ADS-QUELLENSAMMLUNG

Hallo liebe Gäste,
unter dieser Rubrik sammeln wir lesenswerte und wichtige Artikel, Interviews, Stellungnahmen, Studien.

Hier noch einmal zum Einstieg der inzwischen schon "klassische" Artikel aus der taz Hamburg, der in anderen Foren immer wieder gelöscht wurde. Für alle, die es schon wieder vergessen haben oder vielleicht so noch nicht wussten. Ich finde, er gibt eine Menge Gesprächsstoff ab, wurde aber bisher nirgends entsprechend gewürdigt.



Ritalin - die schnelle Lösung.
Ein Medikament soll die Probleme hyperaktiver und verträumter Kinder lösen.

Kritiker fürchten das Ruhigstellen von Kindern und eine "Medizinierung der Pädagogik"
Von
Katja Kutter

Der Schulparkplatz ist überfüllt, aus allen Richtungen strömen Eltern auf die kleine Aula zu. An die hundert Mütter und Väter kommen an diesem Abend in die Schnelsener Schule Anna-Susanna-Stieg, um dem Kinderpsychiater Hans Kowerk zuzuhören. Um den "Sinn und Unsinn von Ritalin" soll es gehen - Ritalin, ein Medikament, das verträumten und hyperaktiven Kindern auf Drängen von Lehrern offenbar auch an Hamburgs Schulen vermehrt verschrieben wird.

Man habe absichtlich keine "Pro und Contra"-Diskussion vorbereitet, um die Eltern nicht zu sehr zu verunsichern, erklären die Veranstalter, ein örtliches Familienzentrum. So geschieht an diesem Abend, was Kritiker die "Medizinierung der Pädagogik" nennen. Ärzten und Psychiatern wird zugetraut und überlassen, die Probleme zu lösen.

In der Annahme, dass fünf Prozent der Kinder an einem möglicher Weise sogar vererbbaren "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) leiden, wird auffälliges Verhalten von Kindern fast ausschließlich auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückgeführt.

An der Tafel sind zwei chemische Formeln aufgemalt. Die des Amphetamin und des mit dem Amphetmin verwandten Ritalin, auch Methylphenidat genannt. Der Stoff sei eigentlich ein Aufputschmittel, erklärt Hans Kowerk dem Publikum, habe aber bei bestimmten Personen gegenteilige Wirkung. Er mache Kinder, die unruhig sind, "motorisch ruhiger", halte sie aber "geistig wach".

Es wirke nicht bei allen Kindern, schränkt der Psychiater ein. Auch könnten ADS und Hyperaktivität "sehr viele Ursachen" haben. Die Kernhypothese beruhe darauf, dass der Nervenbotenstoff Dopamin bei diesen Menschen zu schnell abgebaut wird, "das ist aber alles noch nicht richtig erforscht". Kowerk sagt: "Hyperaktiv können auch Kinder sein, die neurologisch ganz gesund sind. Denen Ritalin zu geben, finde ich problematisch." Doch auch der neurologische Defekt selbst sei "mit üblichen Untersuchungsmethoden, wo man was 'beweisen' kann, nicht zu fassen". Kinder, die Ritalin verschrieben bekommen, müssten eigentlich sehr gründlich untersucht werden. Dazu gehören umfangreiche Fragebögen zur Erfassung der Krankengeschichte, Intelligenztests, EEG und das Ausschließen von Epilepsie.

Sie habe für ihren Enkel viele Fragebögen ausgefüllt - ob das richtig war, will eine Dame wissen. Sie habe 600 Mark für diese Untersuchung gezahlt, wann denn dies die Kasse übernehme, fragt eine Mutter. Es geht an diesem Abend sehr schnell um Detailfragen, nicht darum, ob Ritalin überhaupt sinnvoll ist. Mit dem Medikament und auch mit dem verwandten Amphetamin, das gezielter dosiert werden kann, haben nicht wenige Eltern in diesem Saal bereits ihre Erfahrungen. "Wir nehmen seit einem halben Jahr Amphetamin und sind sehr zufrieden", berichtet eine Mutter. "Wir hatten alle Nebenwirkungen, die es gibt", erzählt dagegen eine andere. Nein, Ritalin mache nicht körperlich abhängig, bestätigt Kowerk. Und auch die Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitmangel gingen nach wenigen Stunden wieder weg, beruhigt er.

"Wie kommt es dann, dass dieses Medikament so umstritten ist?", will ein Vater wissen, der sich im Internet schlau gemacht hat. "Kinder nehmen das Medikament nicht gerne", räumt Kowerk ein. "Eine häufige Nebenwirkung ist, dass Kinder darüber depressiv werden." Auch sei der Streit um Ritalin "total ideologisiert". Kowerk: "Das haut voll in den alten Konflikt rein, ob Verhaltensweisen körperlich oder seelisch bedingt sind." Selber bezeichnet sich der Vortragende als "Pragmatiker", der in der Mitte zwischen den Positionen steht. Er begrüßt Ritalin, "wenn es brennt. Wenn ich eine Pille geben kann, eh eine Familie kaputt geht, dann werde ich das machen." Aber, räumt der Eimsbüttler Arzt ein, "die Kinder haben diese Probleme, wenn sie in die Schule kommen. Große Klassen sind ein Problem."

Sollte man dann nicht lieber die Bedingungen ändern, statt einzelne Kinder, die mit ihnen nicht zurecht kommen, zu medikamentisieren? Eine These, die unter den anwesenden Eltern auf spontanen Applaus trifft, die aber untergeht in dem momentanen ADS-Mainstream, dem offenbar auch der Hamburger Berufsverband der Kinderärzte folgt. Dieser erklärte jüngst, man werde sich auf Qualitätsleitlinien zu dem Thema verpflichten und sich mit den Kinder- und Jugendpsychiatern an einen Tisch setzen.

"Es gibt eine ganze Reihe von Kindern, die noch nicht diagnostiziert sind", erklärt der Verbandesvorsitzende Michael Zinke. Damit es gelinge, "die Spreu vom Weizen zu trennen" und zu verhindern, dass Ritalin unnütz verschrieben wird, sollten Kinderärzte verstärkt fortgebildet werden. Auch werden man sich um die Finanzierungsprobleme kümmern: "Bisher lag die Untersuchung im Budget nicht drin."

Zinke geht davon aus, dass Ritalin derzeit "zu wenig verschrieben wird". Die Wirkungsweise sei zwar noch nicht abschließend erforscht, "aber in vier, fünf Jahren wird man es wissen". Dann werde man vielleicht auch mit anderen Methoden nachweisen, dass ADS vorliegt. Bisher sei der Erfolg "rein empirisch", aber, "es wirkt, Kinder und Eltern sind glücklich damit".

Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit leiden, würden in der Schule plötzlich Erfolg haben und auch für Eltern "leichter lenkbar". Zinke: "Diese Kinder sind oft isoliert, haben eine unsoziale Art. Wenn man nichts macht, drängt man sie in eine Außenseiterposition." Der Kinderarzt ist davon überzeugt, dass Ritalin sogar vor einer späteren Drogensucht schützt.

"Kinder gehen in die Drogenszene, weil sie Misserfolge haben." Dies habe man an der "rückblickenden Anamnese" von Jugendlichen, die nicht behandelt wurden, festgestellt.

"Natürlich helfen Drogen", sagt dazu Rupert Schoch, der therapeutische Leiter des Hamburger "Instituts Coburger", der sich eine andere Diskussion über Hyperaktivität wünscht: "Es gibt einfach so viele Hinweise, dass diese Krankheitsbilder kein individuelles Problem sind." So versagten diese Kinder gerade auf Gebieten wie Konzentrationsfähigkeit, in denen die gesellschaftlichen Anforderungen extrem angestiegen sind. Auch gebe es den Trend, "aus jeder Verhaltensauffälligkeit eine Krankheit zu machen". Schoch: "Es sind vor allem Jungs und darunter die kreativen, die witzigen, die oppositionellen, die hier pharmakologisch ruhiggestellt werden."

Kinder, so kritisiert Schoch, hätten heutzutage nur noch sehr wenig Handlungsräume, selbst die Spielzeuge sind nur noch per Knopfdruck zu bedienen. Hinzu käme ein Mangel an sozialen Erfahrungen. "In der alleinerziehenden Kleinfamilie gibt nur noch eine Bezugsperson und damit wenig Psychodynamik."

Kinder bräuchten Raum, sich auszuprobieren, körperliche Erfahrungen zu machen. Bewegung, so fordert Schoch, der gerne eine Schule für ADS-Kinder aufmachen würde, müsste nicht in den Schulpausen dazwischengeschoben, sondern als festes Unterrichtsfach installiert werden. Klassen, die neu zusammenkommen, müssten sich vier Wochen Zeit für das soziale Zusammenfinden nehmen.

Schoch verlangt: "Wir müssen weg von diesem Effektivitätswahn und davon, Kinder immer nur zu fördern, fördern, fördern". Ein junger Patient in seiner Therapiegruppe habe sich 30 Sitzungen lang immer nur duselig geredet. "Das brauchte der. Aber danach war er geistig da." Hingegen berichteten Jugendliche, die als Kinder Ritalin genommen hatten und anschließend zu ihm in Therapie kamen, sie wüssten gar nicht, wer sie sind.

"Es gibt Methoden, den Eltern zu helfen, die nicht so sehr in die Persönlichkeit des Kindes eingreifen", sagt auch Christiane Flehmig, Ärztin am Barmbeker "Zentrum für Kindesentwicklung". Ritalin ganz abzulehnen ist aus ihrer Sicht eine "irrsinnige Position", es sei durchaus so, "dass Kinder mit Ritalin ruhiger werden und Familien aufblühen". Dies treffe vor allem für Familien zu, die wenig lernbereit seien. Insgesamt jedoch sei Ritalin eine "Missachtung der Eltern", weil man ihnen damit das "Gefühl für ihre Kinder nimmt" und nicht hilft, den Zugang auf andere Weise zu finden.

Flehmig, die Kurse für Eltern anbietet, zweifelt ebenso wie Schoch an der Stimmigkeit der ADS-Diagnose. "Es ist nicht so wahnsinnig neu, was die Hirnforschung da gefunden hat." Es sei "alte negative Tradition" in Deutschland, Hirnfunktionen umzudeuten auf Symptome: "Nach dem Motto Symptom weg, dann ist Frieden". "Wir sollten die Manipulation von Gehirnfunktionen lassen, weil wir darüber einfach zu wenig wissen", mahnt Schoch und beruft sich dabei auf einen Aufsatz des Frankfurter Mediziners Hans von Lüpke, der "schwerwiegende Zweifel" am Modell eines genetisch bedingten Mangels an Botenstoffen äußert und auch daran, dass dieser durch Ritalin behoben wird. Die von "neurobiologischen Daten ausgehende Argumentation", so von Lüpke, "steht nicht auf so sicheren Füßen, wie es von der Literatur her den Anschein hat". Auch mehr Forschung würde möglicherweise nur zu einem "Datenfriedhof" führen, weil bereits die Annahmen falsch seien, die von individuellen organischen Störungen ausgehen.

Ritalin sei die Entscheidung der Gesellschaft für "schnelle Lösungen", sagt Christiane Flehmig. In ihr Zentrum kämen auch Kinder zur Nachbehandlung, die "mit Sicherheit kein ADS haben". Für Flehmig sind die so genannten "Zappelphilippe" eine gängige Randgruppe, die schlicht nur ein Potential in sich trägt, "das ganz natürlich im Mensch sein vorhanden ist". Sie frage sich, was es sei, das "diese Gesellschaft an diesen Menschen so stört".

Flehmig: "Wir konzentrieren uns darauf, dass die Kinder sich anpassen. Das ist eine unmenschliche Art." Nicht nur Medikamente, auch Therapien seien fragwürdig, wenn sie nur diesem Ziel dienen.

Eine Erkenntnis eint im Ritalin-Streit alle Seiten. Bereits die Vorstellung, eine organische Störung sei schuld, wenn ein Kind sich auffällig entwickelt, entlastet Eltern von dem Vorwurf, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist wohltuend in Zeiten, in denen Eltern von einer Ratgeberflut über richtige Erziehung erschlagen werden und macht ADS-Diagnostiker zu gefragten Leuten.

Dabei gibt es ernst zu nehmende Stimmen wie die Hans von Lüpkes, die in Hyperaktivität nicht mal eine "klar definierte Störung" sehen, sondern eine "unspezifische Bewältigungsstrategie" bei Beeinträchtigungen ganz unterschiedlicher Art.

(taz Hamburg vom 18.6.2001, Seite 22, 140 TAZ-Bericht, Katja Kutter)

Autor: Doris 
Datum:   12.08.01

Teilweise muss ich dem Artikel zustimmen.

Es kann sein, dass einige Diagnose oft vorschnell gestellt wird. Ich habe schon selbst von Diagnosen nach 30 min gelesen und auch geschildert bekommen. Mich stört auch, dass sich schon Mütter von Babys Gedanken um ADS machen. Im Baby und Kleinkindalter habe ich noch von einem aufgeweckten und sehr regem Kind gesprochen. Vor der Schulzeit sollte man sich doch nicht so viele Gedanken machen, es sei denn ein Kind hat im Kindergarten extreme Probleme.

Oft geschiet dies auch aus einem gewissen Druck heraus, da man ja schnell versucht, die Situation zu verändern. Denn die Schule lässt keine Zeit. Da will man Erfolge, und zwar am besten schon gestern. Geschiet dies nicht, werden die Eltern bedrängt und teilweise genötigt, das Kind umzuschulen, auf die Sonderschule.

Viele "Unwissende Lehrer", die eine Fortbildung zu ADS besucht haben, packen nun jedes auch nur so banale Verhalten unter ADS ab.

Als Krönung erfolgt dann (vom Direx unserer Grundschule) in vielen Fällen, das Kind doch mal für mehere Wochen stationär in die Psychiatrie zu geben. Dies kann ich aus eigener Erfahrung und aus Schilderungen anderer Eltern belegen.

Im übrigen werden die Grenzen, was jetzt noch normal ist, immer enger gesteckt. Ich bin sicher, dass viele Kinder, die heute als auffällig gelten, zu meiner Grundschulzeit zur Norm gehört hätten.

Andererseits würde ich heute als Grundschülerin zumindest beim Direx unserer Grundschule auch sofort in die Ecke "auffällig" gesteckt werden. Denn ich war auch unruhig (ist ja klar, als gehbehindertes Kind fehlt es an Bewegung), frech und vorwitzig. Außerdem konnte ich sehr impulsiv reagieren, wenn man mich hänselte oder sogar körperlich angriff. Damals lösten wir die Probleme unter uns, auch wenn es mal eine Prügelei gab. So habe ich mir Respekt verschafft, bei denen, die mit Worten nicht in die Schranken gewiesen wurden.

Der Direx unserer Tochter würde in Ohnmacht fallen. Er hat den "Traum einer gewaltfreien Schule". Dies geht soweit, dass "Opfer" körperlicher oder verbaler Gewalt (Mobbing) sich nicht wehren dürfen. Die Kinder sollen petzen, damit der Übeltäter Strafen erhält. Natürlich ändern Strafarbeiten nichts am Verhalten eines Kindes.Vom Petzen halte ich nichts, denn es hemmt das Lernen, eigene Konfliktlösungsstrategien zu finden. Von Strafarbeiten auch nicht, denn man muss einem Kind ja bewusst machen, warum sein Verhalten falsch ist. Durch das Abschreiben eines Textes oder 20 mal schreiben: Ich darf andere nicht auslachen.,wird dies nicht bewirkt. Im Gegenteil: Man wird eher sauer, weil man wegen einem anderen zusätzliche Arbeit hat.

Aber das Verbot, sich wehren zu dürfen, kann m.E. auch psychische Probleme für die "Opfer" bringen. Opfer sind übrigens alle, die anders aussehen, Behinderungen haben oder zu Anfang Probleme im Verhalten hatten. Ich halte so etwas für fürchterlich und hierin spiegelt sich auch die Gesellschaft wieder: Jeder der anders ist, wird ausgegrenzt.

Einige ganz Ausgefuchste lassen die "Außenseiter" nicht in Ruhe und provozieren somit immer neue Auffälligkeiten.

An unserer Schule weiß ich, dass man so etwas nicht will, aber was ist, wenn die Eltern der Schüler (die mobben) weder zur Erziehungsberatungsstelle gehen wollen (wäre bei einem solchen Verhalten der erste Schritt/Empfehlung) oder eine Diagnose beim Facharzt ablehnen, weil sie das für richtig halten, was ihr Kind tut?

Für Ursachen warum Kinder auffällig sind darf man nicht nur an einem Ort suchen. Es sind zum Teil familiäre Probleme, Gewalt an den Schulen oder hat auch andere Ursachen wie ADS.

Aber diese Dinge beeinflussen sich gegenseitig.
Ich bin sicher, wenn die Situation in den Schulen anders wäre, Kinder mehr Möglichkeiten hätten, sich auszutoben oder auch zu beschäftigen, und in Familien mehr Zeit für einander wäre, dann gäbe es nicht so viele ADS-Diagnosen.

Aber um solch umfassenden Probleme zu lösen, müsste zuerst einiges an den bestehenden Normen geändert werden, das Schulsystem verändert werden. Außerdem wäre es bestimmt hilfreich, wenn den Eltern mehr Beratungsstellen zur Verfügung stünden. Denn was nützt es, wenn es Wochen dauert, bis es einen Termin gibt und Monate, bis eine Therapie angeboten werden kann.

Ich bin, wie wohl viele hier auch wissen, kein Gegner von Ritalin, mir fällt nur auf, dass es seit kurzem in der Grundschule erschreckend viele ADS´ler gibt. Dies lässt sich übrigens auf den Zeitpunkt zurückführen, seitdem der Direktor in einer Fortbildung war. Ich wollte, ich hätte ihm das nicht empfohlen.
Denn es kann nicht sein, dass bei 26 Kindern 4 ADS´ler mit Ritalinbehandlung sind. Davon abgesehen hat mir der Direktor auch gesagt, er hält 3 weitere für Kandidaten. Das wären dann 7 Kinder. Diese Eltern würden sich aber weigern, irgent etwas zu unternehmen.

Einige der Kandidaten könnte ich dem Direx nennnen. Aber ist das "mobben" von Schwächeren und Unerzogenheit (bei einigen ist es wirklich so) denn ADS? Nein, ich kenne auch ein paar der Eltern, deren Söhne sich unmöglich benehmen und mit Freude andere piesacken, nicht ordentlich am Unterricht teilnehmen und auch sonst schlechte Leistungen zeigen. Es spielen teilweise kulturelle Hintergründen eine Rolle. Wird z.B. ein Junge im Glaube erzogen, Jungs seien mehr wert als Mädchen, dann ist es doch nicht verwunderlich, dass die Lehrerin nicht für voll genommen wird und die Mädchen einer Klasse unter diesem Jungen zu leiden haben. Aber wie soll man hier ansetzen?


Es würde der Diskussion um ADS guttun, wenn man zum einen ADS nicht gänzlich ablehnt. Zum anderen muss man wirklich kritischer sein.


Doris Schmitt

Autor: Doris 
Datum:   12.08.01

Ich muss noch etwas ergänzen:

Ich will niemanden unterstellen, er nimmt sich keine Zeit für sein Kind.

Aber wo bleibt noch viel Zeit, wenn beide Eltern arbeiten, ein Haushalt zu erledigen ist und die Kinder entweder in Therapien müssen oder jeden Nachmittag einer anderen Freizeitbeschäftigung nachgehen?

In vielen Familien sind beide Elternteile gezwungen, beide zu arbeiten, damit man über die Runden kommt. Aber allzu oft werden auch Urlaub und schickes Auto als sehr wichtig erachtet. Denn das ist auch teuer. Außerdem "brauchen" die Kinder Markenartikel, um nicht zu Außenseitern zu werden.

Solche Dinge sollten natürlich nicht im Vordergrund stehen, weshalb beide arbeiten.

Am besten wäre es sogar, wenn sich die "Berufstätigkeit" geteilt wird. Denn meist sind es ja die Frauen, die ihre Karriere in den Hintergrund schieben. Auch da muss es noch weitere Veränderungen geben. Es wäre für viele Kinder sicherlich toll, wenn sie ihren Papa nicht nur abends müde zu hause hätten oder nur an Wochenenden und in den Ferien.


Anmerkung zu Anzahl der ADS-Kinder:

Der Direx sieht 7 Kinder in einer Klasse (in der unserer Tochter)! Wenn ich mir das auf die Schule hochrechne, dann kommen bei 3 Klassen je Jahrgang mit durchschnittlich 28 Kindern je Klasse 84 ADS Kinder heraus. Das ist völlig überzogen!

Doris

Autor: Mimi 
Datum:   12.08.01

Hallo Doris,

dass in etlichen Schulen inzwischen einiges schiefläuft, ist wohl leider kaum noch bestreiten.

Nur können die Lehrer allein noch nicht viel machen. Selbst über Zurückstellungen oder Sonderbeschulung könen sie nicht allein entscheiden. Dazu müssen eltern kommen, die ihre Kinder aus solchen Gründen auf ADS untersuchen und behandeln lassen und Ärzte, die aufgrund einer frei geratenen Diagnose irgendwelche Medikamente der Therapien verschreiben. Ich glaube gar nicht, dass solche unheilvollen Allianzen so häufig sind.

Die meisten Eltern, die ich kenne, gehen erst zum Kinderpsychiater, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten erfolglos geblieben sind. Wer tut so etwas schon gern ;-) Und halbwegs brauchbare Ärzte verschreiben auch erst Ritalin, wenn einiges gescheitert ist und auch dann nur als Teil eines Behandlungskonzepts. Es gibt keinen vernünftigen Grund besonders unkritisch zu sein, wenn das Kind ADS hat. Wenn ein Hausarzt bei jedem Schnupfen bei Kindern Antibiotika verordnet, wechseln wir schließlich auch den Arzt.

Hier noch ein weiterer, aus meiner Sicht sehr guter Beitrag von G. Molitor:

Es erscheint bemerkenswert, wenn innerhalb von wenigen Wochen die Ärzte-Zeitung gleich drei Artikel zum "Zappelphilipp-Syndrom" veröffentlicht Wie läßt sich das begründen und in wessen Nutzen liegt es?

Zunächst könnte man vermuten, dass nun völlig neue Erkenntnisse zur hyperkinetischen Störung (HKS/ADHS) bekannt geworden sind, die der praktische Arzt und Psychotherapeut bei der Behandlung ihm anvertrauter unruhiger, unaufmerksamer Kinder berücksichtigen muß - doch weit gefehlt. Es geht darum, den letzten (noch) zögerlichen Kinderärzten und Allgemeinärzten einzutrichtern, dass der „Grundbaustein der Therapie Methylphenidat (Ritalin)" sei. Dabei wird nicht davor zurückgeschreckt zu fordern, dass diese Kinder nach Möglichkeit schon im Vorschulalter oder noch früher (im Säuglingsalter? G.M.) medikamentös behandelt werden sollten, so der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte Dr. Skrodzki.

Aber wie erkennt man ein hyperaktives Kind? Damit scheint es bei den Kinder- und Jugendärzten noch etwas zu hapern, weshalb sie sich bei ihrem 31. Kongreß zum Thema (leider einseitig) informierten. Geradezu erschreckend sind die Vorstellungen der Kinder- und Jugendärzte hinsichtlich der Diagnosestellung. Vorstellungen von "Laborparametern" gipfeln in Ratschlägen von „trial and error"-Methoden: wenn das Medikament anschlägt ist die Diagnose richtig!

Immerhin hätten die Kinder- und Jugendärzte die Stellungnahme der Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland zur Behandlung hyperkinetischer Störungen im Kindesalter mit Methylphenidat zur Kenntnis nehmen können, und Prof. Blanz (Jena) weist zu Recht darauf, dass eine ausführliche Untersuchung entsprechend der Kriterien nach ICD-10 und DSM-IV den Kinderpsychiatern überlassen werden sollte, zumal nach einer - nicht repräsentativen Befragung - Kinder- und Jugendpsychiater zurückhaltender mit medikamentösen Maßnahmen umgehen als Hausärzte. Doch hier scheint ein innerärztlicher Dissens hinsichtlich der Zuständigkeit für den Zappelphilipp dazu zu führen, dass er auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen mit hyperkinetischen Verhaltensstörungen ausgetragen wird. Die Folge davon bei gleichzeitig weitgehender Ausblendung der sozialen, pädagogischen und psychotherapeutischen Dimension des HKS läßt sich an den drastisch gestiegenen Absatzzahlen des Ritalin mit einer Steigerung innerhalb von fünf Jahren um mehr als das Vierzigfache (1995: 0,7 Millionen Tabletten, 1999: 31 Millionen Tabletten) ablesen. Korrekte Indikation und Verordnung vorausgesetzt, ist ein therapeutischer Nutzen des Psychostimulans Methylphenidat für einige Kinder mit ADHD bei begleitender Psychotherapie zu erwarten, wohl kaum aber in einer massenhaften Verordnung, wie sie jetzt auch noch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands, Dr, Gritz propagiert.

Für die mancherorts durchgeführten „Hochdosistherapien" fehlen ebenso Wirksamkeitsnachweise wie für Ritalinbehandlungen im Vorschulalter, wie Dr. Gritz sie jetzt fordert. Das Stimulans ist nicht nur für Kinder unter sechs Jahren ausdrücklich kontraindiziert, sondern Befürchtungen über negative Beeinflussung der Entwicklung des kindlichen Gehirns sind in jüngsten Untersuchungen des neurobiologischen Labors der Universität Göttingen (Prof. Hüther) bestätigt worden. Demnach muß man heute davon ausgehen, dass frühe Ritalingabe die Entwicklung und Ausreifung des dopaminischen Systems beeinflußt, wobei die Forschung im Bereich der Entwicklungspharmakologie noch ganz am Anfang steht, was nur große Zurückhaltung bei der Verschreibung von Stimulanzien für Kinder bedeuten kann.

Langzeiterfahrungen zum Nutzen und zur Schädlichkeit von Methylphenidat auf das kindliche Gehirn fehlen noch ganz. Die durch Pädiatrie und Psychiatrie forcierte Medizinalisierung eines ursprünglich pädagogischen und psycho-sozialen Problems, nämlich störendes Verhalten, hat aber für die Behandlung dieser Kinder noch eine weitere Folge: das Auseinanderlaufen der naturwissenschaftlichen und psychodynamischen Medizin. Trotz einer langen Tradition und eines großen Erfahrungsschatzes in der Behandlung unruhiger Kinder durch psychodynamische Psychotherapien, ist die schwindende Beachtung beziehungsdynamischer intrapsychischer und kulturspezifischer Ursachen des unruhigen Verhaltens im öffentlichen Dialog festzustellen. Allenfalls sollen verhaltenstherapeutische und sonderpädagogische Maßnahmen den "multimodalen Behandlungsansatz" ergänzen. Indem die Ursache des unruhigen Verhaltens ins Kind verlagert und mittels zudeckender Maßnahme therapiert wird und keiner mehr nach den Eltern fragt, bleiben die konfliktauslösenden und psychogenen Ursachen ausgeklammert. Im Zirkelschluss wird dann eine aufdeckende, konfliktbearbeitende analytische Kindertherapie als kontraindiziert angesehen. Statt am Symptom orientiert steht im psychodynamischen diagnostischen und therapeutischen Ansatz die psychische Realität des Kindes und seiner Eltern sowie ihre wechselseitige Beziehung zueinander im Vordergrund des Interesses. Dieser grundsätzlich andere Blick auf das hyperaktive Kind, der durchaus somatogene und psychogene Ursachen des HKS zu integrieren versucht, zielt in der psychotherapeutischen Arbeit darauf, sie aus dem psychischen Spannungszustand zu befreien, die die körperliche Unruhe hervorruft. Die Entwicklung zu Autonomie und Kompetenz beim hyperaktiven Kind ist weit eher durch eine basale Psychotherapie bei evtl. temporärer medikamentöser Begleitbehandlung zu erzielen, um gerade eine kognitive Abhängigkeit" (Prof. Steinhausen) bei vorrangiger Medikation zu verhindern.

Günther Molitor

Ehem. Bundesvorsitzender der Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland

Autor: Bernie 
Datum:   13.08.01

Hallo zusammen,
ich möchte folgende Fundstelle beisteuern:

"Nur bei früher Therapie besteht die Chance, daß ein hyperaktives Kind nicht sozial ausgegrenzt wird" , heißt es in einem Bericht der "Ärzte Zeitung" (63, 2001, 2). Hierzu schreibt Dr. Hans Hopf, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut aus Baiersbronn:


Der Autor weist in dankenswerter Weise darauf hin, daß die Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" (ADHD) nicht selten fälschlicherweise gestellt wird. Unruhe ist - wie Angst - eine unspezifische Verhaltensweise und existiert in vielfältigen Variationen: Von der leisesten neurotischen Unruhe bis hin zu Störungen mit klaren organischer Ursachen.

In der Regel geschieht derzeit folgendes: Alle Unruhezustände und alle Aufmerksamkeitsprobleme, gleich welcher Herkunft, werden in einer Topf geworfen. Dieser Topf wird mit einem Deckel versehen, auf welchem in warnender Schrift "ADHD" steht. Ist diese Diagnose einmal ausgesprochen, besteht ein Verbot, über mögliche psychodynamische Verursacher nachzudenken, denn von jetzt an ist der kleine Patient ein eindeutig diagnostiziertes ADHD-Kind.

Dieses einseitige Denken verhindert, daß die unterschiedlichen Unruhezustände differenziert betrachtet und die Kinder konfliktzentriert behandelt werden. Diese benötigen eine psychodynamische Psychotherapie, etwa bei einem Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten. Auf diese Weise wird auch ihren Eltern angemessen geholfen.


Dr. Hans Hopf,
Kinder- und Jugendlichen
Psychotherapeut vom
Therapiezentrum Osterhof,
72270 Baiersbronn

Datum: 16.8.2001 Quelle: Frankfurter Rundschau Text:

Vor Ritalin-Missbrauch gewarnt

Drogenbeauftragte zu Psycho-Mittel / Eltern kritisieren Bund

Von
Wolfgang Wagner

FRANKFURT A. M., 15. August. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, hat sich
besorgt über den häufigeren Einsatz der Psychopharmaka Ritalin und Medikinet bei hyperaktiven Kindern
geäußert. Ein "schädlicher Missbrauch" des Mittels, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, könne nicht
ausgeschlossen werden, erklärte Caspers-Merk am Mittwoch. Sie appellierte an Ärzte und Eltern, die
Arzneimittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat "nur nach sorgfältiger Diagnose und nur im Rahmen eines
umfassenden medizinischen Behandlungskonzeptes anzuwenden".

Caspers-Merk betonte zwar, dass die häufigere Verordnung - seit 1994 hat sich der Verbrauch mehr als
verzehnfacht - "zweifellos" auf Fortschritte in der Therapie zurückzuführen sei. Es häuften sich aber die
Hinweise, dass das Mittel nicht immer nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft eingesetzt werde.
Auch das Internationale Suchtstoff-Kontrollamt in Wien habe bereits darauf aufmerksam gemacht. Die
Drogenbeauftragte kündigte an, dass nach einer Analyse im Gesundheitsministerium entschieden werde,
ob neben den geltenden Regelungen des Betäubungsmittelrechts "weitere Maßnahmen zur
Qualitätssicherung beim Einsatz von Methylphenidat erforderlich sind".

Eltern warfen dem Gesundheitsministerium hingegen vor, auf dem Rücken ihrer kranken Kinder
Arzneimittelkosten sparen zu wollen. Dagmar Dietz von der Elterngruppe ADS / Hyperaktivität Frankfurt
forderte, das Ministerium solle den Ausbau von Therapiemöglichkeiten fördern. Die Wartezeit für ein
Verhaltenstraining für Kinder liege bei bis zu zwei Jahren. Dietz betonte, dass Eltern meist "lange Jahre
verweifelten Suchens" hinter sich hätten, bevor bei dem Kind Hyperaktivität diagnostiziert werde.

Von einer leichtfertigen Verschreibungspraxis bei Ritalin könne zudem keine Rede sein. Bei der
Behandlung der Stoffwechselstörung gebe es eine Unterversorgung. Bei hyperaktiven Kindern bestehe ein
erhöhtes Risiko, dass sie drogenabhängig, kriminell oder psychisch krank würden. Eine frühzeitige
Behandlung könne dies verhindern.

Hierzu mein Kommentar:

1. Dass hinter dem heute bei uns diagnostizierten "ADS" immer eine Stoffwechselstörung steckt, muss man angesichts der Forschungslage und der Unzuverlässigkeit der Diagnostik stark bezweifeln.

2. Dass "Verhaltenstraining" DIE wirksame und angezeigte Therapiemethode bei "ADS" darstellt, muss ebenfalls stark bezweifelt werden. Ein Ausbau von Therapiemöglichkeiten wäre erst dann angezeigt, wenn die Zuverlässigkeit der Diagnose und des Krankheitsbildes sichergestellt und die Nutzung auch alternativer Therapiemöglichkeiten für unruhige/aufmerksamkeitsschwache Kinder ausgeschöpft wären.

3. Dass Eltern oft jahrelang auf die "richtige Diagnose" Hyperaktivität warten, stimmt so ebenfalls nicht. "Odysseen" von Eltern haben viele verschiedene Gründe, manche davon liegen in den Eltern selbst.

4. Bei hyperaktiven Kindern besteht nur dann ein erhöhes Risiko zu sekundären Folgeproblemen (Drogensucht, Kriminalität etc.), wenn sie nicht irgendwie behandelt werden. Das trifft aber generell für alle Verhaltensstörungen zu und ist nichts "ADS"-typisches, schon gar nicht ein Beweis für die ausschließliche Effektivität der gängigen Ritalin-Verhaltenstrainings-Behandlung.

Dies habe ich heute der Drogenbeauftragten des Bundes mitgeteilt.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

blz 10/00 Archiv
Zeitschrift der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin


Das beruhigte Klassenzimmer:

Wundermittel Ritalin?

Wohl jeder Grundschullehrer kennt sie: Kinder, die sich auf nichts konzentrieren können, die Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden können, ständig anderen ins Wort fallen, durch die Klasse laufen und keinen Arbeitsauftrag zu Ende führen. In der schulpsychologischen Beratung machen solche Kinder seit Jahren mindestens die Hälfte aller Fälle aus.

Ein solcher Schüler reicht häufig, um eine ganze Klasse aufzumischen und jeden Unterricht zu sabotieren. Kein Wunder, dass Lehrer von diesem Verhalten überfordert und Mitschüler davon genervt sind. Ganz zu schweigen von den Eltern, die angesichts ständiger Elterngespräche, Schulstrafen oder schlechter Noten verzweifeln. Seit Jahren schlagen sich alle Beteiligten mit der Frage herum, wie man mit solchen Kindern umgehen kann. Neuerdings scheint Abhilfe für diese Problemfälle geschaffen zu sein. Sie besteht in einer kleinen Pille. Eine Stunde vor Schulbeginn eingenommen, verwandelt sie Zappelphilipp in ein aufmerksames Kind, das dem Unterricht folgen und sich angemessen verhalten kann. Allerdings nur für einige Stunden – eben solange, wie die Pille wirkt. Dieses Wundermittel der Pharmaindustrie heißt Ritalin. Und es sieht so aus, als sei die Pille dabei, die Klassenzimmer zu erobern.

In der Senatsschulverwaltung jedenfalls häufen sich Anrufe von Lehrern und Lehrerinnen, die sich besorgt erkundigen, was Ritalin eigentlich sei und ob man ohne Bedenken akzeptieren könne, dass Kinder unter dem Einfluss dieses Medikaments in den Unterricht kommen.

Informationen über Ritalin

Ritalin mit dem Wirkstoff: Methylphenidathydrochlorid ist kein Mittelchen aus Großmutters Hausapotheke, sondern eine Droge und in der Wirkung mit Kokain vergleichbar. Es unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz; jede Verschreibung ist meldepflichtig. Ritalin soll nach Herstellerangaben Kindern mit „hyperkinetischen Verhaltensstörungen im Rahmen einer Gesamttherapie“ verordnet werden. Ritalin ist kein Heilmittel, sondern unterdrückt lediglich Symptome. Gegebenenfalls muss es deshalb jahrelang genommen werden. Ob Ritalin abhängig macht, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Unbestritten sind die möglichen Nebenwirkungen:

... Bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch hat Methylphenidat ein stark ausgeprägtes psychisches Abhängigkeitspotential. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch in den zugelassenen Anwendungsgebieten ist die Abhängigkeitsgefahr gering bzw. praktisch nicht vorhanden. Es muss jedoch die Möglichkeit des Arzneimittelmissbrauchs oder der Drogenabhängigkeit im Umfeld des Patienten beachtet werden. ...Nebenwirkungen: Als häufigste Nebenwirkungen treten Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Magenbeschwerden auf. Diese unerwünschten Wirkungen klingen mit steigender Therapiedauer zumeist ab. Darüber hinaus werden bei Kindern mit hyperkinetischem Syndrom folgende Nebenwirkungen beobachtet: Übererregbarkeit, Müdigkeit, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Weinerlichkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Gewichtsverlust, Mundtrockenheit, Durchfall und Verstopfung... (Auszug aus dem Beipackzettel: Ritalin‚ Warnhinweise)

Wie wirkt Ritalin?

Ritalin beeinflusst den Stoffwechsel des Gehirns. Hyperaktive Kinder leiden nämlich, so die gängige Theorie, an einer Stoffwechselstörung im Gehirn, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). In den Hirnregionen, in denen Aufmerksamkeit und Bewegung gesteuert werden, fehlt der Botenstoff Dopamin. Folglich ist die Datenverarbeitung im Gehirn gestört. Warum das so ist, haben die Forscher bisher nicht entschlüsselt. Ebensowenig wissen sie, was bei der Einnahme von Ritalin im Gehirn tatsächlich passiert und warum man die meist hyperaktiven Kinder mit einem aufputschenden Mittel so weit beruhigen kann, dass sie dem Unterricht folgen und für einige Stunden angemessen funktionieren können.

Bei 70 bis 80 Prozent der Kinder treten nach der Einnahme von Ritalin die angestrebten Veränderungen im Verhalten ein. Kein Wunder, dass sich Eltern auf Ritalin stürzen, verbessert es doch die schulischen Aussichten ihres Kindes oder macht seinen störungsfreien Schulbesuch überhaupt erst möglich. Kein Wunder auch, dass immer wieder Lehrer auf dieses Mittel aufmerksam werden und es Eltern für ihre Kinder empfehlen.

Ritalin ist jedoch kein Heilmittel. Das erwünschte Verhalten muss über andere Therapieformen eingeübt und gefestigt werden. In erster Linie ist eine Verhaltenstherapie angebracht, aber auch Entspannungsmethoden, Ergotherapie, Psychomotorik und Kinesiologie können hilfreich sein, eventuell auch homöopathische Präparate. In einer nicht zu unterschätzenden Zahl von Fällen kann eine Umstellung der Ernährung Erfolge bringen.

Plötzlich lauter ADS-Kinder?

Wieviele Kinder in Deutschland Ritalin verordnet bekommen, läßt sich nur schätzen. Denn Ritalin wird in unterschiedlicher Dosierung verordnet. Statistisch sicher ist nur der Verbrauch von Methylphenidat zur Herstellung von Ritalin. Er ist in den vergangenen fünf Jahren sprunghaft gestiegen. So wurden im Jahr 1993 vierunddreißig Kilogramm verarbeitet; 1996 waren es bereits 88 Kilogramm. Bis 1998 verdoppelte sich diese Menge noch einmal auf 173 Kilogramm.

In der Antwort auf eine kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen erklärt die Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen, die Verordnung von Ritalin an Kinder habe sich bundesweit in den Jahren von 1989 bis 1996 verzehnfacht. Im Vergleich der Bundesländer wird das Medikament in Berlin – bezogen auf die Zahl von Schülern – am häufigsten verordnet. Diese Erkenntnisse beruhen auf Befragungen, die derzeit an der Charité durchgeführt werden. In der Senatsverwaltung geht man nach schriftlichen Befragungen der Kinderund Jugendpsychiater und der spezialisierten Kinderärzte davon aus, dass etwa ein Prozent der Berliner Schüler an einem hyperaktiven Syndrom leiden. Und hier beginnt das Problem. Wie ist es zu erklären, dass eine neurophysiologische Störung plötzlich in solchen Größenordnungen Grundschüler erfasst? Hat die Medizin bisher geschlafen, wurden Kinder in ihren Ausbildungsmöglichkeiten behindert, weil niemand ihr Leiden diagnostizieren konnte? Oder ist es vielmehr so, dass Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom eine Diagnose ist, die in Mode gekommen ist?

Zu befürchten ist letzteres. Für viele Kinder und für noch mehr Erwachsene ist ADS eine bequeme Erklärung. Für ein bestimmtes Verhalten ist ein Etikett gefunden worden. Das beruhigt die Eltern, entlastet die Kinder und schafft den Lehrern Luft. Denn niemand muss sich mehr für das auffällige Verhalten verantwortlich fühlen. Dank der neurophysiologischen Erklärung bekommt das auffällige Verhalten den Status einer Krankheit und lässt sich folglich mit einem Medikament in den Griff bekommen. Inwieweit die Hyperaktivität eines Kindes mit der Struktur des Unterrichts zu tun haben kann, mit den immer schneller werdenden Abläufen täglicher Handlungen, mit der permanenten Ruhelosigkeit und Überforderung auch aller Erwachsenen, muss nicht mehr reflektiert werden. Um Missverständnisse zu vermeiden: für Kinder, die tatsächlich an ADS leiden, ist die Medikamentierung mit Ritalin ein Segen. Sie verhindert den ständigen Ärger und Stress in der Schule und ermöglicht ihnen, normal am Unterricht teilzunehmen. Auch Mitschüler, Lehrer und Eltern profitieren von dem Ausbrechen aus einer zuvor ausweglos scheinenden Situation.

Nur: ADS ist schwer zu diagnostizieren. Die aufwendigen Magnetresonanzaufzeichnungen des Gehirnstoffwechsels, mit denen amerikanische Forscher das Fehlen von Dopamin nachgewiesen haben, ist in der kinderärztlichen und kinderpsychologischen Realität nicht möglich. Die Gefahr, dass Ritalin auch Kindern verabreicht wird, deren Verhaltensauffälligkeit aus anderen Gründen herrührt, ist groß. Denn ADS ist ein unscharfes Störungsbild. Zum einen zeigen alle Kinder im Lauf ihrer Schulkarriere über längere oder kürzere Zeitspannen Symptome wie Unaufmerksamkeit, Verträumtheit oder Sprunghaftigkeit. Zum anderen sind die störenden Verhaltensweisen von ADS-Kindern in ihrer Erscheinungsform nicht von den störenden Verhaltensweisen von Kindern mit sozialer oder individueller Schädigung zu unterscheiden.

Die Rolle des Lehrers

Es geht also immer auch um eine Bewertung von graduellen Unterschieden im Verhalten und um die Frage, wieviel man als Lehrer aushalten und auffangen kann. Die Grenze zwischen einer „normalen“ und einer „unnormalen“ Auffälligkeit liegt also im Auge des Betrachters. Der jedoch ist selbst Teil des Systems, in dem die Auffälligkeit auftritt, vielleicht sogar ihr Auslöser. Möglicherweise ist das störende Verhalten eines Kindes durchaus adäquat innerhalb des sozialen Systems, in dem es stattfindet.

Möglich ist auch, dass sich bei einem Kind bestimmte Verhaltensweisen eingeschliffen haben, die ihm zwar nützlich erscheinen, tatsächlich aber schaden. So könnte es zum Beispiel versuchen, durch ein bestimmtes Verhalten, das alle anderen stört oder verärgert, Anerkennung zu finden. Damit läge eine Fehlentwicklung beim entsprechenden Kind vor. Solche Schlussfolgerungen zu ziehen muss jedoch Sache von Fachleuten sein. Erste Adresse sollte hier der Schulpsychologische Dienst sein. Es ist aber verständlich, wenn verzweifelte Eltern Hilfe bei Kinderärzten und Kinderpsychologen außerhalb der Schule suchen. Wenn sie daraufhin zu Ritalin greifen, müssen Lehrer diese Entscheidung respektieren. Eine abweichende Meinung des Lehrers sollte nur auf Wunsch und äußerst vorsichtig geäußert werden. Die Unsicherheit in der Familie die Entscheidung dürfte groß genug sein.

Sinnvoller ist eine konstruktive Unterstützung der Medikamentierung. Denn wie schon erwähnt ist Ritalin kein Heilmittel. Es gibt vielen Kindern jedoch die Möglichkeit, endlich die Erfahrung zu machen, wie es sich anfühlt, die Aufmerksamkeit zu bündeln und konzentriert zu arbeiten. In den begleitenden Therapien soll es möglich gemacht werden, diese Erfahrung auf Situationen ohne Droge zu transformieren. Hierzu kann auch der Lehrer mit seinem Unterricht beitragen: klar strukturierte Situationen schaffen, in denen alle Schüler die Anforderungen überblicken können; den Unterricht in überschaubare Teilaufgaben zerlegen; auch Teilergebnisse loben; Bewegung ins Spiel bringen; Blickund Körperkontakt herstellen. Diese Tipps kommen sicherlich allen Schülern zugute. Egal, ob sie ein Etikett tragen oder nicht.

Zum neurobiologischen Erklärungsversuch der Schulmedizin gibt es im übrigen einen komplett konträren Standpunkt, der von ganzheitlich orientierten Therapeuten aus dem Bereich der Komplementärmedizin eingenommen wird. Sie gehen davon aus, dass aufmerksamkeitsgestörte Kinder keinen Mangel haben, sondern eine besondere Begabung, die in der Schule nicht gewürdigt wird. Die Fähigkeit dieser Kinder, alle Reize gleich stark wahrzunehmen und alles mit allem zu verknüpfen, berge eine ungeheures Potential an Kreativität. Man muss es nur zu nutzen wissen.

(Kristine Kretschmer ist freie Journalistin und Mitbegründerin einer online-Zeitung für junge Leser)

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