Das Verschwinden der Mädchen von der Bildfläche
| Autor: Elisabeth
(himmelblau) Datum: 07.09.01 Leider kann ich die diversen Fernsehberichte über Adhd, die sich neuerdings häufen, nicht verfolgen, da ich weder Kabel- noch Satellitenfernsehen habe. Bei dem, was ich in letzter Zeit darüber lese, fällt mir aber eines auf: Im selben Atemzug, in dem "Adhd" als "Modeerscheinung" und "Konstrukt" abgetan wird, und "erzieherische" Maßnahmen nicht begleitend, sondern - in so gut wie jedem Fall! - als ausreichender Ersatz für eine medikamentöse Therapie propagiert werden, übernehmen die ritalinkritischen Erzieherpersonen den Diagnoseanspruch. Das ist aus deren Warte auch logisch, denn gerade die derzeitigen sich häufenden kritischen Berichte nähren sich ja aus dem impliziten Vorwurf, dass 80% (!!!!!) der von Ärzten gestellten Add-Diagnosen schlicht und einfach Falschdiagnosen wären. Auch wenn ich keineswegs naiv davon ausgehe, dass das, was ein Arzt sagt, immer richtig sein muss, bezweifle ich doch, dass die "Diagnosekompetenz" der Lehrer, Erzieher und Psychologen wirklich jene der ausgebildeten Ärzte übertrifft. Eines macht mich dabei besonders skeptisch: Plötzlich sind die Mädchen von der Bildfläche verschwunden - im wahrsten Sinn des Wortes. (In den kritischen Beiträgen - einen habe ich eben nachgelesen - wird das Krankheitsbild ADS, abgesehen davon, dass es geleugnet wird, stark verkürzt und verzerrt dargeboten: in kurzen Artikeln werden Beispiele von "zappelnden, unruhigen Kindern" dargestellt - und zumindest in den Fällen, die ich via Internet ein bisschen verfolgt habe, waren das nicht selten a u s s c h l i e ß l i c h Buben. Es ist also nicht nur so, dass die Buben in den Darstellungen überwiegen, sie nehmen mehr oder weniger den gesamten Raum ein. Falls mir jemand von einer der in letzter Zeit boomenden Sendungen oder in Zeitungen erscheinenden Artikeln berichten kann, dass auch nur einmal die Darstellung hinsichtlich des Geschlechts ausgewogen war (also nicht etwa bloß ein einziges Alibimädchen erwähnt wird), nehme ich diesen Vorwurf gerne zurück. In der Regel ist es jedoch so, dass entweder eine einzige Person im Mittelpunkt steht - diese ist immer ein "zappelnder" Bub, oder 2-5 Kinderschicksale kurz angerissen werden - auch hier werden in der Mehrzeit der Fälle nicht nur überwiegend, sondern ausschließlich Knaben dargestellt, dass Mädchen betroffen sein können, wird in einem halben Satz nebenbei erwähnt, wenn überhaupt. Hypoaktive Knaben werden ebensowenig berücksichtigt wie hyperaktive Mädchen (beides gibt es, wenn auch nur selten), aber auch eine zahlenmäßig recht große Betroffenengruppe, nämlich all die hypoaktiven Mädchen wird gänzlich unter den Tisch fallengelassen. Die Gründe dafür sind naheliegend. Auch hinsichtlich der medizinischen Diagnose spielte sich lange Zeit ähnliches ab, sodass - solange die Wissenschaft nicht entsprechend fortgeschritten war - diese Gruppen sogar von Ärzten als "inexistent" angesehen wurden. In der Medizin allerdings wurde dieser Kreislauf durchbrochen, in der Pädagogik und Psychologie beginnt er offensichtlich nun wieder von neuem. Denn wenn man auch nicht davon ausgehen kann, dass Ärzte immer in der Lage sind, "Add" oder "Nicht-Add" korrekt zu diagnostizieren - Lehrer und Psychologen sind es mit Sicherheit noch weniger. Noch ist es so, dass die Kritik sich auf bereits erstellte ärztliche Diagnosen erstreckt. Denkt man das Modell aber weiter, so wird den Ärzten die Kompetenz in diesem Bereich nahezu komplett abgesprochen. Wer stellt dann die Diagnose? Vermutlich die Lehrer und Erzieher. "Behandelt" wird dann, wer den Lehrer nur lang oder stark genug nervt. Es ist klar, nach welchen Kriterien eine solche "Diagnose" erfolgt. Denn "träumende" Mädchen, noch dazu wenn sie keine argen Schulprobleme haben oder sogar gute Leistungen erbringen, mögen zwar alle Kriterien nach medizinischem Maßstab erfüllen - sie werden trotzdem übersehen werden. Ich habe immer wieder betont, dass ich aus der Sicht der Erwachsenen zum Thema Add gekommen bin - es fällt auf, dass in den meisten Foren, gerade hier in diesem z.B. der Anteil der weiblichen Schreiberinnen bei weitem überwiegt. In anderen ist er zumindest in etwa ausgeglichen. (So zumindest nach meiner Erfahrung - wenn mir jemand ein Add-spezifisches Forum nennen kann, in dem die Männer als Schreiber in der Mehrheit sind - nur zu.) Dies ist ganz im Gegensatz zum Bild, das derzeit von den Medien propagiert wird. Es ist auch geradezu typisch für die "Karriere" von betroffenen weiblichen Personen, dass die Probleme erst zu einem späteren Zeitpunkt so gravierend werden, dass die bisherigen (unbewussten) Bewältigungsstrategien versagen. Anzeichen für ADD hat es in vielen Fällen doch auch schon davor gegeben - wenngleich das mitunter eine Ausprägung von Add war, mit der sich für die Betroffenen zwar keineswegs ganz gut leben ließ (ich erinnere mich z.B. an stundenlanges Hausübungsschreiben in der Volksschule, wo andere die Sache in einer 3/4-Stunde erledigt hatten) - aber solange nur das Ergebnis stimmt (und das tat es bei mir, ich war immer gut in der Schule, in jüngeren Jahren sogar sehr gut), wird keine Erziehungsperson (mit Ausnahme der Eltern vielleicht) ein solches betroffenes Mädchen einer Maßnahme wie Add-Konzentrationstraing oder ähnlichem zuführen, von der es ausgesprochen profitieren würde. Zudem kommt ja hinzu, dass Add eine Aufmerksamkeitsinkonsistenz ist - sprich, bei besonderer Motivation sind diese Kinder sogar ganz im Gegenteil zu überdurchschnittlicher Konzentration fähig. (Sie sind jedoch nicht in der Lage ihre Aufmerksamkeit immer auf einem konstanten Niveau zu halten, und sie rutscht daher oft unter das von der Umwelt geforderte Mindestmaß.) Daher müsste bei jeder Form von Konzentrationstraining darauf geachtet werden, dass sie speziell auf dieses Problem abgestimmt ist. Denn bei hoher Motivation (etwa weil das Training sehr spielerisch abläuft) sind Anfangserfolge allein dadurch schon garantiert - es muss daher unbedingt überprüft werden, ob sich die Erfolge auch längerfristig aufrechterhalten lassen. Aber: Wer führt eine "Streberin" (das soll jetzt nicht abwertend gemeint sein, sondern nur ausdrücken, dass sie große Energien aufwenden muss, um ihre guten Leistungen zu erbringen) einem Konzentrationstraining zu? Wer stellt durch bloßes Beobachten fest, dass sie lauter Dinge anfängt, aber keines zu Ende bringt? Der Lehrer wohl nicht (in meinem Fall hatte die Schule sehr hohe Priorität, ich wusste, wie wichtig sie meinen Eltern war und strengte mich entsprechend an.) Um dies bei mir feststellen zu können, hätte er mich in meiner Freizeit beobachten müssen. Aber welcher Lehrer weiß schon, dass das Kind zu Hause zeichnet, aber nie eine Zeichnung fertigstellt, ein Musikinstrument lernt, aber obwohl es ihm gefällt! - es irgendwie absolut nicht hinkriegt, regelmäßig zu üben, und auf das nächste umsteigt (im Glauben es läge doch irgendwie am Musikinstrument) mit dem prompt dasselbe passiert, gerne malt oder schreibt, aber nichts vollendet (mit Ausnahme der Sachen für die Schule - und auch an Zeichnungen oder Handarbeiten bin ich z.B. immer ewig lang gesessen, Handarbeiten war zudem unerträglich monoton und bereitete mir geradezu körperliche Schmerzen.) etc. Ein solches Kind ist, wenn es gut in der Schule ist, "kein Problem", auch wenn es welche hat. Auch wenn es schlecht in der Schule ist, ist es ein vergleichsweise geringes Problem - soferne es sich durch braves, angepasstes Betragen auszeichnet - man denkt, es kann sich nicht konzentrieren, ist halt von Natur aus unbegabt etc. Obwohl das Kind vermutlich eine ganze Menge Probleme hat (das Konzept Add geht darauf sehr detailliert ein), werden diese nicht ernstgenommen, als Problem wird bloß angesehen, wenn es die Versetzung nicht schafft - und wenn offensichtlich ist, dass dies nicht an mangelndem Willen liegt, wird die Hilfe der Lehrer entweder gänzlich ausbleiben (falls sie "streng gerecht" sind und stur nach Klassenarbeitsergebnissen beurteilen) oder sich darauf beschränken, ein solches lernwilliges, aber offenbar nicht sonderlich vifes Kind durch Stützunterricht in de Fächern und evtl. durch "entgegenkommende" Prüfungsfragen soweit zu bringen, dass es die Versetzung schafft. (Paradoxerweise ist die Diagnose "nicht sonderlich vif" sehr oft eine Falschdiagnose - nicht selten handelt es sich dabei um Kinder, die ihr vorhandenes Potential wegen ihrer Add-Schwierigkeiten nur zu einem Bruchteil ausschöpfen können). So gesehen tun auch wohlmeinende Lehrer dem Kind nichts Gutes, wenn sich ihre Hilfe ausschließlich auf die Prüfungen und Versetzungen und Vorbereitung auf diese erstreckt. In vielen Fällen bestehen all die Probleme für das Kind in vielen unterschiedlichen Lebensbereichen weiter, und in nicht wenigen Fällen ist es - da es ständig mehr Energie aufbringen muss um seine gewohnten Leistungen zu erbringen, irgendwann einmal so ausgepowert, dass es nicht mehr kann. Dann wird es mit 15 oder 20 oder 30 als depressiv, angst-neurotisch, "burned out" oder was auch immer bezeichnet. Und während es von den auf Add ausgerichteten Verhaltenstherapien, Konzentrationstherapien und speziellen Psychotherapien mit großer Wahrscheinlichkeit profitiert hätte, sind für diese Betroffenen sämtliche Therapien, die nicht auf die speziellen Probleme bei Add Bezug nehmen, mehr oder weniger für die Katz. Dieses Schicksal - eine unterlassene Therapie solange die Symptome noch nicht für die Umwelt störend waren und eine Vielzahl an erfolglosen (da nicht auf das Grundproblem ausgerichteten) Therapien im Anschluss an eine oder mehrere "Krisen" ("Ausbruch" des Add) war früher leider sehr vielen Frauen und Mädchen beschieden. Jetzt besteht die große Gefahr, dass sich das wiederholt, denn Erzieher und Psychologen behandeln nur Kinder, die ein "Problem sind" (nämlich sie z.B. an der Ausübung ihres Berufes hindern, oder die Eltern um den Schlaf bringen), im Zuge dessen stellt sich dann sehr oft heraus, dass diese Kinder nicht nur ein Problem sind, sondern Probleme haben, die ihr Verhalten bewirken. Hypoaktive Mädchen sind in der Regel kein Problem, jedenfalls kein sonderlich gravierendes. Möglicherweise haben sie auch noch keines - sofern sie aber Add haben (und Anzeichen dafür sind bei genauem Hinschauen meist doch bemerkbar), werden sie im Laufe ihres Lebens möglicherweise sehr große Probleme bekommen. Das Add-Modell geht davon aus, dass sozusagen eine Veranlagung vorhanden ist, die sich in einer geeigneten Umgebung und bei nicht zu hohen Anforderungen überhaupt nicht störend bemerkbar macht. Von daher wäre Vorbeugung und Aufklärung angesagt. (der ideale Zeitpunkt für eine nicht-medikamentöse Therapie, sozusagen präventives Verhaltenstraining, samt dem Hinweis, dass eine medikamentöse Behandlung derzeit nicht notwendig ist, dass es sie aber für schwere Fälle gibt.) Das "Psychologie"-Modell scheint aber offenbar davon auszugehen, dass diese Mädchen keine Probleme haben, weil sie keine Probleme sind. Sprich: eine besondere Beschäftigung oder Förderung ist nicht notwendig, und wenn, dann nur in bezug auf die Fächer, aber nicht in bezug auf den Menschen selbst. Wie sonst ist es zu erklären, dass als Beispiele für die zweifelhafte Add-Diagnose niemals oder so gut wie niemals Mädchen herangezogen werden? |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 08.09.01
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für Ihren wirklich sehr interessanten Beitrag. Da
steckt sehr viel Diskussionsstoff drin.
Mir ist das auch schon stark aufgefallen: Die meisten
Forenteilnehmenr sind Frauen, denen es meistens um ihre Söhne
geht. Ich weiss nicht, sind nicht auch die meisten Forenbetreiber
Männer?
Aber ich glaube nicht, dass das "ADS-typisch" ist. Es
ist gesellschaftstypisch oder letzten Endes vielleicht biologisch
begründet. Wenn man in deutschen Erziehungsberatungsstellen
auszählt, wer wen anmeldet, dann sind es zu 90 Prozent Mütter,
die zu 60 Prozent ihre Söhne anmelden (früher zu 70).
Was ADS betrifft, liegt es aus meiner Sicht an der sog.
"Hyperaktivität". Ich glaube, es ist wirklich
genetisch vorgegeben, dass Jungens "hyperkinetischer"
als Mädchen sind. Ich glaube, dass deshalb bei ADS die Jungen in
der Diagnostik überwiegen, weil sie von Natur aus aktiver,
motorischer sind. Ich halte auch aus diesem Grund das Merkmal
"Hyperaktivität" für nicht nur diagnostisch
zweifelhaft, sondern auch geschlechtspezifisch
"unfair", weil es eben ganz zwangsläufig die
Aufmerksamkeit auf die Jungen lenken muss. Ich plädiere ja auch
aus diesen Gründen dafür, das Merkmal
"Hyperaktivität" bzw. "Hypoaktivität" ganz
wegzulassen und sich nur auf das Merkmal
"Aufmerksamkeit" oder "Konzentration" zu
beschränken. Das lässt sich nicht nur objektiv
testpsychologisch messen, es ist auch geschlechtsneutral.
Wenn man sich auf dieses Merkmal beschränken würde, würde man
die Mädchen nicht mehr übersehen, so dass sie vielleicht in
höheren Lebensaltersstufen nicht mehr die Zahl der Männer in
der Psychiatrisierungsquote übertreffen müssten. Und ganz
nebenbei: dieses Merkmal "Aufmerksamkeits- bzw.
Konzentrationsstörung" würde bei Kindern völlig als
Diagnose ausreichen; ADS als Konzept mit all seinen Implikationen
bräuchte es gar nicht. Das würde auch den ganzen Streit um die
Diagnosekompetenz zwischen Ärzten und Psychologen etc. beenden.
Dieser Streit spiegelt ja nur die wissenschaftlichen Schwächen
des ADS-Konzepts.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Elisabeth Datum: 08.09.01 Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt, Sie sind in Ihrer Antwort auf meinen Beitrag eigentlich kaum auf meine Beschreibung der Aufmerksamkeitsinkonsistenz (die man keineswegs allgemein als Aufmerksamkeitsschwäche umschreiben kann, wie dies immer wieder pauschal vereinfacht wird) eingegangen. Meine laienhafte Vorstellung legt mir eigentlich nahe, dass man durch einen "Aufmerksamkeitstest" in erster Linie die Aufmerksamkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt x messen kann und nichts anderes. Allenfalls kann man noch messen, ob jemand z.B. über mehrere Stunden hinweg seine Aufmerksamkeit aufrechterhalten kann oder nicht - aber nicht einmal dies ist verlässlich, denn gerade das hängt stark von der Motivation ab. Insbesondere gibt es außer dem Anreiz, "möglichst gute Resultate" zu erzielen, eigentlich keinen - in dieser Hinsicht sind Aufmerksamkeitstests jenen Gameboyspielen gleichzusetzen, bei denen es darum geht, möglichst viele Punkte einzuheimsen - fliegende Objekte abzuschießen (wie bei Moorhuhnjagd) oder auf einer anspruchsvolleren Ebene (Tetris). Während Tetris mich z.B. als ich es kennenlernte, so faszinierte, dass ich über etliche Tage hinweg mehrere Stunden spielte, ist der Anreiz für Moorhuhnspielen bei mir weit geringer (nach spätestens einer Stunde hab ich genug davon), und sofern Spiele auch von der optischen Gestaltung wenig zu bieten haben und wirklich nur noch auf das nackte Punktesammeln reduziert sind, ist meine Motivation noch schneller vorbei. Meine in einem Konzentrationstest gemessenen Werte wären also in erster Linie davon abhängig, ob ich das Bestreben hab, einen "Rekord" aufzustellen (wie bei derartigen Spielen) oder ob ich das nicht habe. Und ich frage mich, welcher Mensch tatsächlich z.B. das Bestreben hat, sich möglichst viele sinnlose Silben zu merken u.ä.? Eine andere Anekdote: die Tatsache, dass ich ziemlich gut im Kopfrechnen bin, habe ich meiner Begeisterung für Primzahlen zu verdanken. Von diesen war ich irrsinnig fasziniert, als ich erstmals davon hörte und in meinem jugendlichen Überschwang nahm ich mir nichts anderes vor, als zu versuchen, irgendeinen Zusammenhang zwischen ihnen herauszufinden. Ich stellte damals unendlich viele Berechnungen und Multiplikationen an (vieles davon waren Quadratzahlen) und beschäftigte mich stunden- und tagelang damit. Natürlich ist es mir nicht gelungen *g*, aber im Multiplizieren und Dividieren wurde ich immer schneller und besser. Hingegen war mir das schriftliche Dividieren z.B. einer Dezimalzahl durch eine andere Dezimalzahl ein absoluter Greuel - die üblichen Verfahren mit Häkchen und Stellenwertbestimmung eine reine Schikane, die außer zum Hausübungsschreiben für nichts gut war. Bei solchen Aufgaben passierten mir - von verrutschten Kommatas einmal abgesehen - wenn ich mich nicht ganz besonders anstrengte, dann auch "Rechenfehler" beim Multiplizieren zweier einstelliger Zahlen (obwohl ich im Vergleich dazu z.B. das Quadrat der zweistelligen Zahlen bis ca. 30 relativ mühelos im Kopf ausrechnen konnte). In meiner "Primzahlenphase" hätte ich vermutlich bei Rechenkonzentrationstests besonders gut abgeschnitten, zu jenem Zeitpunkt, als wir uns mit Dividieren von Dezimalzahlen abplagten, eher schlecht - und das nicht nur bei Divisionen von Dezimalzahlen, sondern auch bei anderen Rechnungen. Oder ich hätte - wenn mir meine Eltern z.B. vermittelt hätten, dass das Ergebnis irr wichtig ist - vermutlich bei Konzentrationstests besonders gut abgeschnitten (ich war ja in dem Alter noch relativ folgsam). Es macht vermutlich auch einen Unterschied, wie das Testzimmer eingerichtet ist und ob man allein ist oder nicht beim Test, ob man beim Blick durchs Fenster Interessanteres sieht als das, was der Test bietet oder nicht - ob man ein Kind ist, dem es wichtig ist, durch Punkte/gute Noten zu glänzen, oder ob man ein Kind ist, dem z.B. sportliche Rekorde viel wichtiger sind oder ein Kind, das genau weiß, was es will und sein Interesse aus der Sache schöpft, und z.B. ganz bestimmte Interessensgebiete hat, auf denen es sich engagiert, ohne an irgendwelche Noten oder Punkteleistungen zu denken. (Wir hatten z.B. in der Oberstufe einen Schüler in der Klasse, der in allen Fächern ausgesprochen schlecht war - bloß in Biologie hatte er immer eine Eins und er war ein ausgesprochener Experte in bezug auf Reptilien, von denen er etliche zu Hause hielt.) Ich vermute also, dass Konzentrationstests sehr wenig aussagekräftig sind in bezug auf ADD - und das sagen auch z.B. Experten wie Piero Rossi und Martin Winkler. (Siehe zitierten Text). Dennoch kommt es nach wie vor vor (und das nicht selten), dass Ärzte oder Psychologen ihren Klienten mitteilen, sie hätten ganz bestimmt kein Add, weil sie dafür "viel zu gut" im Konzentrationstest abgeschnitten hätten. (Eine solche Begründung ist definitiv falsch und nicht geeignet um über Vorliegen oder Nichtvorliegen von Add zu entscheiden.) Womit man also evtl. noch eine halbwegs gültige Aussage in bezug auf Add bekommen könnte, wären langandauernde (über mehrere Sitzungen verlaufende) Tests. Solche Tests sind teuer und man wird sie bei "Problemkindern" anwenden - in meinem Posting habe ich genau erörtert, warum Mädchen in der Regel nicht als Problemkinder gelten. Es wäre schön, wenn ich mich irre, aber ich vermute, dass das Ausschließen von Hyperaktivität als Diagnosekriterium überhaupt nichts an der Situation des Linksliegenlassens von betroffenen Mädchen verändert. Jene mit guten Schulleistungen, denen z.B. Noten und Leistungen generell wichtig sind (meist hängt dies stark vom Einfluss der Eltern ab) und hoher Motivation daher auch bei Tests mit eher sinnlosen Aufgaben werden auch dann durch das "Diagnoseraster" rutschen. Selten sind solche Mädchen Durchschnitt in bezug auf Hyper- oder Hypoaktivität, meistens ist ihre Hypoaktivität sehr gut zu erkennen. Hyperaktivität und Hypoaktivität sind - wenn Sie sich eine Normalverteilungskurve denken - der ganz linke äußerste Bereich und der ganz rechte äußerste Bereich eines solchen Spektrums. Tatsächlich gibt es mathematische Verfahren mit denen man spezielle Eigenschaften gerade solcher Randbereiche von Normalverteilungskurven herausarbeiten kann. Das heißt es sind Aussagen möglich, die präziser sind als jene die man bloß allgemein über die Gesamtkurve sagen kann. Durch Verzicht auf das Kriterium Hyperaktivität/Hypoaktivität lässt man also Information beiseite über die man eigentlich verfügt. So wird man z.B. bei Untersuchung über das Vorliegen von Aufmerksamkeitsinkonsistenz und genereller herabgesetzter Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsschwäche) erstere vorwiegend in diesen Randbereichen ausmachen können - während sich die höchsten Werte für "Aufmerksamkeitsinkonsistenz" dort finden werden, wird man die höchsten Werte für Aufmerksamkeitsschwäche im mittleren Bereich der Normalverteilungskurve der motorischen Aktivität finden. Während aber bei "aufmerksamkeitsschwachen" Kindern auf Stärkung, also Erlangen von "Aufmerksamkeitsstärke" hingearbeitet werden muss, würden "aufmerksamkeitsinkonsistente" Kinder eine andere Art von Therapie benötigen - die mehr mit dem Trainieren des Unterscheidens von Wichtigem und Unwichtigem und psychologischen Aspekten wie Selbstmotivation auch bei eher langweiligen Aufgaben zu tun hat. Der im folgenden zitierte Text stammt aus der FAQ-Seite von www.psychologie-online.ch/add von Piero Rossi und Martin Winkler. Welchen Sinn machen Konzentrationstests? ADHS ist primär eine Diagnose, die durch eine gründliche Anamnese gestellt werden muss. So wie bei anderen psychischen Störungen gibt es letztlich keine beweisende oder ausschliessende technische Diagnostik. Übliche neuropsychologische Tests bzw. auch die Befragung im Einzelkontakt werden zudem nur selten sichtbare Hinweise auf Konzentrationsstörungen ergeben. Vielmehr bedeutet diese besondere Untersuchungssituation ein Anreiz, so dass das Gehirn aktiviert und stimuliert wird wird. Geeignet sind spezielle Daueraufmerksamkeitstests, die an einem Computer über einen längeren Zeitraum Ablenkbarkeit bzw. Impulsivität messen können (CPT = continous performance test; T.O.V.A. = Test of Variables of Attention). In einer neuen Veröffentlichung der AMERICAN ACADEMY OF PEDIATRICS zu diagnostischen Leitlinien der ADHS (Diagnosis and Evaluation of the Child With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder) heisst es: "Therefore, current data do not support the use of any available continuous performance tests in the diagnosis of ADHD". Die klinische Erfahrung der Verfasser zeigt immer wieder, dass ADHS-Betroffene im bekannten "d2-Konzentrationstest" entweder sehr gute oder sehr schlechte Leistungen hervorbringen. Es existieren aber keine Normen für ADHS-Patienten. |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 08.09.01
Liebe Elisabeth,
ich habe Ihren Beitrag hier hin gehängt, weil er aus meiner
Sicht kein neues Thema eröffnet, sondern dieses hier
weiterführt.
Zum Inhalt: Ich glaube, Mädchen gelten deshalb weniger als
Problemkinder, weil sie tatsächlich weniger Problemkinder sind.
Deshalb fallen sie nicht generell mehr durch Diagnoseraster als
Jungen. Ich gehe einfach von den tatsächlichen Gegebenheiten aus
und glaube nicht, dass sie die "Wahrheit" nicht
wiedergeben.
Woran erkennen Sie die Hypoaktivität von Mädchen (oder Menschen
allgemein)? Meinen Sie damit eine pathologische Ausprägung von
"Aktivität", oder handelt es sich nicht einfach um
Varianten im Normalbereich, wenn es ruhige und lebendige, sehr
ruhige und sehr lebendige Menschen gibt?
Ich kann einfach mit dem Konstrukt "Aktivität" (Hyper-
bzw. Hypo-) nicht viel anfangen. Es gibt für mich intro- und
extravertierte Menschen mit oder ohne neurotische Tendenz (im
Sinne von Eysenck). Dabei gibt es auch so etwas ähnliches wie
"Hypoaktive", das wären neurotisch gehemmte Menschen.
Dieses Eysenck-Konzept ist z.B. empirisch ausserordentlich
sorgfältig geprüft und bestätigt. Das kann ich messen,
beobachten und auch biografisch belegen. Damit kann man arbeiten.
Aber was soll "Aktivität" sein? Wie messe ich ihren
Mittelwert und ihre Extreme? Die Klinische Psychologie weiss
darauf keine Antworten. Durch Verzicht auf dieses Merkmal lässt
man keine zuverlässige Information beiseite. Im Gegenteil: man
vereinfacht und objektiviert das Konstrukt "ADD".
Anders sieht es mit Konstrukten wie "Aufmerksamkeit"
oder "Konzentration" aus. Wenn ADD eine
Aufmersamkeitsstörung sein soll, kann man mit viel besserer
Erfolgsaussicht "Aufmerksamkeit" messen als
"Hyper- Hypoaktivität". Es gibt derzeit mindestens 25
sehr gute psychologische Testverfahren zur Messung dieses
Konstrukts. Man muss nur den Zusammenhang dieser Tests mit
"ADD" endlich mal überprüfen. Aber solche Forschungen
gibt es ja gar nicht, sie wären aber problemlos machbar.
Das ist aber alles eigentlich nicht mein Thema, weil es jeweils
auf die Diagnose ADD hinzielt. Ich bleibe bei meiner
Grundposition: wenn ich einen der gegenwärtigen
Konzentrationstest im Rahmen einer psychologischen Untersuchung
anwende, erhalte ich hinreichend valide und zuverlässige
Informationen über die psychische Situation eines Menschen, die
mir Aufschluss verschafft über Probleme wie
Schulleistungsschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme, innere und
äußere Unruhe, Familienkonstellation, Familiendynamik, et. etc.
Es braucht keinerlei Aussage über ein so fragliches Konstrukt
wie ADD, um mit bewährten Test- und Untersuchungsverfahren
Probleme ergründen und Abhilfe schaffen zu können.
Liebe Elisabeth, Ihr Beitrag verdeutlicht nur zu gut das
diagnostische Dilemma bei "ADD". "ADD" ist
überflüssig wie ein Kropf. Man soll das Konzept ADD der
weiteren Forschung überlassen. Die Praxis braucht diese
"Krankheit" nicht.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Elisabeth Datum: 08.09.01 20:40 Sehr geehrter Herr Dipl.-Psych. Schmidt, ich weiß nicht ob Ihnen aufgefallen ist dass ich sehr genau zwischen jemand "ist ein Problemkind" (nämlich dergestalt, dass seine Umwelt unter seinem/ihrem Verhalten leidet) und jemand "hat ein Problem" (oder mehrere oder viele) unterscheide. Falls Sie diese Begriffe auch in dem Sinn verwenden wie ich sie eingeführt habe, würde aus Ihren Anmerkungen folgend, dass Mädchen quasi von Natur aus "weniger problembeladen" wären. (Sowas kann echt nur aus dem Mund eines Mannes kommen!) Ich habe auch sehr genau angeführt, warum ich der Meinung bin, dass Aufmerksamkeitstests keinen Sinn machen. (Dies gilt für Knaben ebenso wie für Mädchen, und deshalb habe ich einen neuen Beitrag eröffnet - der Ursprungsthread hier ist nämlich auf Mädchen bezogen, sprich jemand der nach den Ursprungsthreads auswählt, wird diesen Beitrag, sofern er kein Interesse an der Mädchenproblematik hat, gar nicht finden.) Dennoch behaupten Sie einfach, dass Sie aus Aufmerksamkeits alles Mögliche schließen können. Dann erklären Sie mir doch einmal, indem Sie auf all meine geäußerten Bedenken eingehen, warum Sie dennoch g l a u b e n, dass Aufmerksamkeitstests hier soviel aussagen können? Gerade zu dem Thema, dass Aufmerksamkeitstests in bezug auf eine Add-Diagnose nicht sehr aussagekräftig sind, gibt es Studien. |
Autor: Elisabeth
Datum: 08.09.01
entschuldigung, hier gehts weiter (hab irrtümlich auf abschicken
gedrückt)
So wird z.B. "der" gängige Test zur
Aufmerksamkeitsmessung schon seit zwei Jahrzehnten kritisiert -
hier aber eine aktuelle Kritik:
http://www.bfwdd.uni-osnabrueck.de/faecher/klin_ps/schoett/reisch.pdf
(S. 107 ff)
Wenn Sie schon behaupten, es gäbe 25 Tests, die bei
Add-Problematik geeignet sind, dann zählen Sie doch bitte
wenigstens 5-10 davon auf - "Mediziner" lassen nämlich
in bezug auf Add in der Regel nur maximal 2 gelten (wenn
überhaupt).
lg, Elisabeth (himmelblau)
| Autor: Lilli Datum: 09.09.01 Liebe Elisabeth, ich könnte schwören, ich habe hier eine Antwort gepostet, aber irgendwie ist mein Beitrag verschwunden ... Also nochmal: ich glaube verstanden zu haben, was du ausdrücken wolltest: ein Aufmerksamkeitstest unter besonderen Bedingungen (Testsituation) bringt bei ADS unter Umständen verfälschte Ergebnisse, weil die Testperson hochmotiviert ist. Das denke ich auch. Darum schlage ich zusätzlich einen Gegentest vor. Aufmerksamkeitsinkonsistente Menschem (aufgrund von ADS) können leicht ins Hyperfokussieren gelangen, vor allem, wenn man weiß, womit man sie dahin führt. Man sollte messen, wie schwierig es ist, die Testperson hierbei nachhaltig zu stören bzw. vollständig aus der Hyperfokussion heruaszuholen. Erst dann hat man ein vollständiges Bild von der Aufmerksamkeitsstörung. Genau deswegen finde ich es auch wichtig, ADS-Kindern nicht nur die Konzentration anzutrainieren, sondern auch ein Training, das Hyperfokussieren an sich zu bemerken und ggf. zu beenden. Letzteres ist eigentlich der schwierigere Teil ... MfG, Lilli |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 09.09.01
Liebe Elisabeth,
ich behaupte nicht nur, dass es viele
Aufmerksamkeits-Konzentrationstests in der Klinischen Psychologie
gibt, sondern es gibt sie. Allein der in der Klinischen
Psychologie gängige Testkatalog der Testzentrale Göttingen
beschreibt davon 26. Andere Kataloge bieten noch mehr. Sie
ersparen es mir sicher, die hier alle oder beispielhaft
abzuschreiben. Das kann man ja nachlesen.
Was ich damit sagen will (nun fangen wir wieder an, uns im Kreise
zu drehen), ist, dass es in der Psychologie schon viele empirisch
gut geprüfte Testverfahren zum Konstrukt
"Aufmerksamkeit" bzw. "Konzentration" gibt,
aber keinen einzigen zum Konstrukt "Hyperaktivität".
Das liegt u.a. an der Vieldeutigkeit und Nichtobjektivität
dieses Merkmals. Dagegen ist es gerade das Merkmal
Aufmerksamkeit, das das hyperkinetische Störungsmuster von
anderen Erscheinungsformen hyperkinetischen Verhaltens abgrenzt.
Es kommt also in der Psychodiagnostik darauf an, das Merkmal
Aufmerksamkeit zu messen. Nirgendwo ist
"Hyperaktivität" klar und einvernehmlich definiert
oder könnte zuverlässig gemessen werden.
Welche Bedeutung dies für die Geschlechterdiskussion hat, habe
ich oben bereits erwähnt.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Elisabeth
(himmelblau) Datum: 09.09.01 Nachlesen kann man auch, dass z.B. d2 (und vermutlich etliche andere Tests) u n g e e i g n e t zur Diagnostik der Aufmerksamkeitsinkonsistenz sind. (Ich habe in meinem obigen Beitrag einen Link angegeben, der auch die wichtigsten Argumente aufzählt, w a r u m ein derartiger Test ungeeignet ist). Sogar - damit niemand die Ausrede hat, er hätte keine Zeit zum nachlesen - samt Angabe der Seitenzahl. Ich habe Sie nicht aufgefordert alle 25 Tests aufzuzählen (es geht ja nicht um "irgendwelche" Aufmerksamkeitstests, sondern die, die Sie für geeignet halten - da gehört dann vermutlich der d2 auch dazu? Oder? Von ADD-ExpertInnen wird hingegen - wenn überhaupt - höchstens CPT und T.O.V.A. eine gewisse Aussagekraft in bezug auf das Vorhandensein von Add zugeschrieben. (Wobei diese im Unterschied zu Ihnen nicht behaupten alles Notwendige an Diagnostik aus einem solchen Test herauslesen zu können!) Ich möchte also keineswegs, dass Sie mir alle Aufmerksamkeitstests aufzählen, die Sie kennen, sondern jene, die Sie für geeignet zur Feststellung einer Aufmerksamkeitsinkonsistenz halten. Und wenn das eine solche Vielzahl sein sollte, reichen auch schon 3, 4 die über die genannten CPT und T.O.V.A. hinausgehen. mfg, Elisabeth (himmelblau) PS: Zum Abschluss ein Auszug aus den Diagnoserichtlinien für ADHS (1998): Untersuche und behandle einen Menschen, nicht Symptome! Ein umfassendes Diagnostikverfahren für ADHS umfasst jeweils eine Eeschreibung der gesamten Person. D.h. man muss ermitteln, wo die ADHS-Symptome die physische und psychische Funktionsfähigkeit einer Person bzw. deren Persönlichkeit beeinflussen. Jeder Mensch ist ein Individuum, mit eigenen Stärken und Schwächen. Eine Diagnose, die allein nur einzelne Aufmerksamkeitssymptome checklistenartig in Schubladen presst, ist ungeeignet. Wenn man die Persönlichkeit des Hilfesuchenden erkannt hat, kann man die Bedeutung der ADHS-Symptomatik in dem gesamten Lebenskontext verstehen. Der Erfolg einer Behandlung hängt davon ab, ADHS innerhalb der Lebensumstände zu verstehen und zu integrieren. Denke an ADHS, aber berücksichtige auch Differentialdiagnosen! |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 09.09.01
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für Ihre "Fangfrage", welche
Aufmerksamkeitstests ich für die Diagnose ADD für geeignet
halte. Sie dürften nun eigentlich meine Grundposition kennen,
dass es bei mir diese Diagnose nie gibt, ich komme vollkommen
ohne sie aus, auch die Ärzte unseres Sozialpädiatrischen
Zentrums. Deswegen kann ich Ihre Frage natürlich nicht
beantworten.
Mir ging es darum, Ihre Frage nach der Unterrepräsentativität
der Mädchen bei "ADD" zu beantworten, was ich mit der
Messungenauigkeit und Geschlechtsspezifität des Konstrukts
"Hyper-Hypo-Aktivität begründet habe. Eine Testdiskussion
im Hinblick auf ADD ist nicht mein Thema, kann es ja auch gar
nicht sein. Es gibt keine ADD-Tests.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Elisabeth
(himmelblau) Datum: 12.09.01 Ich habe mich sehr klar dazu geäußert, warum ich das Kriterium Hyperaktivität/Hypoaktivität (das ja eines von mehreren Add-Kriterien ist) für sinnvoll halte. (Das war das mit der Normalverteilungskurve und den beiden Enden, falls Sie sich erinnern). Dass das Kriterium "Aufmerksamkeitsinkonsistenz" das entscheidende Kriterium ist, werden Sie in jeder seriösen Einführung ins Thema finden - das bestreitet ja niemand. Falls man "nur" Aufmerksamkeitsstörungen heranziehen würde, hätte man mich z.B. in der Schule oder über gängige Konzentrationstests ganz sicher nicht als "aufmerksamkeitsgestört" erkannt. Aufgrund meiner guten Leistungen wäre nicht mal die Vermutung aufgekommen, dass ich in dem Bereich Schwierigkeiten habe und ich wäre nie in den "Genuss" eines solchen Tests gekommen, obwohl es mir sehr oft schwergefallen ist und schwerfällt, mich zu konzentrieren. Ich hätte die Schule auch nie ausgehalten, wenn ich nicht fast immer auf einem Fensterplatz gesessen wäre. (Und ich bin "aufmerksamkeitsgestört" - und zwar genau in dem Sinn, wie es im "Konstrukt" Add beschrieben wird, nämlich aufmerksamkeitsinkonsistent. Auch eine "Erkältung" ist ein Konstrukt, das aus mehreren Komponenten besteht, die typisch für eine Erkältung sind, von denen aber keineswegs immer alle auftreten müssen. Dennoch macht das Konstrukt "Erkältung" Sinn, auch wenn man vielleicht manche Komponenten leichter, andere schwerer messen kann. Ganz sicher hätte man mich aber als hypoaktiv erkannt. (Hypoaktiv ist nicht nur mangelnde Bewegung - ein hypoaktives Kind ist sehr ruhig (wobei das wenig mit Gehemmtheit zu tun hat), meist sehr verträumt und ausgesprochen antriebslos, meist ist es auch eher unsportlich - aber das ist nicht das Entscheidende. Aber es ist geistig sehr rege und hat viel Phantasie. Ein hypoaktives Kind wirkt sehr oft völlig abwesend - und ist es auch. Und es gibt eine ganze Reihe von erwachsenen Frauen, die in die Kategorie hypoaktiv/aufmerksamkeitsinkonsistent fallen - wobei "hypoaktiv" im Kindesalter das augenfälligere Kriterium ist, das überhaupt erst den Verdacht auf Add aufkommen lässt - bei unbehandelter Add bekommen die Frauen im späteren Leben die Schwierigkeiten aber nicht wegen der Hypoaktivität sondern wegen der Aufmerksamkeitsinkonsistenz, die dann leider sehr oft in einem späteren Lebensabschnitt erst so richtig krass zutage tritt. (siehe: "Gibt es ein bisschen Add?"). Diese Frauen haben alle auch einen verdächtig ähnlichen Lebensweg hinter sich, aber ich werde meine Lebensgeschichte hier sicher nicht ausbreiten. Nur soviel: Durch die Diagnose "Add" schon im Kindesalter wäre ihnen allen sehr viel an Leid erspart worden. (Wobei das kein Propagieren einer Ritalin-Behandlung ist. Bloß werde ich solange in Fällen mit großem Leidensdruck - dazu zähle ich auch die Abschiebung eines "ganz normalen" Kindes in eine Sonderschule, in der nicht speziell auf Add-Bedürfnisse eingegangen wird - für eine ärztlich kontrollierte Ritalintherapie plädieren, solange andere Alternativen nicht im selben Ausmaß "Erfolge" vorzuweisen haben und solange andere erfolgreiche Alternativen (der Erfolg müsste empirisch nachgewiesen werden) den Betroffenen nicht im selben Ausmaß zugänglich gemacht werden wie eine Ritalintherapie - wobei die zumindest für Erwachsene keineswegs leicht zugänglich ist. Auch schreibt z.B. der Schweizer Kinderarzt Ryffel, dass ihn seine Erfahrungen mit einer enormen Anzahl von verzweifelten Eltern, die oft jahrelang mit ihrem Kind diverseste alternative Heilmethoden probiert haben, nur um ja keine Medikamente geben zu müssen, und die Erfolge der Ritalintherapie im Vergleich dazu überhaupt erst dazu gebracht haben, die Ritalintherapie im Schulkindalter zu befürworten. (Soviel zu den Eltern, die alle sofort nach Psychopharmaka für ihre Kinder rufen, um sie ruhigzustellen). Ich spreche nicht ab, dass das möglicherweise durch die Diagnose von "Aufmerksamkeitsinkonsistenz" ebenfalls geschehen würde - aber auf meine Einwände, dass Aufmerksamkeitsinkonsistenz nur schwer und aufwendig messbar ist und bei vielen Betroffenen daher gar nicht einmal die Messung durchgeführt wird, sie bei vielen auch unbrauchbare Ergebnisse liefert, sind Sie bisher nicht eingegangen. mfg, Elisabeth (himmelblau) PS: wenn Ihnen meine Überschrift schon so gut gefallen hat, dass Sie sie gleich für Ihre Zwecke adaptieren, hätten Sie sie aber beim Originalthread auch stehen lassen können. Kein Mensch kann den Scherz sonst noch nachvollziehen. |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 12.09.01
Liebe Elisabeth,
dass Merkmale wie "Hyperaktivität" normalverteilt sein
werden, ist ja richtig, sagt doch aber nichts aus über die
Frage, wie zuverlässig ich den Mittelwert oder die Extreme
messen kann. Meine These ist, dass man das eben nicht
zuverlässig kann, weil das Merkmal stark situativ und
beziehungsabhängig ist. In den üblichen Diagnosekatalogen zu
ADD heisst es beispielsweise: Ein Kriterium (wie z.B.Hyper-
Hypoaktivität) ist nur dann als erfüllt zu betrachten, wenn das
Verhalten erheblich häufiger auftritt als bei der Mehrzahl der
Menschen gleichen Intelligenzalters. Hier soll man sich also auf
Vergleichswerte der Gesamtbevölkerung berufen, aber solche Werte
existieren eben gar nicht. Die müssten endlich mal erhoben
werden, und erst dann kann diagnostiziert werden.
Ähnlich ist es mit dem Merkmal "Aufmerksamkeit". Wie
Sie ja auch ausführen, wird behauptet, für ADD sei eine
Aufmerksamkeitsinkonsistenz typisch (also einerseits eine
Fokussierungsschwäche, gleichzeitig aber auch eine Fähigkeit
zum Hyperfokussieren). So die Theorie. Wo ist aber das
zuverlässige und an der Gesamtbevölkerung geeichte
Messverfahren, um im Einzelfall sagen zu können, dass dieses
Symptom in pathologischer Ausprägung vorliegt? Mir ist kein
zuverlässiger, objektiver Test hierfür bekannt.
Alle empirischen Untersuchungen zu ADD kranken bisher an diesen
ernsten Unzulänglichkeiten der Diagnostik, die notgedrungen nach
dem Motto "pi mal Daumen" erfolgen muss und häufig
willkürlich bleibt. Wenn es in einer Untersuchung heisst, es
seien 2 Gruppen von Menschen verglichen worden, wobei die eine
Gruppe ADDler waren, dann muss man sich vor Augen halten, dass
die Diagnose eben wie beschrieben erfolgte und diese Menschen
alles mögliche haben können, vielleicht alle etwas anderes,
oder alle das Gleiche, aber ganz andere als ADD.
Liebe Elisabeth, Sie sprechen immer über ADD-Symptome, als sei
das alles wissenschaftlich schon völlig klar. Meine Position ist
anders: Man weiss in Wirklichkeit über das Syndrom so wenig,
dass man es in der Praxis noch nicht benutzen sollte.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
P.S. Der Originaltitel Ihres threads steht doch unverändert
drüber?
| Autor: Elisabeth
(himmelblau) Datum: 12.09.01 Sorry, da war ich in Gedanken bei dem anderen - der steht nicht mehr drüber ("Wie man Addler ins schlechte Licht rückt"). Mit Ihren Ausführungen haben Sie vielleicht recht - das gilt dann aber für etliche andere Diagnosen genauso. Wer hat je gemessen, welcher "Depressivitätsgrad" normal, also "angemessen" auf bestimmte erlebte Situationen ist? Oder welcher Angstgrad? Und dennoch werden Menschen weit leichtfertiger von Ärzten als "depressiv" oder "angstneurotisch" etc. bezeichnet - der Prozentsatz jener, die völlig unnötigerweise Antidepressiva erhalten, ist vermutlich allein schon deshalb weit höher, weil die Diagnose "Depression" weit eher gestellt wird als "Add" - während davon ausgegangen wird, dass 3-5% der Menschen Add haben, sind die Prozentsätze für Menschen, denen man Depressionen zuschreibt, um ein Vielfaches höher. |
Autor: Doris
Datum: 09.09.01
Hallo,
ich denke, um die Konzetrationsfähigkeit festzustellen, bedarf
es neben einigen Tests, die für Kinder geeignet sein müssen,
bestimmt auch Gespräche mit den Lehrern oder Erziehern.
Von Kindern wird heute viel erwartet. Die sollen von 8 bis 13 Uhr
vollkonzentriert sein und immer brav. Das ist ja auch eine
Traumvorstellung.
Das werden nicht einmal wir Erwachsenen hinbekommen.
Dann stellt sich wirklich die Frage, was ist hyperaktiv?
Mich hat es schon etwas vom Sockel gehauen, als mir die Ärzte in
einer Fachklinik andeuteten, dass unsere Tochter trotz der
Medikamente doch noch sehr hyperaktiv wäre.
Dem kann ich da gar nicht zustimmen, denn m.E. ist sie nun ruhig,
konzentriert und gelassen. Sie liebt nun mal die Bewegung und ist
sehr neugierig, trotz Ritalin. Ich will schließlich keinen
Roboter, sondern ein lebendiges Kind.
Die Frage, was hyperaktiv, also auffällig ist, liegt doch ganz
im Auge des Betrachters.
Wer also Kinder in den Schulen haben will, die vollkommen wie die
Ölgötzen da sitzen und sich nicht rühren, der hat m.E. ein
falsches Menschenbild.
Eine Freundin erzählte, dass die Lehrerin ihres Sohnes
(2,Klasse) schon Kinder als verhaltensauffällig ansieht, wenn
die mal in die Klasse rufen oder sich nicht die ganze Stunde
ruhig setzen können.
Da liegt nämlich schon der Hase im Pfeffer begraben.
Heutzutage sollen wohl die Kinder am besten mit einem Knopf zum
Ausschalten ausgestattet sein, damit man nicht merkt, dass es
noch Kinder gibt.
Viele Lehrer sind allerdings in einer schlechten Situation, volle
Klassen, viele Problemkinder (familiär, soziale Probleme ect),
so dass sie sich jedem Problemfall aus dem Weg räumen wollen.
So lässt es sich vielleicht auch erklären, dass es einen
solchen Aufschwung in der Ritalinverschreibung gegeben hat.
Denn eines lässt man engagierten Eltern und ihren Kindern nicht:
Die Zeit, Probleme in den Griff zu bekommen.
Da ist es egal, ob es nun ADS heißt, oder Konzentrationsprobleme
und Hyperaktivität, die Schulen wollen schnelle Ergebnisse.
Ich kenne Fälle, wo den Eltern gesagt wurde: Entweder es ändert
sich schnell etwas, oder das Kind kommt auf die Sonderschule.
Solche Lehrer kann man dann auch nicht überzeugen, dass gut Ding
Weile braucht. Leidtragende sind die Kinder.
Doris
| Autor: Antje Datum: 10.09.01 Hallo Doris Ich kann Dir in Bezug auf Hyperaktivität nur zustimmen. Ich fand meine Tochter eigentlich auch immer nur lebhaft und nicht hyperaktiv. Als dann bei meiner Tochter die Diagnose ADS mit Hyperaktivität fest stand, war ich doch sehr iritiert. Die Kinderpsychologin sagte mir dann ich solle meine Tochter doch mal genau beobachten wenn sie scheinbar ruhig am Tisch sitzt und z.B. malt, irgendetwas und wenn es nur der wippende Fuß ist wäre immer bei ihr in Bewegung und das wäre eben keine normale lebhaftigkeit sondern eher hyperaktiv. Ich glaube das man in diesem Sinne garnicht von einer Hyperaktivität sprechen sollte, da dies doch ein sehr missverständlicher Begriff ist. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um eine "motorische Unruhe" dieser Begriff gefällt mir eigentlich besser weil passender. Aber wie gesagt das ist halt nur meine Meinung, falls ich damit falsch liege ich bin ja auch kein Fachmann :-) Liebe Grüße Antje |
Autor: Doris
Datum: 10.09.01
Hallo Antje,
das drollige ist ja, dass die meine Tochter nur mit Ritalin
erlebt haben.
Meine Tochter ist nun mal vom Typ her ein lebhaftes Wesen und
ziemlich neugierig.
Neue Situationen wirken da natürlich wie Zunder.
Sollte ich dort noch mal hingehen (warscheinlich nicht), dann
wird das ohne Ritalin sein, dann erleben die ihr blaues Wunder.
Dann ist sie wirklich unheimlich hippelig und nicht unter
Kontrolle zu bringen.
Heutzutage stimmt irgentetwas nicht mehr mit der Gesellschaft.
Am besten es werden Kinder kreiert, die man mit Fernbedienung
steuert, die wären ideal in den Vorstellungen einiger wichtiger
Menschen.
Doris