst nach Scheitern
psychotherapeutischer und pädagogischer Hilfen wird
weitgehend missachtet
- Methylphenidat ist eine
anregende Droge, die bei fast allen Menschen, unabhängig
von einer Diagnose, die Aufmerksamkeit steigert, ähnlich
Nikotin und Alkohol. Die vorgeblich "paradoxe"
und ADHS-spezifische Wirkung auf unruhige Kinder gibt es
nicht, weil auch diese Kinder weiter angeregt werden. Die
individuelle Wirkung des Stoffes belegt nicht das
Vorhandensein einer ADHS im Sinne einer Bestätigung der
Diagnose ("ex juvantibus")..
- Die Medikamente unterdrücken
lediglich unerwünschtes oder störendes Verhalten für
die Dauer ihrer Wirkung. Es ist ein Irrtum, zu glauben,
unter der Medikamentenwirkung trete die "wahre"
oder "gesunde" Persönlichkeit eines Kindes ans
Tageslicht.
- Wenn keine wirksamen
psychotherapeutischen oder pädagogischen Hilfen erfolgen,
ist die Medikation rasch chronisch, weil nach Abklingen
der Wirkung das störende Verhalten sofort wieder
auftritt, so dass bald wieder (Dauer-)Medikamente gegeben werden müssen.
Es besteht die Gefahr einer Rund-um-die Uhr-Dauermedikation mit psychischer Abhängigkeit.
- Dissozial-aggressives Verhalten wird nicht
nennenswert verbessert. Methylphenidate erzielen
längerfristig keine besseren Therapieeffekte als nicht-medikamentöse
psychotherapeutisch-psychoedukative Therapien, haben aber
ernstzunehmende Nebenwirkungen (u.a. Wachstumsstörungen,
Appetitstörungen, Verhaltensstörungen, langfristig
möglicherweise Hirnfunktionsstörungen). Die teils erheblichen
Nebenwirkungen der Medikamente werden bagatellisiert und
für das Ziel teils zweifelhafter,
künstlich erzeugter und
flüchtiger Verhaltensänderungen allzu leicht in Kauf
genommen. Im Zusammenhang mit dem
permanenten Verleugnen psychischer, familiärer und
sozialer Störungsursachen wirkt das ausschließlich
medikamentöse Vorgehen
nicht selten wie eine medizinaliserte Form der
Kindesvernachlässigung und -misshandlung.
V. ADHS:
Die Biologisierung
- Das Konstrukt ADHS entspringt dem
gegenwärtig immer noch anhaltenden Trend zur
Biologisierung der menschlichen Kultur. Unter einer
naturwissenschaftlichen Ausrichtung sollen im Rahmen
einer Synthese auch die Sozialwissenschaften "biologisiert"
werden (Soziobiologie). Obwohl diese Vereinheitlichung
heute bereits als gescheitert gelten kann, wird sie bei ADHS weiter realisiert. Ein genetischer Determinismus bzw.
Purismus, der
Milieueinflüsse auf Entwicklung und Verhalten weitgehend
leugnet, beherrscht unverändert einseitig die Szene. Die Herstellung eindimensionaler Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge
beim Krankheitsmodell ADHS bleibt hinter den aktuellen
Erkenntnissen der Hirnforschung zurück. Dies ist antidialogisch und
antipädagogisch.
- Der Glaube an ADHS als
organischer Krankheit stigmatisiert Kinder zu Unrecht als
krank und hirnfunktionsgestört. Dem Selbstwertgefühl
und Selbstkonzept der Kinder wird damit ein schwerer
Schaden zugefügt.
- Vor allem aber werden den
Kindern vorrangige psychotherapeutische und pädagogische
Hilfen, die eine verstehende und
nachhaltige Situations- und Selbstverbesserung der
Betroffenen anstreben, oftmals
mit der Begründung vorenthalten, diese Maßnahmen seien
nachrangig oder überflüssig, wenn erst einmal eine
Medikation greife. Der
in einschlägigen Richtlinien geforderte Standard einer
multimodalen Therapie ist in der Praxis die Ausnahme
- Die scheinbar psychiatrische
Diagnose "ADHS" und ihre
pseudowissenschaftliche Verbrämung sollen Eltern, Lehrer,
Ärzte, Psychologen, Erzieherinnen etc. dabei
unterstützen, bedrohliches kindliches Verhalten
verdrängen zu können, die je ganz eigene dialogische
Verantwortlichkeit zu leugnen. Man hat sozusagen lieber kranke als
unglückliche Kinder.
- Dieser alltägliche
Biologismus, demzufolge Lehrer, Eltern und Ärzte schnell
bereit sind, auffälliges kindliches Verhalten auf ein
"biochemisches Ungleichgewicht"
zurückzuführen, anstatt über ihre eigene Beteiligung und Möglichkeiten zur Einflussnahme nachzudenken, bedarf einer
dringenden und kritischen Reflexion. Es wird nicht mehr
nach dem "Warum" eines Verhaltens, nach seinem
Sinn in einer phänomenalen, subjektrelativen Welt
gefragt. Statt eines therapeutischen Dialogs zwischen
Erwachsenem und Kind wird das Kind zum bloßen Diagnose-
und Medikationsobjekt.
VI. ADHS:
Empfehlungen
- Das Konstrukt ADHS muss
völlig neu gesichtet und kritisch überprüft werden mit
der Fragestellung, inwieweit es wissenschaftlich wirklich
elaboriert und praktisch sowie ethisch vertretbar und
sinnvoll ist.
- Der Erforschung, Diagnostik
und Behandlung kindlicher Verhaltensstörungen wie ADHS
muss ein entwicklungspsychologisches Konzept zugrunde
gelegt werden.
- Es herrschen diagnostische
Willkür und Konfusion. Vor allem muss der familiäre und
gesellschaftliche Einfluss auf das kindliche
Problemverhalten namens ADHS in Forschung, Diagnostik und
Therapie intensiv erforscht und ernst genommen werden.
- Eine Medikation muss endlich
wirklich nur noch nachrangig erfolgen. Vorrang müssen
immer psychotherapeutisch-pädagogische, die Familie und
das Sozialsystem einbeziehende Hilfen haben.
- Das Konstrukt erlaubt keine
klare Unterscheidung von Phänomen, Symptom, Syndrom und
Morbus. Angesichts seiner nosologischen Zweifelhaftigkeit
und angesichts des Umstandes, dass kindliches
Problemverhalten als psychoreaktiv
gesund oder auch mit
anderen gängigen, aber weniger belasteten
Störungsbildern erfasst werden kann, ist dieses
Konstrukt nicht nützlich. Es sollte in der jetzigen
Konzeption grundlegend revidiert oder völlig aufgegeben
werden. ADHS ist keine medizinische
Krankheit, sondern ein willkürlich gesetztes
Kunstprodukt.
- Eltern, Lehrer, Pädagogen, Psychologen,
Ärzte sowie die Gesundheitsbehörden sollten eine ADHS-Diagnose
bezweifeln und zu einer kritischen Aufklärung beitragen.
© Konferenz ADHS 05/2008