Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   30.08.01

Zur Verordnung des Rauschmittels Ritalin sagt Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich,
Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- u. Jugendalters, A-Wien: "An meiner Klinik werden pro Jahr rd. 2.500 Kinder vorgestellt. Darunter sind etwa 20 mit einem echten ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), also knapp 10 Promille. Etwa 15% sind nur nervös im Sinne des "Zappelphilipp". Somit besteht der Verdacht, daß die meisten Kinder, die auf Ritalin gesetzt
werden, das Leiden gar nicht haben, das diese Verordnung begründen könnte."
In Bayern stiegen die gemeldeten Rauschgiftfälle unter 14 - 18-Jährigen von 938 im
Jahr 1993 auf 5.267 im Jahr 2000. Die Zahl der ärztlichen Verordnungen des Rauschgiftes Ritalin bei Kindern, die durch Lebhaftigkeit lästig wurden, stieg von 58.300 im Jahr 1989 auf 445.300 im Jahr 1996.
Quelle: Kriminalhauptkommissar Horst Wimmer, Fürth, in der aktuellen Nr. 113,
Sept./Okt. 2001 von “raum&zeit” (in Kiosken, fast immer am Bahnhof). Ritalin ist danach eine Einstiegsdroge.

Dr. med. H.G. Vogelsang, Krefeld

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   10.09.01

Liebe Gäste,
den folgenden Beitrag empfehle ich Ihnen sehr:

http://www.ibp-psychomotorik.de/forum/forum_home_frame.htm

Artikel 2000:
Gerspach: Zur Diagnostik des Diagnostikers
Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt

Autor: Kim 
Datum:   10.09.01

Hallo Herr Schmidt,

ein SEHR guter Vortrag!!!!!!!!

Hoffentlich lesen ihn viele, vielleicht sollten Sie den Link auch noch in anderen Foren veröffentlichen.

Gruß von Kim

 
Neraal, Dr. med. Terje
Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Restriktiver verschreiben
Deutsches Ärzteblatt 98, Heft 36 vom 07.09.01, Seite A-2285 [MEDIZIN: Diskussion] zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001:

Der Nachweis der 20-fachen Zunahme der Verschreibung von Methylphenidat innerhalb des Zeitraums von 1991 bis 1999 bei Kindern mit dem ADHD-Syndrom lässt aufhorchen. Was in dem Artikel nicht genügend zum Ausdruck kommt, ist eine Warnung, noch kritischer bei der Verschreibung von potenten Psychostimulantien bei Kindern vorzugehen. Dies geschah dann unter der Überschrift „Gefährliche Psychopharmaka“ im Heft 10/2001 des Deutschen Ärzteblatts, und zwar durch keine geringere Instanz als den Internationalen Suchtkontrollrat der UN.
Zu vermuten ist, dass der Hauptanteil dieser Verschreibungen von ungenügend kinderpsychiatrisch und psychotherapeutisch ausgebildeten Kinderärzten vorgenommen wird sowie von Kinderpsychiatern, die die
Indikation bei diesen schwer „handhabbaren“ Kindern zu wenig restriktiv stellen. Eine weitergehende Untersuchung der Frage, wer die Verschreibungen vornimmt, wäre von daher wichtig.
Meiner Meinung nach greift die Therapie dieser Kinder mit dem Amphetaminderivat Methylphenidat, auch in Kombination mit Verhaltenstherapie, zu kurz. Es kann nicht nur darum gehen, wie diese Kinder dazu gebracht werden können, schnell wieder zu funktionieren. Die umfassende Untersuchung der oft komplexen Hintergründe dieser kindlichen Verhaltensstörung zeigt, dass ursächlich schwerwiegende emotionale und/ oder soziale Mängel sowie familiäre Konflikte auslösende und aufrechterhaltende Faktoren bilden. Es sind in der Regel die daraus für das Kind resultierenden Ängste und Spannungen, die zu der motorischen Unruhe und Aufmerksamkeitsstörung dieser Kinder führen.
Die psycho- und familiendynamischen Hintergründe sowie die erfolgreiche tiefenpsychologische und psychoanalytische Therapie von Kindern mit dem ADHD-Syndrom sowie deren Eltern wurden schon 1993 in einem Themenheft (2) der Kinderanalyse belegt.
Zu fordern wäre (endlich) eine multidisziplinäre Forschung, bei der Neuropädiater, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Familientherapeuten sowie Sozialwissenschaftler fachübergreifend tiefergehende Erkenntnisse über diese Störung an den Tag bringen.
Die Suche nach anderen Möglichkeiten der Behandlung der Kinder als
der Einsatz von hochpotenten Pharmaka, die Nebenwirkungen (Kopfschmerzen, Appetit- und Schlafstörungen) hervorrufen, späteres Suchtverhalten bahnen sowie möglicherweise lebenslange Abhängigkeiten zur Folge haben können, wäre ganz im Sinne des genannten unabhängigen Kontrollorgans für die Einhaltung der Drogenkonvention der Vereinten Nationen.

Dr. med. Terje Neraal
Höhenstraße 33a
35435 Wettenberg

Maiß, Dr. med. Jürgen
Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Gesellschaftliche Ursachen

Deutsches Ärzteblatt 98, Heft 36 vom 07.09.01, Seite A-2284 [MEDIZIN: Diskussion] zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001:

Es ist schon interessant, dass die Verordnung von Methylphenidat in den letzten zehn Jahren um circa 1 500 Prozent (!) angestiegen ist. Ein richtiger Boom ist ausgebrochen. Da wird eine psychotrope Substanz bei so genannten hyperkinetischen Kindern verordnet, die ihre Konzentration bündeln soll und sie leistungsmäßig an die Gesellschaft anpassen kann, aber keiner fragt nach den Ursachen der hyperkinetischen Störung. Es ist viel einfacher, eine Pille zu verschreiben, statt nach den wirklichen Ursachen zu suchen.
Die Ursachen für hyperkinetische Störungen bei Kindern werden wohl
vielmehr im veränderten gesellschaftlichen Zusammenleben zu suchen
sein, wie beispielsweise der heutigen Medienunkultur mit gewaltverherrlichenden und irrealen Darstellungen, Videospielen, Vereinzelung und Auflösung von traditionellen Familienstrukturen. Oft ist kein Elternteil mehr vorhanden, der sich den ganzen Tag liebevoll und zugewandt um die Kinder kümmern kann, da beide Eltern arbeiten (müssen). Vielleicht sollte man seine eigene Kinderzeit Revue passieren lassen und mit der heutigen Realität von Kindern vergleichen. Diese Veränderungen im täglichen Leben würden auch erklären, warum die Zunahme an Verordnungen zuerst in Amerika aufgetreten ist, wo derartige gesellschaftliche Umbrüche schon viel länger zurückliegen. Es bräuchte eine wirkliche Forschung nach den Ursachen der hyperkinetischen Störung und daran anschließend eine ursachengerechte Behandlung. Es ist immer besser, das Übel an der Wurzel zu packen, statt nur das Symptom zu kaschieren.
Alle Kollegen und Eltern sollten dies vor einer Verschreibung einer psychotropen Substanz an Kinder überdenken. Die Wirkungsweise von Methylphenidat ist mit einer Droge vergleichbar. Die Kinder steigern ihre Leistung, aber in ihrer Beziehungsfähigkeit bleiben sie auf dem Stand stehen, an dem mit der Verordnung begonnen wurde. Es kann nicht angehen, einfach Kinder durch Verabreichung von Pharmaka ruhig zu stellen und stromlinienförmig anzupassen, damit kein Problem mehr sichtbar ist. Echte Hilfe setzt an der Ursache an und die ist noch nicht klar identifiziert.
Auch ist die Hypothese von einem Übergewicht bestimmter Transmitter im Gehirn zu einfach. Warum sollte das plötzlich jetzt und gehäuft auftreten und nicht schon vor Urzeiten in der Evolution? Vielleicht müssten wir die Gestaltung unseres täglichen Lebens neu überdenken!

Dr. med. Jürgen Maiß
Wellerstädter Weg 4
91083 Baiersdorf
E-Mail: j.maiss@t-online.de

Suchtstoffkontrollrat: Gefährliche Psychopharmaka
Deutsches Ärzteblatt 98, Heft 10 vom 09.03.01, Seite A-572 [AKTUELL]

UN-Gremium kritisiert Verordnungsverhalten von Ärzten.
Psychosoziale Probleme werden immer häufiger mit psychotropen Medikamenten wie Benzodiazepinen und amphetaminähnlichen Substanzen behandelt. Dies entwickele sich derzeit vor allem in den Industriestaaten zu einer von der Gesellschaft akzeptierten Gewohnheit, kritisierte der Internationale Suchtstoffkontrollrat in seinem Jahresbericht 2000.
Zu lockere Bestimmungen, wenig verlässliche Schätzungen über den tatsächlichen medizinischen Bedarf und aggressive Marketingmethoden seien die Hauptgründe für das Überangebot und den steigenden Konsum von Psychopharmaka. Zudem würden Ärzte diese Medikamente oft unangemessen verschreiben. Zu rascher Einsatz bei Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Adipositas und Hyperaktivität, irrationale Medikamentenkombinationen, hohe Dosierungen und zu lange Behandlungszeiträume führten zu Abhängigkeit und psychischen Störungen, warnte der Suchtstoffkontrollrat. Das unabhängige Kontrollorgan für die Einhaltung der Drogenkonvention der Vereinten Nationen forderte in seinem Bericht pauschal Regierungen, Ärzte, Pharmaindustrie und Konsumenten zu einem verantwortungsvolleren Verhalten auf.

"Ein Medikament ist nur im Notfall sinnvoll"

Der Kindertherapeut Hans Hopf über die Betreuung von
Kindern mit dem Zappel-Philipp-Syndrom


Der Zappel-Philipp ist zum Massenphänomen geworden. Vor einem inflationären Gebrauch der Diagnose "Hyperkinetisches Syndrom" (HKS) hat jetzt der analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Dr. Hans Hopf gewarnt. Er ist der Ansicht, dass HKS in den seltensten Fällen durch neurochemische Prozesse oder genetische Faktoren ausgelöst wird, sondern Ergebnis einer psychosomatischen Störung ist, die besser mit einer Psychotherapie behandelt werden sollte. Mit Hopf sprach FR-Redakteur Karl-Heinz Karisch.

FR: Herr Dr. Hopf, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, hat vor dem dramatischen Anstieg der Verschreibung der Betäubungsmittel Ritalin und Medikinet (Methylphenidat) an Kinder gewarnt. Seit 1994 hat sich der Verbrauch in Deutschland verzehnfacht. Vor 100 Jahren war der Zappel-Philipp eine seltene Ausnahme, heute sollen vom so genannten Hyperkinetischen Syndrom (HKS) und dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) zwischen fünf und 20 Prozent der Kinder betroffen sein. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Hans Hopf: Tatsächlich trifft diese Diagnose auch heute nur in eher seltenen Fällen zu. Das Hyperkinetische Syndrom wird laut Fachbüchern bei ein bis drei Prozent der Kinder festgestellt, davon sind allerdings etwa 80 Prozent Jungen.
Leider wird die Diagnose ADS oder Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom inzwischen geradezu inflationär gebraucht. Fast jeder Junge zwischen sechs und zehn Jahren, der mir in den vergangenen Jahren wegen Unruhe und sozialen Problemen
vorgestellt wurde, trug dieses Etikett. Da kann natürlich etwas nicht mehr stimmen.
Die Diagnose wird oft unverantwortlich und ohne ausreichende Untersuchungen erteilt, jede Form von Unruhe bekommt rasch den Stempel ADS. Das ist so, als wäre jede Angst im Kindesalter schon eine Angstneurose. Ein Medikament wie Ritalin dürfte zudem nur verschrieben werden, wenn gleichzeitig eine Psychotherapie stattfindet. Das ist aber leider eher selten der Fall.

Das bei uns ADS/HKS genannte Krankheitsbild der mangelnden Aufmerksamkeit und Hyperaktivität (Attention Deficit Hyperactivity Disorder, ADHD) ist 1987 durch die US-Psychiatrievereinigung (American Psychiatric Association) geschaffen worden. Heute nehmen in den USA nach Schätzungen allein rund sechs bis acht Millionen Kinder Ritalin, hinzu kommen weitere Psychodrogen wie der Stimmungsaufheller Prozac. Ist das eine Entwicklung, die bei uns auch droht?

Diese Entwicklung hat bei uns längst eingesetzt. Mit Erschrecken beobachte ich, wie Pädagogen, Therapeuten und Ärzte teilweise mit unruhigen Kindern umgehen.
Eine Diagnose legt die therapeutische Richtung fest, über aktuelle, seelische oder gesellschaftliche Ursachen darf dann nicht mehr nachgedacht werden, und das Mittel der Wahl für das sogenannte ADS-Kind ist Ritalin. Es wird nicht mehr
differenziert untersucht und betrachtet.

Wir haben ja gerade einen Medikamentenskandal um Lipobay, ein Mittel, das bei vernünftiger Lebensführung nur von sehr wenigen Patienten benötigt würde. Wie sehen denn bei Ritalin die Nebenwirkungen aus?

Ritalin gehört zu den so genannten Stimulanzien und unterliegt somit der Betäubungsmittelverordnung, die Nebenwirkungen sind bekannt. Die bisherigen Untersuchungen haben keine Suchtgefahr erkennen lassen; ich bin hier zumindest skeptisch. Allerdings wurden mittlerweile in anderen Untersuchungen negative Langzeitwirkungen festgestellt.

Vor 50 Jahren konnten Kinder noch ungefährdet draußen spielen und sich dabei austoben. Wird der natürliche Bewegungsdrang der Kinder in unserer modernen Welt nicht sehr beschränkt und sucht sich dann das falsche Ventil?

Wir leben in einer Zeit, die ein Syndrom wie ADS geradezu erzeugt. Wir sind alle Teil einer gehetzten Tempogesellschaft, die Zeit von Kindern ist rundum verplant.
Bei stundenlangem Hocken vor dem Fernseher oder dem Computer kann natürlich Bewegung nicht stattfinden, andererseits werden ständig Reize aufgenommen, die nicht zur motorischen Entladung kommen können. Die autoritären Strukturen der Elternhäuser haben sich nach den 60er Jahren aufgelöst, es ist aber noch nichts Neues an diese Stelle getreten. Kinder wachsen häufig in einem emotionalen und
erzieherischen Vakuum auf. Sobald sie im Vorschulalter auf die Gruppe im Kindergarten oder der Schule treffen, sind nicht selten Unruhe und Desorientierung die Folgen.

Würden Sie denn dafür plädieren, zu einer altertümlichen Form der Pädagogik des "liebevoll Förderns und Forderns" zurückzukehren?

Diesen Gegenpol benötigen wir immer. Die Freiheit braucht gleichzeitig die Begrenzung, die Großzügigkeit braucht die Ordnung. Eltern müssen in der Erziehung immer Grenzen setzen. Bedürfnisse wie Essen, Trinken, nach Nähe und
Liebe, die müssen befriedigt werden. Aber über Wünsche sollte diskutiert und nachgedacht werden. Heute geschieht es leider häufig andersherum, die finanziellen und Konsum-Wünsche werden befriedigt, aber nicht die emotionalen.

Von den Kindern wird heute in der Schule sehr viel Leistung erwartet. Die Eltern der Höchstleistungsgesellschaft beraten nicht mehr ob, sondern in welches Gymnasium das Kind gehen soll. Entsteht da nicht auch häufig eine
Überforderung, weil nicht mehr auf das tatsächliche Leistungsvermögen Rücksicht
genommen wird?

Ja, häufig entsteht eine permanente Überforderung bei gleichzeitiger Unterforderung in anderen Bereichen. Diese Schere klafft immer weiter auseinander.

Was würden Sie denn Eltern empfehlen, deren Kind an der
Zappel-Philipp-Krankheit leidet?

Die Diagnose hat leider dazu geführt, dass jede Unruhe von Kindern nur noch als rein medizinisches Problem gesehen wird. Nicht mehr in Frage gestellt wird dann leider, was möglicherweise in der Beziehung zwischen Eltern und Kind
problematisch ist. Es soll keineswegs um Vorwürfe oder Kritik an den Eltern gehen, sondern darum, gemeinsam neue Beziehungen zu entwickeln. Ich würde den Eltern empfehlen, sich an eine psychologische Beratungsstelle, an einen
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten oder einen Kinder- und Jugend-Psychiater zu wenden und zu beraten, welche Möglichkeiten es gibt. Ein Medikament sollte nur für Notfälle bereitgehalten werden, um überhaupt in die Therapie einzusteigen und sie durchführen zu können.

Was machen denn Eltern, die an einen Psychiater geraten, der Psychopillen als die Wunderwaffe schlechthin anpreist und annimmt, das alles hänge mit Stoffwechselstörungen im Hirn zusammen?

Das ist gewiss zunächst eine Entlastung für Eltern, aber viele sind langfristig mit einer solchen Diagnose unglücklich und unzufrieden und fragen, was sie selbst
beitragen können, damit das Kind seine Probleme verliert. Ein Medikament allein kann nicht weiterhelfen.

Welche Kinder sind besonders betroffen?

Vor allem sind die Jungen betroffen. Jungen tragen ihre Konflikte immer stärker nach außen und führen sie motorisch ab; Mädchen verarbeiten sie eher innen. Es sind nicht selten jene Jungen betroffen, denen der Vater fehlt, direkt oder emotional. Wichtig ist, dass die Mutter nach einer Trennung ihrem Kind ermöglicht - auch wenn das für sie sicher oft sehr schwer ist -, ungestörten und nicht negativ belasteten Umgang mit dem Vater zu haben. Das Kind lebt ja genau wie die Mutter mit einem inneren Vorwurf, wenn der Vater die Familie verlassen hat.

Wie können sich Eltern engagieren, um mit ihrem Kind in die Normalität zurückzukehren?

Wenn sich die Konflikte in der Familie oder Schule zugespitzt haben, wird man an einer Psychotherapie nicht vorbeikommen. Im Alltag sollten sich Eltern wieder auf
jene Dinge zurückbesinnen, die für ein Kind wichtig sind: Sport, Bewegung, Freude an gemeinsamen Unternehmungen, Beschäftigung mit anregenden Themen, Interesse zeigen an den Dingen, mit denen sich das Kind beschäftigt, Nachfragen,
aber auch Anforderungen an ein Kind stellen. Aber auch das Aushalten von Frustrationen, dass nicht jeder Wunsch des Kindes sofort erfüllbar ist, muss wieder gelernt werden. Eine glückliche Kindheit entsteht nicht dadurch, dass alle
materiellen Wünsche erfüllt werden.

© Frankfurter Rundschau 2001, 25.9.2001

Aus der BERLINER ZEITUNG:
Datum: 26.09.2001
Ressort: Wissenschaft
Autor: Franziska Beckmann

Pillen allein reichen nicht
Ritalin beruhigt "Zappelphilipps". Experten warnen vor voreiligen Diagnosen und raten zu einer Kombinationstherapie


Früher hießen sie einfach "Zappelphilipps": Kinder, die nicht still sitzen und sich auf nichts konzentrieren können. Heute bezeichnen Ärzte ein solches Verhalten als "Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitäts-Störung" (ADHS). In jeder Schulklasse, schätzen Experten, leiden ein bis zwei Kinder unter ADHS. Insgesamt sind etwa fünf Prozent aller Heranwachsenden zwischen 6 und 15 Jahren betroffen.

Immer mehr von ihnen erhalten gegen ihr Leiden das Medikament Ritalin. "Seit 1994 hat sich die Anzahl der Ritalin-Verschreibungen verzehnfacht", weiß der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, Herausgeber des Fachberichts "Arzneimittelreport". Angesichts dieser Zahlen schlug Marion Caspers-Merk, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kürzlich Alarm. "Die Verordnungspraxis von Ritalin muss überdacht werden", schrieb Caspers-Merk in einer Pressemitteilung des Bundesgesundheitsamtes. Ärzte verordneten das Medikament in vielen Fällen offenkundig vorschnell.

Ritalin gehört zu den so genannten Psychostimulanzien. Ähnlich wie die Suchtmittel Koffein oder Kokain steigert es bei gesunden Erwachsenen Antrieb und Wachheitsgefühl. Bei ADHS-Kindern dagegen bewirkt das Mittel genau das Gegenteil: es beruhigt. Wie dieser paradoxe Effekt genau zustande kommt, können Forscher noch nicht erklären. Vermutlich spielt eine entscheidende Rolle, dass sich das Kind besser konzentrieren kann. Fest steht, dass Ritalin die Freisetzung des Botenstoffs Dopamin in bestimmten Hirnregionen erhöht. Studien der letzten Jahre, in denen mit bildgebenden Verfahren die Hirnaktivität ADHS-Kranker erfasst wurde, deuten darauf hin, dass bei den Betroffenen in bestimmten Hirnregionen - etwa dem Vorderhirn - zu wenig Dopamin freigesetzt wird. Vermutlich ist auch die Regulierung der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin gestört. Ob sich diese Veränderungen bei allen Betroffenen finden - und ob sie tatsächlich die Ursache für ADHS sind -, ist jedoch noch ungeklärt.

Dass Ritalin tatsächlich wirkt, bestreitet kaum ein Experte. "Bei rund achtzig Prozent der behandelten Kinder bessern sich die ADHS-Symptome", sagt Gerd Lehmkuhl, Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie des Kinder- und Jugendalters am Universitätsklinikum Köln. "Sie werden ruhiger, können sich leichter konzentrieren und sind auch weniger aggressiv. " Die Behandlung kann jedoch Nebenwirkungen haben: Ein Teil der Kinder leidet unter Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen oder Einschlafproblemen. Selten können Depressionen auftreten. "Wenn ein Kind Ritalin einnimmt, sollte der Arzt die Therapie genau überwachen", betont Lehmkuhl. Auch die Dosis müsse sehr vorsichtig und individuell eingestellt werden. "Jedes Kind spricht unterschiedlich auf die Behandlung an", sagt der Mediziner.

Klaus Skrodzki vom Bundesverband Hyperaktivität/Aufmerksamkeitsstörung in Forchheim hält eine Ritalin-Therapie bei ADHS trotz möglicher Nebenwirkungen für "unabdingbar". "Einem ADHS-Kind Ritalin vorzuenthalten, das wäre ungefähr so, als ob man einem Kurzsichtigen seine Brille vorenthielte", meint der Kinderarzt. Noch immer werde die Krankheit bei einem Großteil der Betroffenen nicht erkannt. "Viele Mediziner hier zu Lande wissen noch zu wenig über ADHS", sagt Skrodzki.

Lehmkuhl hingegen warnt vor einer Inflation der Diagnose ADHS. In den USA würden Kinder, die in der Schule Probleme hätten, oft vorschnell als hyperaktiv eingestuft - Millionen von Kindern erhielten dort ihre tägliche Dosis Ritalin. Auch in Deutschland gebe es einen solchen Trend. "Doch nicht jede Lernstörung ist Ausdruck einer Hyperaktivität und lässt sich mit Ritalin wegtherapieren", sagt der Mediziner. Entscheidend sei es, dass ADHS präzise diagnostiziert werde. Bestandteil einer solchen Diagnose sollten neben Bewegungstests und psychologischen Fragebögen ausführliche Gespräche mit Eltern und Kind sein - wenn möglich, sollten auch die Lehrer einbezogen werden.

Doch selbst bei korrekter Diagnose sieht Lehmkuhl die Gefahr, dass Ärzte und Eltern zu sehr auf die Wirkung der Arznei setzen. "Eine Ritalin-Behandlung sollte unbedingt mit einer Psychotherapie verbunden werden, welche die ganze Familie einbezieht", empfiehlt der Mediziner. Eine solche Kombinationstherapie sei deutlich effektiver als eine Ritalinbehandlung allein - das zeigten erste Ergebnisse aus einer internationalen Langzeitstudie, die seit Mitte der neunziger Jahre läuft. "In der Studie benötigten Kinder, die umfassend psychologisch behandelt wurden, deutlich weniger Medikamente als Kinder, die nur Ritalin erhielten. " Bewährt hat sich vor allem ein Verhaltenstraining, bei dem die Kinder lernen, ihre Impulse besser zu kontrollieren. "Feste Regeln für den Tagesablauf sind dabei unerlässlich", betont Lehmkuhl. Auch Sport sei wichtig - das Kind könne sich auf diese Weise austoben und habe Erfolgserlebnisse.

Einig sind sich viele Experten, dass nicht jede Form von ADHS behandlungsbedürftig ist. Lehmkuhl: "Bei der Entscheidung für oder gegen eine Ritalin-Therapie sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, ob das Kind selbst unter den sozialen Folgen der Störung leidet. " Denn meist sei ADHS-Betroffenen sehr wohl bewusst, dass sie "anders" sind als andere Heranwachsende. "ADHS-Kinder haben nicht nur Schwierigkeiten, sich in der Schule zu konzentrieren - sie werden oft auch von ihren Altersgenossen gemieden und von Spielen ausgeschlossen", so Lehmkuhl.

Einig sind sich Befürworter und Kritiker des Medikaments, dass eventuelle Spätfolgen von Ritalin noch erforscht werden müssen. "Wir wissen nicht, wie sich eine Ritalineinnahme im Kindesalter zwanzig Jahre später auf das Gehirn auswirkt", sagt Ulrich Schwabe. Der Pharmakologe fordert deshalb personenbezogene Langzeitstudien, bei denen Forscher die Entwicklung jedes einzelnen Kindes verfolgen.

Eine Befürchtung, die Mediziner hegten, ist jedoch offenbar unbegründet: Ritalin macht Kinder nicht anfällig für Drogenkonsum. Denn süchtig macht ein Stoff in der Regel nur, wenn er dem Konsumenten nach der Einnahme ein Hochgefühl verschafft - gerade das aber tut Ritalin bei ADHS-Betroffenen nicht. "Die meisten Kinder mögen die Wirkung des Medikaments nicht besonders", sagt Lehmkuhl.

Badische Zeitung vom 2.5.2001: Wie die Psyche das Gehirn baut
In Lindau trafen Neurobiologen auf Psychotherapeuten

Wenn Neurobiologen auf Psychotherapeuten treffen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Neurobiologen erklären, dass das Seelische nur eine elektrische oder chemische Reaktion des Gehirns ist. Oder die Psychotherapeuten behaupten, dass das Eigentliche der Seele nicht in der Materie des Gehirns zu finden sei. Bei den 51. Psychotherapiewochen in Lindau passierte Erstaunliches: Ein Neurobiologe, der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, erklärte den Psychotherapeuten, dass die Seele die Materie des Gehirns gestaltet.

Der Einbruch der Neurobiologie in die Psychotherapie ist dramatisch. Hüther sprach von einem Paradigmenwechsel. Das wichtigste – für die Psychotherapie umwälzende – Ergebnis der neueren Hirnforschung: Das Gehirn ist nicht mit Abschluss der Entwicklungsphase fertig und baut danach nur noch ab, sondern es ist plastisch. Es bleibt lebenslang entwicklungsfähig. Seine Entwicklung ist abhängig von der Erfahrung. Hüther berichtete von einer Untersuchung an Taxifahrern aus London, bei der man messen konnte, dass das Zentrum für räumliche Vorstellung, der Hypothalamus, umso größer ist, je länger jemand Taxi fährt. Erleben formt das Gehirn. Hüther: „Ich kann das auch erst denken, weil in den letzten zehn Jahren in der Hirnforschung so viel passiert ist.“

Gemeinhin erforschen Neurobiologen, „wie das Gehirn die Seele macht“. Eine zugespitzte Formulierung, wie der Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen, Gerhard Roth, einräumte. Aber er nannte eine Fülle von Beispielen, die zeigen, dass die Neurochemie des Zellgeschehens im Gehirn die Grundlage für dessen Arbeit ist. In Millisekunden tauschen sich Ionen aus, laden und entladen sich Spannungen, die heute exakt messbar sind. Wer die elektrisch oder chemisch ausgelösten Reaktionen kennt, kann sie auch herstellen. „Wir können Wünsche per Mikroelektrode auslösen“, sagte der Hirnforscher. Er konnte auch zeigen, dass Wünsche in unbewussten Regionen des Gehirns entstanden sind, bevor das „Ich“ sie ins Bewusstsein übernimmt.

Die Kartierung des Gehirns ist weit fortgeschritten. Man kennt Gesichtererkennungsneuronen und den Sitz der Raumwahrnehmung, man hat verschiedene Bewusstseinszustände lokalisiert. Menschen mit geschädigten Hirnteilen haben Schmerzen, aber „sie tun ihnen nicht weh“. Andere haben kein „Gewissen“. Für Roth ist das nur eine metaphorische Ausdrucksweise. „Aber der Effekt ist genau dieser: Diese Menschen sind aufgrund der Gehirn-Fehlfunktion nicht sozialisierbar.“ Roth wies auch darauf hin, dass die entsprechenden Modulatoren nicht nur durch eine äußere Verletzung geschädigt werden können, sondern auch „durch die Zurückweisung durch die Mutter.“

Hüther sieht in Roths Arbeiten „die Pfeiler“ für eine Brücke zwischen Neurobiologie und Psychotherapie. Es sind Messungen, nicht Ideen, die zu den neuen Erkenntnissen geführt haben. Die Organisatoren der Lindauer Psychotherapiewochen wittern die Chance, dass ihr Beruf durch die naturwissenschaftliche Begründung ihres Tuns an Anerkennung gewinnt, wie der Heidelberger Psychiater Manfred Cierpka betonte.

Der Neurobiologe Hüther hat wenig Scheu davor, über nicht Messbares zu sprechen: über die Erfahrung, jenen nicht angeborenen Einflussfaktor, der irgendwie im Gehirn und im ganzen Körper verankert ist. „Wem nichts mehr unter die Haut geht, der kann auch keine Erfahrung mehr machen“, so Hüther. Umgekehrt stellte er fest, dass Erfahrung tatsächlich unter die Haut geht und dort Zellen zu verändern vermag. Die Unbefangenheit, über nicht messbare Faktoren zu sprechen, nimmt er aus der Erfahrung mit dem Messbaren. Seit das Dogma vom nicht mehr änderbaren Gehirn gefallen ist, öffnet sich eine neue Welt. Wenn Hirnforscher sehen, wie sich bei Blinden, die Brailleschrift lesen, das Gehirn verändert, ist ein Leugnen des Einflussfaktors Erfahrung sinnlos. Wie der Körper Hornhaut bildet an beanspruchten Stellen, so auch das Gehirn.

Für die Neurobiologen ist das Gehirn das Reaktionsorgan auf Veränderung. Es muss mit Stress fertig werden. Hüther schilderte ein Beispiel: Wird einer plötzlich arbeitslos, wird zuerst im Unbewussten die Amygdala aktiviert, die auf das limbische System im Gehirn wirkt. Das Gehirn strebt nun danach, aus einem asynchronen wieder in einen synchronen Zustand zu gelangen. Vier Möglichkeiten zählte Hüther auf: Drogen wie Extasy, die den Botenstoff Serotonin ausschütten und damit chemisch wirken, Rhythmen wie Gehen oder „Rosenkranzbeten, das mantrische Aufsagen von immer Gleichem“, Entspannung, wie sie in asiatischer Meditation bewirkt wird, und die Bewältigung des Stress auslösenden Faktors.

Wer ohne Drogen zur Bewältigung seiner Probleme ansetzt, braucht, so Hüther, drei Unterstützungsmittel: das Vertrauen in eigene Fähigkeiten: die Erfahrung, das Vertrauen in die Fähigkeiten anderer: die Bindung, und das Vertrauen in vorgestellte Kräfte: der Glaube. Hat das Gehirn Vertrauen erfahren, kommt es in den Flow. Aus einem Problem wird ein gelöstes Problem, mit dem entsprechenden Lustgewinn. Macht es keine Vertrauenserfahrung, gelangt es in einen Teufelskreis: Zu dem Problem kommt die Erfahrung, dass es nicht gelöst wurde. Nicht die Lösung des Problems wird zum Halt im Leben, sondern der Weg vom Problem zur Lösung. „Der Weg ist das Ziel“, übersetzt Hüther. Für ihn ist das kein Glaubenssatz, sondern eine neurochemisch gewonnene Erkenntnis aus der Untersuchung von Opiatausschüttungen im Gehirn.

Die Konsequenzen für die Psychotherapie sind einschneidend. In Lindau wurde Hüther nach Therapiemöglichkeiten für aufmerksamkeitsgestörte Kinder gefragt. Man weiß, dass bei ihnen das dopaminergene System unzureichend arbeitet und versucht, mit Psychopharmaka Ausgleich zu schaffen. Die Hirnforscher sehen darin eine eher grobe Methode, zumal laut Hüther eine Erkrankung des dopaminergenen Systems bisher nicht dokumentiert werden konnte. Dagegen kennt man jetzt einen anderen Einflussfaktor auf die Botenstoffe im Gehirn: soziale Kontakte. Je fester und vielfältiger diese seien, desto stärker sei das dopaminergene System.

Dogmen fallen, Weltbilder verändern sich. Das ist der Lauf der Wissenschaftsgeschichte. In Lindau wurde dies auch deutlich im Umgang mit der Wissenschaftssensation des vergangenen Jahres: dem Human Genome Project. Schon der Zellforscher Friedrich Cramer hatte zum Auftakt die Konzentration auf das menschliche Genom als „völlig veraltetes Konzept “ abgetan. Phänomene wie die Seele sagten wesentlich mehr aus über den Menschen. Hüther legte nach. Craig Venter habe mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms nur herausgefunden, dass dort das Geheimnis des Lebens nicht zu finden sei. „Das Menschenhirn ist so wenig wie möglich genetisch geprägt, damit wir so viel wie möglich lernen können“. Für die Psychotherapeuten heißt das: an die Arbeit. Für die Menschen heißt das: Es gibt keine Ausrede mehr.
Joachim Rogosch

Hier ein Interview mit Prof. Döpfner aus GEO: http://www.geo.de/themen/medizin_psychologie/adhs/adhs7.html

Mit interessanten Links: http://www.br-online.de/jugend/quer/higru/ritalin.html

 

Die lieben Nachbarn

Verhaltensstörungen bei Kindern haben ihre Ursache häufig in den individuellen Verhältnissen eines Kindes, etwa wenn die Eltern sich getrennt haben oder die Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt. Außerdem ist bekannt, dass Kinder mit Verhaltensproblemen häufiger in sozial vernachlässigten Stadtvierteln leben als etwa in ländlichen Gemeinschaften. Unklar war bisher, ob der Faktor in einem sozial benachteiligten Stadtviertel zu leben, auch dann Verhaltensstörungen bei Kindern fördert, wenn die Familie selbst nicht materiell benachteiligt ist. Wegen mangelnder statistischer Verfahren konnten der Einfluss der einzelnen Faktoren bisher nicht sauber getrennt werden, weil die individuelle, die familiäre und die nachbarschaftliche Ebene teilweise miteinander korrespondieren. Dies ist aber wichtig für eine gezielte Prävention, die auch dazu dient, spätere psychopathologische Störungen der betroffenen Personen zu verhindern. Studien in der Vergangenheit hatten gezeigt, dass Personen mit Verhaltensproblemen im Kindesalter häufiger psychologische Probleme wie Depressionen im Erwachsenenalter haben.


Studiendesign:
Die Autoren befragten Eltern von 734 Kindern im Alter zwischen fünf und sieben Jahren aus verschiedenen Stadtvierteln von Maastricht zu Verhaltensproblemen ihrer Sprösslinge gemäß der niederländischen Version der Child Behaviour Checklist (CBCL). Gleichzeitig ermittelten sie die sozio-ökonomischen Verhältnisse der Familien. Sie wollten zum Beispiel wissen, ob die Kinder nur mit einem Elternteil aufwachsen oder wie hoch die Bildung und das Einkommen der Eltern ist. Aus einer früheren Analyse verwendeten sie die Einteilung der Stadtviertel in sozial gute, weniger gute und vernachlässigte Viertel. Dies war durch Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Zahl der Sozialhilfeempfänger oder dem Ausländeranteil bestimmt worden. Den Einfluss der individuellen, familiären und nachbarschaftlichen Faktoren ermittelten die Forscher mit einer statistischen Multi-Level-Analyse.


Ergebnisse:
Kinder zeigten häufiger auffälliges Verhalten, wenn ihre Eltern eine schlechtere Ausbildung oder einen schlechteren Job hatten oder getrennt lebten. Außerdem wohnten Kinder mit mehr Verhaltensstörungen häufiger in den eher sozial vernachlässigten Vierteln der Stadt. Unabhängig von den individuellen und familiären Verhältnissen ergab die statistische Auswertung, dass der sozio-ökonomische Level des Stadtviertels einen unabhängigen Einfluss auf die Häufigkeit von Verhaltensstörungen bei Kindern hat. Was das bedeutet, beschreiben die Autoren so: "Ein Kind, dessen Eltern einen schlechten Job haben oder das nur mit einem Elternteil aufwächst wird in einem armen Stadtviertel eher Verhaltensstörungen zeigen als in einem wohlhabenderen Viertel."


Bewertung:
Eine Studie, die dank einer angemessenen statistischen Auswertung, den sozio-ökonomischen Level eines Stadtviertels in dem ein Kind lebt auf die Häufigkeit von Verhaltensstörungen bei Kindern, belegen kann. Als Kritikpunkte geben die Autoren selber an, dass die Stichprobe im Vergleich zu anderen epidemiologischen Studien gering ist, was das Ergebnis verzerren könnte. Dies halten sie aber für unwahrscheinlich. Außerdem berücksichtigt die Studie nur Personen aus einer einzigen Stadt, die zudem ethnisch wenig durchmischt ist. Deshalb könnte die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf große Städte, deren Bevölkerung sich aus mehreren ethnischen Gruppen zusammensetzt, schwierig sein.

Kernaussage:
Der sozio-ökonomische Level eines Stadtviertels hat einen Einfluss auf die Häufigkeit von Verhaltensstörungen bei Kindern unabhängig von den individuellen Verhältnissen.

Quelle:
Kalff, AC et al. "Neighbourhood level and individual level SES effects on child problem behaviour: a multilevel analysis" European Journal of Epidemiology and Community Health. 2001; 55: 246-250.

(Aus: Kölnische Rundschau 2001)

Hier ein ganz guter Link mit einem Überblick zur neueren Hirnforschung. Die bei "ADS" postulierten Hirnfunktionsauffälligkeiten sind nach diesen Ergebnissen vielleicht nicht angeboren, sondern "erworben" (wenn sie überhaupt etwas bedeuten für "ADS"): http://www.christa-meves.de/main/kolumnen/kol16.htm

Neues über die Wirkungen von Ritalin aufs Gehirn: http://www.welt.de/daten/2001/11/18/1118med296391.htx

Hallo,
der bekannte amerikanische Psychiater BREGGIN berichtet über eine (allerdings retrospektive) Untersuchung von CHERLAND&FITZPATRICK, 1999, die nach 5jähriger Ritalinbehandlung bei Kindern und Jugendlichen in 9 Prozent die Entwicklung psychotischer Symptome beobachtet haben.

Amerikanische Ärzte würden solchen Kindern dann häufig zusätzliche Medikamente (z.B. Neuroleptika) geben, anstatt das Ritalin sofort abzusetzen, so dass die Zahl der Kinder, die bis zu 5 verschiedene starke Drogen gleichzeitig nehmen, wachse. Die in den USA wachsende Zahl von Schizophrenien oder Depressionen führt BREGGIN auf solche Falschmedikationen zurück: die Medikamente erzeugen erst die Psychose, gegen die sie eigentlich wirken sollen. http://www.breggin.com/ritalinconfirmingthehazards.html

Hi,
auf "ADD" angewandt sehr interessant. Ich glaube, das erklärt zumindest teilweise das Phänomen ADD:
http://www.intro-online.de/showalter.html

Manchmal wirken auch Placebos

Ritalin-Streit: Kinderärzte sollen Diagnose künftig selber durchführen und abrechnen dürfen. Kritiker befürchten dadurch für die Zukunft mehr Fehldiagnosen
Nicht nur in der Schulbehörde, auch in der Ärzteschaft tut sich einiges zum Thema Ritalin. Fünf Kinderpsychiater haben kürzlich einen "Sachverständigenrat" zur Versorgung und Qualitätssicherung der Behandlung von Kindern mit seelischen Erkrankungen gegründet. Erster Arbeitsschwerpunkt solle das "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom", ADS, sein, bei dem man zunächst eine "Analyse der derzeitigen Zunahme an Verdachtsdiagnosen und Behandlungsanfragen machen wolle", heißt es in einer Pressemitteilung des Landesvorsitzenden der Hamburger Kinderpsychiater, Tobias Wiencke. Auch wolle man die "Auswirkungen eigenen ärztlichen Tuns" auf gesellschaftliche Zusammenhänge reflektieren.

Wie berichtet, ist die Zahl der Verordnung von Ritalin für Kinder und Jugendliche, die möglicherweise an diesem Syndrom leiden, seit 1997 rapide gestiegen. Eine Entwicklung, die selbst der Hamburger Senat in der Antwort auf eine Große Anfrage als "zunehmendes Problem" bezeichnete.

Zum gleichen Thema hatte sich bereits im April ein weiterer Arbeitskreis gegründet, dem neben der Elterngruppe von ADS-Kindern auch der Leiter des Werner Otto-Inistuts, Christian Fricke, die bezirklichen Schul-Beratungsstellen und der Vorsitzende des Landesverbands der Kinderärzte, Michael Zinke, sowie andere auf ADS spezialisierte Ärzte angehören. Ziel dieses Kreises ist es laut Zinke, bis zum Herbst einen Qualitäts-Leitfaden zu erstellen, an den sich niedergelassene Kinderärzte halten sollen, wenn sie ADS diagnostizieren. Im Gegenzug soll es für diesen Aufwand auch eine Pauschale geben, die die Kinderärzte mit den Kassen abrechnen können.

Er habe die Sorge, dass die "diag-nostischen Fähikeiten nicht bei allen vorhanden sind", sagt der Leiter des Werner-Otto-Instituts, Christian Fricke. Für die Feststellung, ob ein Kind tatsächlich besagtes ADS-Syndrom hat und ob dies überhaupt so alltagsrelevant ist, dass es Ritalin benötigt, sind nach Expertenauffassung mehrere sehr aufwendige Tests nötig. So müsse ausgeschlossen werden, ob das Kind nicht an anderen Lernstörungen leidet. Fricke: "Es ist erstaunlich, wie viele Lehrer Eltern nicht den Weg zeigen, den die Schulbehörde für sie bereithält." Auch sei ein "großes Fragezeichen" hinter der Diagnose ADS zu machen, wenn das Kind sich nur in einem Lebensbereich, also nur in der Schule oder nur in der Familie, auffällig verhalte.

Das Werner-Otto-Institut nehme Kinder sogar stationär auf, um sie auf ADS zu testen. Dabei bekämen die Kinder auch Placebos verabreicht, ohne das die Betreuer dies wüssten. Fricke: "Das führt zu interessanten Ergebnissen." Mitunter gäben auch Eltern ihren Kindern Placebos, um die Reaktion in der Schule zu erproben. Fricke: "Es gibt dann durchaus die Rückmeldung der Lehrer, der war die ganze Woche besser."

"Von hundert Kindern, die mit ADS-Fragestellung zu uns von Ärzten überwiesen werden, gibt es nach meiner Schätzung nur fünf, bei denen wir dieser Diagnose zustimmen", sagt auch Christiane Flehmig vom Zentrum für Kindesentwicklung in Barmbek.

Etwas andere Zahlen hat Michael Zinke, der sagt, dass "Ritalin eher zu wenig als zu viel verschrieben wird". Zwar gebe keinen Test, "der hundertprozentig belegt, ob es ADS ist", so Zinke. Es gebe aber eine "Erfolgsquote von 80 Prozent bei behandelten Kindern". Bei den übrigen 20 Prozent, bei denen es nicht wirke, seien "umweltreaktive Probleme" zu vermuten.

"Ritalin ist wirksam, egal ob Kinder ADS haben oder nicht", sagt hingegen der Psychologe und Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Wulf Rauer, der lieber "einmal weniger als einmal zuviel" Ritalin verordnet wissen möchte.

Die Grauabstufungen in dieser Diskussion, die alle Beteiligten gern versachlicht sehen wollen, sind recht groß. Christiane Flehmig, als Kinderneurologin und Familientherapeutin eine Autorität, hält nach der öffentlichen nun eine "Diskussion in Fachkreisen" für dringend nötig. Sie zweifelt aber auch, dass der eingeschlagene Weg, Kinderärzte mit Leitfaden auszustatten, "tatsächlich zu Qualitätssicherung beiträgt". Oder ob dies nicht einfach nur zur "weiteren Verbreitung fraglicher ADS-Diagnosen" führe. Kaija Kutter

taz Hamburg Nr. 6525 vom 17.8.2001, Seite 21, 61 Zeilen (TAZ-Bericht), Kaija Kutter

„Ritalin“ gegen mangelnde Konzentration
Psychopharmaka – die neuen Schülerdrogen
Süddeutsche Zeitung 28.12.2001

Experten gehen von mindestens 10000 Betroffenen allein in Nordrhein- Westfalen aus/Verkauf von Pillen auf Schulhof
Von Hubertus Gärtner

Düsseldorf – Die Zahl der Schüler, die regelmäßig Psychopharmaka einnehmen, ist dramatisch gestiegen. Nach Schätzungen von Experten nehmen mittlerweile allein in Nordrhein-Westfalen mindestens 10 000 Schüler regelmäßig Medikamente gegen Konzentrationsstörungen ein. Ähnlich hoch ist der Anteil auch in anderen Bundesländern. Die Mittel würden manchmal im Selbstversuch konsumiert, häufig aber auch von den Eltern verabreicht und auf ärztlichen Rat hin verschrieben, bestätigten Mediziner der Süddeutschen Zeitung.

Man dürfe die Augen vor den Gefahren nicht verschließen, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD). Lehrer hätten ihr berichtet, dass Psychopharmaka sogar auf den Schulhöfen während der Pausen verkauft würden. Dabei handele es sich meistens um die verschreibungspflichtige Substanz Methylphenidat, die als „Ritalin“ oder „Medikinet“ im Handel erhältlich ist. Nach Angaben der Drogenbeauftragten ist der Verkauf der Präparate sprunghaft gestiegen.

Diese Besorgnis erregende Entwicklung bestätigt auch der Psychologe an der Kölner Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Manfred Döpfner. Der Wissenschaftler gilt mit dem Leiter der Klinik, Gerd Lehmkuhl, als bundesweit anerkannter Experte für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS). Die Krankheit, auch als hyperkinetisches Syndrom bezeichnet, sei seit vielen Jahren bekannt. Sie sei vermutlich vererbbar und beruhe auf leichten Funktionsstörungen im Gehirn, sagt Döpfner. Die betroffenen Kinder seien in ihrer motorischen Aktivität kaum zu stoppen. Sie könnten sich im Unterricht nicht konzentrieren, ließen in ihren Leistungen nach und zeigten dissoziales Verhalten.

Döpfner geht davon aus, dass die ADHS-Häufigkeit objektiv zugenommen hat. Auch wenn die Krankheit genetisch bedingt sei, könne ihr Auftreten durch äußere Umstände (TV-Konsum, mangelnde Bewegung) gefördert werden. Am hyperaktiven Verhalten, das Eltern und Lehrer oft bei Kindern bitter beklagen, trügen diese eine Teilschuld, weil sie weder Kontrolle ausüben noch Grenzen setzten.

Unter Medizinern besteht weit gehend Einigkeit darüber, dass die Erkrankung durch den Einsatz des Psychopharmakons Methylphenidat erfolgreich behandelt werden kann. Das Medikament gilt als gut verträglich, aussagefähige Studien über mögliche negative Effekte bei jahrelangem Gebrauch stehen allerdings noch aus. Kombiniert mit einer Verhaltenstherapie seien „Ritalin“ und „Medikinet“ bei Fällen von ADHS sinnvolle Präparate, sagt Döpfner. Voraussetzung einer Applikation sei eine sorgfältige und zeitaufwändige Diagnose. Daran mangele es aber sehr oft. Zum Teil, so der Mediziner, würden die Psychopharmaka für die Kinder von den Ärzten „viel zu schnell“ verschrieben. „Manche geben etwas auf Verdacht“, sagt auch der Sprecher der Düsseldorfer Kinderärzte, Hermann Josef Kahl. Allerdings nimmt er seine Fachkollegen gegen den Vorwurf, zu schnell Psychopharmaka zu verschreiben, in Schutz. Es gebe in Bezug auf den Einsatz von Beruhigungsmitteln bei Kindern „eine sehr kritische Haltung“.

Eine gewisse Mitschuld tragen laut Kahl die Eltern. Sie kämen in die Praxen, weil sie mit ihrem Nachwuchs nicht mehr fertig werden. Dort fragen sie verzweifelt nach Mitteln gegen die Rast- und Ruhelosigkeit ihrer Kinder. Anschließend erhalten sie ohne Bedenken Pillen auf Rezept. „Ein großer Teil der Methylphenidat-Verordnungen wird nicht von Kinderärzten oder Kinderpsychiatern vorgenommen, sondern vor allem von Hausärzten, Laborärzten, HNO-Ärzten, Frauenärzten, Radiologen und sogar von Zahnärzten“, sagt die Drogenbeauftragte Caspers-Merk.

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