Alternative Sichtweisen bei ADS
| Autor: Iris Datum: 23.08.01 Hallo und Guten Tag, ich habe mich wirklich bemüht, die zahlreichen Gespräche, Angriffe, Beleidigungen und Mißverständnisse nachzuvollziehen, die zu diesem Thema veröffentlicht wurden. Es ist überaus mühsam, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es mit etwas mehr Toleranz möglich wäre, den anderen zu verstehen und ein offenes, vernünftiges Gespräch zu führen. Man sollte doch meinen, dass sich in einem Gesprächsforum Menschen treffen, die an einer Entwicklung ihres eigenen Horizontes interessiert sind. In anderen Foren ist das scheinbar nicht der Fall, nun hoffte ich, wenigstens hier auf Menschen zu treffen, denen an einer Erweiterung der eigenen Sichtweise gelegen ist... Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ADD ein viel geringeres Problem darstellen würde, auch für den Betroffenen, würden wir alle etwas entspannter miteinander umgehen. Jeder sollte sich fragen, wo die eigene Verantwortung für Krankheit, im weitesten Sinne, beginnt. Wenn als "Ursache" für ADD eine Störung in Hirnprozessen angegeben wird, kann ich darüber mittlerweile lachen. Hat jemand schon mal über die Ursache der Ursache nachgedacht? Die Ursache von Rückenschmerzen ist die kaputte Bandscheibe, aber warum ist diese kaputt? Weil ich zu schwer getragen habe? Das tun andere auch, also warum geht meine kaputt, die der anderen nicht? Warum haben so viele Menschen ADD? Warum nimmt ADD einen immer größeren Platz in der Gesellschaft ein? Da kann doch etwas ganz Grundsätzliches nicht stimmen. Ich weiß, dass Menschen mit ADD Auffälligkeiten im EEG zeigen, dass sich bestimmte Glukoseaustauschgeschichten, usw. nachweisen lassen, aber das ist nicht die Ursache für ADD, das sind auch nur Symptome. Es gibt keinen neurologischen Test, mit dem sich ADD zweifelsfrei nachweisen läßt. Ich denke, wir haben alle bestimmte Aufgaben, die wir in unserem Leben lösen können. Wichtig für jeden persönlich, manchmal auch für die Gesellschaft, deren Teil wir ja sind. Ich sehe ADD eher als Hinweis darauf, dass hier etwas nicht in Ordnung ist und es an Gleichgewicht und Harmonie fehlt. Mal abgesehen davon, dass es für Betroffene schwierig ist, mit ADD zu leben, wer sagt, dass Leben leicht ist? Natürlich versucht man, es sich so glücklich und angenehm wie nur irgend möglich zu machen, jedoch ist das Verdrängen und Manipulieren der eigenen Person für mich persönlich keine Lösung. Für mich liegt die Lösung keinesfalls in einer medikamentösen Behandlung, wobei ich aber nicht sagen will, dass meine Sicht für alle Betroffenen gelten sollte. Ich sehe Ritalin als Manipulation, die ich momentan auch am eigenen Leib erfahre(was sich bald ändern wird!!). Ich suche gezielt nach Alternativen, die meine Konzentration verbessern und meine Aufmerksamkeitsspanne verlängern. Zudem ist für mich eine begleitende Therapie absolute Bedingung, um mit den Sekundärproblemen, die fast alle Erwachsenen mit ADD kennen, besser umgehen zu können. Möchte jemand darüber Informationen, bin ich gern bereit, alternative Therapiemöglichkeiten vorzuschlagen. Was Ritalin und Kinder angeht, kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen, dass mein Sohn keine Probleme mit seinen Symptomen hat, ich habe sie, die Kindergärtnerinnen, die Familie und die Freunde. Er sieht sich selbst weder als krank noch gestört. Er macht die Dinge anders, als andere Kinder, klar, aber wer sagt denn, wie wir leben sollen, wer sagt denn, wie wir glücklich sein können? Das kann doch jeder nur für sich selbst wissen. Es wäre doch schön, würde die Umwelt meines Kindes auf ADD anders reagieren, als sie es bislang tut. Ich nehme mich da nicht aus, auch ich bin oft tierisch genervt und angespannt. Aber so ist mein Sohn nun mal und ich muss damit leben, ob ich nun will oder nicht. Und ich werde den Teufel tun, ihn für die Gesellschaft passend zu machen, auch nicht für mich. Wenn man sich überlegt: Ist es wirklich wichtig, dass die Wohnung immer aufgeräumt ist, dass mein Sohn am Tisch sitzen bleibt, bis alle mit dem Essen fertig sind, dass er ein Buch fertig liest oder ein Bild fertig malt? Vielleicht ist es für ihn gerade so fertig, wie er es beendet? Mein Sohn ist noch klein, besucht keine Schule. Ich kann nicht sagen, wie es sein wird, wenn er z.B. in Mathe versagt, keine Ahnung. Die Frage ist, wie wichtig sind Mathezensuren wirklich? Dafür kann er andere Dinge doch tausendmal besser, als andere Kinder. Klar lebt er in dieser Gesellschaft, wir können schlecht auf einer einsamen Insel leben, auf der man nicht einkaufen gehen muss. Aber ich denke, meine Probleme wären wesentlich geringer, hätten meine Eltern von ADD gewußt und entsprechend auf mich reagiert, wie ich nun mal bin. Schenkt man Kindern Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und erwartet von ihnen nicht immer, alles so zu können, wie alle anderen, sieht das doch alles schon ganz anders aus. Mein Sohn geht auch mit den Gummistiefel verkehrt herum angezogen in den Kindergarten, na und? Dann zeige ich ihm, wie sie besser sitzen und das halt jeden zweiten Morgen. Klar nervt das, aber immer noch besser, als Ritalin zu geben und ihn Dinge anders machen zu lassen, als er sie von innen heraus tun würde. Ich empfinde mich selbst oft als nicht so ursprünglich, wie ich bin, dadurch, dass ich weiß, dass ich Ritalin genommen habe. Psychisches Problem, ich weiß. Ich kann damit besser arbeiten, klar, aber der Gedanke, mich ständig zu manipulieren bleibt. Und das kann auf Dauer einfach nicht gesund sein!! Ich erlebe ADD immer mehr als einen Teil von mir, der zu mir gehört und mich ausmacht. Über viele Symptome können meine Familie, meine Freunde und ich heute lachen. Das zeigt mir, dass das der richtige Weg ist, sich so zu akzeptieren, wie man eben ist, so schwierig das auch oft ist. Mit dieser Einstellung hat sich viel in meinem Leben verändert. Bewußtheit über die eigenen Stärken und Defizite sind Teil der Heilung, nicht aber Ritalin. Ritalin ist reine Symptombehandlung und damit ist noch niemand wirklich gesund geworden... Ich bin an jedem Grundsatzgespräch interessiert und lerne gern dazu. Ich möchte jedoch darum bitten, Meinungen, Sichtweisen und Anregungen fair und vernünftig zu disskutieren. Liebe Grüße...Iris |
Autor: Isis
Datum: 23.08.01
Hallo Iris,
ich finde deinen Beitrag sehr interessant. In einiger Hinsicht
muss ich dir zustimmen. Ich habe aber das Gefühl, als spräche
aus dir ein gewisser Frust. Ich kann mich aber auch täuschen.
Ich glaube auch, dass vielfach eine sache der tolleranz seiner
Umwelt ist, ob man mit ADS klar kommt oder nicht. Aber ist es
nicht bei allen Annormalitäten so? Dein Beispiel mit der
kaputten Bandscheibe verstehe ich leider nicht ganz. Anderes
Beispiel: Ich habe den Grünen Star und werde vielleicht
irgendwann erblinden. Warum habe ich den Grünen Star und andere
nicht? Also, das ist mir zu hoch.
Was deinen Sohn betrifft, dachten wir auch so(wir lieben unsere
Kinderso, wie sie sind), bis die Schule mit ihrer unflexiblen
Sichtweise hinzukam. Ich weiß nicht, ob du deinem Sohn diesen
Leidensweg zutrauen möchtest.
Ich behaupte, wir können unseren Kindern keine Umwelt bauen, wir
lönnen ihnen nur helfen in ihr zurechtzukommen.
Gruß
Isis
| Autor: Iris Datum: 23.08.01 Hallo Isis, natürlich können wir unseren Kindern keine Umwelt bauen, wir sind Umwelt unserer Kinder. Ich meine mit Umwelt nicht allein Schule und Kindergarten, ich meine in erster Linie die eigene Familie. Und sicher spricht aus mir auch ein gewisser Frust. Ich kann von mir nicht sagen, dass ich all meine Probleme grenzenlos im Griff hätte, sicher nicht. Wie gesagt, es ist oft verdammt schwierig, einen klaren Kopf zu behalten und nicht am Chaos zu verzweifeln. Aber ich bin nicht grundsätzlich frustriert. Es hat sich vielleicht so angehört, weil ich nicht verstehen kann, wie man sich gegenseitig so anfeinden kann, obwohl man eigentlich die gleichen Probleme hat. Aber sich selbst Verantwortung zuzumuten und Fehler einzugestehen tut oft sehr weh und ist schwer auszuhalten. Ich denke, dass die Anfeindungen auf meine Aussagen stark damit zu tun haben. Das hat mich schon zusätzlich frustriert. Ich habe mich total mißverstanden gefühlt, leider. Kein schönes Gefühl... Ich glaube nicht, dass ich meinem Sohn einen Leidensweg zumute, vielleicht nur den, den ich ihm zumuten muss?! Ich denke, dass auch er seine spezielle Aufgabe hat und diese auf seine Art lösen wird. Ich werde ihm das nötige Rüstzeug dafür mitgeben, hoffe ich zumindest. Wenn Du sagst, wir können unseren Kindern keine Umwelt bauen, gebe ich Dir schon Recht, weil ich glaube, zu verstehen, was Du damit meinst. Wir können uns nicht von dem, was uns täglich umgibt, fernhalten und sind diesem ganzen Leben eben ausgesetzt, naja, wir gestalten es doch aber aktiv mit und sind Teil dieses Ganzen. Das meine ich, wenn ich von einer Umwelt spreche, die mehr Toleranz und Aufmerksamkeit für andere mitbringt. Ich möchte nicht darauf warten, dass irgendjemand anfängt, ich will selbst anfangen, etwas daran zu verändern. Liebe Grüße...Iris |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 23.08.01
Liebe Iris,
herzlich willkommen! Ich kann nur voll und ganz unterstreichen,
dass Sie eine faire und vernünftige Diskussion wünschen, darauf
wird in diesem Cafe´ auch sorgfältig geachtet. In der Sache
darf es durchaus kontrovers zugehen, auch die spitze Feder darf
regieren, aber alles immer wohlwollend und nie persönlich
verletzend oder beleidigend.
Dass sich beim Thema ADD so schnell Fronten bilden, zwischen
denen dann kein faires, vernünftiges Gespräch mehr möglich
scheint, hat aus meiner Erfahrung auch damit zu tun, dass ADD
einerseits wissenschaftlich ein sehr fragwürdiges Konstrukt ist,
das aber andererseits für viele "Betroffene"
verführerische "Vorteile" bietet (hierzu finden Sie
Vieles bereits unter dem Thema "Ach wie so
trügerisch..." in diesem Cafe´).
Diese Vorteile einerseits bei wissenschaftlicher Fragwürdigkeit
andererseits bringen es mit sich, dass die
"Betroffenen" leicht zu verunsichern sind und rasch
aggressiv in die Defensive gehen. Dabei will man sie gar nicht
absichtlich angreifen, allein das kritische Hinterfragen reicht
meist schon aus, dass sie "ausflippen".
"ADDler" sind ja in Wirklichkeit nicht nur selbst
unsicher, was die Diagnose ADD anbelangt, sondern sie haben fast
immer auch erhebliche Schuldgefühle wegen der Medikation mit
einem Psychopharmakum wie Ritalin. Wer heute einem Kind ein
Psychopharmakum gibt, muss sich grundsätzlich hinterfragen
lassen, ob das denn wirklich nötig ist und ob damit nicht
Einiges "unter den Teppich gekehrt" werden soll,
besonders was psychische und familiäre Probleme anbelangt. Diese
kritische Einstellung gegenüber Psychopharmaka finde ich auch
grundsätzlich richtig, ohne ein ideologischer
Psychopharmaka-Gegner zu sein. In MANCHEN Fällen kann man auf
diese Mittel nicht verzichten.
Auch an diese Schuldgefühle rührt man meiner Meinung nach sehr
rasch, wenn man kritisch daherkommt.
Was die Alternativen betrifft, ist die Schule sicher ein
wichtiges Einflussfeld, das allgemein kindgerechter gestaltet
werden muss. Ganz wichtig fände ich in diesem Zusammenhang eine
stärkere Kontrolle dessen, was der einzelne Lehrer täglich in
seiner Klasse pädagogisch leistet. Da ist ja gegenwärtig gar
keine institutionale (Selbst-)Kontrolle vorhanden. Lehrer
müssten sich viel häufiger z.B. in Supervision oder durch
andere Möglichkeiten hinterfragen lassen, was sie täglich
pädagogisch mit den Kindern tun.
Aber vor allem die Eltern selbst sind aus meiner Sicht nach wie
vor der wichtigste "Umweltfaktor" für unsere Kinder.
Dieser Faktor kommt mir in der bisherigen Diskussion
ausgesprochen zu kurz weg, hängt er doch mit Dingen wie
Selbsterkenntnis und Selbst-Hinterfragen zusammen, beides sehr
schwierige Geschichten. "Die" Gesellschaft,
"die" Schule" sind wichtige Einflussfaktoren, aber
warum wird "die Familie" als wichtigster Faktor immer
so extrem ausgeblendet? Ich wüsste selbst eine Antwort: weil
dieser Faktor wirklich ans "Eingemachte" ginge und am
meisten wehtäte, wenn man ihn ernst nähme.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Iris Datum: 23.08.01 Hallo Herr Schmidt, ich habe die "Ach wie so trügerisch..."- Sachen gelesen und kann nur sagen, dass ich irgendwann nicht mehr aufnahmefähig war. Man fasst tatsächlich sehr heiße Eisen an, wenn man kritisch Dingen gegenüber tritt, zu denen andere bereits festgefahrene Meinungen haben. Die Unsicherheit bei der Behandlung mit Medikamenten kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es so was meine eigene Person angeht. Was sollen erst die sagen, die ihre Kinder medikamentös behandeln? Ich denke wirklich, dass ganz oft Dinge, die in der Familie nicht stimmen, nicht angesprochen werden wollen. Es tut einfach weh, Fehler zu bemerken und Veränderung macht Angst. Vor allem Neuen hat man doch eigentlich erstmal irgendwie Angst, oder? Angst zu überwinden und neue Wege zu gehen ist ein langer Prozess und Verdrängung oft der bequemere und sichere Weg. Zumindest ist dieser bekannt. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, wie befreiend Veränderung letztlich sein kann, ist man auf dem besten Weg. Zudem denke ich, dass jeder ganz viele Dinge mit sich rumträgt, die einfach im Innern so fest verankert sind, dass sie gar nicht mehr zu lösen sind. Da kann man dann wohl wirklich nur sehen, wie man am Besten damit leben kann und sich entsprechende Strategien überlegen, die das Leben "vereinfachen". Mich persönlich würde interessieren, wie Sie die Frage nach der Ursache der Ursache sehen. Ist es nicht eigentlich so, dass diese gar nicht so sehr von Bedeutung ist? Man würde doch irgendwann bei Adam und Eva ankommen (R. Dahlke in einem Interview). Alles was passiert, hat doch irgendwie wieder eine Ursache. Wäre es nicht sinnvoller, sich im Hier und Jetzt zu begegnen und zu schauen, was aktuell zu tun ist? Liebe Grüße...Iris |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 24.08.01
Liebe Iris,
ich finde, man sollte immer beides tun: Im Hier und Jetzt gucken,
was zu tun ist, und nach den Ursachen suchen. Und ich bin davon
überzeugt, dass das Eine nicht ohne das Andere geht. Ich kann
nur dann im Hier und Jetzt eine Orientierung finden, wenn ich
gleichzeitig immer über die "Ursachen", über die
Geschichte dessen, was sich Hier und Jetzt abspielt, etwas weiss
und weiter nachforsche.
Die Suche nach den Ursachen wird dabei nie aufhören. Auch bei
Adam und Eva hört sie ja nicht auf, denn woher kommen die denn?
Nicht einmal bei "Gott" hört sie auf, denn woher kommt
der denn nun wieder?
Ich finde, dass man einfach akzeptieren muss, dass diese Suche
immer nur zu vorläufigen Zielen gelangen kann, nie zu
endgültigen.
In Bezug auf "ADS" meine ich damit, dass man auch hier
nicht zu schnell mit der Ursachensuche aufhören darf, indem man
z.B. als endgültige Wahrheit betrachtet, was die Forschung dabei
bisher erbracht hat, besonders, wenn es so wenig ist. Es werden
hier oft voreilig Forschungshypothesen und vorläufige Hinweise
als unumstößliche Forschungsergebnissse hingestellt.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Iris Datum: 24.08.01 Lieber Herr Schmidt, ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, dass das Forschen nach den Ursachen ein wichtiger Bestandteil zur Orientierung ist. Das wir letzlich bei Adam und Eva und noch viel weiter zurück ankommen, war ja mein "Problem". Da sind wir irgendwie bei Weltanschauung und allgemeinem Verständnis von Leben angekommen. Interessant, warum so viele Menschen nicht weiterdenken und sich diese Fragen stellen, denn eigentlich müßte man meinen, dass gerade bei einer Behandlung mit Medikamenten doch immer wieder Zweifel und Fragen aufkommen. Aber wie schon gesagt, dann müßte man wohl sich selbst in Frage stellen und vieles von dem anzweifeln, was man bislang als richtig angenommen hat. Bei ADD sehe ich darin eine große Gefahr. Die Entwicklung der Behandlung mit Medikamenten nimmt für mein Verständnis erschreckende Ausmaße an. Ich bin auch kein grundsätzlicher Gegner von Psychopharmaka, denke aber, dass damit oft leichtfertig und unüberlegt umgegangen wird. Mir sind Fälle bekannt, in denen Ärzte Kindern Ritalin verschrieben haben, nachdem sie diese 5 Minuten in der Praxis gesehen hatten, ohne ein Gespräch mit den Eltern zu führen, was denn eigentlich zu Hause nicht stimmt. Fürchterlich! Wie schätzen Sie Therapiemögichkeiten für ADD- Betroffene ein? Was ist Ihr Ansatz? Arbeiten Sie mit Betroffenen? Liebe Grüße...Iris |
Autor: Kim
Datum: 23.08.01
Hallo Iris,
ich kann deinen Gedanken sehr gut folgen und ich stimme mit dir
überein. Auch deine Vergleiche verstehe ich gut und kann
deswegen gar nichts weiter inhaltlich dazu sagen oder
hinzufügen.
Deswegen möchte ich etwas auf einer anderen Ebene beitragen. Ich
habe in dem anderen Forum auch die Reaktionen auf dich gelesen
(ich schreibe in dem speziellen Forum nicht mehr, ich habe mich
dort auch schon übel anfeinden lassen müssen...) und glaube, du
unterscheidest dich in manchen Dingen grundsätzlich von den
meisten Teilnehmern dieses o.a. Forums.
Und zwar: du denkst und nimmst umfassender wahr, du siehst mehr
und größere Zusammenhänge und gehst gleichzeitig mehr in die
Tiefe. Weiter hast du keine Probleme damit, dich selbst kritisch
zu betrachten (auch mal in Frage zu stellen, ohne gleich das
Selbstwertgefühl zu verlieren) und kannst darüberhinaus
zwischen dir und deinem Sohn trennen (halte ich für sehr
wichtig).
Und du hast weder den Anspruch, daß das Leben immer leicht und
easy sein muß (was es ja nun auch wirklich nicht ist), noch den,
sich an gängige Normen anzupassen.
Das alles sind Voraussetzungen, die erst einen erweiterten
Horizont möglich machen, den du ja hast.
Ich bin ganz deiner Meinung, daß eine "Heilung" nur
über den Weg des Akzeptierens gehen kann, nicht darüber,
irgendetwas zu verdrängen, zu verleugnen, zu beschönigen oder
chemisch zu unterdrücken. Nur ist diese "Heilung", wie
ich sie bei dir verstehe und nachvollziehen kann, etwas anderes,
als das was in den gängigen ADS-Foren darunter verstanden wird.
Ich selbst habe zwar kein "ADS-Kind", aber ein schwer
behindertes und da kommt man im Laufe des Lebens auf genau die
gleichen Fragen und Antworten, die du für dich gefunden hast.
Ich habe hier schon mal an anderer Stelle geschrieben, daß ich
mir wünschte, die Eltern von "ADS"-Kindern würden
ihre Situation mehr zum Anlaß nehmen, sich selbst kennenzulernen
und weiterzuentwickeln.
Du scheinst so eine Mutter zu sein, die das tut. Und das finde
ich klasse.
Gruß von Kim
| Autor: Iris Datum: 23.08.01 Liebe Kim, ich bin sehr froh, dass endlich jemand verstanden hat, worum es mir geht und was ich eigentlich sagen wollte. In dem anderen Forum ist mir dies ja scheinbar nicht gelungen. Vielleicht habe auch ich nicht immer gleich den richtigen Ton gefunden? Nun denn, ich besuche dieses Forum auch nicht mehr. Es hat mich sehr geärgert, dass die "Moderatorin" der Seite nicht dazu bereit war, andere Meinungen zuzulassen, nicht nur meine, auch die anderer Buchautoren oder Betroffener. Dein Brief hat mir gut getan. Ich würde mir wünschen, wenn sich auch andere Menschen finden, die wenigstens bereit sind, zuzuhören und nachzudenken. Liebe Grüße...Iris |
Autor: Iris
Datum: 24.08.01
Liebe Kim,
ich hab mal Deinen Beitrag zum Forum "Oh wie
verführerisch..." gelesen und fand ihn ausgesprochen gut!
Ich empfinde tatsächlich Freude und einen gewissen Stolz, dass
ich ADD habe, jetzt. Der Unterschied zu anderen besteht
wahrscheinlich darin, dass ich dadurch viel näher zu mir selbst
gefunden habe und das nicht mehr missen möchte. Ich fühle mich
eben nicht gestört oder krank. ADD ist ein Teil von mir, mit dem
ich gut leben kann. Das war nicht immer so und ich bin auch den
Weg gegangen, erstmal nur die Diagnose erleichternd zu finden.
Ich glaube, für viele ist es wirklich so, dass die Diagnose ADD
erstmal beruhigend und entspannend wirkt. Endlich hat ES einen
Namen. Wie Du schon sagst, dann ist ETWAS verantwortlich dafür,
dass ich so bin, aber ich selbst habe damit eigentlich nichts zu
tun.
Und genau wie Du sagst, kommt dann jemand, der mir die
Verantwortung aufbürden will, ist das eine Zumutung. Weil, ich
bin doch gar nicht "schuld". Ich habe ja ein Hirn, dass
anders funktioniert. Da kann ich ja nichts dran ändern.
Das klingt einfach und in meinen Augen lächerlich.
Man kann nur hoffen, dass diese anfängliche Erleichterung nur
ein vorübergehender Zustand ist, der sich wieder legt und ein
Nachdenken und Weiterfragen ermöglicht. Denn die Probleme sind
mit Ritalin nicht verschwunden, sie sind nur schön zugedeckt.
Aber unter jeder Decke wird's irgendwann warm, zu warm. Dann
schlägt man sie zurück und sieht, dass der ganze Problemhaufen
immernoch da ist.
Was dann liebe Leute?
Ich wollt Dich noch fragen, welche Art der Behinderung Dein Kind
hat und wie Du diese heute empfindest? Ich habe in meiner meiner
Kindergruppen ein Kind mit einem Down- Syndrom. Am Anfang meiner
Arbeit mit ihm habe ich so eine Art Mitleid empfunden, für ihn
selbst, für die Eltern. Ich hatte Berührungsängst, wie wohl
jeder, der mit Behinderten in Kontakt kommt, und wußte nicht,
wie ich mit ihm umgehen sollte. Nach fast 3 Jahren, die wir nun
zusammen arbeiten, hat sich dies total verändert. Ich sehe den
jungen als absolute Bereicherung für die Gruppe und für uns
alle überhaupt. Er ist sehr verbindend und ausgleichend, etwas,
was in dieser Welt all zu oft zu kurz kommt. Dadurch, dass er
sich selbst mit allen und allem verbunden erlebt, hat er die
Gabe, alle und alles miteinander zu verbinden. Heute sind wir,
die Eltern und auch meine Kollegen, froh, dass dieser Junge so
ist, wie er ist. Ich empfinde ihn als ein völlig
"normales" und gesundes Kind. Vielleicht sogar
gesünder, als die meisten anderen Kinder.
Man muss wohl bei allem, was man erlebt, erstmal ein Gefühl
dafür entwickeln, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Ich
meine damit nicht, sich mit einem Problem abzufinden und es dabei
zu belassen, weil es ja eben zu mir gehört. Leute tragen
schließlich auch Brillen, damit sie besser sehen können. (Den
Augenfehler behalten sie dennoch.) Aber ich muss es akzeptieren
lernen, dann kann man ganz anders damit umgehen und wirkliche
Alternativen finden.
Liebe Grüße...Iris
| Autor: Kim Datum: 25.08.01 Hallo Iris, den Beitrag "Oh wie verführerisch..." habe ich geschrieben, weil es mich ehrlich gewundert hat, daß so selten mal so etwas wie Trauer über die Diagnose rüberkommt, er fängt ja auch durchaus ernst gemeint an und ist mir dann aber in die Satire "entglitten". Es freut mich, daß du ihn richtig verstanden hast und auch, daß du darüberhinaus die Gefahr in der Verführung erkennst. Ich habe allerdings den Eindruck, wenn ich in anderen Foren lese, daß die Erleichterung bei ganz vielen nicht nur ein vorübergehender Zustand ist, sondern daß es sich viele doch ganz schön bequem unter der "warmen Decke" machen. Für mich liegt die Gefahr in der einseitigen Betrachtung von ADS, die andere Ursachen und damit auch andere Behandlungsansätze ausschließt. Denn wenn es auch wirklich nicht viel Sinn macht, bei einer einzelnen Ursache immer weiter nach der Ursache der Ursache der Ursache.... zu fragen, so macht es doch wiederum Sinn, nach den Bedingungen oder Ursachen in unterschiedliche Richtungen zu gucken. Und nur so wird man dazu kommen, nicht mehr die "Krankheit ADS" zu behandeln, sondern den jeweiligen individuellen Menschen in seinem gesamten Bedingungsgefüge. Und dann wird der Begriff "ADS" oder "ADD" im praktischen Handeln überflüssig. Du fragst nach der Behinderung meiner Tochter. Es gehört zwar nicht direkt zum Thema, aber ich will dir schon antworten. Sie ist von Geburt an schwerst mehrfach behindert, aber ohne Diagnose. Jedenfalls ohne "ursächliche" (womit wir wieder quasi beim Thema sind, denn im täglichen Umgang und in der Förderung benötige ich tatsächlich keine ursächliche Diagnose), beschreiben kann man natürlich schon, was sie alles hat. Heute (sie wird bald 17 J.) ist alles "gut und richtig so, wie es ist" (in leichter Abwandlung von Erich Frieds Gedicht : "es ist, wie es ist, sagt die Liebe"). Ich bin insgesamt mit meinem Leben recht zufrieden, meine Tochter macht auch den Eindruck, und ich empfinde die Behinderung meiner Tochter eher als Bereicherung, denn ich habe dadurch sehr viel gelernt über mich, über sie, über das Leben und das Mensch-Sein in jeglicher Hinsicht. Ich kann daher auch sehr gut dein Erleben des Down-Syndrom-Kindes verstehen und finde es toll, daß du die "Qualitäten" so klar erkennst, die es in die Gruppe bringt. Das ist mal eine gelungene Integration, so wie ich sie verstehe. Viele Grüße von Kim |
Autor: Isis
Datum: 26.08.01
Hallo Iris,
ich ersehe aus deinem Beitrag, dass du den gleichen Klisches
verfällst, wie Kim. Das erschüttert mich ein wenig. Es macht
sich kein ADSler so einfach, wie du es beschreibst. Nach der
Diagnose kommt zwar erst einmal das "Aha-Erlebnis",
aber dann doch Wut und Trauer über das Verpasste im Leben .
Daraufhin denkt man aber weiter und versucht es besser zu machen
und Ritalin macht manch einen erst fähig dazu. Ritalin ist nicht
die Lösung des Problems, wie hier fälschlicherweise angenommen
wird, sondern es hilft einem daran zu arbeiten.
Das sollte man nie Vergessen.
Wer es ohne schaft; Hut ab!
Aber wer nicht, dem sollte man nicht durch verteufelung seine
Chanche kaputt machen.
Oder nicht?
Gruß
Isis
| Autor: Lilli Datum: 04.09.01 Liebe Iris, deine Sichtweise von ADD entspricht in etwa der meinen, mit einem Unterschied: Ich weiß, dass wir vergleichsweise gering betroffen sind. Darum würde ich mich NIE über diejenigen erheben, die es wesentlich schwerer haben und chemische Hilfe in Form von Methylphenidat in Anspruch nehmen. Ich bin froh für mich, es nicht zu brauchen, aber ich würde es mir nie erlauben, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und "Bequemlichkeit, verführerisch" oder Ähnliches zu rufen. Das ist NICHT tolerant. Die Erkenntnis, dass man ADD hat und aufgrunddessen viele schwer zu akzeptierende Eigenarten hat bzw. entwickelt, ist das Wichtigste bei der Bewältigung von ADD. Man muß sich dabei aber immer wieder vor Augen halten, dass das eigene Fehlverhalten, das aufgrund von ADD entstanden ist, nichts mit Schuld oder Absicht zu tun hat. Wer dieses Prinzip der Gnade nicht berücksichtigt, wird es schwer haben, sich selbst zu akzeptieren. Herr Schmidt ist sehr eifrig bei der Ursachenforschung innerhalb der Familie, wie man hier immer wieder lesen kann. Leider enden seine Bemühungen zu früh, nämlich bei der Feststellung des Fehlverhaltens der Familienmitglieder und dem Versuch, an dieser Stelle mit Therapie anzusetzen. Ich wundere mich nicht, dass sich viele Menschen sträuben, sich dem zu beugen. Es tut weh, gesagt zu bekommen, dies war falsch und das war nicht richtig. Und Selbsterkenntnis in dieser schmerzhaften Form ist auch gar nicht notwendig. Wer über ADD aufgeklärt wird, hat eine handfeste Erklärung für seine Fehler, ohne Schuldzuweisung und schlechtes Gewissen und kann nun wesentlich freier an sich selbst arbeiten. Und dies wird er gerne tun. Ich denke, Iris, dir ist das bereits ganz gut gelungen und du kannst nachvollziehen, was ich meine. Noch eine Bemerkung zu Ritalin: Du nimmst es selbst und möchtest es jetzt absetzen. Das finde ich gut und hoffe, dass es dir so gelingt, wie du dir das vorstellst. Durch ADD kann ein Teufelskreis von Fehlverhalten ausgelöst werden, der oft nicht allein durch konservative Therapien zu unterbrechen ist. Hier ist Ritalin eine Chance, einen Teil der akuten Probleme zu beseitigen. Dies verschafft den Betroffenen Luft und gibt ihnen überhaupt erst die Möglichkeit, sich mit ADD auseinanderzusetzen. So ist es dir ergangen. Und nun bist du soweit, dich mit ADD zu mögen, und das Ritalin hat seinen Zweck erfüllt und du brauchst es jetzt nicht mehr. Aber viele andere sind noch nicht so weit. Und sie brauchen es, jetzt und noch eine ganze Weile. Irgendwann sind sie auch soweit wie du, dann werden sie es absetzen. Aber bis dahin sollte Ihnen niemand VORWERFEN, dass sie es nehmen! MfG, Lilli |
Autor: Iris
Datum: 06.09.01
Liebe Lilli, liebe Petra,
wenn es so angekommen sein sollte, dass ich jemandem einen
"Vorwurf" gemacht habe, weil er Ritalin oder andere
Medikamente nimmt, entschuldige ich mich dafür. Das war
keinesfalls meine Absicht. Im Gegenteil.
Da mir persönlich besonders wichtig ist, für Toleranz zu
"werben", habe ich mich bemüht, immer wieder zu
betonen, dass jeder selbst die Entscheidung trifft, welche Art
einer Behandlung er für sich oder seine Kinder in Betracht
zieht.
Wenn ich davon spreche, dass ich es nicht richtig finde, gerade
Kinder medikamentös zu behandeln, so ist das meine eigene
persönliche Überzeugung, die ich jedoch niemals als
allgemeingültig verstanden wissen möchte.
Ich weiß um die Probleme und Konflikte, die ADD innerhalb eienr
Familie auslösen kann. Ich weiß auch um den Leidensdruck, dem
sich viele Eltern und Kinder ausgesetzt fühlen und deshalb zu
Ritalin greifen. Ich weiß ebenso um die Probleme, die gerade
durch die Einnahme von Medikamenten erst entstehen.
Wie Lilli schon sagte, auch für mich war Ritalin anfangs eine
echte Erleichterung. Ich habe mich sehr anders erlebt,
konzentrierter, ruhiger, entspannter, erleichterter... Ich kann
mich noch gut erinnern, dass ich nach der ersten Einnahme von
Ritalin das erste Mal in meinem Leben nach einem "Plan"
meine Wohnung geputzt habe, alles hergeholt habe, was ich
brauchte, systematisch geputzt hab und danach wieder alles
weggeräumt habe. Das war eine völlig neue Erfahrung, für die
ich sehr dankbar war. Ich habe mich auf Vorlesungen konzentrieren
können, an Gesprächen viel intensiver teilnehmen können, war
deutlich mehr mit einer konkreten Sache beschäftigt, als zuvor.
Anfangs sah ich Ritalin als Lösung für meine Probleme, ganz
klar.
Aber der Druck, so funktionieren zu müssen, wie alle anderen,
wurde durch Ritalin nicht gemindert, im Gegenteil. Jetzt kam
nämlich dazu, dass ich erst Recht die Dinge so machen musste,
wie alle anderen und dass es mir ja nun ganz leicht fallen
müsste. Dazu ständig das Gefühl, eine bestimmte Seite, eine
bestimmte Art von mir permanent zu unterdrücken. Ich habe mich
von anfang an manipuliert gefühlt.
Die Frage nach dem WARUM wurde immer wichtiger. Warum habe ICH
ADD? Warum muss ich so sein, wie alle anderen? Warum akzeptiere
ich mich nicht selbst so wie ich bin? Warum die anderen nicht?
Warum ist es wichtig, voll funktionsfähig durch das Leben zu
gehen, konzentriert, ruhig und entspannt?
Ich habe mich vorm Ritalin schon oft unzufrieden gefühlt, nicht
fertig, nicht vollkommen, nicht voll leistungsfähig.
Aber auch mit Ritalin fühle ich mich so. Ich erlebe mich noch
immer als nicht fertig, als nicht passend, als unbequem für
andere. Ich bin einfach unbequem. Mit oder ohne Ritalin. Ich bin
ein Streitpunkt für andere, schon immer gewesen. Das war auch
nie einfach, ist es heute auch nicht. Aber ich sehe es als meine
Aufgabe, einmal für mich persönlich, damit unzugehen. Zum
anderen auch für die, die mich umgeben, sich mit meinen Fragen,
meiner Denkweise, meiner Art zu leben auseinander zu setzen.
Deshalb bin ich wohl auch in diesem Forum gelandet. Deshalb
arbeite ich auf diesem Gebiet. Deshalb forsche ich zum Thema ADD.
Nicht nur für mich persönlich. In erster Linie schon, aber ich
merke, wie wichtig das auch für die ist, die mit mir leben.
Und das kenne ich auch von den Kindern, mit denen ich arbeite.
Sie verweigern oft Medikamente, sehen sich selbst nicht als das
Problem. Sie haben eigentlich erstmal kein Problem mit sich
selbst. Sie empfinden sich als richtig, so wie sie sind. Die
Schwierigkeiten, auf die sie dann stoßen, sind nicht von ihnen
gemacht. Sie werde ganz sicher da hinein gezogen. Davon bin ich
absolut überzeugt.
Und ich bin der Ansicht, dass Vieles für Kinder mit ADD
einfacher und unproblematischer wäre, würde man mehr auf ihre
speziellen Bedürfnisse eingehen und ein Familienleben
beispielsweise danach ausrichten, dass das Kind eben anders ist.
Klar weiß ich, dass das super anstrengend ist und teilweise auch
nicht möglich. Andere Kinder sind da, die andere Bedürfnisse
haben, Eltern haben auch ein Recht auf sich selbst und ihre
innere Ruhe, klar. Aber das Kind mit ADD gehört in diese Familie
und hat seinen Platz genauso da, wie ich selbst auch, mit all
dem, was das Kind eben ausmacht. Und das Kind hat, so wie es ist,
auch seine Berechtigung in der Gesellschaft, in der Schule, im
Kindergarten.
Ich finde es zu einseitig, zu einfach, Kindern Medikamente zu
geben, damit sie passen, bequemer sind, unauffälliger,
einfacher.
Ich bin der Meinung, dass man andere Grundlagen schaffen muss,
damit einmal das Leben für das Kind weniger anstrengend ist,
denn wer will seinem Kind nicht diese Möglichkeit geben!? Zum
anderen muss man auch für sich selbst sorgen und seine eigenen
Grenzen wahren. Andere Unterrichtsstrukturen, andere
Umgehensweisen mit dem Kind zu Hause, Familientherapie sind nur
einige Beispiele.
Ritalin ist nicht die Lösung des Problems. Ritalin ist
vielleicht eine vorübergehende Hilfe. ADD ist auch mit Ritalin
da und geht auch davon nicht weg. Auch die Symptome sind alle
noch da, werden nur permanent unterdrückt. Es kann nach meiner
Auffassung nicht gesund sein, einen Menschen ständig
medikamentös zu behandeln und zu manipulieren, egal, wie groß
die Probleme auch sein mögen. Dass Zweifel was die Richtigkeit
dieser Behandlung betrifft, da sind, zeigen die Reaktionen auf
meine Sicht der Dinge. Viele Menschen fühlen sich angegriffen
und haben das Gefühl, ich würde ihre schwierige Situation nicht
verstehen. Dem ist aber nicht so. Ich verstehe sie sogar sehr
gut. Ich habe nur selbst die Erfahrung gemacht, dass man auch
anders mit ADD umgehen kann. Dass man grundsätzlich anderes mit
Erkrankungen umgehen kann und diese dann oft nicht mehr so
anstrengend, leidvoll und schmerzhaft sein müssen.
Das ist mein einziges Anliegen hier. Ich wünsche mir, dass mehr
Menschen über Alternativen nachdenken und ADD nicht als
Krankheit verstehen, sondern eher als Bereicherung und
Andersartigkeit. Für mich hat jeder, so wie er ist, seine
Berechtigung, seinen Sinn, seine ganz spezielle Aufgabe. Und es
wäre schön, würden auch andere Betroffene ihre Aufgabe
erkennen und anfangen, damit zu leben.
Ein frommer Wunsch, woll? Aber ich denke, dieser Wunsch ist
berechtigt und nicht all zu abgefahren. Ich glaube sogar, dass
die Meisten auch diesen Wunsch haben und sich ständig nach dem
Sinn ihres Daseins fragen. Vielleicht ist ja die Frage nach dem
Sinn schon der Sinn??
Auf jeden Fall bleiben sie so kritsch...
Liebe Grüße...Iris