Anlage und Umwelt
| Autor: Sabine (hinky) Datum: 02.08.01 Hallo an alle, ich fand im Internet folgenden Text, dem ich so zustimmen kann und den ich hier zur Diskussion stellen möchte im Hinblick auf ADS: ---------- schnipp ---------- Zwei Bedingungskomplexe bestimmen die Unterschiede zwischen den Menschen: 1. die ererbte Anlage, auch Veranlagung (s. Disposition) genannt, 2. der Umwelteinfluß (z.B. die Erziehung). Frühere Theorien, die immer nur einen Komplex als bestimmend annahmen, haben heute ihre Gültigkeit verloren. Inzwischen weiß man, daß die Entwicklung eines Menschen immer das Ergebnis einer Wechselwirkung von Anlage- und Umweltfaktoren darstellt. Generell kann man davon ausgehen, daß alle Verhaltensweisen (s. Verhalten) eine ererbte Basis (s. Vererbung) haben. Allerdings sind, speziell beim Menschen, alle Verhaltensweisen durch Lernprozesse (s. Lernen) modifizierbar bzw. auch veränderbar. Weiterhin gibt es biologisch vorgegebene Grenzen, d.h. z.B. daß bei einer erblichen Veranlagung zu einer seelischen Krankheit (s. Neurose, Psychose) die Möglichkeiten der Anpassung und Umgestaltung von Verhaltensprozessen beschränkt sind. ---------- schnapp ---------- Ich bin der Ansicht, dass eine ADS-Veranlagung bis zu einem gewissen Grad durch Erziehung positiv beeinflußbar ist, aber dass jeder Betroffene seine Grenzen hat, oberhalb derer nichts mehr geht. Um dann weitere Fortschritte zu erzielen, ist es angezeigt, eine medikamentöse Therapie zu machen. Grüße, Sabine |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 02.08.01
Hallo Sabine,
Ihr Internet-Fund ist ja heute wissenschaftliches Allgemeingut,
das ist sicher so seit langem allgemein unbestritten.
Nur: Was soll eine "ADS-Veranlagung" sein? Man kann
beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaft keineswegs sagen, dass
eine "ADS-Veranlagung" bestätigt und unbestritten sei.
Die wenigen und nicht repräsentativen Untersuchungen zur sog.
Dopamin-Theorie beweisen nicht die Existenz einer solchen
Veranlagung, auch nicht die (noch wenigeren, sorry, Anonyma)
Zwillingsstudien sowie die auch sehr unfertigen Gen-Forschungen
hierzu.
Aus meiner Sicht gehen Sie von einer wissenschaftlich derzeit
nicht eindeutig belegten Behauptung aus (dass es eine
ADS-Veranlagung gäbe). Und: Informieren Sie doch mal auf Ihrer
eigenen website darüber, dass man hier im Café Holunder
kritisch mit dem Thema ADS umgeht.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
| Autor: Paulaa Datum: 04.08.01 ...eigentlich für Sie Herr Schmidt! vorab noch eine Frage: Liegt es an meinem ungeübtem Umgehen mit diesem Medium, oder warum krieg ich hier keine "visuelle" Café - Atmosphäre hin? Hatte mir eigentlich vorgestellt hier in einer "schnuckeligen" Ecke sitzen zu können! ;-) Vielleicht würde das Abhilfe schaffen für den "Grundton" hier, der mir so gar nicht behagt! Auf die Gefahr hin von allen (bin selbst sogar "diagnostiziert!"*g*) ADS´ler angeriffen zu werden: auch ich bin der Meinung, dass es noch keine fundierte wissenschaftliche Studie gibt, es ist ja auch Fakt!, und aus diesem Grund halte ich mich im meinem Bekanntenkreis mit einer Aussage darüber, dass ich ADS haben soll bedeckt. Wie, wenn ich nicht auf etwas wissenschaftlich Bewiesenes zurückgreife, soll ich Jemanden erklären, was ich habe? - Also hoffe ich für alle Diskussionsbeteiligten, welcher persönlichen Auffassung sie auch sein mögen, dass sich in dieser Hinsicht möglichst bald Klärung einstellt! Andererseits verstehe ich Ihre vehemente Ablehnung gegen (korrigieren Sie mich, wenn ich fehlinterpretiert haben sollte!) die "erfolgreichen" Therapien; laut Aussagen von Betroffenen, nicht? Mir persönlich geht es gar nicht so sehr um eine "richtige" Diagnose; denn wann wissen wir schon genau, ob ein Diagnose "richtig" gestellt wurde? Es geht mir viel mehr darum, dass Menschen Wege finden "sich selbst" oder "anderen" zu helfen! Was in aller Welt soll falsch daran sein, sich genau mit diesen Therapieformen ( endlich, nach sovielen vielleicht falschen?) helfen zu können? Das "BABY" ADS wird schon noch "bewiesen" oder "gänzlich ausgeschlossen" werden....nur ändert das in Zukunft auch Nichts an der Tatsache, dass es Menschen geben wird, die genau diese "Verhaltensmerkmale" aufweisen, und die dementsprechenden Hilfen benötigen! - Mir ist es egal WIE es genannt wird: Hauptsache es hilft!! :-)gruss Paulaa |
Autor: Hans-Reinhard Schmidt
Datum: 09.08.01
Hallo,
eine der bislang besten empirischen Langzeitstudien zu
kinderpsychiatrischen Störungen, die trotz ihres
"Alters" von mittlerweile 14 Jahren nicht überholt
ist, stammt, wie bereits erwähnt, von Esser&Schmidt. Diese
Autoren untersuchten eine größere, repräsentative Stichprobe
von Kindern im Alter von 8 Jahren und 5 Jahre später im Alter
von 13 Jahren erneut im Hinblick auf Prävalenzen gängiger
Störungen sowie im Hinblick auf das Zusammenwirken sogenannter
Risikofaktoren zur Entwicklung psychiatrischer Störungen.
Ich beschränke mich hier auf die Ergebnisse des Zusammenwirkens
der Risikofaktoren.
Es wurden zwei Haupt-Risikofaktoren erörtert:
a)Hirnfunktionsstörungen (TLS)und
b) widrige familiäre Bedingungen (FAI).
Was die Hirnfunktionsstörungen anbelangt, schreiben die Autoren
(S. 29): "Als Risikofaktor mit höchstem Erklärungswert
für psychische Störungen bei Kindern galten bis vor kurzem
Hirnfunktionsstörungen, die mehr oder weniger zwangsläufig ein
Syndrom nach sich zogen (damals HOPS bzw. MCD, heute ADS etc.,
H.-R. Schmidt), das per se als kinderpsychiatrische Diagnose galt
und zu weiteren sekundären Störungen prädisponierte...Im Alter
von 8 Jahren kam ihnen, obwohl die Grundannahmen des Konzepts,
eine einheitliche Syndromatik, Ätiologie und Psychopathologie
nicht nachweisbar waren, doch die Funktion eines Risikofaktors
zu. Dasselbe Ergebnis wurde für die 13jährigen gefunden... Das
Konzept der Hirnfunktionsstörungen wurde von uns daher durch das
der Teilleistungsschwächen ersetzt.
Als weiterer Risikofaktor konnten widrige familiäre
Bedingungen...herausgestellt werden."
Man kann diese beiden Faktoren den beiden Bereichen Anlage
(=Teilleistungsstörungen TLS) und Umwelt (=widrige familiäre
Bedingungen FAI) zuordnen. Die Untersuchung zeigt sehr schön das
Zusammenspiel beider Faktoren bei Kindern: wenn ein 8jähriges
Kind keine TLS und günstige FAI hatte, war die
Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung einer psychischen Störung etwa
10 Prozent; wenn sowohl TLS als auch ungünstige FAI vorlagen, 90
Prozent! Wenn zwar TLS, aber günstige FAI vorlagen, war die
Wahrscheinlichkeit 38 Prozent, wenn nur ungünstige FAI, aber
keine TLS vorlagen, 50 Prozent.
Der Umweltfaktor FAI zeigte sich also als stärker als der
Anlagefaktor TLS.
Bei der 2. Untersuchung derselben Kinder mit 13 Jahren zeigte
eine querschnittliche Betrachtung, dass mit 8 Jahren bestandene
ausschließliche TLS bei günstigem FAI ihren Vohersagewert
verloren hatten, während der Wert widriger familiärer
Bedingungen erhalten geblieben war. Das bedeutet also, dass
Teilleistungsstörungen nur im Zusammenhang mit widrigen
familiären Bedingungen einen Effekt hatten.
Dieses deutliche und zuverlässige Ergebnis finde ich seither
für die Praxis sehr wichtig, zeigt es doch, dass der
Familientherapie zur Besserung des FAI eine herausragende
Bedeutung zukommen müsste. In der gegenwärtigen Praxis ist aber
von Familientherapie meist gar keine Rede. Das hängt damit
zusammen, dass Ärzte und niedergelassene Psychotherapeuten diese
Methode meist nicht beherrschen oder anwenden, weil sie von den
Kassen (noch) nicht erstattet wird. Kostenlose Familientherapie
erhält man heute fast nur in deutschen Erziehungs- und
Familienberatungsstellen.
Bei längsschnittlicher Betrachtung erwiesen sich TLS im Alter
von 8 Jahren als gutes Vorhersagekriterium für psychische
Störungen mit 13 Jahren, wie gesagt, in kausalem Zusammenhang
mit FAI.
Ich habe diese Studie hier in Ausschnitten wiedergegeben, weil
sie das Anlage-Umwelt-Problem gut erhellt und die Bedeutung des
Umweltfaktors "Familie" klar belegt (neben den TLS als
Anlagefaktor, der aber durch FAI moduliert wird).
Auf unsere heutige ADS-Diskussion übertragen zeigt die
Untersuchung die große Bedeutung der Familienverhältnisse bei
der Modulation möglicherweise anlagemäßig vorgegebener
"Schwächen" unserer Kinder. Als effektives
Therapiekonzept, das bereits im Vorschulalter ansetzen sollte,
empfiehlt sich von daher die Behandlung der
Teilleistungschwächen (soweit vorhanden) in Kombination mit
einer psychotherapeutischen Familientherapie (nicht einer
kindlichen Verhaltenstherapie, die die Familienverhältnisse
unverändert lässt).
In meinem Institut wird allerdings schon immer so verfahren.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt
(Literaturangabe: G. Esser, M.H. Schmidt: Epidemiologie und
Verlauf kinderpsychiatrischer Störungen im Schulalter -
Ergebnisse einer Längsschnittstudie. Nervenheilkunde 1987, 6,
27-35).