RITALIN: EIN FOLGENSCHWERER IRRTUM?
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 15.09.01 19:31
Hallo liebe Gäste! In einem Forum lese ich folgenden Rat an eine
hilfesuchende Mutter:
"Hallo,
Wenn Du Deinem Kind also eine
Dosis (Ritalin) gibst und es ist anschließend innerhalb einer
Stunde gesammelter, aufmerksamer und
ausgeglichener, dann hat es ein ADHS. Aber das klappt leider
nicht immer. Wenn diese "Sofortreaktion" ausbleibt, ist
ein ADHS damit aber nicht ausgeschlossen."
Dieser alte Irrglaube, die Wirkung von Methylphenidat beweise,
dass jemand ADHS habe, findet sich in vielen einschlägigen Foren
durchgehend. Er wird bis in die letzten Tage unwidersprochen
behauptet, "Fachleute" geben ihn an "Laien"
weiter und "beraten" damit verunsicherte Eltern.
In diesem Cafe´habe ich bereits vor Monaten das Gegenteil
gesagt: Methylphenidat wirkt bei ca 70% ALLER Kinder sedierend,
unabhängig von ADHS. Wenn es wirkt (es wirkt bei jedem Kind
unterschiedlich stark), ist damit in keiner Weise bewiesen, dass
das Kind ADHS hat.
Erst in den letzten Tagen findet diese Tatsache in anderen Foren
ganz nebenbei Berücksichtigung, nachdem Elisabeth (himmelblau)
und Kim es dort hin getragen haben. Bis dahin hat niemand von den
"wirklichen" Fachleuten dieser verheerenden und lange
überholten Auffassung Einhalt geboten. Meine diesbezüglichen
Hinweise in einem anderen Forum wurden seinerzeit rasch wieder
gelöscht.
Dabei hat diese Tatsache, die durch Untersuchungen belegt ist,
weitreichende Auswirkungen in der Praxis. Wenn man davon ausgeht,
dass die Zahl der Falschdiagnosen bei ADHS sehr hoch ist
(Fachleute schätzen zwischen 60-80 Prozent Falschdiagnosen),
dann kann man auch von einem hohen Prozentsatz von Kindern
ausgehen, die Ritalin bekommen, ohne wirklich ADHS zu haben. Das
Umfeld dieser Kinder wiegt sich dann im Glauben, ADHS liege vor,
weil das Medikament so gut wirkt, und merkt nichts davon, dass
die Medikation kontraindiziert ist.
In der hier nachzulesenden HÜTHER-Studie finden sich erste
Warnhinweise davor, Kindern über längere Zeit hinweg
Psychostimulantien wie Methylphenidat zu verabreichen, bei denen
gar keine entsprechende Hirnstoffwechselstörung vorliegt. Die
Langzeitauswirkungen aufs Gehirn seien nicht erforscht, im
Tierversuch habe sich das Risiko einer späteren
Parkinson-Erkrankung gezeigt.
Eltern "betroffener" Kinder sollten hieraus den Schluss
ziehen, dass Methylphenidat über längere Zeit (länger als 3
Monate) nur dann verabreicht werden sollte, wenn wirklich eine
entsprechende Hirnstoffwechselstörung vorliegt. Dass diese aber
aus verschiedenen Gründen praktisch nie diagnostiziert werden
kann, sollte zusätzlich zu einem extrem vorsichtigen Einsatz
dieser Medikamente (im Sinne eines "allerletzten
Mittels") anhalten. Eltern, die bislang davon ausgegangen
sind, dass die Diagnose stimmt, weil Ritalin wirkt, sollten sehr
nachdenklich werden.
(Quellen: Stein, David B. (1999): Ritalin is not the Answer. San
Francisco: Jossey Bass Publishers.
Diller, H.L. (1998): Running on Ritalin. New York: Bantam Books)
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Kim Datum: 15.09.01 21:07 Hallo Herr Schmidt, auch ich bin besorgt über die verharmlosende Darstellung von Ritalin und fassungslos darüber, was sich in anderen Foren zu diesem Thema so alles abspielt. Die mangelnde Information und die bedenkenlose Weitergabe von (unzutreffenden) Angaben in diesen Foren machen mir wirklich regelrecht Angst, was da den Kindern angetan wird. Übrigens auch zunehmend den Eltern, die bei sich selbst "ADS" vermuten, damit ihre sämtlichen Lebensprobleme erklären, dann Ritalin nehmen und glauben, durch den Effekt dann den "Beweis" zu haben. Ich selbst habe mich ja auch gerade wieder im Forum von psychologie-online mit "Fachleuten" und selbsternannten "Experten" damit herumgeschlagen. Manchmal werde ich wirklich mutlos aufgrund der Reaktionen, obwohl ich sie mir psychologisch erklären kann. Ich möchte deswegen hier mal einfach kommentarlos einige Zitate aus den Hersteller-Informationen von Ritalin anfügen (dem Hersteller wird man ja wohl keine scientologische Unterwanderung oder sonstiges unterstellen... ). Gruß von Kim Auszüge aus Informationen der Herstellerfirma zu Ritalin und Ritalin SR: "Der Mechanismus, durch welchen Methylphenidat seine mentalen und verhaltensmässigen Wirkungen bei Kindern ausübt, ist weder genau ergründet noch liegen schlüssige Beweise vor, welche aufzeigen, wie diese Effekte mit dem Zustand des Zentralnervensystems zusammenhängen." "Spezielle diagnostische Überlegungen bei Kindern mit hyperkinetischen Verhaltensstörungen: Die Ätiologie des hyperaktiven Syndroms ist nicht bekannt, und es gibt keinen diagnostischen Test. Für eine korrekte Diagnose sind medizinische, neuropsychologische, pädogogische und soziale Umstände zu beachten." "Die Langzeit-Sicherheits- und -Wirksamkeitsprofile von Ritalin/- SR sind noch nicht gänzlich bekannt. Deshalb sollten Patienten unter Langzeitbehandlung sorgfältig überwacht werden." "Wird das Medikament abgesetzt, ist eine sorgfältige Überwachung erforderlich, da es zu Demaskierung von Depressionen oder von Effekten chronischer Überaktivität kommen kann. Gewisse Patienten müssen daher möglicherweise während längerer Zeit beobachtet werden." |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 17.09.01 20:09
Hallo liebe Gäste,
eingefleischte "ADSler" zitieren immer wieder
"die" bekannte "Biederman-Studie". Biederman
et.al. haben 1999 in einer empirischen Studie gefunden, dass
unbehandelte Jugendliche mit ADD ein höheres Risiko für
späteren Drogenmissbrauch aufwiesen, als pharmazeutisch
behandelte ADD-Jugendliche, und dass sie auch im Vergleich zu
nicht-behandelten Jugendlichen ohne ADD ein höheres
Missbrauchsrisiko hatten. (Die Studie ist hier im Original zu
finden:
http://www.pediatrics.org/cgi/content/full/104/2/e20).
Seitdem wird behauptet, Methylphenidatgabe verhindere bei
ADD-Kindern einen späteren Drogenmissbrauch. Nicht mit
Methylphenidat behandeltes ADD erhöhe die Wahrscheinlichkeit
für späteren Drogenmissbrauch.
Obwohl diese Studie eine der besseren ist, weist sie doch einen
für solche Untersuchungen (und für die ganze biologistisch
orientierte Szene) typischen Kardinalfehler auf: die
Nichtkontrolle des sozialen Milieus, der psychologischen Umwelt
der Kinder und Jugendlichen. Die einzigen psychosozialen
Faktoren, die kontrolliert gehalten wurden, sind das Geschlecht
(nur weisse Jungens) und das Lebensalter (nur älter als 15
Jahre).
Dieser Fehler macht sich vor allem an der ungeklärten Frage
fest, warum ADD-Kinder überhaupt behandelt oder nicht behandelt
wurden. Wenn ADD eine lärmende Symptomatik aufweist, ist der
Umstand, dass Kinder nie entsprechend behandelt wurden, ein
ziemlich deutlicher Hinweis auf ihr defizitäres soziales Milieu.
Umgekehrt entstammen diejenigen ADD-Kinder, die behandelt wurden,
wahrscheinlich einem "besseren", aufmerksameren und
kindgerechteren Milieu.
Die Autoren sind dieser wichtigen Frage nicht nachgegangen, haben
sie gar nicht gesehen. Sie bemerken zwar, dass erhöhter
Drogenmissbrauch der Jugendlichen im Zusammenhang stand mit dem
Drogenmissbrauch ihrer Eltern, ziehen daraus aber keinen
entsprechenden Schluss aufs Milieu.
Deshalb kann man behaupten, die Wahrscheinlichkeit eines
späteren Drogenmissbrauchs steht eher in direktem Zusammenhang
mit einem mehr oder weniger kindgerechten sozialen Milieu,
weniger oder gar nicht im Zusammenhang mit einer
Pharmakotherapie. Unbehandelte Kinder betreiben dann deshalb
später häufiger Drogenmissbrauch, weil sie aus einem
ungünstigeren Milieu stammen, und nicht, weil sie nicht mit
Ritalin behandelt wurden.
Solange der Milieufaktor in solchen Studien nicht mitgesehen
wird, bleiben deren Ergebnisse sehr fraglich.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 22.09.01 19:54 Hallo, ich wurde gebeten, das noch etwas ausführlicher zu erklären. Gerne! In der Biederman-Studie hätte man der Frage nachgehen müssen, warum Kinder mit entsprechenden Störungen behandelt oder nicht behandelt wurden und in welchen psychosozialen Merkmalen sich die behandelten und die unbehandelten Kinder möglicherweise unterschieden. Das wurde unterlassen, und damit hat man keine Antwort auf die Frage, welchen Einfluss das familiäre, soziale Milieu auf die Untersuchungsergebnisse hatte. Ich sage, dass es einen erheblichen und wahrscheinlich ausschlaggebenden Einfluss des (früh-)kindlichen Milieus auf späteren Drogenmissbrauch gibt. Das weiss man ja aus vielen anderen (besseren) Studien. In fast allen solchen ADS-Untersuchungen wird der psychosoziale Milieufaktor gar nicht oder nur unzureichend einbezogen. Deshalb sind die Ergebnisse alle fraglich. Wenn man z.B. den Einfluss von ADS auf spätere Kriminalität untersuchen will, muss dieser Faktor selbstverständlich sehr gut kontrolliert werden, wenn man herausfinden will, ob unbehandeltes ADS zu erhöhter Kriminalität führt. Wird er aber nicht. Stattdessen wird der selbe methodische Fehler wie in der Biederman-Studie gemacht. Es ist so, wie wenn jemand behauptet, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass der Storch die Kinder bringt; man habe nämlich eindeutig herausgefunden, dass die Zahl der Geburten ansteige, wenn die Störche aus dem Süden zu uns zurückkommen. Jeder weiss natürlich, dass beides nur indirekt (wenn überhaupt) etwas miteinander zu tun hat. Oder wenn jemand behauptet, das Wachstum der großen Zehe beeinflusst die menschliche Intelligenz: es ist nämlich wirklich statistisch belegt, dass die Länge der großen Zehe statistisch mit dem Intelligenzquotienten zusammenhängt! Wer sich auf solche Studien beruft, versteht offenbar nicht viel von sauberer empirischer Forschung. Solche Studien liefern nur Fingerzeige für sorgfältigere Folgeuntersuchungen. Man darf ihre Ergebnisse nicht als wissenschaftlich letzte Wahrheiten darstellen, wie es gerne geschieht. Mit Gruß, H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 18.09.01
Hallo,
der US-Kinderarzt und Familientherapeut L.W. Diller berichtet
über 3 Todesfälle von Kindern in den USA, die Ritalin genommen
haben und bei denen offiziell untersucht wird, ob die
Ritalin-Medikation im Zusammenhang mit ihrer Todesursache steht.
Eines der Kinder, ein 14-jähriger Junge, starb an einem
Herzstillstand (bei Kindern sehr selten), er hatte 10 Jahre lang
Ritalin bekommen.
Hillary Clinton, US-Senatorin (Ehefrau des ehemaligen
Präsidenten) äußerte sich betroffen über den ansteigenden
Methylphenidatverbrauch bei Kindern in den USA. Das Weisse Haus
werde deshalb eine Untersuchung dazu einleiten.
http://docdiller.com
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 19.09.01 Warum die Diagnoserichtlinien für ADHD nichts nützen. von Dr.L.W. Diller, Oakland (USA) (Übersetzung: H.-R. Schmidt) Die amerikanische Akademie für Kinderheilkunde (AAP) hat in der aktuellen Ausgabe ihres Journals Pediatrics die lange erwarteten Richtlinien für Diagnose und Beurteilung der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätstörung (ADHD), des Problems der übermäßigen Impulsivität, der Unaufmerksamkeit und der Hyperaktivität hauptsächlich bei Kindern, vorgelegt. Der Gebrauch von Ritalin, des umstrittenen Psychostimulans bei ADHD, ist in den letzten 10 Jahren stark angestiegen und die AAP-Richtlinien sollten mehr Klarheit bei der ADHD-Diagnose schaffen und einer beunruhigten Öffentlichkeit den Eindruck nehmen, Ritalin werde übermäßig oft verabreicht. Ritalin ist in diesen Tagen praktisch jede Woche in den Nachrichten gewesen. Im Februar stellte eine Studie im Journal der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft zunehmenden Gebrauch von Ritalin im Kleinkindalter fest. Zwei Wochen später verkündete Hillary Rodham Clinton ihr Interesse daran. Das Weiße Haus wird deshalb eine Konferenz über den psychiatrischen Drogenkonsum bei Kindern abhalten. Dann wurde bekannt, daß 20 Prozent von Hochschulkursteilnehmern Ritalin als Aufputschmittel missbrauchen. Schließlich verkündete ein medizinischer Prüfer in Pontiac, Michigan, daß er pathologische innere Veränderungen im Zusammenhang mit langjährigem Ritalingebrauch bei einem vierzehnjährigen Jungen gefunden hatte, der plötzlich im März starb. Seine Bedeutung für die fast vier Millionen Kinder, die in den USA Ritalin nehmen, ist zwar noch unklar, aber besorgniserregend. Da ADHD der überwältigende Grund für das Verwenden von Ritalin ist, ist die Verordnunghäufigkeit für diese Droge ein Hinweis auf die Diagnosehäufigkeit. Die amerikanische Drogenaufsichtsbehörde DEA besitzt genaue Tabellen für Ritalin und seine Benzedrinschwestern Dexedrine und Adderall. DEA-Daten zeigen, daß die Verordnung von Ritalin in den USA stark unterschiedlich ist: in New Hampshire und Vermont vier bis fünfmal mehr Ritalin als z.B. in Hawaii. Innerhalb einzelner Bundesstaaten schwankt er sogar noch mehr, bis hin zum Zwanzigfachen. Landesweit sind afrikanische und asiatische amerikanische Kinder auffallend unterrepräsentiert, während in bestimmten Schulbezirken Virginias 20 Prozent der Schüler Ritalin nehmen. Die subjektive Natur der ADHD-Diagnose ist einer der Gründe für diese extremen Unterschiede in der Behandlung mit Ritalin. Nach einer zweitägigen Anhörung von Sachverständigen vor den Nationalen Instituten der Gesundheits-Konsens-Konferenz für ADHD erklärte 1998 der einzige Kinderarzt des Panels die Diagnose eine Verwirrung. Ein anderer prominenter pädiatrischer Forscher nannte sie öffentlich eine Verlegenheitslösung. Niemand leugnet die Existenz von ADHD. Aber das gegenwärtige Konzept von ADHD, wie es in der amerikanischen Psychiatrie im statistischen Diagnosehandbuch (DSM-IV) und in der Alltagspraxis der medizinischen Versorgungswirklichkeit festgelegt ist, erzeugt beträchtliches Durcheinander und Widersprüche bei der Frage, wer Ritalin erhalten oder nicht erhalten sollte. Die Bemühungen der AAP, Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen, fruchten einfach nichts. Bereits die Entscheidung, die DSM IV-Kriterien für die ADHD-Diagnose anzuwenden, wirft Probleme auf. Entsprechend dem DSM hat ein Kind entweder ADHD oder nicht. Schwarz-Weiß-Unterscheidungen können in der Forschung nützlich sein, erhellen aber nicht die Grauzone von ADHD in der Wirklichkeit, in der die meisten Kinder nur situativ impulsiv oder nur in der Schule unaufmerksam sind. Viele dieser Zicklein erhalten dennoch Ritalin. Daß Kliniker mit DSM nichts anfangen können, wird aus einer Befragung von fast fünfhundert Kinderärzten deutlich, von denen nicht einmal 10 Prozent das DSM als Hauptkriterium für ihre Diagnose verwendeten. Anstatt nur zu überlegen, welche Kinder ADHD haben oder nicht, wäre es weitaus nützlicher, zu entscheiden, welche Dienstleistungen oder Behandlung jedes Kind benötigt. Diese Art eines auf Bedarf gegründeten Systems hat sich bei der Behandlung geistig behinderter Kinder bereits bewährt. Für die Verhaltens- und Schulprobleme unserer Kinder wäre dies auch begrüßenswert. Die DSM-Kriterien beeinflussen Kliniker in der Praxis nicht besonders. Kliniker beschweren sich, daß die Kriterien ihr klinisches Urteil sogar behindern. Die AAP-Richtlinien, wie viele andere von professionellen Organisationen erarbeitete Richtlinien, berücksichtigen den wahrscheinlich wichtigsten Faktor nicht, der die Entscheidungsfindung von Arzt und Patient beeinflusst: das Geld. In der Alltagspraxis belaufen sich die Unkosten gewöhnlich auf ungefähr 70% des Bruttoeinkommens. Viele Doktoren sagen, daß sie pleite gehen, wenn sie sich die Zeit nähmen, die notwendig ist, um die Diagnose für ADHD laut AAP zu erstellen (Interviews mit der Mutter und dem Kind, direkt mit dem Lehrer sprechen, andere Verhaltens- und Lernstörungen ausschließen) - es sei denn, ihre Vergütung würde stark erhöht. Das ist aber in einer Zeit, in der der ökonomische Druck auf die Kliniker dazu geführt hat, dass sie schnell funktionieren müssen, unwahrscheinlich. Und die Eltern weigern sich natürlich auch, eigenes Geld für eine ausreichende Diagnostik auszugeben. Die übliche Antwort der Kinder- und Familienärzte auf Berichte der Mütter über ADHD-Verhalten in der Schule oder zu Hause ist: Lassen Sie uns Ritalin versuchen und sehen, ob es funktioniert! Diese Praxis, die Zeit und Geld spart, täuscht eine spezifische Wirkung des Ritalins bei ADHD vor. Jeder, ob Kind oder Erwachsener, ob ADHD oder nicht, kann sich besser konzentrieren, wenn er Ritalin nimmt. Das Medikament wirkt für kurze Zeit, ist aber kein moralisches Äquivalent von oder Ersatz für gute Elternschaft und Schule für das Kind. In unserer hektischen und leistungsorientierten Gesellschaft sind leistungssteigernde Mittel wie Ritalin für ein überfordertes Kind als billige und schnellere Alternative attraktiver als kleinere Schulklassen oder Hilfen für Eltern im besseren Umgang mit ihren Kindern. Mehr Toleranz für die heutigen Tom Sawyers und Huck Finns würde die ADHD-Ritalin-Epidemie dämpfen. Die AAP-Richtlinien sind gut gemeint, werden aber nicht viel an der realen Welt der Kinder und ihrer Doktoren ändern. Nur erhebliche Veränderungen unserer gesellschaftlichen Werte oder möglicherweise mehr Berichte über den plötzlichen Tod von Kindern auf Ritalin werden wahrscheinlich die Art und Weise, wie wir das Verhalten unserer Kinder, ihre Persönlichkeit und ihre Leistungsprobleme behandeln, verändern. (Dieser Artikel wurde ausschnittweise als Sachverständigenaussage im USRepräsentantenhaus, Unterkomittee für Frühe Kindheit, Jugend und Familien, in einem Hearing mit dem Titel: Ritalingebrauch bei Jugendlichen, am 16. Mai 2000 vorgelegt.) Quelle: http://www.docdiller.com |
Autor: Doris
Datum: 19.09.01 21:09
Ich habe eine SHG ADS dieses Jahr gegründet und erhalte auch
desöfteren Anrufe von Eltern, die mit Recht unsicher sind.
Mir stellen sich die Haare, wenn ich höre, dass beim 2. Besuch
ohne viel großen Aufwand ein Rezept ausgestellt wurde.
Auch meine vorsichtigen Rückfrage, welche Tests gemacht wurden,
welche Untersuchungen, um ADS als letzt mögliche Diagnose zu
erhalten, werde ich erstaunt gefragt: "Tests? Was soll da
getestet werden?"
Ich bin der Meinung, dass es eine umfassende Untersuchung geben
muss , wie ich hier auch schon öfters geschrieben habe, um
auszuschließen, dass nicht andere Ursachen für die Probleme
vorliegen. Dies sage ich auch allen, wenn die Eltern unsicher
sind, empfehle ich, sich bei der Erziehungsberatungsstelle zu
informieren, wer umfassende Tests vornimmt. Denn ich will kein
Institut oder Ärzte ausdrücklich empfehlen, wenn ich die nicht
kenne.
Obwohl mein Kind Ritalin nimmt, würde ich z.B. immer abraten,
wenn keine Tests gemacht wurden, keine Lehrer befragt wurden und
andere mögliche Ursachen ausgeschlossen wurden.
Die Verordnung an Kinder unter 6 halte ich für völlig falsch,
hier sollte doch zunächst einmal auf andere Art versucht werden,
dem Kind zu helfen.
Das haben wir auch gemacht, vier Jahre lang, außer der Logo
leider erfolglos.
Außerdem halte ich es für nicht angebracht bei Kindern von 2
oder 3 Jahren überhaupt an eine Diagnose zu denken, die Kinder
entwickeln sich noch sehr. Sollten Entwicklungsverzögerungen
vorliegen, so müssen diese angegangen werden (Logopädie,
Ergo..).auch in Verbindung mit einer sozialpädagogischen
Betreuung.
Wie schon erwähnt, das war für 4 Jahre unser Programm für die
Woche.
Aber oft werden Eltern belächelt, wenn sie das Gefühl haben,
dass mit der Entwicklung des Kindes nicht stimmt.
Wie oft habe ich mir anhören müssen (meine Tochter sprach
schlecht bis kaum): Das wächst sich raus. Mach kein Gedöns, sie
ist doch ein Süsse.
Wenn das nur die Bekannten und Verwandten wären, dann wären das
nur Laien. Oft blasen Kinderärzte ins gleiche Horn und geben nur
ungern die Überweisung an ein FFZ.
Hier wurden nämlich meine Ansichten bestätigt, deshalb ein
Jahrelanger Therapieaufwand.
Erst kurz vor der Schule sagte man definitiv, es sei ADS.
Vorher sprach man erst von Verdacht und die Ärzte dort wollten
zuerst einmal die verschiednen Defizite angehen, um sicher zu
stellen, nichts unversucht zulassen.
Was ich damit sagen will: Würde man Einzelprobleme ernster
nehmen, dann ließe sich viel im Ansatz beheben. So schaukelen
sich die kleinen Einzelprobleme hoch zu einem großen Problem.
Ob das am Stress bei den Ärzten liegt, an den Kosten für die
notwendigen Therapien, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ich erlebe es gerade bei meinem kleinen Neffen, m.E. ist er sehr
auffällig und ich rate zum Besuch des FFZ, weil die ein
umfassendes Konzept haben. Mir wird dann gesagt: " Deine
Tochter war doch genau so und sieh mal, was aus ihr geworden ist,
eine gute Schülerin" Ja, toll, nur vergessen die, dass wir
seit fast 6 Jahren (Victoria ist 9) unserem Kind helfen und
versuchen, die Defizit zu beheben.
Da mir das Verhalten meines Neffen ja auch so bekannt vorkommt,
wenn nicht noch extremer (familiäre Situation), will ich ja
gerade für den Kleine erwirken, dass noch früher geholfen wird.
Ansonsten ist er schlimm dran, da die Mutter viel zu jung ist, um
zu ermessen, was da schief läuft. Ich kann nur raten.
Selbst der Kindearzt findet es nicht auffällig, wenn ein 30
Monate alter Junge gerade mal einen Wortschatz von 20 Wörtern
hat.
Der Arzt kennt aber die Familiengeschichte nicht.
Zu Amerika
Leider ist es in Amerika aber so, dass das Gesundheitssystem
nicht für alle gleich ist. Nur gut gestellte Menschen können
sich überhaupt leisten, wegen solcher Problematiken zu einem
Fachmann zu gehen. Aber die Kassen in den USA bezahlen genau so
ungern wie unsere und so wird der billigste Weg gesucht.
Arme Bevölkerungsschichten haben dort weder Zeit noch Geld, sich
mit diesen Problemen auseinanderzusetzen.
In den Schulen für die bessergestellten Bürger legt man sehr
viel Wert auf Konformität und wer da ausschert, ist gleich
auffällig.
Die normalen staatlichen Schulen in den sozialen Brennpunkten
haben mit viel größeren Problemen zu kämpfen als mit ADS, da
ist ein Lehrer schon froh, wenn der Tag halbwegs gut ausgeht.
Dort fällt ein "auffälliges nur ADS-Kind" nicht so
sehr auf. Außerdem sinkt das Engagement der Lehrer mit der
Anzahl der Berufsjahre in den Schulen der sozialen Brennpunkte.
Die Diskrepanz zwischen den Bevölkerungsgruppen hat also etwas
mit dem sozialen Status zu tun. Wer oben ist, verlangt mehr vom
Kind und hofft auf schnelle Lösungen. Diese Lösungen sollen
aber nicht zu teuer sein.
Außerdem hat es auch etwas mit den Mentalität der Amerikaner zu
tun. Immer höher, immer schneller, immer weiter. Da wird nicht
akzeptiert, dass es ein Kind gibt, da nun mal nicht in diese Norm
passt.
Ich habe die Befürchtung, dass es auch bei uns so schlimm wird.
Denn der Druck auf die Eltern ist groß, wer nicht spurt fliegt
und kommt in Sondereinrichtungen.
Das Ganze ist auch ein gesellschaftliches Problem.
Heute wird etwas als auffällig beschrieben, was vor 25 Jahren
die Lehrer belächelt hätten.
Nur: Wie kann man diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung
stoppen.
Denn ADS hat für mich 2 Seiten:
Die eine Seite kann beim Kind mit den Eltern und Therapeuten
beeinflusst werden. Dies ist mit viel Arbeit verbunden. Aber mir
ist das mein Kind wert.
Die zweite Seite ist die Gesellschaft, deren Normen so eng
werden, dass in 10 Jahren kaum ein Kind den Normen mehr genügen
kann. Hier kann man nichts tun, denn als Einzelner bin ich
machtlos.
Nur werde ich nie aufhören, für eine menschliche Welt zu
kämpfen.
Doris
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 19.09.01 21:35 Liebe Doris, vielen Dank für diesen engagierten Beitrag. Ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen. Besonders mit Amerika haben Sie vollkommen Recht. Wir sollten wirklich aufpassen, dass wir uns da Einiges eben nicht zum unüberlegten Vorbild nehmen (anderes durchaus!). Wir sollten nicht im gleichen Maße wie dort die psychologische, "innere" Seite bei menschlichen Problemen und Störungen übersehen und so einseitig die biologische, mechanistische Sicht in den Vordergrund stellen. Erst die Gesamtschau von Beidem bringt wirklichen Fortschritt. Ich kann Ihnen auch zustimmen darin, was Sie zum sozialen Status und der daraus abzuleitenden Behandlung ausführen. Deswegen habe ich ja auch in meiner Kritik an der sog. Biederman-Studie hier weiter oben in diesem Thema genau darauf abgehoben, dass dieser Faktor "Sozialer Status" mituntersucht werden muss bei solchen Fragestellungen. Das ist dort aber unterblieben, weshalb die Ergebnisse auch nicht eindeutig sein können. Mit Gruß, H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 03.10.01 22:25
Hallo,
wie Dr. L. Diller, bekannter Kinderarzt in Kalifornien (USA),
mitteilt, hält der Streit um Ritalin unter den Fachleuten in den
USA nach wie vor an.
Nach Berichten über einen alarmierenden Zuwachs an
Ritalin-Verschreibungen an Kleinstkindern haben in diesem Sommer
in Washington zwei große Kongresse von Fachleuten zu diesem
Thema stattgefunden. Dabei wurde nochmals betont, dass alle
gängigen Psychostimulantien dieselben Wirkungen auf den
Menschen, egal, ob Kind oder Erwachsener mit oder ohne ADS, haben
(sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Wirkdauer). Dennoch
würden nach wie vor viele Fachleute das Gegenteil behaupten,
indem sie die absurde Ansicht vertreten, die Wirkung von Ritalin
würde die Diagnose ADS bestätigen.
In einer Übersicht des New Journal of Medicine habe sich
gezeigt, dass immer mehr Ärzte "quick-fix"-Diagnosen
bei ADS erstellen, weil sie aus rein ökonomischen Gründen gar
keine Zeit für eine sorgfältige Diagnose haben.
Nahezu jeder ADS-Forscher in den USA und immer mehr
Selbsthilfegruppen werden derzeit aus Geldern der Pharmaindustrie
finanziert, berichtet Dr. Diller. Der Verdacht, dass die
Pharmaindustrie Studien mit für Ritalin negativen Befunden
unterdrücke, sei trotz der zurückgewiesenen Klagen gegen
Novartis nicht ausgeräumt. Aber auch, wenn es keine reale
"Verschwörung" der Pharmaindustrie mit der Forschung
gäbe, sei doch der zunehmende massive Einfluss der Industrie
direkt auf die Familien besorgniserregend.
Der Markterfolg Adderalls ist hierfür ein gutes Beispiel,
drückt er doch keineswegs einen medizinischen Fortschritt aus,
sondern nur das gezielte Marketing bei amerikanischen
Kinderärzten. Das neue Medikament "Concerta" für ADS
wird sogar Eltern direkt mit massiver Werbung (wie bei uns z.B.
eine Maggi-Suppe) angedient. Man sieht einen kleinen Jungen mit
seinen Eltern und Schwestern, die alle sehr glücklich sind, weil
der hirnkranke Bruder nun endlich mit einer Pille gesund gemacht
werde.
Zur Finanzierung einer Hamburger "Arbeitsgruppe" durch
den USA-Pharmakonzern Lilly:
http://www.abendblatt.de/bin/ha/set_frame/set_frame.cgi?seiten_url=/contents/ha/news/lokales/html/300801/1330AUFM4.HTM
| Autor: Isis Datum: 20.09.01 10:28 Hallo herr Schmidt, ich glaube, Sie unterliegen hier einem Irrglauben, wenn Sie schreiben, dass so viele Kinderärzte einfach Ritalin verschreiben. Ich höre immer, dass sich die wenigsten Kinderärzte mit ADS überhaupt beschäftigen; geschweige denn, Ritalin verschreiben. Also, überdenken Sie Ihre Behauptungen bitte noch einmal. Gruß Isis |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 20.09.01
Liebe Isis,
wieviele Ärzte Methylphenidate wie häufig verordnen, weiss man
nicht genau. Aber was man weiss ist, dass die
Mehylphenidatproduktion in Deutschland in der Zeit von 1993 bis
1998 von 34 kg auf 173 kg (also um 500%) gestiegen ist, und dass
sich die Zahl der Verordnungen in der Zeit von 1989 bis 1996
verzehnfacht hat. Dieser Anstieg geht wahrscheinlich einerseits
auf die wachsende Zahl von Ärzten, die es verordnen, zurück,
aber auch auf die wachsende Verordnung bei einzelnen Ärzten.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Der
Statistiker Datum: 20.09.01 20:59 Hallo Forum, Laut http://www.statistik-bund.de/basis/d/bevoe/bevoetab5.htm gab es 1998 Kinder unter 6: 4 757 200 KInder zwischen 6 und 15: 8 222 800 insgesamt: 12 980 000 Der Verbrauch an Ritalin betrug bundesweit 173 kg. Gehen wir davon aus, dass ein Ritalinkonsument durchschnittlich 35 kg wiegt und seine Tagesdosis dementsprechend bei 35mg/kg Körpergewicht liegt. Dann reicht das Ritalin grob geschätzt für 5 Millionen Tagesdosen aus, aufs Jahr gesehen könnte man also etwa 14 000 Kinder versorgen können. Dies bedeutet, dass noch nicht einmal 2 von 1000 Kindern mit Ritalin behandelt wurden. Da nach diversen Schätzungen etwa 3 bis 5% der Bevölkerung von ADS betroffen sind, kann man doch nur von einer krassen UNTERVERSORGUNG sprechen. Mit Grüßen, der Statistiker |
Autor: Der
Besserwisser
Datum: 21.09.01 08:08
Narkolepsie: Auch diese Patientengruppe nicht vergessen!
Wenn schon rechnen, dann mit allen Patienten.
Und hier gibt's auch noch ein paar Zahlen, wen's interessiert:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/artikel.asp?id=26233
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 21.09.01 Sie haben natürlich Recht, Sabine. Allerdings sollen "nur" 0,05 Prozent der Bevölkerung daran leiden (von 2000 Menschen einer). H.-R. Schmidt |
Autor: Kim
Datum: 21.09.01 18:02
Hallo Statistiker (oder Besserwisser),
zum einen fände ich es doch einfacher, du würdest mit deinem
gewohnten Namen posten.
Zum anderen: Du meinst also ganz ernsthaft, 5% der Bevölkerung
seien auf Ritalin angewiesen???
Du schreibst:
>>Außerdem sind Werte wie "nur 2 Promille der
Bevölkerung sind auf Ritalin angewiesen" an der
alleruntersten Grenze der wissenschaftlichen Schätzungen.
Realistischer scheint mir der Wert von 5% zu sein, also das
25fache der Einschätzung von Herrn Schmidt. <<
Und danach berechnst du dann auch die Menge Ritalin pro Jahr, die
wohl "nach deinen Einschätzungen realistisch" in der
Zukunft seien.
Oder meinst du damit vielleicht eher, 5% der Bevölkerung hätten
"ADS" im Sinne einer Hirnstoffwechselstörung? Dann
müßtest du aber wohl noch "realistisch einschätzen"
wieviel davon denn auf Ritalin "angewiesen" sind und
nochmal neu rechnen.
Oder sind diese 5% schon der Anteil der "ADS"-ler, die
auf Ritalin angewiesen sind und d.h., es hätten 25% der
Bevölkerung "ADS", wenn man von einem Prozentsatz von
20 ausgeht, die medikamentös behandelt werden müssen.
Alles nicht so ganz schlüssig und zu wenig durchdacht. Den
kleineren Denkfehler, daß die 6-15-jährigen nicht 9 Jahrgänge
sind, sondern 10, will ich nur der Vollständigkeit halber
erwähnen.
Weißt du, statistische und rechnerische Spielereien mögen ganz
witzig sein, aber den Bezug zur Realität sollte man darüber
nicht verlieren.
Und da gilt doch folgendes: jedes einzelne Kind, das Ritalin
erhält und es nicht wirklich braucht, ist eins zuviel. Und meine
"realistische Einschätzung" dazu ist, daß der
Prozentsatz der heute mit Ritalin behandelten Kinder, die es
nicht zwingend bräuchten, sehr hoch ist.
Gruß von Kim
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 26.09.01 19:09 Hallo, wer das bekannte Buch von Döpfner, Frölich u. Lehmkuhl: "Hyperkinetische Störungen" liest, erlebt eine Überraschung: Da wird zunächst über ADS überwiegend medizinisch-neurobiologisch argumentiert, psychosoziale Faktoren werden klein geredet, familiäre Faktoren werden diagnostisch zwar auch abgefragt, aber nur oberflächlich aufgrund der Aussagen der Eltern (ohne eigene Untersuchungen), Mehylphenidat wird als Medikament erster Wahl empfohlen - und dann: Am Schluss bringen die Autoren ein praktisches Fallbeispiel. Und siehe da, es handelt sich um einen angeblich hyperaktiven Jungen aus einer chronisch beziehungsgestörten Familie (massive Eheprobleme der Eltern seit der Geburt des Kindes, ein emotional abwesender Vater, voller Vorwürfe gegen seine Frau, eine Mutter, die bereits mit dem Säugling bindungsüberfordert war...). Die Behandlung nach dem von den Autoren gebastelten THOP-Programm bestand dann in einer halbjährigen verhaltenstherapeutischen Intervention auf verschiedenen Ebenen (beim Kind, bei den Eltern, bei der Lehrerin) OHNE Ritalingabe. Das hat mich sehr angenehm überrascht, dass hier nichts Anderes gemacht wurde als eine Psychotherapie des familiären Milieus. Nach den vorangehenden Ausführungen des Buches hatte man dies nicht erwartet. Nach diesem halben Jahr hatten sich nach Angabe der Autoren die Probleme des Jungen einschließlich der erzieherischen Familienbeziehungen erheblich verbessert. Wie gesagt: OHNE Ritalin! Nur mit Psychotherapie! (Für mich ist das ja nichts Neues, aber dass Döpfner et. al. das so feststellen!). An anderer Stelle des Buches betonen die Autoren übrigens auch, dass bei hyperkinetischen Kindern im Vorschulalter solche familiären Interventionen (so nennen sie ihre Therapie) fast immer ausreichen, Ritalin brauche es da nur in wirklich ganz seltenen Extremfällen. Zum Fallbeispiel zurück: Nach dem bereits erfolgreichen ersten halben Jahr wurde der Junge dann noch ERGÄNZEND mit einer geringen Dosis Ritalin unterstützt, um die Therapieerfolge abzusichern. Wenn man es liest, hat man den Eindruck, es hätte auch noch ohne Ritalin gehen können. Ich finde, alle, die Döpfner et.al. immer als ADS=Ritalin-Päpste zitieren, sollten dies Fallbeispiel genau studieren. H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 30.09.01 00:33
Hallo,
im Begleitbuch zu dem genannten Döpfner-Buch heisst es:
"Bei höchstens einem Fünftel der Kinder, die in unserer
Klinik mit einer hyperkinetischen Problematik vorgestellt werden,
sehen wir die Notwendigkeit einer möglichst frühzeitigen
medikamentösen Therapie, die dann durch andere Maßnahmen und
Therapien, durch gezielte Hilfen für Eltern, Lehrer, Erzieher
und manchmal auch durch eine psychologische Behandlung des Kindes
selbst ergänzt wird. Bei allen anderen Kindern stehen Maßnahmen
in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule und die
Behandlung des Kindes selbst am Anfang. Falls diese Maßnahmen
die Probleme nicht hinreichend vermindern, kann eine ergänzende
medikamentöse Behandlung sinnvoll sein. Das ist nach unseren
Untersuchungen etwa bei einem Drittel der Kinder mit
hyperkinetischen Störungen der Fall."
Der letzte Satz dieses Zitats bedeutet, dass 33 Prozent der
Kinder mit hyperkinetischen Störungen, die in der Kölner Klinik
vorgestellt werden, eine zusätzliche (von Anfang an oder erst
später einsetzende) medikamentöse Behandlung erfahren, 67
Prozent nicht. Der Satz bezieht sich nicht nur auf diejenigen
Kinder, bei denen nur anfangs keine Medikation angesetzt war,
sondern auf alle in der Klinik vorgestellten hyperkinetischen
Kinder. Das Zitat ist zwar insgesamt missverständlich, der
letzte Satz muss aber so verstanden werden.
Deshalb darf man diese 33 Prozent noch lange nicht
verallgemeinern. Die Zahl bezieht sich nur auf die Kölner
Uniklinik und damit auf Kinder, die wegen ihrer besonders starken
Verhaltensstörungen in eine Universitätsklinik eingewiesen
werden. Wenn von diesen besonders stark auffälligen Kindern nur
jedes Dritte Ritalin braucht, braucht wohl insgesamt von den
weniger auffälligen Nicht-Uni-ADSlern ein wesentlich geringerer
Prozentsatz Ritalin.
H.-R. Schmidt
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 02.10.01 18:28 Hallo, ich freue mich, Prof. Döpfner im Cafe´begrüßen zu können! Auf meine Bitte hin teilt er zu der besagten Textstelle Folgendes mit: Lieber Herr Schmidt, Kompliment, Sie lesen genau. Nach unseren Studien benötigt 1/3 der Kinder, bei denen wir mit VT beginnen, zusätzlich Stimulanzien. Im weiteren Verlauf der Studie zeigte sich, dass noch einige Kinder später zusätzlich auf Stimulanzien eingestellt werden mussten, so dass 1/3 aller Kinder mit der Diagnose die Untergrenze darstellt und ein Spektrum von 1/3 bis 1/2 sicher eine gute Schätzung ist. Mit freundlichen Grüßen! Manfred Döpfner Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner, Dipl.-Psych. Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes und Jugendalters der Universität zu Köln Robert-Koch Str- 10, 50931 Köln (So ganz klar ist es mir zwar jetzt immer noch nicht, aber man kann nun wohl von ca. 40 Prozent Ritalingaben in der Kölner Klinik ausgehen. Die Mehrheit der Kinder wird also ohne jede Medikation rein psychotherapeutisch behandelt. Psychotherapie steht im Vordergrund, Ritalin wird nur ergänzend gegeben). q.e.d. Mit Gruß, H.-R. Schmidt |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 29.09.01 21:56
Hallo,
viele "Betroffene" berichten, dass sie erst nach einer
längeren und quälenden Odyssee durch andere erfolglose
Therapiemethoden endlich zur erlösenden Diagnose ADS gekommen
seien.
Was die genauen Gründe waren, dass die vorhergegangen Therapien
nicht den erhofften Erfolg brachten, kann ich im Einzelfall nicht
wissen. Im Allgemeinen glaube ich aber, dass folgende Gründe
eine Rolle spielen können:
1. Die Diagnose war falsch
2. Die Therapiemethode war nicht angepasst
3. Die inneren Widerstände gegen die Therapie waren zu groß
4. Der Therapeut war inkompetent
Andere Gründe können hinzu kommen.
Letzten Endes landet man aber nicht bei der endlich wahren,
erlösenden Diagnose und der wirklichen Krankheit ADS, sondern
schlicht und einfach nur bei einem Psychopharmakum. So trivial
ist das in Wirklichkeit.
Die Diagnose ADS liefert heute meist nur die
pseudowissenschaftliche Rechtfertigung für den Einsatz von
Psychopharmaka. Solche Medikamente Kindern jahrelang zu geben,
ohne dass eine "Krankheit" zugrunde läge, wäre kaum
zu verantworten. Weil diese Mittel aber so gut wirken, muss man
natürlich zur allgemeinen Beruhigung eine
"wissenschaftliche" Rechtfertigung haben, und die
heisst dann "ADS".
Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt
| Autor: Hans-Reinhard Schmidt Datum: 30.09.01 19:32 Hallo, zu den Nebenwirkungen von Psychostimulantien bei Erwachsenen gehören möglicherweise auch sexuelle Probleme. Jeder Zweite gab dies jedenfalls bisher in einer (nicht repräsentativen) Internetumfrage des amerikanischen Arztes L. Diller an. http://www.docdiller.com |
Autor: Frauke
Datum: 25.10.01 14:16
Hallo,
heute schreibt der Kölner Stadtanzeiger, daß die
Drogenbeauftragte der Bundesregierung Caspers-Merk bei der
Ritalin-Verschreibung deutliche Hinweise auf Überdosierungen und
Fehldiagnosen registriert. Jede 3. Ritalin-Verschreibung macht
nicht etwa ein Kinderarzt, Psychiater oder Psychologe, sondern
ein Radiologe, HNO-Arzt oder sogar der Zahnarzt!!! Sie will
dafür sorgen, dass noch in diesem Jahr ein Fachkundenachweis
für Ritalin bei Ärzten eingeführt wird.
MfG Frauke http://www.ksta.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1003928864066&openMenu=992283260424&calledPageId=2&listid=994945489953
Autor: Frauke |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 24.10.01
Hallo,
hier sogar mal bewegte Bilder zum Thema Ritalin. SPIEGEL - TV vom
September, allerdings brauchen Sie zum Betrachten den RealPlayer.
http://www.spiegel.de/sptv/magazin/0,1518,156360,00.html
H.-R. Schmidt