Pressemitteilung 1/2007

Lieber kranke, als unglückliche Kinder?
Konferenz-ADHS informiert kritisch über
"ADHS"

"ADHS: eine der größten Kontroversen in der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie", so urteilt in jüngster Zeit der renommierte Direktor der Klinik am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Prof. Dr. Peter Riedesser1.

Leider spielt sich diese Kontroverse um die angebliche Krankheit "ADHS" immer mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Immer häufiger verkümmert der eigentlich fruchtbare öffentliche Diskurs zu unkritischer, einseitig schulmedizinisch ausgerichteter und Pharma-gesponserter Darstellung, die Eltern, Lehrer und Erzieherinnen vorschnell auf eine biologistische Sicht kindlichen Verhaltens lenkt und sowohl die eigene Beteiligung am kindlichen Seelenleben und Verhalten, als auch das introspektive, empathische Verstehen der wirklichen Nöte unserer Kinder aus dem Blickfeld verliert.

Um die Öffentlichkeit in Zukunft kritisch über die Modediagnose ADHS und die mit ihrer inflationären Verbreitung verbundenen psychosozialen Phänomene besser informieren zu können, haben Fachleute eine neue Internetplattform gegründet: Konferenz ADHS.

Mit einem Kuratorium und einer mailing-Liste wendet sich dieses neue Forum an die Öffentlichkeit unter http://www.adhs-konferenz.de

Unsere "Schnellfeuer-Kultur" (DeGrandpre) verändert das Bewusstsein auch unserer Kinder und fordert ihren Preis, auch mit der zunehmenden Einnahme von Psychpharmaka. Eine ganze Generation wird krankgeschrieben, denn ADHS ist genau die "Krankheit", die in diese Kultur passt 2.

Mit der zunehmend einseitig-biologistischen Sicht und Behandlung der seelischen Nöte unserer Kinder wird ihnen eine verstehende, die wirklichen psychosozialen Hintergünde und systemischen Zusammenhänge ihrer Nöte und Störungen ernstnehmende gesellschaftliche Verantwortlichkeit immer öfter vorenthalten - ein weithin ausgeblendeter Skandal. Offensichtlich hat man lieber kranke als unglückliche Kinder.

In den USA nehmen derzeit ca. 10% aller zehnjährigen Jungen Psychostimulanzien ein. In Deutschland schlucken ca. 4% aller Zehnjährigen bzw. ca. 50 000 Kinder täglich und teils jahrelang solche Psychopharmaka3. Dabei sind die körperlichen und seelischen Langzeitfolgen solcher Psychopharmakabehandlungen bei kleinen Kindern, deren Hirn noch in der Entwicklung begriffen ist, nach wie vor nicht ausreichend bekannt.

Nach Schätzung der amerikanischen Drogenbehörde nehmen heute 15 % der amerikanischen Schulkinder Psychostimulanzien Eine Untersuchung des Bremer Gesundheitswissenschaftlers und Pharmakologen Prof. Dr. Gerd Glaeske und seiner Kollegin Katrin Jahnsen ergab, dass 30% aller Psychostimulanzien-Verordnungen in Deutschland von nur 66 Ärzten getätigt werden. Von "Schwerpunkt-Praxen" ist in dem Bericht die Rede.4 Das deckt sich mit der Alltagserfahrung von Eltern und Lehrern, dass in bestimmten Arztpraxen die gewünschten Diagnosen gestellt und die zu registrierenden Rezepte ausgegeben werden. Eine Apothekerin, die selbst nur wenige Rezepte pro Monat in ihrer Apotheke umsetzt, berichtet, dass ein Kollege sich einen größeren Tresor anschaffen musste, um die Riesenmenge Ritalin, die in seinem Einzugsgebiet plötzlich verordnet wird, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend lagern zu können.5

 

1 Riedesser, P.: Einige Argumente zur ADHS-Kontroverse in der Kinder- u. Jugendpsychiatrie. In: Leuzinger-Bohleber u.a.: ADHS Frühprävention statt Medikalisierung. Vandenhoeck u. Ruprecht 2006.

2 DeGrandpre, R.: Die Ritalingesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Beltz 2002.

3 Fegert ,J. M., J. Hebebrand: Stellungnahme zu fraglichen kardialen Risiken der Stimulanziengabe. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) 2006

4 Glaeske, G.: Untersuchung der Arzneimittelversorgung von Kindern mit hyperkinetischen Störungen anhand von Leistungsdaten der GKV. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Referat 326, 2003

5 Gründler, E.: Psychostimulanzien für Kinder: Diagnose statt Erziehung? Das online-Familienhandbuch http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Haeufige_Probleme/s_997.html