FORUMS-
ARCHIV:
ADS: Gibt´s das wirklich?
ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet
Ritalin: Ein folgen-
schwerer
Irrtum
Aus der Sicht unserer
Kinder
Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche
Gibt es ein Bisschen ADS?
Exklusiv: Die HÜTHER-Studie
Das Anlage-Umwelt-
Problem
Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!
Alternativen bei ADS
Fragiles X-Syndrom
Alternative Behandlung
bei ADD
Familie und ADS
Alternative Sichtweisen bei ADS
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 1
Fundsachen: ADS-Foren kritisch
betrachtet Teil 2
Quellensammlung
Böse Witze
Jacob
Cartoons
|
jacobs
Familienleben
Ich
möchte zu Beginn die Zusammenfassung einer
Überblicksarbeit aus den USA zum Thema "Ritalin"
zur Diskussion stellen, die den gegenwärtigen
Wissensstand (2001) zur Langzeitbehandlung zusammenfasst:
Vitiello
B.:
Langzeitauswirkungen
der Stimulantienbehandlung auf das Gehirn: Mögliche
Folgerungen für die Behandlung von ADHS.
Division of Services
and Intervention Research, National Institute of Mental
Health, Bethesda, Maryland 20892-9633, USA. bvitiell@nih.gov
J Child Adolesc Psychopharmacol 2001 Spring;11(1):25-34
Im Gegensatz zu den umfangreichen Forschungsergebnissen
zur Kurzzeit-Effektivität und -sicherheit der
Stimulantienbehandlung von Kindern mit ADHD liegen nur
wenige Informationen zu Langzeitauswirkungen dieser
Medikamente vor.
Einerseits ist ungeklärt, ob die Behandlung von ADHD mit
amphetaminähnlichen Stimulantien über längere
Zeitspannen während der kindlichen Entwicklung
schädliche Langzeitfolgen, wie Drogenmissbrauch, Manien,
Psychosen oder andere psychopathologische Erkrankungen
nach sich zieht. Andererseits ist auch unbekannt, ob sich
die hilfreichen Kurzzeit-Effekte der Stimulantien
langfristig positiv auswirken auf spätere
Psychopathologien, Erziehungserfolge, antisoziales
Verhalten oder den Sozialstatus.
Forschungsergebnisse aus klinischen Follow-Up-Studien
liefern nur begrenzte Erkenntnisse, weil sie oft keine
echten Kontrollgruppen haben und Stichprobenfehler
aufweisen, die schwer zu bestimmen und zu kontrollieren
sind.
Obgleich die meisten solcher Studien keine schädlichen
Langzeitauswirkungen gefunden haben, sind ihre Ergebnisse
insgesamt widersprüchlich.
Tierstudien, hauptsächlich mit Nagetieren, weisen darauf
hin, dass eine dauerhafte Stimulantiengabe zu einer
verhaltensbezogenen Sensitivierung der psychomotorischen
Medikationseffekte führt. Die Übertragung dieser
Ergebnisse auf therapeutische Anwendungen beim Menschen
ist wegen der Artenunterschiede, der relativ hohen
Dosierungen und der bei Tieren üblichen venösen
Verabreichung schwierig. (Ende des Artikels)
Mein Kommentar:
Diese Zusammenfassung wirkt doch sehr ernüchternd
angesichts des wirklich geringen (eigentlich völlig
fehlenden) Wissenstands über Langzeitwirkungen von
Ritalin. Weder ideologische Ritalinverteufelung noch
blauäugige Ritalinverharmlosung lassen sich (hinsichtlich
der Langzeitwirkungen) seriös wissenschaftlich
begründen.
Das bedeutet für Fachleute, die Laien beraten, dass sie
z.B. auf die Frage, ob Ritalin süchtig macht,
ehrlicherweise antworten müssten: Das (und auch sein
Gegenteil) weiss man noch nicht. Oder ob unbehandelte
ADSler ein höheres Risiko haben, später antisozial zu
sein: auch hier muss die Antwort wie oben ausfallen.
Bestenfalls kann man sagen, es gäbe die oder jene (mehr
oder weniger schlechte) Studie, die dieses oder jenes
gezeigt habe, aber unter dem Strich wisse man es
insgesamt noch nicht.
Kurz: Was ich immer schon sagte: Der Stand der
Wissenschaft steht in krassem Gegensatz zu den "Wahrheiten",
die in Laienkreisen vielfach über "ADS"
verbreitet werden
H.-R. Schmidt
23.10.2001
Hallo,
soeben ist das neue Heft der Fachzeitschrift "Analytische
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie" erschienen.
Es behandelt als ausschließliches Thema ADHD und ist ein
absolutes "MUSS". Das Heft ist wirklich ganz
ausgezeichnet und gibt voll und ganz auch meinen
Standpunkt wieder, den ich hier immer vertrete. U.a.
enthält es die sog. Hüther-Studie, die hier bereits
exklusiv zu lesen war.
Das Heft stellt im Zusammenhang mit den sonstigen
Veröffentlichungen zu ADHD eine ganz wichtige Ergänzung,
Richtigstellung und Korrektur dar. Ich empfehle es
ausdrücklich auch allen Eltern und "Betroffenen".
Ich werde hier über einzelne Beiträge noch ausführlich
berichten.
Man kann das Heft 112, 4/2001 direkt beim Verlag
bestellen (s.u.). Es kostet DM 24.- http://www.brandes-apsel-verlag.de/
Hallo liebe Gäste,
Ist Ritalin eine Droge?
"Da streiten sich die Leut´ herum..." Dabei
ist diese Frage ganz leicht zu beantworten: Ja und Nein.
Ritalin als Droge: Bei höherdosiertem
Gebrauch wirkt Ritalin stark antriebssteigernd-konzentrationsfördernd
(Doping) und kann zu Halluzinationen und
überschwenglicher Euphorie führen (ähnlich dem Kokain).
Hierfür wird es meist intravenös zugeführt, weil die
Rauschwirkung dann rasch eintritt. Amphetaminsucht mit
Ritalin ist eine durchaus bekannte Krankheit.
Methylphenidat hat also, wenn jemand will, durchaus eine
Suchtgefahr in sich. Übrigens wird bei der Diskussion
der Suchtgefahren die erhebliche Möglichkeit einer
psychischen Abhängigkeit (im Unterschied zu einer
physischen) gern übersehen.
Ritalin als Medikament: Unter
kontrollierter Applikation bewirkt Methyplphenidat
ebenfalls eine Konzentrationssteigerung und bei
psychomotorischer Unruhe eine motorische Beruhigung bzw.
Dämpfung. Bei "Nicht-Hyperaktiven" bzw. "Nicht-ADSlern"
wirkt es im Prinzip genau so wie bei "ADSlern",
nämlich euphorisierend und aktivitätssteigernd. Der
verhaltensrelevante Wirkungsunterschied zwischen ADSlern
und Nicht-ADSlern beweist nicht eine unterschiedliche
Wirkweise des Medikaments, sondern lediglich, dass die
Unruhe der "ADSler" , die bei den "Nicht-ADSlern"
ja gar nicht vorhanden ist, gedämpft wird. Diese
erwünschte Wirkung der Substanz beweist dann aber nicht
das Vorliegen von "ADHS", sondern lediglich,
dass jemand (aus welchen Gründen auch immer!) vorher
psychomotorisch besonders unruhig war.
Eine der wenigen Untersuchungen, die die
konzentrationssteigernde Wirkung von Methylphenidat
sowohl bei "ADSlern" als auch bei "Nicht-ADSlern"
belegt, zitieren KRAUSE, DRESEL u. KRAUSE in ihrem
bekannten Beitrag (s. link unten): VAIDYA fand, dass
sowohl Jungen mit als auch ohne ADHS-Diagnose bessere
Ergebnisse in einem (von zwei) Konzentrationstests
erzielten, wenn sie Methylphenidat erhielten. (Solche
Untersuchungen sind ethisch natürlich kritisch zu
bewerten, denn warum darf man Kindern ohne ADHS-Diagnose
ein Psychopharmakum geben? Das aber hier nur nebenbei).
In dem zweiten Konzentrationstest schnitten die "ADSler"
allerdings besser ab, was aber am Schwierigkeitsgrad des
Tests gelegen haben könnte: Wenn ein Konzentrationstest
zu leicht ist, erzielen mit Ritalin behandelte ADSler
natürlich eine größere Verbesserung der Testergebnisse
als "Nicht-ADSler", die sich gar nicht mehr
verbessern können, weil sie vorher schon bessere
Ergenisse hatten als die "ADSler".
H.-R. Schmidt http://www.hyperaktiv.de/forschung/neurobiologie.pdf
Endlich:
DER ADS-Test!
Von Niko Wager
Liebe Leut, da sagen die Leut immer, es gäb keinen ADS-Test
bisher. Diese Lücke möchte ich hiermit
wissenschaftlicherseits schließen. Wenn ihr wissen wollt
(und wer will das heute nicht?), ob ihr ernsthaft ADS
habt, dann beantwortet schleunigst ohne Nachzudenken
folgende Fragen:
1. Sind Sie wahrscheinlich männlich?
2. Sind Sie öfters mal wibbelig?
3. Haben Sie schon mal Ihren Hausschlüssel vergessen?
4. Sind Sie fromm?
5. Haben Sie schon mal jemanden geärgert?
6. Lieben Sie ausschließlich dicke Frauen?
7. Haben Sie ein Aquarium mit Algen?
8. Glauben Sie, das ADS-Kritiker Scientologen sind?
9. Steht die Länge Ihrer großen Zehe im Zusammenhang
mit Ihrem Intelligenzquotienten?
10.Durchforsten Sie täglich einschlägige ADS-Internetforen?
11.Lügen Sie öfters?
12.Sind Sie schon mal vom Stuhl gefallen?
13.Lieben Sie das andere oder das gleiche Geschlecht?
14.Fühlen Sie sich ausgeschlossen, weil Sie noch nicht
die Diagnose ADS haben?
Auflösung: Wenn du eine dieser Fragen als zutreffend
beantwortet hast: Gratulation, welcome to the club! Alle
anderen: Nicht traurig sein und weiter anstrengen, es
wird schon noch werden!!!
ADS:
Die unmögliche Diagnose
Eines der grundsätzlichen und ungelösten Probleme ist
die Diagnostik bei "ADS". Ich glaube,
unabhängig davon, ob es "ADS" überhaupt gibt,
dass das diagnostische Instrumentarium und die
diagnostische Praxis derzeit inakzeptabel sind und eine
Diagnostik im Einzelfall eigentlich kaum möglich machen.
Ich begründe das damit, dass
1. es keinerlei standardisierte, objektive, valide und
zuverlässige Testverfahren speziell für "ADS"
gibt;
2. sich die Diagnostik bei Kindern fast ausschließlich
auf Verhaltensbeschreibungen der Mütter, seltener der
Lehrer oder Erzieherinnen, bei Erwachsenen auf
Selbstbeschreibungen beschränkt. Solche Beschreibungen
und die dabei zur Anwendung kommenden Fragebögen sind
unzuverlässig, unspezifisch, subjektiv beeinflusst und
beziehungsabhängig (der Messfehler des Untersuchers geht
unkontrolliert mit ein; besonders problematisch ist die
Selbstbeschreibung von "Betroffenen", deren
Wahrnehmung ja möglicherweise verändert oder gestört
ist (so z.B. Barkley, der auch vor den üblichen
Fragebögen warnt: er kritisiert ein zu undifferenziertes
Vorgehen bei der Diagnostik von ADS und hebt dabei auf
die Fragebögen zur Selbstbeurteilung ab, wodurch die
Diagnose ADS "vom unaufmerksamen Typ" zu
schnell gestellt werde. Die Diagnostik dürfe nicht nur
auf dem Item Aufmerksamkeitsstörung basieren. Auch bei
anderen Krankheitsbildern (z.B. Depressionen) könne
"Unaufmerksamkeit" vorkommen. Als Antwort auf
die Frage "Ist jede Unaufmerksamkeit ein ADS"
antwortet er mit einem klaren "Nein". Er warnt
davor, den Selbstbeurteilungs-Fragebögen in der
Diagnostik einen zu großen Stellenwert zu geben, ohne
allerdings zu sagen, wie sonst man diagnostizieren soll).
- Man muss außerdem wissen, dass es keine
allgemeinverbindlichen Kriterien für die
Diagnosenstellung des "Erwachsenen-ADS" gibt.
Im Wesentlichen werden hier die Kriterien zur Diagnostik
von Kindern angewandt.
Wie subjektiv Selbstbeschreibungen oder Mütteraussagen
sind, wird deutlich, wenn man z.B. Mütter befragt, ob
ihr Kind "hyperaktiv" sei. 40 Prozent
bestätigen dies dann. Wenn man Lehrer und Kinderärzte
zum selben Kind zusätzlich befragt, stimmen Mütter,
Lehrer und Ärzte aber nur in ca. 1 Prozent der Fälle
überein (n. einer Untersuchung des Gesundheitsministers
NW);
3. die sonst oft zur Anwendung kommenden psychologischen
oder neurologischen Testverfahren nichts "ADS"-Typisches
aussagen und für diese Störung nicht konstruiert oder
geeicht sind. Es sind Testverfahren, die auch sonst bei
anderen Untersuchungen angewendet werden, wobei der
Untersucher aber keinerlei wissenschaftliche
Auswertungskriterien für "ADS" hat. Dies
bleibt seiner eigenen Entscheidung überlassen;
4. die Diagnose mit Hilfe der gängigen Kriterienkataloge
des DSM IV und ICD 10 ebenfalls nicht
beobachterunabhängig ist. Die Kriterien kranken unter
ungenauen oder fehlenden Definitionen und
nichtrepräsentativen Häufigkeitsverteilungen ihrer
Merkmale. Keiner weiss, warum z.B. 6 dieser Kriterien
erfüllt sein müssen (und wann genau sie erfüllt sind),
und nicht 5 oder 7. Die Gültigkeit dieser Kataloge ist
fraglich, ihre Zuverlässigkeit (Beobachterübereinstimmung
bzw. Retest) nur teilweise gegeben. Eine Befragung von
500 Ärzten in den USA ergab, dass nicht einmal 10
Prozent von ihnen das DSM IV als Hauptinstrument bei der
Diagnose benutzen; nicht wenige fanden es sogar für eine
"gute" Diagnose hinderlich. Bisherige wenige
Validitätsuntersuchungen der Diagnose "ADS"
belegen lediglich, dass Menschen, die in bestimmten
Situationen verhaltensauffällig sind, auch in anderen
Situationen verhaltensauffällig sind: ein ubiquitäres
und wohl kaum ADS-spezifisches Ergebnis (z.B. Lahey 1998).
ICD 10 und DSM IV sind obendrein nicht identisch, so dass
die Diagnose unterschiedlich ausfällt, je nachdem, wo
ein Kind lebt und welcher Katalog angewendet wird. Das
macht auch den internationalen Vergleich von
Forschungsstudien, die somit unterschiedlich zustande
gekommene Diagnosen verwenden, meist fraglich;
5. die sog. "komorbiden" Störungen (z.B.
Lernstörungen, Verhaltensstörungen,
Wahrnehmungsstörungen etc.) einen sehr großen ( bis zu
90 Prozent) Überschneidungsbereich mit "ADS"
haben. Es ist wissenschaftlich unklar, ob sich "ADS"
als eigenständiges Syndrom von diesen sog. "komorbiden"
Störungen überhaupt abgrenzen lässt. Wahrscheinlich
gibt es diese Störungen (die für sich betrachtet
durchaus existieren) als "komorbid" gar nicht,
weil es auch "ADS" nicht gibt;
6. definitionsgemäß "ADS" eine
Hirnstoffelwechselstörung zugrunde liegt. Diese wird
aber, obwohl einzig beweisend, für die Diagnose nicht
untersucht. Deshalb weiss niemand auch nur annähernd
exakt, ob die gegenwärtig erhobenen "ADS"-Diagnosen
auf diese Hirnstoffwechselstörung schließen lassen.
Experten schätzen bis zu 80 Prozent Fehldiagnosen;
7. Untergruppierungen zu "ADS" (mit und ohne
Hyperaktivität; mit und ohne Hypoaktivität) ungeklärt
und differentialdiagnostisch schwierig bis unmöglich
sind. Gibt es ADS mit und ohne Hyperaktivität? Keiner
weiss das genau. Manche sagen ja, andere, der ADSler
würde grundsätzlich "hin- und herpendeln"
zwischen "Hypo" und "Hyper".
"Hyperaktivität" wie auch "Aufmerksamkeit"
und "Impulsivität" sind Merkmale, die nicht
nur uneinheitlich definiert, sondern auch uneinheitlich
oder gar nicht messbar sind, Normen liegen keine vor. Es
besteht keine Einigkeit darüber, dass diese "Trias"
überhaupt kennzeichnend für "ADS" ist. Manche
Wissenschaftler sagen, man solle nur die
Aufmerksamkeitsstörung heranziehen, Hyperaktivität
weglassen (z.B. Specht), andere betonen, dass
grundsätzlich alle 3 Merkmale erfüllt sein müssten (z.B.
Barkley). Die einen sehen in ADS eine krankhafte Störung
(z.B. Barkley), die anderen lediglich eine verkannte
"Jäger- bzw. Farmer"konstitution bzw. eine
positive Variante des Normalen (z.B. Hartmann).
Es verwundert nicht, dass ein so unscharf und
uneinheitlich, ja widersprüchlich definiertes Syndrom
diagnostisch nicht eindeutig fassbar sein kann;
8. all diese Unzulänglichkeiten zu einer uneinheitlichen
Diagnosepraxis führen, bei der Diagnosen innerhalb von 3
Minuten bis zu mehreren Stunden oder Tagen gefunden
werden. Die Dauer der Diagnostik allein kann dabei aber
angesichts der Unzulänglichkeit der eingesetzten
Instrumentarien auch kein ausreichendes Effizienzmerkmal
sein.
Die subjektive Natur der ADHD-Diagnose ist einer der
Gründe für die extremen Unterschiede in der Behandlung
mit Ritalin. Nach einer zweitägigen Anhörung von
Sachverständigen vor den Nationalen Instituten der
Gesundheits-Konsens-Konferenz für ADHD in den USA
erklärte 1998 der einzige Kinderarzt des Panels die
Diagnose eine Verwirrung. Ein anderer
prominenter pädiatrischer Forscher nannte sie
öffentlich eine Verlegenheitslösung. Das
gegenwärtige Konzept von ADHD, wie es in der
amerikanischen Psychiatrie im statistischen
Diagnosehandbuch (DSM-IV) und in der Alltagspraxis der
medizinischen Versorgungswirklichkeit festgelegt ist,
erzeugt beträchtliches Durcheinander und Widersprüche
bei der Frage, wer Ritalin erhalten oder nicht erhalten
sollte.
Mein derzeitiges Fazit: Es gibt Lernstörungen,
Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsstörungen,
Verhaltensstörungen etc. etc, die man einzeln und
kombiniert relativ gut diagnostizieren kann. Es gibt aber
kein Syndrom "ADS", schon gar keines, das man
zuverlässig diagnostizieren könnte.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
1.11.2001
Hallo,
Sie haben vielleicht schon
mal von der sog. "Konsens-Konferenz" zu ADHD
1998 in den USA gehört. Dort trafen sich viele Fachleute
und einigten sich auf einige ADS-Fragen. Auf diese
Konferenz und ihre Ergebnisse berufen sich heute immer
noch viele Fachleute.
Hier eine sehr interessante und kritische Zusammenfassung
bzw. Würdigung dieser Konferenz von Dr. Fred A. Baughman,
Neurologe und Konferenzteilnehmer (Übersetzung von mir):
DIE ADHD-ÜBEREINSTIMMUNGS-KONFERENZ:
ENDE DER EPIDEMIE ?
von MD Fred A Baughman jr.,
Vergebliche Frage: Ist ADHD eine wirkliche Krankheit mit
einer bestätigten körperlichen Abweichung (laut
medizinischer Definition), oder liegt es an den Medien,
dass diese Epidemie andauert und sich
ausbreitet?
Ohne ein Jota an Beweis oder glaubwürdiger Wissenschaft
erklärte das National Institut of Mental Health (NIMH) [
1 ], ADHD sei eine "Krankheit" und die Kinder
"gehirnkrank," "anormal." CHADD (Kinder
und Erwachsene mit ADD), 35000 Mitglieder stark,
finanziert durch Ciba-Geigy [ 2 ], Hersteller von Ritalin,
hat diese "neuro-biologische" Lüge verbreitet.
Das US-Department of Education [ 3 ] unterstützt diese
Etikettierung und Drogenbehandlung der Kinder, ohne sich
ein eigenes und unabhängiges Bild zu machen.
Die "Epidemie" explodierte von 150.000 im Jahre
1970 auf fünf Millionen Kinder im Jahre 1997. Die
Produktion von Ritalin stieg in dieser Zeit um 700% [ 4
]. Als Neurologe, der täglich "Krankheit" von
keine Krankheit" unterscheiden muss, habe ich
wirkliche Krankheiten [ 5.6.7 ] entdeckt und beschrieben,
aber ich fand bei den mit ADHD bezeichneten Kindern keine
Krankheit, keine Abweichung. Auch die wissenschaftliche
Literatur liefert keinen Beweis, dass ADHD eine Krankheit
ist, d.h. dass diese Kinder "erkrankt" oder
"anormal" sind.
Kety und Matthysse [ 8 ] folgern: "...die...
Literatur liefert keine Beweise für... biologische
Abweichungen im Gehirn von seelisch Kranken. Das
Office of Technology Assessment des amerikanischen
Kongresses [ 9 ]folgert: "Seelische Störungen
werden auf der Grundlage von Symptomen eingestuft, weil
es... keine biologischen Marker oder Labortests gibt"
(keine Möglichkeit der exakten Bestätigung, dass es
wirkliche Krankheiten sind).
PAM [ 10 ] beobachtet: "..dass jede emotionale
Erfahrung physiologisch unspezifisch sein kann".
Ernst [ 11 ], ein ADHD-Forscher, beklagt: "Die
Definition... hat sich im Laufe der Zeit geändert...,
was den Vergleich von Studien schwierig mache... Kinder,
die entsprechend DSM-III-R diagnostiziert wurden, können
nicht verglichen werden mit denjenigen, die nach DSM III
diagnostiziert wurden.
Ich habe regelmäßig an ADHD-Kapazitäten geschrieben
und sie gebeten, mir den einen oder anderen Artikel aus
der wissenschaftlichen Literatur zu benennen, der Beweise
dafür anführt, dass ADHD eine Krankheit mit
bestätigter, körperlicher Abweichung ist.
Leber [ 12 ] von der FDA reagierte: "... ist bisher
keine unterscheidende Pathophysiologie (Abweichung) für
die Störung abgegrenzt." Haislip [ 13 ] von DEA,
schrieb: "Uns ist nicht bekannt, dass ADHD validiert
worden ist." Swanson von der Universität von
Kalifornien, Irvine, hat nie geantwortet. Vor der
Amerikanischen Gesellschaft für Jugendlichen-Psychiatrie
folgerte er jedoch [ 14 ]: "Ich hätte gern eine
objektive Diagnose für ADHD. Die psychiatrische Diagnose
ADHD... ist vollständig subjektiv... validieren wir sie!"
Castellanos [ 15 ] von NIMH bekennt: "..., wir haben
bisher keine spezifische Pathophysiologie nachweisen
können... wir werden durch den Glauben motiviert, dass
dies in naher Zukunft möglich sein könnte. Carey
[ 16 ], Universität von Pennsylvania, antwortete: "Es
gibt keine solchen Studien. Es gibt viele Studien, die
Zweifel aufwerfen, aber keine, die den Beweis erbringen,
den Sie und ich suchen.
Unter der Überschrift: "Ist ADHD ein gültige (valide)
Störung?" folgerte Carey [ 17 ] auf der
Übereinstimmungskonferenz für ADHD (NIH) vom 16.-18.
November 1998: "... gewöhnlich wird angenommen,
dass ADHD klar unterscheidbar von normalem Verhalten sei,
ein neurobiologisches Ungleichgewicht bedeutet und von
Umweltbedingungen ziemlich unbeeinflussbar sei. All diese
Annahmen müssen aber aufgrund der Schwäche empirischer
Beweise und der Stärke gegensätzlicher Erfahrungen
unbewiesene Annahmen bleiben. Was derzeit in den
Vereinigten Staaten als ADHD beschrieben wird, scheint
eine Sammlung von im Normbereich liegenden
Verhaltensvariationen zu sein. Diese Diskrepanz (zwischen
wissenschaftlichen Belegen und der Praxis) lässt an der
Gültigkeit des Konstrukts ADHD zweifeln."
Ohne einen Gegenbeleg zu Careys Aussagen sagt das
Abschluss-Statement der Konferenz (p.3, Zeilen 10-13):
"... wir haben keinen unabhängigen, gültigen Test
für ADHD und es gibt keine klaren Belege dafür, dass
ADHD eine Gehirnstörung zu Grunde liegt."
Der Wissenschaftsautor A.C. Clarke warnt: "Wissenschaft
basiert nicht auf der Übereinstimmung von Experten.
Vielmehr schreitet sie voran durch das rigorose
Infragestellen, unabhängiges Denken und, wenn es
notwendig ist, durch den Mut, festzustellen, dass der
Kaiser keine neue Kleidung hat (sondern nackt herumläuft,
H.-R. Sch.)."
Der Kaiser hat tatsächlich keine neuen Kleider! Es
ist nicht," wie ich [ 18 ] in meiner Anhörung sagte,
"nur eine Angelegenheit von Fehldiagnosen oder Über-Diagnosen,
es ist ein vollständiger, hundertprozentiger Betrug!.
Ohne Beweis einer Krankheit, d.h. ohne Beweis, dass die
Kinder anders als normal sind, fragt man sich, woher der
unerschütterliche Glaube, ADHD sei eine Krankheit,
gekommen ist?
Afield [ 19 ], ein Psychiater, bezeugt 1992 vor dem
Kongress in einer Anhörung zu psychiatrischem
Krankenhaus-Betrug: "Was das DSM-III anbelangt:
Jeder in diesem Raum passt selbst in zwei oder in drei
der Diagnosen. Im DSM IV wird es wieder einige neue
Krankheiten geben. Jede neue Krankheit erhält ein neues
Programm, neue Aufnahmen, ein neues System, sie
abzurechnen... " Carey [ 17 ] beobachtete weiter:
"ADHD-Verhalten wird breit und vollständig auf eine
gestörte Hirnfunktion zurückgeführt. Das DSM IV
behauptet dies gar nicht, aber Lehrbücher und Journale."
Stephanie Hall, Ohio, glaubte, dass ADHD eine Krankheit
sei. Sie nahm ihr Ritalin, fromm. Ihre Eltern, Mike und
Janet Hall, glaubten auch daran. Stephanie Hall starb im
Schlaf, 6 Tage vor ihrem 12. Geburtstag, nicht an ADHD --
weil es so etwas nicht gibt -- aber am Ritalin, weil
Ritalin ein Benzedrin ist und weil Benzedrin eine lange
Geschichte plötzlicher Herztodesfälle hat, sogar bei
Kindern.
Es sind normale Kinder, die mit Drogen behandelt werden
Es gibt keinen Gegenbeweis! Es ist Zeit, die Frage
aufzuwerfen "Ist es eine Krankheit oder nicht?
um eine direkte Antwort zu verlangen und sie der
Öffentlichkeit mitzuteilen.
Hinweise:
1. NIMH-Publikation Nr. 94-3572, 1994.
2. Methylphenidat (Ein Hintergrund-Papier), Oktober, 1995.
DEA
3. Schiller E, Jensen P, Swanson J. Erziehung der Kinder
mit
Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Unsere Kinder. 1966;
November/December:32-33.
4. LH Diller. Running on Ritalin. Bantam Books, 1998; P.
2.
5. Fa Baughman. CHANDS: das lockige Haarankyloblepharon-Nageldysplasie-
Syndrom. Geburtsdefekte: Ursprüngliche Artikel-Reihe.
1971;7:100-102.
6. Toriello HV, Lindstrom JA, Waterman, DF, FA Baughman.
Re-Evaluation
von CHANDS. Journal der medizinischen Genetik. 1979;16:316-317.
7. FA Baughman, List CF, Williams JR, Muldoon JP, Segarra
JM, Volkel
JS. Das Syndrom Glioma-Polyposis-Syndrom N Engl. J Med.
1969;281:1345-1346.
8. Kety SS, Matthysse S. Der neue Harvardführer
fürPsychiatrie. Harvard
Hochschulpresse, 1988, P. 148.
9. Kongreßbüro für Technology Assessment. Die Biologie
der seelischen
Störungen, US-Regierung, 1992, pp. 13-14, 46-47.
10. PAM A. Eine Kritik des wissenschaftlichen Zustands
der biologischen
Psychiatrie. Acta Psychiatrica Scandinavica. 1990;82 (Ergänzung
362):1-35.
11. Ernst M. Neuroimaging in der Aufmerksamkeit-Defizit-/Hyperaktivitätsstörung
(P. 95-117). In Nadeau KG (Ed.): Ein kompletter Führer
für die Aufmerksamkeits-
Defizitstörung bei Erwachsenen. Brunner und Mazel, Inc.
New York. 1995.
12. Leber, P., Abteilung für Neuropharmakologische
Drogenprodukte, FDA,
persönliche Korrespondenz, Dezember 22, 1994.
13. Haislip, G.R., Office of Diversion Control, DEA,
persönliche
Korrespondenz, Oktober 25, 1995.
14. Swanson, J.S., Universität von Kalifornien, Irvine,
Sprecher der amerikanischen
Gesellschaft für Jugendlichen-Psychiatrie, März 7, 1998
(Tonbandaufnahme).
15. Castellanos, F.X., NIMH, persönliche Korrespondenz,
Mai 13, 1998
16. Carey, WB, Krankenhaus der Kinder von Philadelphia,
persönliche
Korrespondenz, August 5, 1998.
17. Carey WB. NIMH, Übereinstimmungs-Entwicklungskonferenz
für ADHD, November 16-18, 1998
18. Baughman FA jr. Übereinstimmungs-Entwicklungskonferenz
für ADHD, November 16-18, 1998 (öffentliche Anhörung).
19. Afield WE. Der Profit am Elend: Wie die
Psychiatrische Behandlung von Anstaltspatienten das
System betrügt und unser Vertrauen missbraucht.
Anhörung vor dem Ausschuß für Kinder, Jugend und
Familien des Repräsentantenhauses, Washington, DC, April
28.1992.
8.11.2001
Obwohl
wir das hier alles schon (verstreut) hatten: eine gute
Zusammenfassung aus der Süddeutschen Zeitung vom 11.12.2001:
Das späte
Zittern des Zappelphilipps
Falsch verordnete Medikamente für hyperaktive
Kinder könnten das Risiko für die Parkinson-Krankheit
erhöhen
Von Hilka de
Groot
Er gaukelt
und schaukelt, er trappelt und zappelt auf dem Stuhle hin
und her. So beschrieb der Arzt Heinrich Hoffmann
schon 1848 in seinem Struwwelpeter den
Zappelphilipp, der nicht zu bändigen ist. Heute hat
solch auffälliges Verhalten den medizinischen Namen
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-
Syndrom, kurz ADHS.
Wie der Krankheit beizukommen ist, ist bis heute strittig.
Dennoch wird die Arznei Methylphenidat
als Ritalin und Medikinet verkauft immer häufiger
zur Behandlung von ADHS verschrieben: Im Jahr 2000 nahmen
der Bundesopiumstelle zufolge fast 14-mal so viele Kinder
solche Medikamente ein wie noch 1993. Doch nun warnen
Wissenschaftler davor, dass Methylphenidat schwerwiegende
Spätschäden bis hin zur Schüttellähmung verursachen
kann. Denn die Arznei greift im Gehirn in den
Stoffwechsel ein, der auch bei der Parkinsonschen
Erkrankung gestört ist.
Zunächst aber sind viele Eltern erleichtert, wenn ihr
Spross Methylphenidat einnimmt. Denn hyperaktive Kinder
treiben ihre Eltern oftmals an den Rand der Verzweiflung:
Sie sind kaum zu bremsen, können nicht stillsitzen,
nicht zuhören und sich nicht konzentrieren. Typisch sind
zudem rasch wechselnde Stimmungen von
Wutausbrüchen bis hin zu depressiven Phasen
sodass die Kinder häufig auch in soziale Isolation
geraten. Schätzungen zufolge sind etwa vier Prozent
aller Kinder von ADHS betroffen Jungen dreimal
häufiger als Mädchen.
Die Ursachen der Krankheit sind nach wie vor unbekannt.
Dabei wären sie entscheidend für eine sinnvolle
Therapie. Heute gehen viele Ärzte davon aus, dass bei
ADHS-Kindern der Dopaminstoffwechsel gestört ist
in welcher Weise, ist jedoch umstritten. Dopamin ist ein
Botenstoff im Gehirn, der auch für die Reizverarbeitung
wichtig ist. Gebildet wird er vom dopaminergen
System. Dessen Nervenzellen bilden lange Fortsätze,
die sich wie Äste verzweigen und die gesamte vordere
Hirnregion durchziehen. An den Enden der Fortsätze (Axone)
wird auf Reize hin Dopamin ausgeschüttet. Zugleich
sitzen dort Transporter, die den Botenstoff später
wieder aufnehmen.
Gehirnwachstum gehemmt
Nach der bisher meist vertretenen Hypothese leiden
hyperaktive Kinder unter Dopaminmangel. Der Grund für
diese Einschätzung: Ihr Frontalhirn ist ungewöhnlich
dicht mit Transportern durchsetzt. Da liegt der Schluss
nahe, das freigesetzte Dopamin werde zu rasch wieder
gebunden und seine Konzentration im Gehirn damit unter
den normalen Pegel gesenkt. Mit dieser Annahme lässt
sich auch die Wirkung von Methylphenidat schlüssig
begründen. Denn es stimuliert die Dopamin-Freisetzung im
Gehirn.
Tatsächlich ändert Methylphenidat das gestörte
Verhalten vieler ADHS- Patienten. Neueste Untersuchungen
stellen dennoch die Dopaminmangel-Hypothese in Frage und
kommen sogar zu gegenteiligen Ergebnissen: Eine
verstärkte Dichte von Transportern kann ebenso gut
Ausdruck eines stärker entwickelten dopaminergen Systems
sein, argumentiert Gerald Hüther, Neurobiologe an
der Psychiatrischen Universitätsklinik in Göttingen.
Seine Begründung: Die Dichte der Nervenfortsätze steigt
bis zur Pubertät an. In dieser Zeit ist sie durch
äußere Reize leicht zu beeinflussen, wie Studien von
Gertraud Teuchert- Noodt an der Universität Bielefeld
belegen.
Es gibt Kinder, die bereits als Babys erheblich wacher,
aber auch empfindlicher und daher leichter zu stimulieren
sind als andere. Solche Kinder laufen Gefahr, in
einen Teufelskreis zu geraten, sagt Hüther. Ihr
dopaminerges System werde wesentlich häufiger als das
anderer Kinder aktiviert und zur verstärkten Axon-Bildung
angeregt. Sie werden immer wacher, immer unruhiger und
irgendwann verhaltensauffällig. Demnach hätten
hyperaktive Kinder gar kein Dopamindefizit, sondern einen
Überschuss (Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie,
Bd.112, S.471, 2001).
Daraus ergeben sich auch für Methylphenidat andere
Schlussfolgerungen: Das Medikament könnte die bereits
erhöhte Dopamin-Freisetzung weiter steigern und die
Dopaminspeicher leer fegen. Bis diese wieder aufgefüllt
sind, vergehen Stunden, in denen dem Antriebssystem der
ADHS-Kinder ausnahmsweise einmal die Puste ausgegangen
ist.
Tierversuche von Hüthers Arbeitsgruppe zeigen zudem,
dass Methylphenidat das Axon-Wachstum hemmt (Journal of
Child and Adolescent Psychopharmacology, Bd.11, S.15,
2001). Sollte das dopaminerge System bei ADHS-Patienten
tatsächlich zu üppig ausgebildet sein, wird es durch
Methylphenidat gewissermaßen zurückgestutzt, sagt
Hüther. In diesem Fall sicher ein günstiger Effekt.
Kritisch aber sei die Behandlung bei Kindern, die keine
solchen Veränderungen, sondern lediglich
Verhaltensstörungen haben. Bei ihnen würde durch die
Arznei die normale Entwicklung der Axone gebremst. Damit
laufen Ärzte Gefahr, durch Methylphenidat die Grundlagen
für eine Krankheit zu schaffen, bei der das Gehirn zu
wenig Dopamin produziert: für Parkinson.
Dass das Medikament langfristige Veränderungen im Gehirn
hervorrufen kann, haben kürzlich auch Wissenschaftler um
Joan Baizer von der University at Buffalo auf der
Jahrestagung der Society for Neuroscience in San Diego
betont. Ärzte dachten bislang, dass Ritalin nur
kurze Zeit wirkt, sagte Baizer. Ihr Team aber habe
auf Grund von Genexpressions-Studien an Ratten
festgestellt, dass die Substanz das Potenzial hat,
langanhaltende Veränderungen in der Struktur und in der
Funktion des Gehirns zu verursachen. Wir sollten
einen genaueren Blick auf Ritalin werfen, warnte
Baizer. Es ist wichtig herauszufinden, was es
überhaupt im Gehirn macht.
Rezept sogar vom Zahnarzt
Vor diesem Hintergrund bekommen jüngste Warnungen der
Drogenbeauftragten der Bundesregierung noch mehr Gewicht:
Marion Caspers-Merk (SPD) bereitet die derzeitige
Verschreibungspraxis des unter das
Betäubungsmittelgesetz fallenden Methylphenidats Sorgen.
Denn allein in diesem Jahr ist mit einer weiteren
Verdopplung der Rezeptzahl zu rechnen. Dabei wird mehr
als ein Drittel der Rezepte nicht von Kinderärzten
ausgestellt, sondern von Hausärzten, Radiologen, Frauen-
und sogar Zahnärzten.
Es wird viel zu häufig ohne solide Diagnostik zum
Rezeptblock gegriffen auch von Kinderärzten,
bestätigt Peter Riedesser, Kinder- und Jugendpsychiater
am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Häufig
steckten aber ganz andere Gründe als ADHS hinter dem
auffälligen Verhalten von Kindern: Probleme mit der
Familie oder in der Schule etwa. Und selbst wenn die
Diagnose stimme das Mittel der Wahl seien
psychotherapeutische und pädagogische Programme, die
auch das Umfeld der Kinder einbeziehen. Dabei könne
Methylphenidat bei hochgradig gestörten Patienten
notwendig sein, um sie einer Psychotherapie überhaupt
zugänglich zu machen.
Dennoch garantiert auch das keinen Behandlungserfolg.
Ein entscheidender Faktor ist das soziale Umfeld,
betont der Stuttgarter Kinder- und Jugendpsychiater
Reinmar du Bois. ADHS-Kinder aus intakten
Elternhäusern haben meist eine gute Prognose mit
und ohne Ritalin. Kämen sie dagegen aus
schwierigen Verhältnissen, seien die Aussichten auch mit
Medikament und Psychotherapie langfristig deutlich
schlechter.
Die Drogenbeauftragte Caspers-Merk will daher eine
Verordnung auf den Weg bringen, nach der Ärzte ihre
Kompetenz für ADHS belegen müssen, bevor sie
Methylphenidat verschreiben. Auf diese Weise will sie
sicherstellen, dass die Diagnosen auch stimmen. Dass
solche Bestimmungen greifen, zeigt das Beispiel Schweden.
Auch dort ist das Verordnen an den Nachweis der
Fachkompetenz geknüpft. Mehr noch. In jedem Einzelfall
muss der Arzt dort den Einsatz der Arznei schriftlich
beantragen und einen Therapieplan vorlegen.
Behandlungsverlauf und Nebenwirkungen sind dann genau zu
dokumentieren. Seither hat Schweden keine Probleme mehr
mit dem Missbrauch von Methyl phenidat: Bei solchen
Hürden haben oberflächliche Diagnosen und schnelle
Rezepte offenbar kaum noch eine Chance.
14.12.2001
Hallo
liebe Gäste,
immer wieder melden sich "Betroffene", die
selbst (oder deren Kind) ein "Hypo" seien,
ein "Träumerchen", jemand, der auffallend
wenig aktiv, also hypoaktiv, aber angeblich
aufmerksamkeitsgestört sei. Solche Menschen fragen z.B.
nach Fachliteratur oder Forschungsergebnissen und hören
dann selten etwas Entsprechendes. Andere sprechen vom
"reinen ADS", wenn nur eine
Aufmerksamkeitsstörung vorliege, was vorwiegend bei
Mädchen auftrete.
Ich hatte noch nicht genügend Zeit für eine
ausführliche eigene Suche nach wissenschaftlichen
Belegen für diese Behauptungen. Aber was ich vorläufig
dazu an seriöser Fachliteratur gefunden habe, ist gleich
Null. Ich habe in meiner klinischen Praxis auch noch nie
solch ein Kind kennengelernt.
Döpfner et.al. schreiben dazu: "In den Fachkreisen
besteht Uneinigkeit darüber, ob für die Diagnose einer
hyperkinetischen Störung Auffälligkeiten in allen 3
Kernbereichen (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität,
Impulsivität) vorliegen müssen oder ob es verschiedene
Unterformen von hyperkinetischen Störungen gibt,
nämlich:
- hyperkinetische Störungen mit Auffälligkeiten in
allen 3 Kernbereichen,
- hyperkinetische Störungen, die hauptsächlich durch
Aufmerksamkeitsschwächen, aber weniger durch
Impulsivität und motorische Unruhe gekennzeichnet sind,
und
- hyperkinetische Störungen, die hauptsächlich durch
Impulsivität und motorische Unruhe und weniger durch
Aufmerksamkeitsschwächen gekennzeichnet sind." (Döpfner
et.al.: Wackelpeter u. Trotzkopf. Beltz 2000, S. 18 ff.).
Man weiss also wieder mal gar nichts genau. Und von
Hypoaktivität im Zusammenhang mit dem Hyperkinetischen
Syndrom ist schon gar keine Rede, das Stichwort
Hypokinese bzw. Akinese kommt auch sonst nur im
Zusammenhang mit psychiatrischen Krankheitsbildern wie
Parkinson oder Schizophrenie vor.
Gibt´s also Hypos in Wirklichkeit gar nicht?
H.-R. Schmidt
20.12.2001
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